MARTIN STEFKE

4. August 2011

3000 Stimmen für die Lüge

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR, AUSSTELLUNG — Martin Stefke @ 15:15

Reinhard Zabka übergibt im Kulturministerium Unterschriften für den Erhalt seines Museums

POTSDAM | Gut gelaunt und doch mit dem nötigen Sicherheitsabstand begrüßte gestern Kulturstaatssekretär Martin Gorholt den Gründer des wohl eigensinnigsten Museums der Mark, des Lügenmuseums Gantikow (Ostprignitz-Ruppin) – den Künstler Reinhard Zabka.

Bekanntlich ist dessen fantasievolles Universum der augenzwinkernden Kunst, in dem der heute 61-Jährige seit 1997 so skurrile – und natürlich „echte“ – Exponate wie Willy Brandts Geburtsstube, Winnetous Silberbüchse und das abgeschnittene Ohr Vincent van Goghs präsentierte, seit Herbst 2010 geschlossen. Nach Streitigkeiten mit dem Besitzer der Immobilie, dem Verein Offene Häuser e.V., hatte Zabka damals das Gutshaus im zu Kyritz gehörenden Prignitzdorf geräumt.

Vielleicht dachte Martin Gorholt gestern ja, der unorthodoxe Kunstprovokateur und „Lügenbaron“ werde in seiner Amtsstube für einen Eklat sorgen. Den einstigen Kulturminister Steffen Reiche hatte Zabka seinerzeit äußerst unangenehm überrascht: Zabka schüttete ihm einen Eimer Senf über das Ministerhaupt und erklärte den Vorgang zur Kunstaktion.

Gorholt blieb ähnliches erspart. Geradezu staatsmännisch gelassen übergab der Künstler 3000 Unterschriften, mit denen sich Freunde und Besucher des Hauses für den Erhalt des Lügenmuseums ausgesprochen hatten. Ein Lächeln und ein Händedruck – schon wechselte der 120 Seiten starke Stapel Papier den Besitzer. Zabka nutzte den Termin, um Gorholt über die derzeitige Situation des Museums zu informieren. Er habe Alternativstandorte gesucht. Derzeit gäbe es mehrere Interessenten. Dank der Unterstützung eines Berliner Unternehmers hat Zabka jetzt in der Alten Schmiede in Gantikow ein provisorisches Domizil gefunden. Ob er das Museum dort jedoch wieder eröffnen kann – und auch will –, ist noch offen. Bei den Gantikowern stößt die wundersame Welt des „Lügenbarons“ nämlich auf wenig Gegenliebe.

Martin Gorholt sagte Zabka erneut die Unterstützung des Landes zu. Eine Anschubfinanzierung und Projektförderungen, so Gorholt, seien denkbar.

Reinhard Zabka zeigte sich optimistisch. „Ich lasse mich nicht unterkriegen“, sagte er. Er arbeite in Gantikow wieder mit Freude an seiner Kunst. Besucher sind ihm willkommen. Für sie öffnet er sein Atelier.

Lügenmuseum Gantikow in der Alten Schmiede, Am Anger, Gantikow. Infos unter 0176/990 25 65.

Zuerst erschienen in: Märkische Allgemeine vom 4. August 2011

3. August 2011

Netzeband ertrinkt

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 15:57

Premiere der Grabbe-Komödie beim Theatersommer fällt ins Wasser

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NETZEBAND | Nach fünf Minuten denkt der Kritiker noch: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung. Sucht die Schuld noch eine Weile bei sich selbst. Fragt sich, ob die übrigen Premierenbesucher von Christian Dietrich Grabbes Komödie „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ beim Theatersommer Netzeband (Ostprignitz-Ruppin) vielleicht doch besser auf das Wetter eingestellt sind.
In langen Plastikcapes sitzt ein knappes Hundert Aufrichtige artig unter Schirmen im Netzebander Gutspark. Der trieft vor Nässe. Und der Regen prasselt auf die ganze Welt. Frank Matthus aber, der künstlerische Leiter des Theatersommers, hat soeben – es ist halb neun – die Parole für den Abend ausgegeben. Sie heißt: „Wir ziehen das durch.“ Keine Regenvariante in der Kirche also, sondern Freilufttheater. Zuvor sagt er unter dem Beifall der Gäste: „Wir haben von Ihnen gelernt. Sie wollen das so.“
Nun gut, das Publikum ist König. Und der Kritiker hat ja auch einen Schirm dabei. Seine Jacke ist absolut wasserdicht und die Decke auf den Knien hält das Nass ja auch noch eine Weile ab.
Tatsächlich fühlen sich die Beine nach zehn Minuten noch immer trocken an. Die Gedanken aber sind schon lange nicht mehr beim Stück und den Figuren – beim versoffenen Schulmeister, dem frierenden Teufel und Gottliebchen, einem drögen Bauernjungen, der, weil er „die Würmer hat“, ein Gelehrter werden soll. Das Hirn schlägt sich mit anderen Fragen herum. Die erste: Muss man bei Dauerregen wirklich draußen spielen? Die zweite: Werden die rund zwanzig Darsteller diese Regenschlacht gesund überstehen?
Senkrecht fällt das Wasser aus dem tief hängenden Himmel auf die märkische Erde, weicht sie auf und lässt den Rasen zu einer gefährlich-glitschigen Spielfläche werden. Auf der Tribüne stürzen leere Kunststoffstühle wie Dominosteine um. In der ersten Reihe ruft jemand: „Hebt doch die Frau mal auf!“ Die Darstellerin Ines Lammer (als Teufel) liegt schon seit einigen Minuten im Schlamm.
Doch das Spiel geht weiter. Die Naturhistoriker laufen herbei, um den „verwickelten Kasus“ zu bestaunen. „Wie man deutlich sieht, erfroren!“ raunen sie und beugen sich über die Gestalt. Es folgt im Text der krasse Gegensatz zur Sintflut-Szenerie: „Die Sonne steht flammend am Himmel“. Netzeband ertrinkt.
Man kann Frank Matthus ja verstehen. Wochenlang haben er, seine Akteure und Sprecher – die Dialoge kommen, das ist Netzebander Park-Prinzip, als Stimmen vom Band – auf den Premierenabend hingearbeitet. Theater in Netzeband lebt von der Atmosphäre im Park, vom satten Grün und dem sanft zur Temnitzkirche hin ansteigenden Hang. Diese Kulisse passt wunderbar zu Grabbes szenischer Selbstverulkung aus dem Jahr 1822. Und selbst im strömenden Regen geht von den Figuren, die in den expressiven Masken der Schweizerin Johanna Maria Burkhart dem Wetter trotzen, ein eigentümlicher Zauber aus.
Doch der Regen spült an diesem Abend jegliche Faszination hinweg. Ein Kurzschluss lässt die Beleuchtungsanlage kapitulieren. Als das Licht wieder angeht, platzt krachend ein Scheinwerfer, steigt eine Dampfwolke auf.
Nach einer halben Stunde ist Schluss. Ensemble und Publikum suchen in der Kirche Schutz. Die Darsteller sind durchgefroren, ihre Kostüme so nass, dass sie nicht weiterspielen können. Doch als Frank Matthus aufs Podest vor der Kanzel steigt, begrüßt das Publikum ihn mit Applaus. Der Regisseur bittet um Entschuldigung und versichert, die Karten behielten für kommende Vorstellungen ihre Gültigkeit. Dann spendiert er für jeden ein Getränk. Am Tag darauf lässt er in der Kirche spielen. Selbst wenn man es gut meint, man kann das Wetter nicht bezwingen.

„Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“. Bis 27. August, jeweils Fr und Sa 20.30 Uhr, Gutspark Netzeband. Karten unter 03 39 24/799 36. www.theatersommer-netzeband.de

Zuerst erschienen in: Märkische Allgemeine vom 1. August 2011

2. August 2011

THEATER: Hop heisa, bei Regen und bei Wind

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 22:01

„Was ihr wollt“ – das Potsdamer Poetenpack trotzt mit pointiertem Shakespeare dem Wetter

Poetenpack Potsdam Szene aus "Was ihr wollt"

POTSDAM | Kaum zu glauben, dass aus der Aufführung der Shakespeare-Komödie „Was ihr wollt“ am Donnerstagabend auf dem Klausberg doch noch eine gefeierte Potsdam-Premiere werden konnte. Zwar war es in der Landeshauptstadt lange trocken geblieben, am Nachmittag aber ertrank die Welt im Regen. Doch Andreas Hueck, Chef des Poetenpacks, hielt entschieden Kurs: „Wir werden wahrscheinlich unterbrechen müssen, aber: Wir spielen!“
Eine gute Entscheidung. Denn schließlich spielte selbst das Wetter mit. Als Anja Reßmer in der Doppelrolle der Zwillinge Sebastian und Viola nach knapp drei Stunden die Verwechslungsgeschichte mit einer Drehung ihres Körpers auflöst, sind Regen und Kälte zwar noch nicht vergessen, doch längst Nebensache. Das Publikum, mit Sitzkissen und Capes, Mützen und Decken bestens ausgestattet, lässt sich das Theater nicht vermiesen, und sie werden durch das Spiel entschädigt. Regisseur Carl-Hermann Risse und das Ensemble erzählen das Stück ideen- und meist auch temporeich. Dabei setzen sie auf das Wesentliche – das genaue Spiel, den Wortwitz sowie die Komik, die aus dem Ineinandergreifen von Verwechslungen und der Ernsthaftigkeit der Figuren entsteht.
Die Nordfront des Belvedere gibt eine treffliche Kulisse ab. Die geschwungenen Treppen fassen die Bühne ein und bieten selbst Spielfläche. Wegen der Nässe ist allerdings Vorsicht angebracht. Lars Wild gibt den Herzog Orsino als weltgewandten Melancholiker. Blitzschnell wechselt er in die Rolle des schrillen Junkers Bleichenwang – rasend komisch, vorwitzig, albern. Der Schauspieler kreist in „Hüpf-Pirouetten“ um die Szene und parliert arglos-naiv im schönsten Schwyzerdütsch. Selten war Dialekt so passend wie hier. Tim Knappers Tobias Rülp ist ein derber und doch herzensguter Haudegen und Saufbold. Er treibt die grandiose Intrige gegen Malvolio, den Haushofmeister der Gräfin Olivia, wunderbar an. Thea Schnering steht als Schiffshauptmann Antonio treu Sebastian zur Seite, als Dienstmädchen Maria begleitet sie Gräfin Olivia. Wenn Malvolio auf den gefälschten Liebesbrief hereingefallen ist – Peer Göring bringt das Publikum zum Kreischen –, legt auch Schnering danach eine fulminante Lachnummer hin.
Gislén Engelmann spielt die trauernde Olivia. Schön ist, wie sie dieser Frau zwischen Sehnsucht nach Jugend und Liebesentsagung eine Geschichte gibt. Bevor die Leidenschaft siegt, spricht lange Zeit Zweifel aus ihrer Haltung gegenüber der Welt. Eine Position, die auch Wolfgang Heiderichs Narr bekannt ist. Heiderich spielt einen ungemein weisen Alten. Aus Gelassenheit und Wissen findet er seinen Witz. Die Welt ist für ihn ein Irrenhaus.
Bis schließlich eine Drehung das Verwirrspiel beendet. Anja Reßmer schraubt sich als Sebastian einmal um die eigene Achse. Die Mütze fliegt vom Kopf. Die Haare öffnen sich, fallen ihr wehend auf den Rücken. Aus Sebastian wird das Mädchen Olivia. Der Weg ist offen zum Finale im Theaterglück. Und der Narr singt sein „Hop heisa, bei Regen und bei Wind“.

Nächste Aufführungen: heute und am 28., 29. und 30. Juli, jeweils 20 Uhr, Belvedere auf dem Klausberg, Maulbeerallee, Potsdam-Sanssouci. Karten unter . 0331/979 12 91 oder www.poetenpack.net

23. Mai 2011

“SCHRECKLICH KLUGE SACHEN”

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR, AUSSTELLUNG — Martin Stefke @ 19:15

Der Karikaturist und Zeichner Harald Kretzschmar feiert seinen 80. Geburtstag

POTSDAM | Heute feiert Harald Kretzschmar in Kleinmachnow seinen 80. Geburtstag. „Meine Frau stöhnt schon“, verriet uns der vitale Altmeister der ostdeutschen Karikatur bereits vor einer Woche. - Den Grund dafür ließ er auch wissen: Zu ihrem Leidwesen werde sein Geburtstag seit der Eröffnung seiner Jubiläumsausstellung „In bester Wegwerfgesellschaft“ am 1. Mai in Luckau (Dahme-Spreewald) „in die Länge gezogen“.

„Schuld“ an der verlängerten Feier ist der ausrichtende Verein mit dem programmatischen Namen Cartoonlobby. Seit Anfang des Jahres betreiben die Mannen um Geschäftsführer Andreas Nicolai im zum Kreisarchiv umgebauten Gefängnisgebäude aus Preußens Pickelhaubenzeit einen stattlichen Ausstellungsraum, in dem man noch bis Ende Juni rund 60 Kretzschmar-Originale betrachten kann - auf einem kurzen, strammen Marsch durch ein reiches Karikaturisten-Leben. Von frühen Blättern für Kretzschmars Stammblatt, die Satirezeitschrift „Eulenspiegel“, geht es über Prominentenporträts von Katharina Thalbach als Debütantin, Erwin Geschonneck, Gérard Depardieu und Horst Köhler zu Büchern wie „Wem die Nase passt“ und „Berühmte Weintrinker“. Auch Reiseskizzen und sogar wechselnde tagesaktuelle, zeitkritische Zeichnungen sind zu sehen.

„Satire im Gefängnis“, lacht der Karikaturist und Zeichner, das sei ja schon ein „Gag für sich, ein Kontrastprogramm, das man sich nicht besser ausdenken kann“. Dann erinnert er an den Kollegen Karl Holtz. Der hatte 1949 in der Schweiz eine Stalin-Karikatur veröffentlicht und musste dafür, so Kretzschmar, „solche Mauern von innen sehen. Wir anderen hatten ja Glück.“

Am vergangenen Sonntag war der Jubilar - wie auch zur Eröffnung - selbst vor Ort. Um zu porträtieren. Denn das ist sein ureigenes Metier. „Deshalb“, sagt Kretzschmar, „bin ich auf der Welt.“ Seit 1931. Damals, am 23. Mai, wird er in Berlin geboren - „in einer stinkbürgerlichen Familie“. Kretzschmar lässt den Schalk in seinen Augen blitzen und nennt sich prompt „ein Wunderkind“. Selbstironie hat der Mann ja. Die passende Anekdote auch: 1944 angelt seine Mutter ein Blatt des Sohnes aus dem Papierkorb: Ein Strichmännchen ist darauf zu sehen – mit prägnantem Hitler-Bart. Es ist Kretzschmars erste politische Karikatur. Wenige Striche bringen die Sache auf den Punkt. Werner Bergmann, der Babelsberger Filmemacher und Kameramann, wird später den bezeichnenden Satz sagen: „Von Kretzschmar gezeichnet zu werden, ist wichtiger als der Nationalpreis.“ Ein Kretzschmar-Porträt – in der DDR war das ein Ritterschlag.

Unzählige – auch politische – Zeichnungen folgen. Selbst als Parteichef Honecker die Politik, wie auch die Denkmalpflege und den Umweltschutz, zu Tabuthemen für die „Eule“ erhebt. Der Künstler sucht die Nische. Als Vorsitzender der Sektionsleitung „Karikatur im Verband Bildender Künstler der DDR“ engagiert er sich für ein Karikaturenmuseum in Greiz. In den Achtzigern wendet er sich neben der „offiziösen Satire“ auch der Druckgrafik zu. Blätter wie „Nananana“ – eine Altherren-Riege mit mahnend-erhobenen Zeigefingern – oder „Der Weisungsgebundene“ – das Bild eines Gefesselten mit verbundenen Augen – entstehen.

Seit 1956 lebt und arbeitet Kretzschmar in Kleinmachnow. Zuvor hatte er von 1950 bis 1955 nach dem Abitur an der Dresdner Kreuzschule an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert. Eine Ausbildung, die prägt. Den Menschen und seinen künstlerischen Stil. Ja, Harald Kretzschmar spricht von seiner „künstlerischen Heimat“ - der klassischen Moderne - von den „Brücke-Malern“, dem „Blauen Reiter“, Max Beckmann und Otto Dix. Und zeigt gleich, was er meint: die Komposition und den oft porösen Strich, der wie von Lithografiekreide gezogen wirkt. Für ihn müsse, sagt Kretzschmar, jede Zeichnung immer auch abstrakte Qualitäten haben. Die Kollegen hätten das oft nicht verstanden. Sie schüttelten hausbacken die Köpfe und spöttelten, er habe „wohl wieder mit dem Teerbesen gezeichnet“.

Der Ruhestand ist kaum in Sicht. Die Veränderungen vor 20 Jahren, sagt Harald Kretzschmar, hätten ihm neuen Schwung gegeben. Er habe viel nachgedacht, ausgestellt, Bücher wie „Paradies der Begegnungen“, sein Buch über Kleinmachnow, herausgegeben und „viele schrecklich kluge Sachen geschrieben“. Er müsse das aufschreiben, sagt er. Nach seinem Tod sollen andere sehen, was sie daraus machen.

Bis dahin scheint es noch lange hin. Der Jubilar sprüht nur so von Lebenslust. Listig kommentiert er den heutigen Tag: „Ich muss damit rechnen, dass jemand gratulieren kommt.“ Das könnte stimmen.

„In bester Wegwerfgesellschaft“. Sammlung Museum für Humor und Satire. Nonnengasse 3, Luckau.
Bis 30. Juni.

Zuerst veröffentlicht in Märkische Allgemeine vom 23. Mai 2011

13. Mai 2011

EXPERIMENTIERSTUBE MARK

Abgelegt unter: ALLGEMEIN, ARCHITEKTUR, AUSSTELLUNG — Martin Stefke @ 12:49

Themenjahr zur Moderne in Bernau eröffnet

BERNAU | Brandenburg – das sind der Alte Fritz, sein Sanssouci, die Kiefern, Alleen und Seen, die Spreewaldgurken und der Spargel. Mit derlei

Koordinaten jedenfalls wird noch immer allzu gern das Bild des Landes zwischen Wittenberg und Spremberg, zwischen Prenzlau und Jüterbog vermessen. Doch mittlerweile sollte sich herumgesprochen haben: In unserem Bundesland gibt es weit mehr Fixpunkte. Und das meint nun nicht nur die von Theodor Fontane erwanderten Herrenhäuser und Dorfkirchen, sondern die Architektur der Moderne.

Detlef Karg, seines Amtes Landesdenkmalpfleger, betont seit Jahren, welch bedeutenden Schatz die Mark mit ihren Baudenkmalen aus der Zeit zwischen den Weltkriegen besitzt. Jetzt hat auch das Kulturland-Jahr das Thema auf seine Agenda gesetzt. Anlässlich des 100. Jahrestages der Grundsteinlegung der Babelsberger Filmstudios erinnert es einerseits an die erzählenswerte Geschichte der bewegten Bilder und andererseits an die Aufbruchsstimmung in der Baukunst.

Gestern wurde das Kulturland-Jahr eröffnet – in einem herausragenden Bauwerk dieser Zeit: der von 1928 bis 1930 von Hannes Meyer und Hans Wittwer errichteten Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau. Paul Schwingenschlögl an der Trompete und Stefan Fischer am Klavier ließen zum offiziellen Auftakt des Themenjahres „Licht – Spiel – Haus: Moderne in Film, Kunst und Baukultur“ dann aber statt eines stürmischen Aufbruchs doch eher cineastisch-elegische Töne erklingen. Fünf Stelzenläufer in von Oskar Schlemmers Triadischem Ballet inspirierten Kostümen schauten den über 200 Festgästen – unter ihnen Kulturministerin Sabine Kunst, Bernaus Bürgermeister Hubert Handke und Hausherr Stephan Schwarz, Präsident der Handwerkskammer Berlin, auf die Köpfe. Es gab Freude über das Kulturland-Jahr und wiederholt Lob für die Sanierung des 2008 mit dem Knoll Modernism Prize des World Monument Fund ausgezeichneten Baudenkmals.

„Dieser Bau ist ein Bau des Lebens und nicht der Kunst“, hatte Bauhaus-Lehrer Meyer seinerzeit bei der Eröffnung des zukunftsweisenden, sanft in die karge Landschaft gesetzten Ensembles aus Lehrgebäuden, Internats- und Lehrerhäusern gesagt. Jetzt ordnete Kulturministerin Kunst – Ministerpräsident Matthias Platzeck hatte wie schon im vergangenen Jahr kurzfristig abgesagt, weil ihn diesmal energiepolitische Fragen plagten – im Kleistjahr gleich den Frankfurter Dichter und seine „Partituren des Abgesanges“ in die Moderne ein. Die Ministerin warb für die Mark als „Experimentierstube der Moderne“, in der „zwischen den Spuren der Gartenstadt Eden und dem restaurierten Dieselkraftwerk in Cottbus viel zu entdecken“ sei. Festredner Frank Kallensee, Kulturredakteur der Märkischen Allgemeinen, hielt ein Plädoyer für das Leben und warnte vor Misstrauen gegenüber der Gegenwartskunst und der Heilssuche in Stadtschlosskopien. Die Moderne, so Kallensee, sei hierzulande eine „noch immer nicht hinreichend erkannte, geschweige denn geschätzte Größe“. Mozart und Rubens zögen mehr als die Brandenburger Georg Katzer und Hans Scheuerecker.

Kallensee forderte, „Waffelfassaden“ und „Abschreibungsarchitektur“ zu verhindern, und regte eine „Route der Moderne“ durch Brandenburg an. Kulturland-Geschäftsführerin Brigitte Faber-Schmidt erwiderte: Eine Karte für diese Route gäbe es seit der Ausstellung „Aufbruch in die Moderne“ im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam ja bereits.

www.kulturland-brandenburg.de

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 13. Mai 2011

27. April 2011

ZEIT ZUM STERBEN

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG, KUNST — Martin Stefke @ 23:22

In Frankfurt (Oder) sind Totentänze aus fünf Jahrhunderten zu sehen

FRANKFURT (ODER) | Vorn, gleich hinter der schweren Tür der Rathaushalle, am Anfang der vom Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder) organisierten „Totentanz“-Ausstellung, hängen zwei kluge Gedanken. Der eine, aus dem Jahr 1914, stammt von Max Scheler. In seiner Schrift „Die Zukunft des Kapitalismus“ nennt der Philosoph und Soziologe „den Sturz in den Strudel der Geschäfte“ eine „fragwürdige Medizin“. Sie bewirke, so Scheler, beim modernen Menschen „die Illusion eines endlosen Fortganges des Lebens“. Das andere Zitat ist poetischer – und doch auch sachlicher Natur. „Früher wusste man“, schrieb Rainer Maria Rilke vor gut 100 Jahren in den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, „dass man den Tod in sich hatte, wie eine Frucht den Kern“.

Wohl wahr. Unseren Vorfahren ist das Zum-Leben-Gehören des Todes gegenwärtiger gewesen als uns. Und das gewiss nicht nur in Zeiten von Krieg oder Pest. Kein Wunder, dass die Überlebenden bereit waren, an göttliche Mächte zu glauben. Oder auch an den personifizierten Tod, einen knochenklappernden Sensenmann, der den Menschen, wenn seine Zeit gekommen war, abholen würde.

Hans Holbein der Jüngere zeigte, dass dieses Schicksal vor niemandem halt macht. Wenn es ans Sterben geht, so malte es der Künstler zwischen 1538 und 1541 an die Friedhofsmauer in Basel, gibt es kein Zurück, dann sind alle gleich. Nichts hilft mehr: kein Amt, keine Stellung, kein Geld. In Frankfurt ist das auf Radierungen zu sehen, die Johann Jakob und Johann Conrad von Mechel 1796 nach den Holzschnitten des Meisters stachen: 33 Blätter zeigen kirchliche und weltliche Herrscher, Männer und Frauen, aber auch Bettler, Adam und Eva, ganze Berufsgruppen. Dem Kaufmann nützte sein Reichtum nichts, als der Tod ihn mit den Worten „Herr Kauffmann, lasset euer Werben,/ die Zeit ist hie ihr müssen sterben“ aus seinem schaffenden Leben riss.

Das Blatt ist nur eines von 264 Werken einer Schau, die man nicht versäumen sollte. Denn wieder einmal zeigt Museumsdirektorin Brigitte Rieger-Jähner, welch anspruchsvolle Ausstellungen sie trotz widriger Bedingungen auszurichten vermag. Kaum für möglich halten möchte man da die Gedankenspiele von der Abwicklung des Museums, die Ende 2010 in der Stadt aufgekommen waren, um etwas Geld zu sparen. Das Gegenteil wäre nötig: Mehr Mittel und Personal, damit das Haus – mit dem stellvertretenden Direktor Armin Hauer ist es gerade einmal ein Zwei-Stellen-Unternehmen – auch überregional auf sich aufmerksam machen kann.

Doch zurück in die Rathaushalle, wo man von Dürer bis Droste, von Hogarth bis Dix, von Dalí, Grieshaber oder Christo sehen kann, was in den Ateliers und Druckwerkstätten über Jahrhunderte hinweg zum Thema gefertigt wurde. Gesammelt hat das alles der Bamberger Händler Richard H. Mayer. Am Beginn stehen drei meisterlich hingeworfene Lithografien Pablo Picassos vom 6. März 1961: „Der Stierkampf“. Es folgen „Tauromachie surréaliste“, sieben Radierungen Salvatore Dalís von 1972. In der für ihn typischen Bildsprache lässt Dalí brennende Giraffen, fließende Uhren und Körper mit Schubladen in die Stierkampfarena ein. In der Nähe finden wir die Bronze „Gänsehals“ des gelernten Bildhauers und Literaturnobelpreisträgers Günter Grass. Neben Horst Jansens „Tote Maus“ hängt „Tote Hirsche“ von Joseph Beuys, ein ebenfalls berührendes Blatt.

Ernst Barlach ist mit drei Lithografien vertreten. So „Erst Sieg, dann Friede“ oder „Aus einem neuzeitlichen Totentanz“, ein Blatt, auf dem ein Mann den Tod mit einem riesigem Hammer erschlägt. In Carl Olof Petersens „Das Expeditionsheer“ sehen wir wahre Todesfahrten: Zwei Geistergestalten staken große Boote über ein Meer. Ernst Fuchs”””” expressionistische Holzschnitte, Paul Wunderlichs sechsfarbige Heliogravüren, zehn Radierungen aus Goyas Zyklus „Desastre de la guerre“, William Hogarth, Alfred Rethel, Marc Chagall, Lovis Corinth, Alfred Kubin, Max Klinger – die Liste berühmter Künstler ist lang. Atemberaubend das kleine Ölbild „Aus der Anatomie“, 1885 von Albert von Keller gemalt, die Ansicht einer liegenden Frauenleiche. Am Ende – imposant, allein schon seiner Größe wegen – HAP Grieshabers „Totentanz zu Basel“. Wie gesagt: Man sollte das sehen.

„Totentanz. Bilder und Objekte aus der Sammlung Richard H. Mayer, Bamberg“: Museum Junge Kunst, Rathaushalle, Marktplatz 1, Frankfurt (Oder). Di-So 11-17 Uhr. Bis 15. Mai.

Zuerst veröffentlicht in Märkische Allgemeine vom 27. April 2011.

20. April 2011

PANISCHES HOCHAMT

Abgelegt unter: ALLGEMEIN, AUSSTELLUNG, ROCK — Martin Stefke @ 01:09

Neuhardenberg wird zur Stätte der Udo-Lindenberg-Verehrung

NEUHARDENBERG | Bernd Kauffmann, der Generalbevollmächtigte der Stiftung Schloss Neuhardenberg, hat ganz recht: Was Fan-Sein bedeutet, kann man in der Schau „Udo. Die Ausstellung“, die seine Stiftung jetzt in der Oderbruch-Gemeinde ausrichtet, in der Tat verstehen. Doch nicht nur, wenn man – wie Kauffmann in seiner Eröffnungsrede am Sonntag meinte – die umfangreiche Sammlung der Familie Seidler aus dem sächsischen Städtchen Penig betrachtet.

Zwar haben die leidenschaftlichen Udo-Verehrer ihr Wohnzimmer, ja ihre ganze Wohnung zu einer Art Lindenberg-Tempel umgewandelt, der nun leihweise in Neuhardenberg zu sehen ist. Aus schwarzen Pressspanplatten-Möbeln blitzt es im Kubus der Ausstellungshalle wie aus einem funkelnden Altar heraus: Bilder, Platten, Fotos, Autogramme – wahre Reliquien aus dem Udo-Universum.

Doch auch die übrige Ausstellung ist geradezu zum Ort der Verehrung geworden – eine große Weihestätte, aufgerichtet zu nur einem Zweck: Dass man darin auf die Knie geht. Schon die Eröffnung glich einem Gottesdienst, einem panischem Hochamt mit feierlichen Lobgesängen. Ein sichtlich ergriffener Bernd Kauffmann predigte dem Rockstar, den er ein „Gesamtkunstwerk aus Rock ’n’ Roll, Poesie, Coolness, Malerei und Zeitgeschichte“ nennt, und seinen Jüngern ein neues Evangelium: „Es begab sich im letzten Jahrtausend, ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg, dass zu Gronau im durch und durch katholischen Westfalen ein Menschenwesen das Licht der Welt erblickte.“ Die Fans freuten sich mehr am Auftritt ihres Idols und über Katharina Thalbachs anekdotenreiche „Lobhudelei“. „Mörderisch verknallt“, gestand die Regisseurin, sei sie als 20-Jährige gewesen. „Die langen Haare und sehr engen Hosen“ hätten ihre „nicht unerhebliche Phantasie sehr“ angeregt. Damals habe sie, so Thalbach, gedacht, „wer so aussehe und noch dazu Verse habe wie ‚Grethe Weiser am Synthesizer”, könne nicht ganz schlecht sein“.

„Nicht ganz schlecht“ – das Understatement beschreibt wohl am besten, was den Ausnahmekünstler Lindenberg ausmacht. Seine Lockerheit und Coolness, die schnoddrige Art, die so leicht daher kommt und doch so viel Wahres von der Welt und dem Leben erzählt hat. Damals. Denn inzwischen ist Lindenberg längst eine Marke geworden, ein Bild seiner selbst, eine Kunstfigur. Wer ihn an diesem Wochenende sah, erkannte nicht den Menschen, sondern vor allem den Rockstar, den Mann mit dem breitkrempigem Hut, der auf der Bühne lässig-routiniert ein solides Programm und ein paar Bonmots zum Besten gibt, hin und wieder die Sonnenbrille abnimmt, mit Eierlikör gurgelt und Küsschen verteilt. Schließlich pilgerte der Panikrocker von Fans und Bodyguards umringt selbst durch die Schau. Lindenberg saugt an seiner kalten Zigarre, klemmt sich hinter das Schlagzeug, das ihm einst kein Geringerer als Miles Davis geschenkt hat. Er posiert, die Trommelstöcke schwingend, vor Fotografen, und wirkt einen Moment lang beinahe selbst wie ein Exponat.

Nichts fehlt in dieser Schau. Sämtliche Alben hängen an der Wand. Auch die zehn Goldenen Schallplatten sind da. Sogar ein Schulzeugnis, die Möbel aus der Suite im Hotel Atlantic, die Lederjacke, die er Erich Honecker schenkte, und die Schalmei, die der Rocker vom DDR- „Oberindianer“ bekam, sind zu sehen. Auch die Stasi-Akte, die Likörellen und die Bilder seines verstorbenen Bruders Erich. Spannend wird es immer da, wo der Mensch hinter dem Bild hervortritt, wenn der Arbeitsprozess deutlich wird, so auf den Schreibtischunterlagen voller Notizen und Ideen. Und wenn Lindenberg an den Hörstationen über sich, seine Arbeit und das Leben spricht. Die Vitrinen verstellen diesen Blick eher. Sie gleichen Koffern, in denen Musiker ihre Ausrüstung verstauen, wenn sie auf Tour gehen. Man kann die Symbolik verstehen. Musiker leben aus Koffern. Aber weniger wäre in dem Falle wohl mehr gewesen.

„UDO. Die Ausstellung“: Stiftung Schloss Neuhardenberg, Schinkelplatz, Neuhardenberg. Di-So 11-19 Uhr. Bis 19. Juni. Infos unter Tel. 030/8892900.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 19. April 2011

14. März 2011

KUNST FÜR DIE STRASSE

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG — Martin Stefke @ 23:14

Plakate aus über 100 Jahren

BERLIN | Was für eine Idee! Da sitzt ein weiblicher Engel vor dramatisch aufgetürmten Wolken. In seinen Händen hält er einen Pinsel und – sehr behutsam – ein rotes Herz. Im Himmel lesen wir den Schriftzug: „Otto Ring’s Syndetikon“ und unten, vor einer Marmorbrüstung, auf der ein Fläschchen und eine Tube eben jenes Klebstoffs aus dem Hause Ring sowie zwei weitere – zerbrochene – Herzen liegen, geht der Slogan weiter: „klebt, leimt, kittet alles“.

Wo war Reklame je augenzwinkernder und appellierte doch zugleich derart an das ganz große Gefühl? Man darf dieser Frage jetzt nachspüren: in der Ausstellung „Kunst für die Straße“, die das Kunstforum der Berliner Volksbank am Zoo in Kooperation mit dem Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden veranstaltet. Dabei will man heute, da sich gewiss so mancher unter uns gern den Engel des Malers Ferdinand Schultz-Wettel aus dem Jahr 1899 oder andere der gezeigten 96 Werke an die Wand hängen würde, kaum glauben, was die Kuratorin Karin Kolb sagt. Die Plakatkunst habe es am Anfang schwer gehabt. Männer wie Schultz-Wettel hätten um den Stellenwert ihrer Arbeit ringen müssen: „Wegen der Standesdünkel der akademischen Maler“.

Ein Junge schaut in die Suppenterrine

Gewiss hielt auch der eine oder andere Museumsmann Ende des 19. Jahrhunderts nicht allzu große Stücke auf die oft zwar kunstvoll gefertigten Lithografien. Doch diese waren eben für die Masse bestimmt, klebten „nur“ an Litfaßsäulen und Plakatwänden und sollten zum Kaufen oder Schauen animieren. In Dresden, zuvor bereits in Hamburg und Berlin, erkannte man jedoch schnell den künstlerischen Wert des neuen Massenmediums. 1896 legte Max Lehrs, Direktor des Kupferstich-Kabinetts, den ersten Katalog der Plakat-Sammlung seines Hauses vor. Im gleichen Jahr richtete er die erste Ausstellung mit Plakaten aus, adelte so die „Kunst für die Straße“ gewissermaßen durch die Ehrung im Museum. Zu Recht, wie wir heute sehen können.

Wahrlich die Aura großer Kunst weht uns beim Rundgang durch die Schau mit den Kostbarkeiten der überwiegend europäischen Plakatproduktion aus über 100 Jahren an. Von der Kaiserzeit, als Otto Fischer und Martin Rade detailreiche Drucke für die Ausstellung des Sächsischen Handwerks und Kunstgewerbes in Dresden schufen, geht es über Werke der Franzosen Jules Chèret und Henri de Toulouse-Lautrec, der Wiener Sezessionisten Franz Stuck und Josef Maria Olbrich, dem üppig-ornamentalen Jugendstil des Tschechen Alfons Mucha bis zum Künstlerplakat gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Wie der Syndetikon-Engel lässt uns ein weiteres Werk Ferdinand Schultz-Wettels schmunzeln: Da streckt eine Schöne dem Tod neben ihren nackten Brüsten ein Flakon des Desinfektionsmittels Lysoform entgegen. Gegenüber lässt Brynolf Wennerberg in „Nimm Maggi“ einen Jungen in die Suppenterrine gucken. Nebenan fordert der kleine Muck zum Verzehr von „Pfunds Yoghurt“ auf, wirbt ein Druck für Dresdens „Erste Höhenluft-Radfahr-Bahn mit Lehrmeisterin für Damen“ auf dem Weißen Hirsch.

Schätze von Picasso und Chagall

Spätestens hier versteht man, weshalb Ko-Kurator Hans-Ulrich Lehmann im Zusammenhang mit der Auswahl von einer „Riesenüberraschung“ spricht. Aus 2500 Plakaten hat der langjährige Dresdner Oberkustos mit Karin Kolb eine hochkarätige und doch – wie Lehmann sagt, „minimale Auswahl“ ausgesucht. Zu sehen sind neben den genannten manch weitere Schätze aus den Händen namhafter Künstler wie Emil Orlik, Otto Dix, Käthe Kollwitz, Ernst Ludwig Kirchner und vielen anderen. Angenehm fällt auf, dass nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in Ost und West unterschieden wird, sondern Hermann Glöckner, Karl Hartung, Manfred Butzmann, Klaus Staeck, A. R. Penck, Werner Klemke und HAP Grieshaber in einer Reihe hängen. In der Rotundenmitte trifft man auf Werke aus der weiten Welt: Plakate von Picasso, Calder, Chagall, Robert Indiana und Jasper Johns.

Schade, dass es sie nicht als Reproduktion zu kaufen gibt. Der Syndetikon-Engel immerhin lässt sich auf dem Faltblatt mit nach Hause nehmen. Und das „leimt, klebt und kittet“ auch diesen Einwand.

„Kunst für die Straße“, Kunstforum der Berliner Volksbank, Budapester Straße (gegenüber vom Zoo), Berlin. Täglich 10-18 Uhr. Bis 8. Mai.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 14. März 2011

10. März 2011

DERB-KOMISCHES VOLKSTHEATER

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 23:19

In Senftenberg inszeniert Sewan Latchinian in alpiner Mundart

SENFTENBERG | Ja, Sakkradi, Kreizkruzefix, pfüat Gott! – Nein, auf diesen Dialekt verzichten wir hier doch besser. Erstens ist der Autor dieser Zeilen dessen kaum mächtig. Zweitens kann man ihn jetzt gekonnt an einem hiesigen Theater erleben: In Senftenberg, wo Neue-Bühne-Intendant Sewan Latchinian Anton Hamiks bäuerlichen Schwank „Der verkaufte Großvater“ aus dem Jahr 1941 inszeniert hat – „in alpiner Mundart“.

Gewiss ist diese Kunstsprache des 1887 in Wien geborenen Schauspielers und Regisseurs unseren Ohren nicht unbedingt geläufig. Deshalb scheint die Idee, das Ensemble in dieser Mischung aus Österreichischem, Bayrischem, und was da auch sonst noch immer mitklingen mag, reden zu lassen, doch einigermaßen verwegen. Doch das Wagnis geht erstaunlich gut auf. Augenzwinkernd nähern sich die Senftenberger dem Dialekt, ja dem ganzen Stück, und stellen dabei manches Klischee vom Volkstheater auf den Kopf.

Man versteht nicht nur, was da geschieht. Man hat trotz kleiner Längen im ersten Teil ein Mordsgaudi an der Geschichte und an der hölzern-kasperlepuppenhaften Darstellung. Ja, angesichts der oft ironisch überspitzten Spielweise, der Zitate und Anspielungen – selbst die Entstehungszeit mitten im Zweiten Weltkrieg setzt Latchinian in Szene, indem er hier einen Stahlhelm aus dem Schrank poltern und da Panzer dröhnen lässt – dem Jodeln und den Schuhplattlern, den Schnulzen aus dem Volksempfänger und einer Fülle von originellen Ideen prustet man immer wieder laut los oder kichert hinter vorgehaltener Hand. Fakt ist: Man strapaziert gute zweieinhalb Stunden sein Zwerchfell.

Ein Großvater wird also verkauft. Heinz Klevenow spielt den 80-Jährigen als tapsig-schusseligen Mann. Er schlägt mit dem Spaten Fensterscheiben ein und Teller vom Wandregal. Erst am Schluss wissen wir: Opa hat es trotz des Altes faustdick hinter den Ohren und tut nur so. Die meisten Verwicklungen der Geschichte zettelt er an. Ganz bewusst. Nur bei der Magd hat er es mit seinen Lausbubereien wohl übertrieben. Sie (Juschka Spitzer, als habe sie nie anderes als derlei deftiges Theater gespielt) kündigt resolut wegen der dauernden Beleidigungen – eine Katastrophe für Sohn und Enkel des Alten (köstlich: Wolfgang Schmitz als Bauer Kreithofer und Benjamin Schaup als dessen schlaksiger Sohn Lois). Der eine sitzt depressiv in der Stube. Der andere wird es auch nicht reißen. Brummbär und Bohnenstange – die Wirtschaft wird wohl vollends veröden.

Da kommt der Haslinger ins Spiel – im edlen Lodenmantel (Kostüme: Maria Frenzel) und mit praller Börse. Dem Kreithofer soll’s recht sein. Das Geld ist schon lange mehr als knapp. Dreimal hat er die Rate für die Hypothek schon nicht bezahlen können. „Ich lass mich nicht verschleudern“, mault der Großvater zwar, treibt so aber nur den Preis nach oben. Der Haslinger (der gebürtige Bayer Bernd Färber schwelgt im Heimatdialekt) freut sich trotzdem. Welch ein Kabinettstück!

Kurz und gut: Man ist sich einig. Opa zieht um. Und weil der Haslinger und seine Frau (Catharina Struwe) mutmaßen, der Alte besäße zwei Häuser, die er einst ihnen vererben werde, gehen sie ihm um den Bart, betuddeln und bemuttern sie ihn. Opa kostet das weidlich aus.

Für das turbulente Spiel hat Tobias Wartenberg eine außergewöhnliche Bühne gebaut, einen einzigen niedrigen, ja windschiefen Raum, der zu schweben scheint. Erst ist er Kreithofers ärmliche Behausung, dann gute Stube im Haslinger-Hof. Holztäfelung, Kachelofen, Bauernschrank und Wanduhr – wir sehen viel zopfig-heimelnde Gemütlichkeit. Dabei brodelt es vor Selbstsucht und Gier. Am Ende bekommt natürlich der Haslinger sein Fett, der Lois seine Ev (herrlich, wie Inga Wolff den Burschen anschwärmt) und das Team jede Menge Beifall.

Nächste Vorstellungen am 12. März, 1. und 23. April, jeweils 19.30 Uhr. Neue Bühne Senftenberg, Theaterpassage 1, Senftenberg. Karten unter 03573/801286.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 10. März 2011

3. März 2011

GÖTTLICHE LIEBE vs. MENSCHLICHKEIT

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 21:25

Heinrich von Kleists „Amphitryon“ steht in Cottbus und Potsdam auf dem Spielplan

COTTBUS/POTSDAM | Die Leichtigkeit ist das Verbindende. Und ein Funkeln, das nicht aus Scheinwerfern kommt, sondern tief aus der schönen Sprache. Aus einem 200 Jahre alten Text des Dichters Heinrich von Kleist. Im Land Brandenburg ist dieser Tage zweimal sein „Amphitryon“ zu sehen: in Potsdam und in Cottbus.

Wobei es besser heißen sollte: viermal. Denn Amphitryon steht bei Kleist ohnehin zweimal auf der Bühne. Der echte, der Feldherr, kehrt nach Monaten aus dem Krieg zurück. Alkmene, seine Frau, begrüßt ihn kurz: „So früh zurück?“ – Ein Satz, der einem Liebenden den Boden unter den Füßen raubt. Was soll das? Liebt sie ihn nicht mehr? Alkmene ihrerseits versteht ihn nicht. Sie hat ihn doch gerade erst gesehen. Und außerdem geliebt, wie nie zuvor. „Ich gab dir wirklich alles, was ich hatte“, beteuert sie und meint damit die letzte Nacht.

Am Staatstheater Cottbus glaubt Johanna Emil Fülle als Alkmene an einen schlechten Scherz. Und auch Thomas Harms blickt als Amphitryon ziemlich ungläubig drein. In Potsdam wird das ähnlich sein. Im Schlosstheater im Neuen Palais trifft Christoph Hohmann als Amphitryon auf „Alkmene“Marianna Linden. Die Unfassbarkeit, das Unbegreifliche der Situation ist es, was im leichten Stoff der Komödie das Drama auslöst. Beide haben doch recht. Beide sehen die Welt so, wie sie ist. Oder?

„Man darf nicht zu lange darüber nachdenken“, sagt Julia Hölscher, Regisseurin des Potsdamer Amphitryon. „Man gerät selbst in diesen Strudel hinein: Was ist Wirklichkeit? Und: Ist meine Wirklichkeit wirklich die Wirklichkeit, die ich erlebe?“ Das Stück, meint sie, habe eine sehr einfache Geschichte, aber die Auseinandersetzung der Figuren sei enorm: „Stets das ganz große Drama – immer ernst gemeint, tieffühlend mit Krisen ohne Ende.“

Was ist geschehen? Kein Geringerer als Jupiter – so erfährt der Zuschauer, nicht aber der Betroffene – hat Alkmene in jener Nacht besucht und mit ihr ein Kind gezeugt, den Halbgott Herkules. Dabei hat er sich – wie schon so oft – der Gestalt eines anderen bedient: War er zu Leda als Schwan, zu Europa als Stier und zur Nymphe Kallisto als deren vermeintliche Herrin Diana gekommen, hat nun Amphitryon dran glauben müssen. Der Trick führt zu ungeahnten Zerrüttungen, reißt Abgründe auf, löst Identitätskrisen aus. Nicht nur beim Feldherrn. Denn, wie gesagt, jeder glaubt von sich, er habe recht.

Aus dieser Situation entsteht viel tiefgründiger, ja philosophischer Witz und jede Menge wissendes Lachen. In Cottbus wie auch in Potsdam. Julia Hölscher, Jahrgang ’79, weiß um die Krisen Kleists. Sie blickt hinter sein „Deckmäntelchen der Komödie“ und betont doch die Bedeutung des Humors, der Leichtigkeit. „Das wäre schön, wenn die Leute ein ähnliches Erlebnis haben wie bei einem guten Woody-Allen-Film, aber mit der Größe der Kleistschen Sprache, nicht proklamiert, sondern ganz leicht wie Musik.“

In Potsdam wird es auf der kleinen Spielfläche im Hohenzollernschloss deutlich intimer zugehen als auf der großen Cottbuser Bühne. Ein Kammerspiel ist zu erwarten, mit Konzentration auf die Figuren. Ein Spiel mit Licht und ohne großen Bühnenbau. Nur ein Rundhorizont und ein schlichtes Bodentuch bilden die Kulisse – beides sandfarben wie in Cottbus, wo Mirjam Benkner die Bühne als eine Arena gebaut hat, eine Art Shakespeare-Theater mit kreisrunder Fläche im Zentrum, das von zwei hohen, beweglichen Wänden eingefasst wird. In ihrer Mitte spannt sich ein sanfter, pastellblauer Himmel über den Boden, ein angedeutetes Gemälde wie aus dem Rokoko. Hier liebt Jupiter Alkmene. Und wie! Regisseur Ingo Putz hat große Leidenschaft inszeniert. Johanna Emil Fülle spielt ihre Alkmene als sehnsüchtig Liebende, Johanna-Julia Spitzer einen ungemein sanften, zweifelnden Jupiter. Zwei Frauen? Ja. Und gerade wegen dieses Kunstgriffs ist die ungewöhnliche Beziehung in Cottbus kein Abenteuer, keine Inbesitznahme, sondern ein großes, ernst zu nehmendes Fühlen, ein Austausch von Zärtlichkeit, ein ewiger Abschied. Das hat etwas Göttliches.

Dass Peter Pagel seine Rolle als männlicher Jupiter in Potsdam ganz anders spielen wird, ist Julia Hölscher klar. Sie hat sich aber auch nicht für das Göttliche interessiert. „Jupiter“, sagt die Regisseurin, „ist so wenig göttlich, wie Menschen es sind.“ Und so werden sie auch äußerlich schlicht Menschen sein, in Kleidern, wie wir sie tragen.

Im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus haben der große Donnerer und sein Begleiter Merkur (Berndt Stichler) schon etwas Überirdisches. Fast gottgleich wirkt auch die Musikerin Susanne Paul, die am Rande der Bühne auf der E-Gitarre das Geschehen begleitet. Welche Töne in Potsdam angeschlagen werden, verrät Julia Hölscher noch nicht. Nur so viel: Es wird Musik erklingen, aber eher sparsam.

Bedeutender als das Göttliche ist in Cottbus allerdings die große Liebe. Einmal entgleiten die Hände von Alkmene und Jupiter einander, Nur noch ihre Fingerspitzen berühren sich, da der Gott sie verlässt, indem er sich rückwärtsgehend von ihr entfernt. Ein Bild entsteht wie aus Michelangelos „Erschaffung der Welt“. Das ist wunderbar, gerade weil auch dieses Spiel Kleists Vorlage vertraut und hinter all der Leichtigkeit und dem Licht stets das ganz große Drama zu erkennen bleibt.

Nächste Vorstellungen: Staatstheater Cottbus am 12. März, 19.30 Uhr. Premiere im Schlosstheater im Neuen Palais Potsdam am 5. März, 19.30 Uhr, wieder am 10., 18. und 19. März.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 3. März 2011

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