LIEBE UND LEBEN

20. September 2010

Das siebte Glückauf-Fest der Neuen Bühne Senftenberg blickt weit nach Osten

SENFTENBERG | Früh, sehr früh an diesem sieben Stunden dauernden Abend sagt Heinz Klevenow einen jener Sätze, die lange im Kopf hängen bleiben, ja, wie ein Motto durch das Senftenberger Theater schwingen. Ganz beiläufig sagt der Schauspieler in der Rolle des Armeearztes Tschebutykin: ?Die Natur hat uns nur für die Liebe gemacht.? Klevenow blickt dabei nicht einmal auf. Doch gerade deshalb steckt in diesem Satz die Erfahrung eines Lebens ? all die enttäuschten Hoffnungen, die Angst vor dem Tod und der Kummer über die große, aber ungelebte Liebe: der ganze Tschechow also. Das geht unter die Haut.

Zum Auftakt des siebten Glückauf-Festes hat Neue-Bühne-Intendant Sewan Latchinian Anton Tschechows ?Drei Schwestern? inszeniert. Und es sind gerade die stillen Szenen, diese scheinbar kleinen Momente, welche die Inszenierung ausmachen. Latchinian lässt sein Ensemble das Spiel ganz aus dem Text entwickelten (Dramaturgie: Gisela Kahl). Da gibt es keine aufgesetzten Regieeinfälle. Selbst die Albernheiten der Prosorows und ihrer melancholischen Gäste am Fastnachtsabend ? Andrej (Wolfgang Schmitz) heftet sich eine Schweinsnase und ein Ringelschwänzchen an und erntet wie kurz zuvor Klevenow in Keltenrock und Gallierhelm glucksende Lacher ? resultieren letztendlich aus der genauen Lektüre der Vorlage.

Juschka Spitzers Mascha vergeht fast vor Traurigkeit. Eva Kammigans Olga ist eine kraftvolle und doch sensible Pragmatikerin, während Maria Prüstel ihre Irina jugendlich sprunghaft, mitunter sehr quietschend-quirlig zwischen dem unendlich gutmütigen Baron Tusenbach Bernd Färbers und Roland Kurzwegs gnadenlosem Soljony hin und her hüpfen lässt. Alexander Wulke versteckt Werschinins Unglück hinter aufgesetzter Heiterkeit. Inga Wolffs Natascha wiegt nach ihrer Wandlung vom schüchternen Landei zur biestigen Hausherrin nicht den Erstgeborenen sondern ein Hündchen im Arm.

Ausstatter Tobias Wartenberg hat das Parkett mit Hilfe von Podesten angehoben. Und so sitzen wir auf Augenhöhe mit den Schauspielern. Wir sind gewissermaßen mit im samtigen Salon des Hauses Prosorow. Vor und hinter, sogar auf der Bühne haben Zuschauer Platz genommen. Zwischen den Stuhlreihen stehen Hocker, auf ihnen Gläser. Nach dem ersten Akt wird Tee gereicht. Wir löffeln Warenje ? Konfitüre aus schwarzen Johannisbeeren ? dazu. Später gibt es Kwas, den russischen Brottrunk, vor dem vierten Akt gar Fischroggen auf Weißbrotscheiben und für jeden einen Wodka.

?Dostoprimetschatelnosti? heißt der Abend. Doch vergessen ist, wie sie uns im Russischunterricht mit dieser Vokabel gequält haben. Denn Senftenberg beweist, dass die russische Kultur weit mehr zu bieten hat, als jene in der DDR politisch korrekt verordneten ?Sehenswürdigkeiten? des großen Bruderlandes ? die Kulturhäuser namens Lenin, das Mausoleum auf dem Roten Platz oder die Moskauer Allunions-Ausstellung.

Nach den ?Drei Schwestern? gibt es vier ? parallel gespielte ? Stücke zu sehen: Nikolai Erdmans ?Der Selbstmörder?, Sergej Medwedjews ?Die Kröte?, Nikolaj Smeljows ?Nächtliche Stimmen? und die von Esther Undisz als genaue und bitterböse Provinzmilieustudie wie Stalinismusabrechnung in Szene gesetzten ?Zwanzig Minuten mit einem Engel? Alexander Wampilows. Ein Glückspiel befreit uns von Qual der Wahl: In der Kassen-Bretterbude darf man kräftig an einer Revolvertrommel drehen. Das Ergebnis: das Stück, das man zu sehen hat. Stilecht gibt es im Festzelt mit goldenen Zwiebeltürmen Schaschlik, Mischka-Konfekt, Boeuf Stroganoff, Piroggen und Krim-Sekt. Später wird beim Liederabend ?Na Sdrowje!? viel Wodkaseligkeit, Schmerz und Lust kredenzt.

Glückauffest ?Dostoprimetschatelnosti?: Neue Bühne Senftenberg, Theaterpassage, Senftenberg. Bis Ende Oktober immer freitags, 17 Uhr, sonnabends 18 Uhr, am Sonntag, 31. Oktober, 18 Uhr. Karten unter 03573/80 12 86

zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 20. September 2010

VON FAUST ZU FAUST

6. September 2010

Klaus Maria Brandauer begeistert in Neuhardenberg sein Publikum

Klaus Maria Brandauer und Daniel Hope in Neuhardenberg Foto: Martin Stefke

Klaus Maria Brandauer und Daniel Hope in Neuhardenberg Foto: Martin Stefke

NEUHARDENBERG | Die Stille scheint endlos. Dabei dauert sie gerade einmal eine halbe Minute. Doch 30 Sekunden bedeuten auf der Bühne eine Ewigkeit. Und das am Schluss. Gerade deshalb wagt niemand, mit seinem Applaus dieses spannungsvolle Schweigen zu beenden, diese Stimmung, die Klaus Maria Brandauer und der Geiger Daniel Hope in der Schinkelkirche Neuhardenberg als Schlusspunkt ihres Abends ?Faust ? Gefesselter Prometheus. Eine Auseinandersetzung? geschaffen haben.

?Welch Schauspiel! Aber ach! ein Schauspiel nur! / Wo fass ich dich, unendliche Natur?? Brandauer hat das Goethe-Wort geradezu ausgehaucht. Diese ?Natur? scheint zu ersterben. Es ist schon gar nicht mehr zu hören, schwebt nur noch dahin, ein leises Zittern. Und so wandeln sich die Silben davor zur Aufforderung an das Publikum, noch eine Weile innezuhalten und nachzudenken: ?Wie fass ich dich, Unendliche??

Ja, Klaus Maria Brandauer, der Henrik Höfgen aus Istvan Szabós ?Mephisto?, der ?Jedermann? der Salzburger Festspiele, der Wallenstein, der Dorfrichter Adam und Ödipus? Peter Steins, ist ins Oderbruch gekommen. Nicht zum ersten Mal. Im vergangenen Jahr hat er bereits in Neuhardenberg gelesen ? Texte von Dietrich Bon
hoeffer. Auch da wurde er von Daniel Hope begleitet. Am Sonnabend nun widmeten sich die beiden, seit 1999 arbeiten sie zusammen, Johann Wolfgang von Goethe. Soll heißen: der Menschheitsgeschichte aus der Sicht des Dichterfürsten. Faust und Prometheus hat Brandauer nämlich als zwei die Welt umspannende Koordinaten ausgemacht und so vermisst er mit ihnen Goethes, nein, die ganze Welt. Eine kurzweilige Stunde lang.

?Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten?, ?Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?, ?Bedecke deinen Himmel, Zeus?, ?Vom Eise befreit sind Strom und Bäche?, ?Verweile doch, du bist so schön? ? ?Faust?, ?Erlkönig?, ?Prometheus?, ?Osterspaziergang?, ja ?Faust? und immer wieder ?Faust?. Brandauer spricht manches große Wort gelassen aus. Er ist bedächtig. Er flüstert. Und er schreit! Er deklamiert. Er greint und winselt, zischt. Weit lehnt er sich auf dem Sitz zurück, steckt mal die Hände in die Hosentaschen, beugt sich vor und stützt die Linke auf das Notenpult, auf dem das Manuskript des Abends liegt. Er schlägt einen Bogen von der Zueignung über den historisch verbürgten Magister Georgius Sabellicus Faustus, den ?Fürst aller Nekromanten, Geisterbeschwörer, Anstreicher, betrügerischen Strolch? und wagt sich weit über Goethe hinaus. Er macht sich eigene Gedanken, zitiert Sophokles, Gerhart Hauptmann, Thomas Mann und Hans Magnus Enzensberger, fügt andere Quellen hinzu, so den Bericht eines Jungen aus Hiroshima, der im August 1945 Zeuge der Atombombenexplosion wird. Ans bedrückende Ende setzt Brandauer den Faustschen Anfangsmonolog: ?Habe nun, ach! Philosophie, / Juristerei und Medizin, / Und leider auch Theologie! / Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.? Denn alles, so der Schauspieler, sei ein Kreislauf. Und so beginnt es denn von vorn, geht der Abend von ?Faust? zu ?Faust?. Dazwischen aber steckt die Welt: Der rastlose Geist, das unermüdliche Forschen, die Glücksverheißungen, das Feuer und all die anderen kulturellen Segnungen, die der rebellische Held den Menschen bringt, aber auch das Betrügen und Morden. Walpurgisnacht, Hexeneinmaleins, Helena und Gretchen, Dämonen und Geister. ?Was würdest du, Höllenhund, dafür tun, wenn es für dich die Hoffnung gäbe, Seligkeit zu erlangen?? ruft Brandauer aus, während Hope den Bogen tollkühn über die Saiten tanzen lässt. ?Der Pakt mit dem Teufel führt unweigerlich in die Katastrophe?: Dem Forschen folgen Krieg und Tod ? die Bombe. ?Ist das der Fortschritt, von dem so viele geträumt haben?? fragt der Schauspieler nun. Die Antwort kommt am Schluss: ?Da steh? ich nun, ich armer Tor! / Und bin so klug als wie zuvor?. Nachdem schließlich doch Beifall losbricht, schließt Brandauer mit einem Satz Erich Kästners: ?Es gibt nichts Gutes…? Das Publikum vollendet: ?…außer man tut es.? Es klingt fast wie ein Amen ? und stimmt.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 6. September 2010

EWIGE BAUSTELLE

30. August 2010

Annette von der Bey zeigt ihre Arbeiten im Luckenwalder Vierseithof

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LUCKENWALDE | 45, 82, 64, 67? Was auf den ersten Blick nach Mathematik zu klingen scheint, hat zwar mit Zahlenlehre zu tun, ist jedoch vor allem Kunst. Bei Annette von der Bey folgt die nämlich einer strengen Logik. Die 1965 in Remscheid geborene Künstlerin, die heute in Mönchengladbach lebt und jetzt in der Kunsthalle Vierseithof in Luckenwalde in einer Einzelausstellung mit dem Titel ?Vermessene Zeit? ihre Arbeiten zeigt, nummeriert die meisten ihrer Bilder.

Versuchsanordnungen

Allein das könnte man bereits als Hinweis auf ihre konzeptionelle Arbeitsweise deuten. Doch von der Bey, die bis 1994 acht Jahre lang an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Tony Cragg, Jan Dibbets und Fritz Schwegler studiert hat, setzt die Werke auch aus Einzelteilen zusammen. Im Großen wie im Kleinen. Und auch hier geht sie ziemlich mathematisch vor. Auf manchem Gemälde ordnet sie ihre Motive in einem Raster an. Das lässt an wissenschaftliche Versuchsanordnungen, an systematisches Forschen oder an Sammlungskästen in Museen denken. Alles hat ? oder bekommt ? bei von der Bey seinen Platz. Selbst im scheinbaren Chaos, in der überbordenden Fülle der Motive im Bild mit der Nummer ?45? sitzt alles am richtigen Fleck: Auf den 13 Tafeln sehen wir allerlei Rundes in Einheitsgröße ? Beeren, Wollknäuel, Dahlienblüten und Lampionblumen, Rot- und Weißkohl, Zwiebeln und Tomaten, Glöckchen, Weihnachtsbaum-, Eis- und andere Kugeln. So sortiert, ja ?vermisst? die Künstlerin die Welt, legt in ihren Bildern eigene Ordnungssyteme an.

Montierte Zitate

Sie malt die Gegenstände dabei genüsslich aus, widmet sich mit Akribie den Details, Form, Farbe und Oberfläche. Und doch ist, was sie malt, nicht allein Dekor. Das Werk enthält zahlreiche kunsthistorische Verweise und Bezüge. Die Erdbeeren und eine Kugel mit der Welt als Scheibe in ?64? stammen aus Hieronymus Boschs berühmtem Gemälde ?Garten der Lüste?, die Fragmente der Flügel aus dem ?Sturz der gefallenen Engel? von Pieter Bruegel dem Älteren. Auch die Motive in ?Turmbau? hat die Künstlerin einem Werk des Flamen entlehnt ? dem ?Turmbau zu Babel? in seiner wuchtigen Version aus dem Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam.

Wie von der Bey aus diesen Zitaten Eigenes schafft, beeindruckt. Auch wegen des ?additiven? Prinzips, wie sie das fortwährende Erweitern und Ergänzen, das ?Wachsen? ihrer Arbeiten nennt. Die einzelnen Tafeln mancher Werke lassen sich auf verschiedene Art zusammensetzen. Hoch oder quer ? immer passen die Motive in ?46? auch anders zueinander. Auch die größte Arbeit in Luckenwalde folgt diesem Grundsatz. Seit mehr als zwei Jahrzehnten wächst Annette von der Beys ?Turmbau? nun schon. Gerade hier gehen ihre Arbeitsweise und das Sujet, Konzept und Thema förmlich ineinander auf. Aus Hunderten von kleinteiligen Leinwänden im Format 20 auf 30 Zentimeter montiert und immer noch nicht fertig, ist dieses Bild eine ewige ?Baustelle? und wird somit zum Symbol für den Turmbau an sich. In Luckenwalde besteht das Werk aus 504 Teilen, ist 11,5 Meter lang und 6,5 Meter hoch. Man steht davor ? gebannt.

?Vermessene Zeit?: Kunsthalle Vierseithof, Am Herrenhaus 2, Luckenwalde. Do-Mo 14-19 Uhr.
Bis 28. November.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 30. August 2010

DIE NAMENSGEBERIN

7. August 2010

Das Leben von Sibylle Gerstner lässt sich nur im Telegrammstil festhalten. Es ist so viel geschehen in diesem Dasein voller Umwege, Erfolge und Niederlagen, Glück und Unglück.

Von Martin Stefke

Kleinmachnow. Ein helles Haus mit spitzem, hohem Dach. Die Klingel schnarrt. Das Tor ist offen. Vom Pfeiler bröckelt Putz. Zwei breite Stufen zum Haus. Schritte hinter der Tür.

Sibylle Gerstner trägt einen hellen Hosenanzug und bittet freundlich herein. Vor einem Kamin zwei tiefe Sessel, deren Polster man das Alter und die zahllosen Gäste ansieht, die hier Platz genommen haben. Auf dem Sims Samowar, Chanukka-Leuchter, eine Amphore. In Regalen Kleist, Jacques Duclos, Frisch, Scholochow. Zwei Schreibtische aus Eichenholz. Auf einer Staffelei ein Ölgemälde mit einer Szene aus Amerika. An den Wänden weitere eigene Bilder. Draußen, hinter der Terrassentür, Hollywoodschaukel und üppige Rhododendren. Die Büsche ? das Hobby ihres Mannes. Er, Karl-Heinz Gerstner, ein umstrittener Zeitgenosse: Chefreporter der Berliner Zeitung, Radiokolumnist, ?Fernsehliebling?, Moderator des Magazins ?Prisma?. Kritisierend und doch Teil des Systems. Seit seinem Tod im Dezember 2005 wohnt die Witwe ? die Modejournalistin und Kostümbildnerin, die Dolmetscherin, Autorin und Malerin ? hier allein. Gerade hat sie in Berlin Gemälde und Aquarelle ausgestellt. In DDR-Zeiten tat sie das nie. ?Da ging es mehr nach dem Sujet als nach der künstlerischen Einschätzung.? Das gefiel ihr nicht.

?Ich habe Kronprinz Wilhelm noch kennengelernt?, sagt sie. Sie sagt es so dahin, als kurzes Zeichen in der Vita eines Kindes jüdisch-deutscher Eltern. Im Zug zwischen Berlin und Breslau nimmt ihr Vater Kurt Boden, Breslauer Pelzhändler, sie bei der Hand und sagt dem Hohenzollern, der zu seinen Kunden zählt, ?Guten Tag?. Das Mädchen ist enttäuscht. ?Ich fand ihn gar nicht interessant. Er hatte nur einen Pullover an.? ? Ja, einen Prinzen stellt sich eine Vierjährige anders vor. Und Pullover werden Sibylle Boden ihr Lebtag nicht begeistern. Elegantere Garderoben schon: Kostüme, Kleider, Hüte. 1942 zum Beispiel. Da lebt sie in Paris. Karl-Heinz Gerstner ? sie hat ihn Silvester 39 ?beim Tanz in der Fuchsbergbaude im Riesengebirge? kennengelernt, sorgt dafür, dass sie kommen kann. Illegal. Nach dem Erlass der ?Nürnberger Gesetze? musste sie die Berliner Modeschule verlassen. Doch auch in Wien, wo sie seither Malerei studiert, wird es nach dem ?Anschluss? gefährlich. Nun aber teilt Gerstner, der in der Wirtschaftsabteilung der deutschen Botschaft in Paris arbeitet, die knappen Lebensmittelmarken mit ihr ? und lebt, wenn auch heimlich ? diese Liebe.

Und sie? Sie studiert jetzt Malerei an der École de Beaux-Arts, stellt aus, gewinnt einen ersten Preis. Sie zeichnet die Modelle der großen Couturiers, berichtet über die Kollektionen der Häuser Jacques Fath und Christian Dior für eine niederländische Agentur.

Nach der Landung der Alliierten in der Normandie wird Karl-Heinz Gerstner nach Berlin zurückgerufen. Sibylle Boden folgt ihm. ?Ich habe eigentlich immer gemacht, was er gesagt hat.? Ein nachdenkliches Lächeln fliegt über ihr Gesicht. Dann erzählt sie von Sonja aus Odessa, ihrer Kommilitonin, von den Freunden aus der Résistance, von Passierscheinen, die ihr Mann ausstellt, um jüdische Familien zu retten. Sibylle Gerstner hat ein Drehbuch über diese Zeit geschrieben. Sie hat noch viel vor.

Im Mai 45 können Sibylle und Karl-Heinz heiraten. Endlich. ?Vorher durften wir ja nicht. Wegen der Gesetze.? Sie entwirft nun Kleider für die HO, hat zuvor für eine Zeitung im französischen Sektor die Modeseite verantwortet. 1949 kommt Tochter Daniela ? sie wird unter dem Namen Dahn als Publizistin bekannt ?, 1952 Sonja auf die Welt. 1952 Arbeit als Kostümbildnerin in Slatan Dudows Film ?Frauenschicksale?. Zwei Jahre später in Gustav von Wangenheims ?Gefährliche Fracht?, einem Hafenarbeiter-Film. Der Regisseur fragt: ?Haben Sie schon mal mit einem Arbeiter gesprochen?? Röte im Gesicht ist ihre Antwort. Heute sagt sie: ?Er hatte Recht. Ich kannte das Milieu nicht.? 1953 ziehen Gerstners nach Kleinmachnow, in das Haus, in dem sie noch immer zur Miete wohnt, auch wenn die Eigentümer dagegen klagen. Dann die ?Sibylle?. Im Westen gibt es seit 1948 das Modeblatt ?Constanze?. Da will die DDR nicht nachstehen. 1956 soll Sibylle Gerstner ein Probeheft gestalten und Titelvorschläge machen. ?Die Perle, die Sibylle…? Eine Zeitschrift, die ?die Weltmode bringt?, soll es sein. Weltmode? Sibylle Gerstner hat sie gesehen.

Die ?Sibylle? wird ein Erfolg: Stets ausverkauft, bleibt sie ?Bückware?, auch als die Auflage auf 200 000 steigt. Sibylle Gerstner ist künstlerische Leiterin, ab 1958 stellvertretende Chefredakteurin. Sie entwickelt Serien, Formate wie ?Wir sahen in Paris? und ?Sibylle fragt?. Sie zeichnet, entwirft Kleider, drapiert Accessoires, arrangiert Bilder.

Jetzt schlägt sie frühe Hefte auf. ?Heute wird ja wieder viel über die ?Sibylle”””” gesprochen?. Doch was da zu hören und auch zu lesen sei, ärgert sie. ? ?Bieder und brav?, ?ein stiekes Blättchen?? ? ?Keine Spur. Es war eine Bombe?, sagt Sibylle über ihre ?Sibylle? und blättert durch die Seiten, über das Porträt eben jenes Couturiers Jacques Fath, den sie aus Paris kennt, über französische Mäntel, Kleider aus indischen Saris, den Bericht über die Schauspielerin Anna Magnani, den ?Blick in die Wohnung Prof. Henselmanns?, über Mode aus Warschau und Kleider, die an Pastelle Edgar Degas? erinnern. Und sie erzählt vom belgischen Künstler Frans Masereel, über den sie geschrieben hat. Als sie ihn nach dem Abendessen wissen lässt, dass sie auch malt, meint er: ?Das brauchen Sie mir nicht zu sagen. Das sehe ich Ihrer Zeitschrift an.?

Doch 1959 ist Schluss. Plötzlich gilt die ?Sibylle? als zu französisch, zu extravagant. ?Die neue Chefredakteurin?, so Sibylle Gerstner, ?wollte das Blatt für sich. Sie hat mich rausgemobbt.?

Sie geht wieder zum Film. 1963 ?Wolf unter Wölfen?, 1967 ?Kleiner Mann, was nun?? ? erste Fernsehfilme mit Hans-Joachim Kasprzik. Es ist eine gute Zeit. Sie kleidet Kleindarsteller ein und Stars. Angelica Domröse steckt sie in ein Abendkleid mit Silberfuchs. Einmal muss sie sie überreden, Skischuhe anzuziehen. ?Das wollte die Domröse nicht, weil sie das kleiner machte.? Manfred Krug kauft Anzüge, die Sibylle Gerstner ihm für seine Rollen angepasst hat. ?Er ist damit rumgezogen. Ja, die Schauspieler haben mich geliebt.? Manche tun es bis heute: Bei der Vernissage in Berlin dankt Gisela May mit einer Kästner-Rezitation.

1971 ? der Schock. Am Endpunkt einer Krankheit, die zwei Jahre zuvor begonnen hat, nimmt sich die jüngere Tochter das Leben. ?Verwirrpsychose, würde man heute sagen?. Erfolgreiche Behandlungsmethoden gibt es damals nicht. Die Ärzte setzen auf Elektroschocks und Ruhigstellen. Auf Rat der Mediziner bezieht Sonja eine eigene Wohnung, in einem Berliner Hinterhof. Dort notiert sie: ?Dank für alles. Ihr habt alles für mich getan, aber ich bin am Ende.?

Wir können das nachlesen. Unter dem Pseudonym Sibylle Muthesius veröffentlicht Sibylle Gerstner 1981 ?Flucht in die Wolken?. Ein erschütterndes Buch. Das Drama eines Mädchens voller Kraft und Lebenslust. Über Jahre hinweg hat Sibylle Gerstner die Geschichte aufgeschrieben. Neben der Arbeit an Kostümen für ?Die Brüder Lautensack?, ?Abschied vom Frieden? und ?Die Verlobte? hat sie die Tagebücher ihrer Tochter gelesen, Briefe und Bilder sortiert, ausgewählt und selbst erzählt. Sie hat sich durch ?den ganzen Freud? gekämpft und ? weil man den in der DDR nicht kaufen oder ausleihen kann ? ihn sogar aus dem Französischen ?zurück übersetzt?. Vor ihrem Mann hält sie die qualvolle Arbeit, in der sie das Leid noch einmal derart körperlich erlebt, dass sie sich oft übergeben muss, lange geheim. Erst als dieser klagt: ?Du hast nie Zeit, was machst du eigentlich?? offenbart sie sich. Und sie kämpft darum, als die Veröffentlichung als Angriff auf das Gesundheitswesen der DDR abgelehnt wird. ?So ein Quatsch. Überall war das damals so.?

Auf die Frage, ob sie sich als Schriftstellerin verstanden habe, antwortet sie: ?Ich habe mich gar nicht verstanden. Ich wollte verstehen und helfen, damit anderen Betroffenen und ihren Familien nicht dasselbe passiert.? Am 11. August wird Sibylle Gerstner in Potsdam zum Gespräch in die ?Sibylle?-Ausstellung kommen. Es gibt viel zu fragen über deren Anfangszeit ? und über ein langes Leben.

Sibylle über ?Sibylle? ? Ein Gespräch zwischen Sibylle Gerstner, Gründerin der Modezeitschrift, und ihrer Enkelin Laura Laabs. Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Kutschstall, Am Neuen Markt 9, Potsdam. 11. August, 19 Uhr. Tel.0331/6208550.

Zuerst erschienen in: Märkische Allgemeine vom 7. August 2010

ENTE GUT, ALLES GUT

16. März 2010

Die Stiftung Schloss Neuhardenberg und die Gruppe Inter-Duck bitten zur ?Duckomenta II?

NEUHARDENBERG | Natürlich kann man schmunzeln. Man kann lächeln, manchmal kurz auflachen, mitunter sogar losprusten. Doch mal ehrlich: Das hält nicht lange an. Wer amüsiert sich schon 120-mal köstlich über die gleiche Pointe?

Auf nichts anderem aber als auf einem einzigen Gag beruht die sogenannte ?Duckomenta?, jene Ausstellung der Künstlergruppe InterDuck, die am Sonntag von Bernd Kauffmann, dem Generalbevollmächtigen der Stiftung Schloss Neuhardenberg, und Kristina Schröder, der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, in Neuhardenberg eröffnet worden ist.

Ihr Humor, der für Kauffmann ?mit den trostlosen Sumpfblüten der globalisierten Spaßgesellschaft so wenig gemein hat wie die Marx Brothers mit den hirndefekten Kaspereien eines Mario Barth?, funktioniert stets nach ein und derselben Methode: Nahezu alles, was wir Menschen von unseren Lehrern, aus schlauen Büchern und den Medien wissen, muss, so jedenfalls die augenzwinkernde These von InterDuck, auf einer großen Lüge beruhen. Denn in Wahrheit ist alles ganz anders: Wohin man in der Geschichte unseres Planeten auch schaut, immer ist vor oder zumindest neben den Menschen schon eine Ente da gewesen.

Zur wissenschaftlichen Erhärtung dieser Auffassung von der ?Ver-Entung der Welt? führen Eckhart Bauer, Ommo Wille, Anke Doepner, Volker Schönwart und Rüdiger Stanko in der zweiten Auflage der Schau, im Frühjahr 2003 waren sie schon einmal vor Ort, an die 120 schlagkräftige Beweise an. Wir erblicken Gemälde und Büsten, Kultgegenstände, Plakate und Fotografien und einige meist ziemlich echt wirkende Fossilien. Die auf ihnen erkennbaren Gestalten tragen allesamt Entengesichter, wie wir sie aus den Comics und Filmen von Walt Disney kennen. Donald, Dagobert, Daisy, Tick, Trick und Track ? alle sind sie da.

Und ihre nahen und fernen Verwandten. Denn ob die Venus von Villendorf, Ötzi oder Homer, die Nofretete, Leonardo da Vinci, Goya, Dürer oder Rembrandt, Monet und Manet, Spitzweg, Egon Schiele, Gustav Klimt, Edvard Munch, Salvatore Dali, Francis Bacon, Georg Baselitz, ja selbst Marilyn Monroe ? an all den uns so gut Bekannten aus Jahrtausenden der Kultur- und Kunstgeschichte muss irgendwas schrecklich gelogen sein.

Nach dem Ausstellungsbesuch wissen wir jedenfalls nicht nur ganz genau, die als Fruchtbarkeitssymbol gedeutete jungsteinzeitliche Venus von Villendorf muss eine Ente sein und deshalb in Zukunft wohl Venus von Villenduck genannt werden. Auch dass der Archeopterix im Solnhofer Plattenkalk ein ?Duckaeopterix?, ein Urentenvogel, gewesen ist, haben wir nun registriert.

Die Liste der Narrheiten lässt sich fortsetzen. Sie wird in den kommenden Jahren von der Gruppe wohl auch noch einmal fleißig erweitert werden. Vorerst aber geht es von der steinernen Vorzeit über das antike Griechenland, ins römische Kaiserreich, nach Asien bis ins Mittelalter. Hier sehen wir ein ?reales? Porträt Walther von der Vogelweides (natürlich mit Entenschnabel). Von einer schnabellippigen Version der ?Mona Lisa? Leonardo da Vincis flanieren wir an Raffaels der Öffentlichkeit lange vorenthaltenem Entwurf für die Enten-Engel der ?Sixtinischen Madonna? und am Porträt vom entenköpfigen Mozart, am ?Bildnis von Erasmus von Dotterdam? und Exponaten aus dem südlichen Ducatan vorbei. Wir sehen den mumifizierten Erpel Doetzi im ewigen Eis, den ?Turm der blauen Enten? von Franz Marc, das ?Altersselbstbildnis der Käthe Duckwitz? und eine

?Politikerpersönlichkeit?, an der wir unschwer die Züge der Bundeskanzlerin ausmachen. Über allem aber finden wir eine bisher unbekannte Ausgrabungsstätte Heinrich Schliemanns. Was der Archäologe in Ägypten wohl für Mumien gefunden hat? Wie gesagt: Man kann schmunzeln. Doch lange hält das nicht an.

?Duckomenta II ? Die Enten sind zurück. Neue Werke und Funde?: Schloss Neuhardenberg, Ausstellungshalle. Schinkelplatz, Neuhardenberg. Di-So 11-19 Uhr. Bis 13. Juni.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 16. März 2010

ZEICHNERIN MIT SCHERE UND FEUER

5. März 2010

Nadja Schöllhammer stellt im Vierseithof in Luckenwalde ihre Installation ?Horizont? aus

LUCKENWALDE | Man könnte meinen, die Bilder fallen von den Wänden, brechen aus ihnen heraus, quellen hervor wie Wolken aus Tälern, wie Wolle oder zerschreddertes Papier aus aufgeschlitzten Säcken. Doch was heißt: die Bilder? Ein einziges Werk ist Nadja Schöllhammers Installation ?Horizont? für die Kunsthalle Vierseithof in Luckenwalde geworden. Ein großes, faszinierendes Panorama, mit Hilfe zweier Lastwagen aus dem Berliner Atelier in die Stadt an der Nuthe gekarrt und dort auf- und weitergebaut, gezeichnet, geklebt, geschnitten, gemalt und gebrannt.

Tief greift Schöllhammers Arbeit in den Raum der ehemaligen Generatorenhalle. Sie verwandelt den Ort in eine schwellend-wuchernde, dreidimensionale Welt, in Schöllhammers Universum. Da ragen bizarre Kegel über dem antiken Dekor des Fliesenbodens bis in luftige Höhen hinauf, verknoten und verschlingen sich bläulich schimmernde Ranken zu ?Hecken?, stellt sich einem am Ende gar eine Art unüberwindbares Dornengestrüpp in den Weg. Hier winden sich seltsame Tiere über das an die Wand geklebte Papier. Aale sind es vielleicht oder schillernd-haarige Würmer. Da schwimmen Fische. Dort ist ein Oktopus zu erkennen. Hier liegen papierene Rollen an der Wand. Zwischen dem Gewirr, all dem Schwimmen und Tauchen, dem Schwellen und Schäumen ? zart und zerbrechlich wie nahezu alles in Schöllhammers Arbeit ? sehen wir Zeichnungen von Menschen: in Liebe verschlungene Paare. Und immer wieder diese Wesen, Pflanzen, Blüten, Kelche, Amöben ? allesamt Zwischenwesen, weder Flora noch Fauna noch Mensch. Aber wir sehen auch eine barbusige Frau, Kindergesichter, einen Vermummten mit Sonnenbrille und Maschinengewehr. Hinter einem von Feuer zerfressenem Blatt steht eine Gruppe von Menschen mit erhobenen Händen und leicht gespreizten Beinen. Also ist Schöllhammers Welt keine heile. Eine beeindruckende ist sie jedoch ohne Frage.

Nadja Schöllhammer, 1971 in Esslingen geboren, studierte erst in Stuttgart und Madrid Germanistik, ehe sie sich in Berlin an der Universität der Künste ganz der Malerei widmete. Für ihr Werk nutzt die Künstlerin neben Farben, Kreiden und Graphit die Schere als Werkzeug. Mit ihr schneidet sie die Flächen zwischen den gezeichneten Linien aus dem Papier. So entstehen filigrane, dreidimensionale, sich von den Wänden lösende, aus dem Bild heraustretende Gebilde.

Und sie spielt mit dem Feuer. Wie bei ihren Cut-Outs genannten Scherenschnitten werden auch hier die Leerstellen aus dem Papier entfernt. Dabei fressen die Flammen das Material. Die Farbe, mit der Schöllhammer arbeitet, ist zu diesem Zeitpunkt noch feucht. Sie verbrennt daher nicht, sondern ?kocht? stellenweise auf, schlägt sogar Blasen. Ein nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes atemraubender Prozess ist dieses Schaffen, sondern einer, der neben handwerklichem Geschick und Erfahrung auch den Zufall nutzt. Man muss das alles nicht unbedingt wissen. Denn letztlich zählt das Ergebnis.

?Nadja Schöllhammer ? Horizont?: Kunsthalle Vierseithof, Am Herrenhaus 2, Luckenwalde. Do-Mo 14-19 Uhr. Bis 28. März.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 5. März 2010

DER GRAND-HOTEL-PATRIOT

1. September 2009

Eigentlich sollte nur eine Schau eröffnet werden, doch dann stahl Udo Lindenberg allen die Show

Udo Lindenberg in der Schinkel-Kirche Neuhardenberg Foto: Martin Stefke

Udo Lindenberg in der Schinkel-Kirche Neuhardenberg Foto: Martin Stefke

NEUHARDENBERG | Es ist schon etwas ungerecht. Da fährt man am Nachmittag zur regulären Eröffnung einer Ausstellung und erlebt am Abend ein nicht angekündigtes, aber großartiges Konzert. Und so überlagern die Lieder die Inhalte und Bilder der Schau, sieht man auf der Heimfahrt durch die schwarze märkische Nacht vor seinem inneren Auge nur noch den singenden, mitunter das Mikrofon umher schleudernden Rockstar mit der Sonnenbrille unter dem breitkrempigen Hut. Seit Jahrzehnten sind sie neben der angeblich vom Eierlikör so trefflich geölten Stimme die Markenzeichen dieser ?Nachtigall?.

Doch der Reihe nach: Die Ausstellung, die am Sonntag eröffnet wurde, heißt ?Grand Hotel Abgrund ? Dichtung und Dichter im Hotel?. Gezeigt wird diese Kulturgeschichte des großbürgerlichen Hotelpalastes als Ort der schriftstellerischen Inspiration im Kavaliershaus des Schlosses Neuhardenberg. Das abendliche Konzert fand gleich um die Ecke statt ? in der Kirche auf dem Schinkelplatz. Niemand geringeres als Panik-Rocker und Hotelbewohner Udo Lindenberg war zur Überraschung der Besucher mit ein paar Freunden auf die Bühne unter dem goldfunkelnden Sternenhimmel des preußischen Baumeisters gestiegen. Für eine gute, eine große Stunde.

Bernd Kauffmann, dem Generalbevollmächtigten der Stiftung Schloss Neuhardenberg, ist das zu danken. Er und sein Team haben Lindenbergs Werk in ihr Haus geholt und damit die ursprüngliche Fassung der vom Literaturhaus München erarbeiteten Schau erweitert. Für Kauffmann ist Lindenberg, der bekanntlich seit Jahrzehnten im Hamburger Hotel Atlantic wohnt und arbeitet, nicht nur ein ?Gesamtkunstwerk aus Rock ?n? Roll, Poesie, Coolness, Kunst- und Zeitgeschichte?, sondern auch ein ?wahrer Grand-Hotel-Patriot?, eine Art ?letzter Mohikaner? der aussterbenden Gattung des Künstlers in der Nobelherberge. Kauffmann meint, heute hätten ?die All- inclusive-City- und Party-Hopper bester Handelsklasse und die Meilensammler in den Jet-Set-Clubs der weltweiten Wohlstandsgürtel? das alte Bürgertum ? und mit ihm auch das Künstlertum ? aus den edlen Häusern, diesen ?Kathedralen der Wehmut und Sehnsucht nach einem überholten Lebenstil?, verdrängt. Dabei hatten die Schöngeister die Hallen und Foyers einst doch so fest im Griff. Im realen Leben wie in der Kunst. Das jedenfalls zeigt die Schau an einem knappen Dutzend Autoren von Weltrang.

Doch Reinhard G. Wittmann und seine Züricher Co-Kuratorin Cordula Seger werden ihre Arbeit über Thomas Mann, Vladimir Nabokov, Agatha Christie, Marcel Proust und andere kaum wiedererkannt haben. Das liegt nicht daran, dass die Neuhardenberger sie mit zwei Kapiteln um die Berliner Hotelstammgäste Marlene Dietrich und Gerhart Hauptmann erweiterten. Sie ließen vielmehr Jana Dellwig manch schwungvoll-ausladendes Hotelinterieur an die weißen Wände zeichnen. Zudem haben sie das Atelier des ?schnellen Strichers von St. Pauli? (O-Ton Lindenberg) nachbauen lassen. Selbst wenn diese Replik (im originalen Hotel Atlantic malten seinerzeit auch Max Liebermann und Oskar Kokoschka) dann doch allzu steril geraten ist und es sich bei Lindenbergs gezeigten Bildern nur um Computerdrucke und nicht um Likörellen-Originale handelt, Udo war der unangefochtene Star des Tages. Locker stahl er den Nabokovs und Christies die Show.

Dabei hat die Stiftung allerlei aufgeboten, um die Atmosphäre jener prunkvollen Hotelpaläste zu imaginieren. Das Entree gleicht einer Rezeption mit rotem Teppich und Tresen, mit Schlüsselbrett und Wandtelefon. Wir blicken auf Plakate und Postkarten, auf Werbeprospekte und Rechnungen aus den berühmtesten Berliner Hotels der 20er Jahre, auf Schlüssel aus dem ?Waldhaus? im schweizerischen Sils Maria. Es folgt eine Halle, in der an Tischen unter Wandlampen manch Autor Platz genommen hat. Schließlich blicken wir mit Marcel Proust auf die südfranzösische Küste und stehen staunend vor dem wuchtigen Koffer der Dietrich und ihren Aschenbechern aus den Hotels von Welt.

Doch all das konnte Udo Lindenberg und seinen Freunden am Sonntag kaum das Wasser reichen. Schnell leerte sich das Haus, ging es doch darum, einen der raren Plätze in der Kirche zu ergattern. ?Cello? und ?Mädchen aus Ostberlin? ? mit poetischen Balladen beschwor Lindenberg äußerst sanft die alten Zeiten, turtelte in ?Was hat die Zeit mit uns gemacht? mit der hinreißenden Nathalie Dorra und ließ bald darauf mit ?Jonny Controlleti?, ?Sonderzug nach Pankow? und ?Andrea Doria? die Kirche rocken. Zweimal balanciert er, während das Publikum immer wieder begeistert mitsingt, über die Balustrade der ersten Sitzreihe, einmal steigt er hinab zu seinen entzückten Fans, schwingt die Hüften und schwört nach ?Ich schwöre?, die linke Hand hebend und dabei Mittel- und Ringfinger spreizend, dass er bald wiederkommt nach Neuhardenberg. Zwei Zugaben legen das dreiköpfige Panik-Orchester und der Rocker drauf, spendieren sich und ein paar Gästen ein Gläschen Eierlikör, dann verschwinden sie durch die Reihen der Wartenden. Wohin wohl? Natürlich ins noble Hotel beim Schloss Neuhardenberg. ?Einen schönen Abend noch und: Keine Panik!?

info ?Grand Hotel Abgrund?: Stiftung Schloss Neuhardenberg, Schinkelplatz 1, Neuhardenberg. Di-So 11-19 Uhr. Bis 26. Oktober

Zuerst veröffentlicht in der Märkischen Allgemeinen am 1. September 2009

SPÄTE WÜRDIGUNG

19. Februar 2007

Horst Zickelbein im Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder)

FRANKFURT/ODER | Lange hat es gedauert. Zu lange. Jetzt aber, kurz nach seinem 80. Geburtstag, erweist das Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder) Horst Zickelbein, dem kurz vor Weihnachten 1926 in der Oder-Stadt geborenen Maler, jene Würdigung, die seinem Werk schon längere Zeit zustand. Drei schmucke Räume des Viadrina-Museums und die auch sonst als Präsentationsort für Gegenwartskunst genutzte obere Etage des Packhofes hat die Direktorin des Hauses, Brigitte Rieger-Jähner, dafür frei gehalten und die Auswahl gleich selbst besorgt. Die gezeigten Arbeiten, 85 Bilder auf Papier aus vier Jahrzehnten, stammen allesamt aus dem Besitz des Künstlers.

Anderes war ohnehin kaum denkbar. Ein Zusammenborgen von unterschiedlichen Leihgebern kam schon aus Kostengründen nicht in Frage. Und auch auf das eigene Depot war diesmal kein Verlass. Im Fall Zickelbein nämlich kann das Haus befremdlicherweise weder auf gezielte Erwerbungen zu DDR-Zeiten noch auf solche aus jüngerer Vergangenheit verweisen. Insofern konnte man durchaus neugierig darauf sein, wie Brigitte Rieger-Jähner den Künstler, der spätestens Anfang der 70er Jahre mit farbigen, den starren Kulturbetrieb der DDR provozierenden Filzstiftzeichnungen bekannt wurde, jetzt der Öffentlichkeit vorstellen würde. Kennern erschien allerdings das, was Rieger-Jähner zur der Eröffnung sagte, einigermaßen eigentümlich. “Zickelbeins Werk”, so die Kunsthistorikerin, “sei einzigartig wie der Monolog eines selbstgewissen Menschen”.

Durchaus mögen selbstgewisse Menschen mitunter einzigartige Monologe halten. Darum jedoch geht es im Werk des seit 1995 auf der dänischen Ostseeinsel Bornholm lebenden Malers nun wahrlich nicht. Selbstgewissheit ist Zickelbein fremd, sein Schaffen das ganze Gegenteil: ein methodisches Zweifeln, ein melancholisch zu nennendes, aber beharrliches Suchen. Gerade dies hat Zickelbein die Arbeit wie auch das Leben nie leicht gemacht. Infragestellen und Bedenken ? von den DDR-Oberen wurde dies ebenso argwöhnisch beäugt wie es vom marktschreierischen Kunstgeschäft der Gegenwart nicht eben goutiert wird. Schon deshalb ist Zickelbein stets Außenseiter geblieben. Einer, der den Umzug von Berlin, wo er seit 1948 gelebt und gearbeitet hatte, auf die Insel im baltischen Meer mit Konsequenz verfolgte, der dort, zwischen Himmel und Granit, neue Inspiration fand und leise aber mit Kraft gegen derzeitige Trends anmalt. Abkehr nicht Rückzug, so beschreibt Zickelbein im zur Frankfurter Ausstellung erschienenen Faltblatt sein künstlerisches Credo. Nicht um Themen, Inhalte und Repräsentation gehe es ihm in einer Welt, in der “alles schon da” sei, eher schon um “Struktur, Ordnung und Zeichen”. Und so nennt er die Architektur seiner Bildwelten folgerichtig ein “Abseits, aber ein selbstgewähltes”.

Selbstgewissheit? Nicht die Spur. Doch gerade deshalb ist dieses Werk voller stiller Intensität und Schönheit. Auch wenn sich diese “Landschaften” ? die torsihaften Felsen, die Räume und Körper, die flirrenden Farben des Südens und immer wieder das Licht vermutlich nicht jedem Betrachter sogleich entschlüsseln. Hier aber liegt ja ein Reiz dieser Malerei. Man sollte sich einlassen. Dann freilich öffnen sich Oasen konzentrierter Ruhe in unserer getriebenen Zeit.

“Divertimenti. Horst Zickelbein ? Malerei”: Di-So 11-17 Uhr. Bis 1. April 2007. Museum Junge Kunst und Viadrina, Packhof und Junkerhaus. Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Str.11, Frankfurt (Oder).

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 19. Februar 2007

DIE VERLORENEN WELTEN DER GLÜCKSELIGKEIT

13. September 2006

“Es gibt keine Wahrheiten vor den Toren Edens”: Der Fotograf Ludwig Rauch zeigt in Berlin seine neuen Arbeiten

BERLIN | Seit die schöne Eva wissend-lächelnd ihrem Adam einen Apfel unter die Nase hielt, ist das Paradies verloren. Gott hat uns vertrieben. Die Schlange und das Weib, so steht””s jedenfalls geschrieben, sind schuld daran, dass wir uns ein Leben lang zu quälen haben.

Ja, wenn die Welt so einfach wäre! Vielleicht könnten wir dann glauben, dass der Garten Eden existiert und wir darin eines Tages Einlass finden. Doch einfach ist die Welt nun wahrlich nicht. Gewissheiten gibt es wenige. Fragen viele. Dies zu wissen, muss man nicht unbedingt Bob Dylan kennen. Seinen Vers – “Es gibt keine Wahrheiten vor den Toren Edens” – jedoch stellt der Fotograf Ludwig Rauch seiner Ausstellung “Paradise” voran. Glücksversprechen (und -versprecher) nämlich kennt die Welt zuhauf. Fromme Eiferer und abgekochte Händler, Scharlatane und Geschäftemacher bewerben den Gang in himmlisch anmutende Gefilde. Wir folgen gern. Schließlich verschiebt man, was zu Lebzeiten zu haben ist, besser nicht in ein ungewisses Jenseits.

Im vergangenen Winter, Anfang Dezember, als die Art Basel in Miami Beach zum fünften Mal ihre Überseedependance als globales Kunstversprechen steigen ließ, (meist) Amerikaner binnen weniger Stunden ganze Kojen leer kauften und nächtens einmal mehr echte wie mit ausladendem Silikon gespickte Schönheiten ihrer potenten Kundschaft etwas Glück versprachen, hat Ludwig Rauch im “Paradies” Florida fotografiert.

In der Alten Schule Adlershof im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick, die seit einigen Jahren ein Kulturzentrum mit Bibliothek und einer engagiert der Gegenwartskunst verpflichteten Galerie beherbergt, setzt er die Bilder der Sehnsuchtswelten nun nebeneinander. Neun 120 mal 180 cm große Farbfotos auf Leinwand in der ehemaligen Aula zeigen Kunst und Sex als gleiche Seiten einer käuflichen Welt. Neongrelle Clubs, Stretchlimousine und der Kunstbetrieb: blendend und schrill, voll von – mitunter gar nicht – schönem Schein und jeder Menge Künstlichkeit. Rauch, 1960 in Leipzig geboren, der Ende der 80er Jahre an der Hochschule für Grafik und Buchkunst beim Altmeister Arno Fischer in die Lehre ging und später die 1991 gemeinsam mit Matthias Flügge und Michael Freitag gegründete Kunstzeitschrift “neue bildende kunst” mit seinen Bildern prägte, besinnt sich hier ganz auf die Kraft der Fotografie. Eindrucksvoll und mit genauem Blick auf die Realität zeigt er weitere Sehnsuchtsorte: Venedig, New York und L.A., Moskau und Havanna, Berlin, Paris. Allesamt keine Schönheiten. Hier wie dort: rauchende Schlote, Dampf ausspeiende Maschinen, rußende Schornsteine. Es scheint, als stiegen dunkle Seelen in den Himmel auf. Dann aber die Menschen: keine Marktschreier und Glücksversprecher, sondern Denker und Zweifler – und Narren. Ihre Gesichter zeigen Narben und Falten. Man sieht ihnen das Kopfzerbrechen, das Sich Besinnen förmlich an: Rio Reiser den rebellisch-melancholischen Geist, Sigmar Polke das gewitzte Lächeln, Kaspar König, Catherine David, Jan Hoet und Ernst Beyeler eine seltsame Strenge. Die Blicke der Künstler (von Hrdlicka und Baselitz bis zu Gröszer und Lewandowsky) scheinen zu fragen. Die Antwort liegt vielleicht in Ludwig Rauchs Bildern vom Tod seiner Großmutter. Selten war so Beunruhigendes und doch Berührendes zu sehen. Dies zumindest ist gewiss.

Galerie Alte Schule, Kulturzentrum Adlershof. Dörpfeldstraße 54-56, Berlin. Di-Do 12-19 Uhr, Fr 12-17 Uhr, Sa 15-19 Uhr. . 030/67 77 68 11. Bis 19. September.

Zuerst veröffnetlicht in: Märkische Allgemeine vom 13. September 2006

GESTANK UND GEMÜSE

9. September 2006

Weltweit einzigartig: Großbeeren hat eine Kläranlage unter Denkmalschutz gestellt

GROSSBEEREN | Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es geht hier nicht um jene landwirtschaftlichen Nutzflächen bei Großbeeren, auf denen Generalleutnant Friedrich Wilhelm von Bülow und seine Mannen am verregneten 23. August des Jahres 1813 auf Napoleons Truppen einschlugen. Nein, das Schlachtfeld – Theodor Fontane nannte es “die berühmten Felder” – spielt hier bestenfalls eine Nebenrolle.

Kaum weniger bemerkenswert nämlich als der Sieg, der – wie wir heute wieder in goldenen Lettern am Gedenkturm inmitten des damals erbittert umkämpften Dorfes lesen können – “Berlin vor drohender französischen Besatzung bewahrte”, sind jene Äcker, auf denen sieben Jahrzehnte nach Bülow zwei Zivilisten einen anderen, nicht minder großen Erfolg einfuhren. Ohne Säbelrasseln und Kanonendonner vollzog sich, was ein Siegeszug um die Welt werden sollte. Im Norden und Süden der Stadt ließ der Magistrat seit 1874 großflächige Gebiete kaufen und dort Felder anlegen, auf denen sich vom November 1875 an durch natürliche Filterung im Erdreich reinigte, was zuvor aus hauptstädtischen Spülsteinen, Latrinen, aber auch aus mancher Fabrik und Hinterhofmanufaktur in die neu erbaute Kanalisation der boomenden Großstadt rauschte. In gewaltigen Rohren gesammelt, von Pumpwerken über eiserne Druckleitungen über die Stadtgrenzen hinaus ins Brandenburgische befördert und mittels eines ausgeklügelten Systems von Becken und Gräben auf die so genannten Rieseltafeln “aufgeschlagen”, versickerten die Berliner Abwässer mehr als 100 Jahre lang im märkischen Sand.

Heute sind Standrohre und Rieselwärterhütten größtenteils verschwunden, ist die Funktionsweise der Felder den meisten Zeitgenossen unbekannt. In Großbeeren aber blieb ein Rieselfeld samt seiner Anlagen erhalten. Seit September 1999 steht es unter Denkmalschutz. “Eine Fläche von 20 Hektar südwestlich der Ortslage von Großbeeren”, weiß Stephan Parsiegla, örtlicher Revierförster und Vorsitzender des Vereins für Landschaftspflege und Umweltschutz Teltow-Fläming. Der Mann, Jahrgang 1966, ist in Großbeeren zu Haus und von Anfang an dabei, die “Sache Denkmal Rieselfeld voranzutreiben”. Der Tag des offenen Denkmals kam da stets zupass. Mit Wanderungen durch den einstigen “Gemüsegarten Rieselfeld”, Führungen und einer Ausstellung präsentierte man das Areal der Öffentlichkeit. Ob der Denkmaltag in diesem Jahr allerdings ähnlich ablaufen wird, weiß Parsiegla nicht. Und der einzige Mann, der ihm das sagen könnte, Markus Mohn, Landschaftsplaner im Verein, hat gerade Urlaub. “Er wird pünktlich einfliegen.” Parsiegla ist Optimist.

Ingenieurtechnisches Meisterstück

Tatsächlich findet sich im Programm des Denkmaltags am morgigen Sonntag, der diesmal unter dem Motto “Rasen, Rosen und Rabatten” steht, ein Hinweis auf Führungen. Vielleicht aber, so schlägt der Förster vor, sei es besser, das Rieselfeld nur am Rande zu erwähnen. Andere Denkmale – Bülowpyramide, Gedenkturm und Schinkelkirche – stünden ja für die Großbeerener Vergangenheit. Um die Schlacht jedoch geht es hier bekanntlich nicht. Und so muss der Förster davon berichten, wie und wann “die Sache” begann und wem Großbeeren die Anfang der 1890er Jahre endgültig fertig gestellten Anlagen zu verdanken hat. Natürlich weiß er auch, dass die Rieselfelder nicht nur für Geruchsbelästigung standen. “Es hat gestunken”, gibt er zu, “aber sie brachten auch Arbeit und das angebaute Gemüse auf den Berliner Wochenmärkten gutes Geld.” Eine ingenieurtechnische Meisterleistung, nennt Parsiegla die Anlagen dann auch: “Ein Stück Kulturgeschichte der Region.” Auch von Grünräumen spricht er und Belüftungszonen für die Stadt, die es zum Nutzen kommender Generationen zu erhalten gilt. Überhaupt kann und will der Waidmann seine Bewunderung für “unsere Altvorderen” nicht verhehlen. Mit welchem Weitblick Leute wie der Berliner Stadtbaurat James Hobrecht und der berühmte Arzt und Professor Rudolf Virchow damals planten, davon könnten wir heute noch lernen.
Das von Hobrecht und Virchow vorangetriebene Prinzip scheint verblüffend einfach. Das Erdreich, in dem das in Absatzbecken von Schweb- und Schwimmstoffen vorgereinigte Abwasser versickert, wirkt wie ein Filter. Der Boden fängt die gelösten Inhaltsstoffe auf. Stickstoff, Kali und Phosphorsäure werden von den auf den Feldern angebauten Pflanzen aufgenommen, sodass sauberes Wasser durch in der Erde liegende Drainagerohre und Vorfluter in natürliche Abflüsse wie Bäche und Flüsse läuft. Die Filterwirkung war derart perfekt, dass Rudolf Virchow nicht nur, wie es in einer Schrift aus dem Jahr 1928 heißt, “bei Besichtigungen mit Fremden das abfließende Wasser mit einem mitgebrachten Trinkglase auffing und vor aller Augen trank”, sondern “die Anwesenden zur Trinkprobe nötigte”. Ohne gesundheitliche Folgen für den Professor und die Gäste.

Mit der Zeit belasteten die intensive Berieselung und die zunehmend mit Schwermetallen versetzten Industrieabwässer den Boden freilich so, dass spätestens in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts selbst der Herr Professor auf seinen Trunk verzichtet hätte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der bisher wegen des Nährstoffangebotes außerordentlich ertragreiche Gemüseanbau eingestellt und durch Getreide- und Futteranbau ersetzt. Mitte der 80er Jahre gab man sowohl die landwirtschaftliche Nutzung als auch die Berieselung schrittweise auf. Moderne Klärwerke übernahmen die Abwasserreinigung.

Im Verein für Landschaftspflege und Umweltschutz aber wurde nach der auf Betreiben der Unteren Denkmalschutzbehörde erfolgten Eintragung des Rieselfeldes in die Denkmalliste ein Fachbeirat gegründet. Wie der Landschaftspflegeverband, in dem, so Parsiegla, “Landnutzer, Kommunalpolitiker und Naturschützer konstruktiv zusammenarbeiten”, versteht sich dieser als eine Art Runder Tisch. “Es geht darum, Probleme gemeinsam zu lösen und das Gelände sinnvoll zu nutzen.” So entwickelte man die Idee eines Naherholungsgebietes mit Denkmalpfad. Und wenn es nach den Vorstellungen der Arbeitsgruppe geht, soll künftig sogar eine Teilfläche der Anlage wieder berieselt werden. Mit unbelastetem Regenwasser.

Idylle mit Obstbäumen

Davon jedoch ist vor Ort noch nichts zu sehen. Verwunschen wirkt die Gegend auf den ersten Blick. Eine Landschaft mit Obstbäumen, Eichen und Holunderbüschen, mit Wiesen und seltenen Wildpflanzen, ein Lebensraum für bedrohte Vogelarten wie den Neuntöter, aber auch für Rehwild und Hasen.

Wo die befestigte Decke des Trebbiner Weges in eine Wiese übergeht, mäht ein alter Mann Gras. Wie immer, möchte man meinen. Denn, so verrät er, seit er im November 1959 auf dem volkseigenen Gut Beschäftigung fand, habe er auf den Feldern gearbeitet. Und dann erzählt er von den Rieselwärtern, jenen Männern, die das Abwasser auf die Rieseltafeln lenkten und selbst bei Wind und Wetter nur ab und an in ihrer Hütte Zuflucht suchen durften. Das neun Meter hohe eiserne Druckrohr nämlich, das heute als einziges seiner Art erhalten ist, gab ihnen Zeichen. “Wenn da das Wasser rausgeschossen kam, dann hatte der Rieselwärter was falsch gemacht – und musste rennen.”

Heute aber, sagt der Mann und senkt die Stimme, seien diese Männer fast alle tot. Doch “die Sache mit dem Rieselfeld”, die werde noch was. “Das kommt, das kommt.” Gut möglich.

Technisches Denkmal Rieselfeld Großbeeren. Trebbiner Weg, Großbeeren. Führungen am 10. September, 13-18 Uhr. Auch sonst zugänglich. Informationen über Verein für Landschaftspflege und Umweltschutz Teltow Fläming e.V., Erlenweg 1, Rangsdorf, 033708/2 08 21.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 9. September 2006