DER GRAND-HOTEL-PATRIOT

Eigentlich sollte nur eine Schau eröffnet werden, doch dann stahl Udo Lindenberg allen die Show

Udo Lindenberg in der Schinkel-Kirche Neuhardenberg Foto: Martin Stefke

Udo Lindenberg in der Schinkel-Kirche Neuhardenberg Foto: Martin Stefke

NEUHARDENBERG | Es ist schon etwas ungerecht. Da fährt man am Nachmittag zur regulären Eröffnung einer Ausstellung und erlebt am Abend ein nicht angekündigtes, aber großartiges Konzert. Und so überlagern die Lieder die Inhalte und Bilder der Schau, sieht man auf der Heimfahrt durch die schwarze märkische Nacht vor seinem inneren Auge nur noch den singenden, mitunter das Mikrofon umher schleudernden Rockstar mit der Sonnenbrille unter dem breitkrempigen Hut. Seit Jahrzehnten sind sie neben der angeblich vom Eierlikör so trefflich geölten Stimme die Markenzeichen dieser ?Nachtigall?.

Doch der Reihe nach: Die Ausstellung, die am Sonntag eröffnet wurde, heißt ?Grand Hotel Abgrund ? Dichtung und Dichter im Hotel?. Gezeigt wird diese Kulturgeschichte des großbürgerlichen Hotelpalastes als Ort der schriftstellerischen Inspiration im Kavaliershaus des Schlosses Neuhardenberg. Das abendliche Konzert fand gleich um die Ecke statt ? in der Kirche auf dem Schinkelplatz. Niemand geringeres als Panik-Rocker und Hotelbewohner Udo Lindenberg war zur Überraschung der Besucher mit ein paar Freunden auf die Bühne unter dem goldfunkelnden Sternenhimmel des preußischen Baumeisters gestiegen. Für eine gute, eine große Stunde.

Bernd Kauffmann, dem Generalbevollmächtigten der Stiftung Schloss Neuhardenberg, ist das zu danken. Er und sein Team haben Lindenbergs Werk in ihr Haus geholt und damit die ursprüngliche Fassung der vom Literaturhaus München erarbeiteten Schau erweitert. Für Kauffmann ist Lindenberg, der bekanntlich seit Jahrzehnten im Hamburger Hotel Atlantic wohnt und arbeitet, nicht nur ein ?Gesamtkunstwerk aus Rock ?n? Roll, Poesie, Coolness, Kunst- und Zeitgeschichte?, sondern auch ein ?wahrer Grand-Hotel-Patriot?, eine Art ?letzter Mohikaner? der aussterbenden Gattung des Künstlers in der Nobelherberge. Kauffmann meint, heute hätten ?die All- inclusive-City- und Party-Hopper bester Handelsklasse und die Meilensammler in den Jet-Set-Clubs der weltweiten Wohlstandsgürtel? das alte Bürgertum ? und mit ihm auch das Künstlertum ? aus den edlen Häusern, diesen ?Kathedralen der Wehmut und Sehnsucht nach einem überholten Lebenstil?, verdrängt. Dabei hatten die Schöngeister die Hallen und Foyers einst doch so fest im Griff. Im realen Leben wie in der Kunst. Das jedenfalls zeigt die Schau an einem knappen Dutzend Autoren von Weltrang.

Doch Reinhard G. Wittmann und seine Züricher Co-Kuratorin Cordula Seger werden ihre Arbeit über Thomas Mann, Vladimir Nabokov, Agatha Christie, Marcel Proust und andere kaum wiedererkannt haben. Das liegt nicht daran, dass die Neuhardenberger sie mit zwei Kapiteln um die Berliner Hotelstammgäste Marlene Dietrich und Gerhart Hauptmann erweiterten. Sie ließen vielmehr Jana Dellwig manch schwungvoll-ausladendes Hotelinterieur an die weißen Wände zeichnen. Zudem haben sie das Atelier des ?schnellen Strichers von St. Pauli? (O-Ton Lindenberg) nachbauen lassen. Selbst wenn diese Replik (im originalen Hotel Atlantic malten seinerzeit auch Max Liebermann und Oskar Kokoschka) dann doch allzu steril geraten ist und es sich bei Lindenbergs gezeigten Bildern nur um Computerdrucke und nicht um Likörellen-Originale handelt, Udo war der unangefochtene Star des Tages. Locker stahl er den Nabokovs und Christies die Show.

Dabei hat die Stiftung allerlei aufgeboten, um die Atmosphäre jener prunkvollen Hotelpaläste zu imaginieren. Das Entree gleicht einer Rezeption mit rotem Teppich und Tresen, mit Schlüsselbrett und Wandtelefon. Wir blicken auf Plakate und Postkarten, auf Werbeprospekte und Rechnungen aus den berühmtesten Berliner Hotels der 20er Jahre, auf Schlüssel aus dem ?Waldhaus? im schweizerischen Sils Maria. Es folgt eine Halle, in der an Tischen unter Wandlampen manch Autor Platz genommen hat. Schließlich blicken wir mit Marcel Proust auf die südfranzösische Küste und stehen staunend vor dem wuchtigen Koffer der Dietrich und ihren Aschenbechern aus den Hotels von Welt.

Doch all das konnte Udo Lindenberg und seinen Freunden am Sonntag kaum das Wasser reichen. Schnell leerte sich das Haus, ging es doch darum, einen der raren Plätze in der Kirche zu ergattern. ?Cello? und ?Mädchen aus Ostberlin? ? mit poetischen Balladen beschwor Lindenberg äußerst sanft die alten Zeiten, turtelte in ?Was hat die Zeit mit uns gemacht? mit der hinreißenden Nathalie Dorra und ließ bald darauf mit ?Jonny Controlleti?, ?Sonderzug nach Pankow? und ?Andrea Doria? die Kirche rocken. Zweimal balanciert er, während das Publikum immer wieder begeistert mitsingt, über die Balustrade der ersten Sitzreihe, einmal steigt er hinab zu seinen entzückten Fans, schwingt die Hüften und schwört nach ?Ich schwöre?, die linke Hand hebend und dabei Mittel- und Ringfinger spreizend, dass er bald wiederkommt nach Neuhardenberg. Zwei Zugaben legen das dreiköpfige Panik-Orchester und der Rocker drauf, spendieren sich und ein paar Gästen ein Gläschen Eierlikör, dann verschwinden sie durch die Reihen der Wartenden. Wohin wohl? Natürlich ins noble Hotel beim Schloss Neuhardenberg. ?Einen schönen Abend noch und: Keine Panik!?

info ?Grand Hotel Abgrund?: Stiftung Schloss Neuhardenberg, Schinkelplatz 1, Neuhardenberg. Di-So 11-19 Uhr. Bis 26. Oktober

Zuerst veröffentlicht in der Märkischen Allgemeinen am 1. September 2009

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