DIE KUNST DER WAHRHEIT

Cottbuser Kunstsammlungen zeigen Arbeiten der Fotografin Helga Paris

COTTBUS | Wenn man den Fotografien von Helga Paris etwas bescheinigen will, so ist es in erster Linie Wahrhaftigkeit. Man kann auch von Ehrlichkeit sprechen. Obwohl beides angesichts der Art und Weise ihres Bildermachens doch zu pathetisch klingt. Erhabenheit nämlich geht den Arbeiten der 1938 im pommerschen Gollnow, wenige Kilometer nordöstlich von Stettin, geborenen Wahlberlinerin völlig ab.
In den Brandenburgischen Kunstsammlungen Cottbus kann man sich derzeit davon überzeugen. ?Helga Paris ? Fotografien? lautet der schlichte Titel einer Ausstellung, die zuvor bereits im Sprengel-Museum Hannover zu sehen war. Sie zeigt, was Paris? Fotografien sind: ungeschönte Bilder vom Leben, real und gerade, von großer Klarheit und tiefer Stille und dabei doch voller Poesie und Rätselhaftigkeit, ganz wie das Dasein eben ist.
Besser noch: wie es war. Denn alle 60 Aufnahmen, durchweg im Format 18 mal 24 Zentimeter, stammen aus den 70er und 80er Jahren. Einige haben Helga Paris damals nahezu übber Nacht bekannt bemacht, so die Zyklen ?Müllfahrer? und ?Berliner Kneipen?, die sie 1974 und im Jahr darauf in der Zeitschrift ?Das Magazin? veröffentlichte.
Doch während sie die einen für ihren ungeschönten Blick bewunderten, war den anderen gerade dieser ein Graus. Als Mitte der 80er Jahre die in Halle an der Saale über einen Zeitraum von mehreren Jahren aufgenommene Serie ?Häuser und Gesichter, Halle? schon an den Wänden der Galerie Marktschlösschen hing, wurden Ausstellung und Katalog vom Ersten Sekretär der SED-Kreisleitung verboten. So wie auf diesen Fotos hatte die Welt der Genossen und deren Menschen einfach nicht auszusehen. Selbst wenn der Verfall der historischen Altstadt, die Tristesse der Plattenbauten und der ewig graue und stinkende Dunst aus den Schornsteinen der Chemieriesen Leuna und Buna längst nicht mehr zu übersehen war.
In Cottbus war diese Serie, die in der Saalestadt erst nach der Entmachtung der SED gezeigt werden konnte, vor einigen Jahren in der Galerie Haus23 zu sehen. Insofern kann Carmen Schliebe, Kuratorin an den Kunstsammlungen die jetzt eröffnete Schau zu Recht eine Ergänzung für das dortige Publikum nennen. Mehr ist sie allerdings trotz der beeindruckenden Qualität und Eindringlichkeit der gezeigten Arbeiten leider nicht. Der Rundgang enttäuscht erst einmal, wirken die leisen und unaufdringlichen Arbeiten in den vier kleinen Räumen im Obergeschoss des Hauses an der Spremberger Straße doch ziemlich versteckt. Schade, denn die Chance, die in Hannover aus Platzgründen beschränkte Auswahl hier zu einer umfassenden Werkschau auszubauen, haben die Cottbuser eindeutig verpasst.
Warum, fragt man sich, bricht die Ausstellung 1989 ab? Weshalb fehlen neben dem Halle-Zyklus wichtige Arbeiten, die die sich durchs Werk ziehende Beschäftigung mit dem Theater oder die Porträts bekannter Schriftsteller, die unser Bild von ihnen beträchtlich mitgeprägt haben? Selbst vom Vorhandenen, den Müllfahrern, den Frauen im VEB Treffmodelle, den Rumänien- und Georgien-Serien würde man gern mehr sehen. Allein schon um noch einmal zu sagen: ?Genau so ist es gewesen.?

?Helga Paris ? Fotografien?: Brandenburgische Kunstsammlungen, Spremberger Straße 1, Cottbus. Di, Do 10-20 Uhr, Mi, Fr So 10-18 Uhr, Sa 14-18 Uhr. Bis 30. April.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 5. März 2005

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