DIE MEISTERIN

Cottbusser Ausstellung mit Fotografien von Barbara Klemm

COTTBUS | Um Kunstproduktion ging es nie. Das jedenfalls hat Barbara Klemm einmal gesagt. Was nicht viel heißen will, da selbst die Verneinung eines Ziels nicht ausschließt, dass man es irgendwann erreicht. Einfach “eine gute Arbeit machen”, das wollte die Fotografin eigener Aussage nach: “Bilder für Artikel fotografieren”.

In den Brandenburgischen Kunstsammlungen Cottbus ist jetzt zu erleben, was Barbara Klemm unter guter Arbeit versteht. Und wer Kunst – entgegen derzeitiger Mode – als Meisterschaft, als Fähigkeit definiert, ja sie mit handwerklichem Können gleichsetzt, wird nach dem Besuch der in Kooperation mit der Berliner Akademie der Künste veranstalteten Ausstellung mit 140 ausgewählten Aufnahmen in Barbara Klemm eine Künstlerin von Rang sehen.

Ihr Handwerk jedenfalls hat die Fotografin, die 45 Jahre lang für die Frankfurter Allgemeine Zeitung “gute Arbeit machte”, von der Pike auf gelernt. In den fünfziger Jahren in einem Fotoatelier in Karlsruhe ausgebildet, begann die am 27. Dezember 1939 im westfälischen Münster geborene Tochter des Malers Fritz Klemm 1959 im Labor der FAZ. Von dort führte sie der Weg schnell wieder hinter die Kamera. Zunächst als freie Mitarbeiterin, seit 1970 mit festem Vertrag, prägte die Redaktionsfotografin mit den Schwerpunkten Feuilleton und Politik durch ihre Bilder das Blatt und damit den Blick der Leser auf die Welt. Auch wenn in Cottbus die großen politischen Ereignisse, deren Zeugin Barbara Klemm gewesen ist, ausgespart bleiben, eindrucksvoll klingt allein schon die Liste der Stationen, an denen die Bildreporterin die hier gezeigten Straßenszenen aufgenommen hat. Da wird der Ausstellungsbesuch zur Weltreise: von Frankfurt geht”s nach China und Nordamerika, über die DDR und Polen, die UdSSR, Peru und Bolivien, Wladiwostok und Johannesburg, Paris und Rom, London, Rumänien, Indien, Russland, die Ukraine.
Barbara Klemm zeigt die Welt voller Widersprüche, hält das Alltägliche in eben jenen Momenten fest, die Geschichten und Geschichte zu erzählen vermögen. Da sind das Lächeln südamerikanischer Mädchen, die bärtigen Männer der siebziger Jahre, die Kinderwagen durch eine Frankfurter Grünanlage schieben, der korpulente Weiße im feinen Zwirn auf der von einem Einheimischen gezogenen Rikscha im indischen Kalkutta.

Und dann diese Bilder von Armut und Reichtum: In Moskau fotografiert Barbara Klemm 2002 ein altes Mütterchen vor der Kulisse von Wohnhäusern aus der Stalinzeit – es scheint, als hätte es die Revolution nie gegeben -, in Krakau entsteht 1995 das Bild einer knienden Bettlerin an der zwei Frauen in üppigen Pelzmänteln und weißen Stiefeln vorübergehen. Einige von vielen Aufnahmen mit tiefer Symbolkraft, wie das wunderbar leise aber bestechende Doppelporträt der beiden Afrikanerinnen in Zululand.

Überhaupt diese Bilder von Menschen. Im Séparée und im Erdgeschoss hängen Klemms Porträts – ein Who is Who der Kunstgeschichte. Von Janis Joplin im Jahr 1969 bis Christoph Hein und Julian Schnabel aus dem vergangenen Jahr. Dazwischen die Weigel, friedrich Dürrenmatt, Ernst Jünger, Heiner Müller, Joseph Brodsky, Andrej Sinjawski, Botho Strauß, Günter Grass und viele mehr: Maler und Autoren, Schriftstellerinnen und Philosophen. So Hans-Georg Gadamer, lesend und als halte er sich die Ohren zu, den Kopf mit den Händen stützend, Friedericke Mayröcker in ihrer Dichterinnenklause, wie eingegraben zwischen Manuskriptbergen – eine Sammlerin. Oder der unruhig gehende Thomas Bernhard und eine lachende Simone de Beauvoir. Wie alle anderen Aufnahmen Barbara Klemms sind auch diese Schwarz-Weiß-Abzüge Bilder von großer Kraft, die ohne die heute übliche Aufgeblasenheit auskommen.

Man versteht, weshalb Wolfgang Rihm in einem Brief an Barbara Klemm geschrieben hat: “Ohne mein Zutun bin ich auf Deinen Porträts der geworden, der ich bin. Du bist eben die Meisterin.” Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Eigentlich nur, dass man nach dem Blättern im 2004 bei Nicolai erschienenen Band “Künstlerporträts” das Doppelporträt der Fotografinnen Helga Paris und Sibylle Bergemann in der Cottbuser Ausstellung vermisst. Schade. Gerade ein ostdeutsches Museum sollte diese “Meisterinnen” nicht vergessen. Zumal Helga Paris selbst unlängst im Hause ausgestellt hat.

Barbara Klemm – Fotografie. Brandenburgische Kunstsammlungen, Spremberger Straße 1, Cottbus. Di/Do 10-20 Uhr, Mi/Fr/So 10-18 Uhr, Sa 14-18 Uhr. Noch bis 19. Februar, 03 55/2 20 42.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 2. Januar 2006

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