MARTIN STEFKE

13. Mai 2011

EXPERIMENTIERSTUBE MARK

Abgelegt unter: ALLGEMEIN, ARCHITEKTUR, AUSSTELLUNG — Martin Stefke @ 12:49

Themenjahr zur Moderne in Bernau eröffnet

BERNAU | Brandenburg – das sind der Alte Fritz, sein Sanssouci, die Kiefern, Alleen und Seen, die Spreewaldgurken und der Spargel. Mit derlei

Koordinaten jedenfalls wird noch immer allzu gern das Bild des Landes zwischen Wittenberg und Spremberg, zwischen Prenzlau und Jüterbog vermessen. Doch mittlerweile sollte sich herumgesprochen haben: In unserem Bundesland gibt es weit mehr Fixpunkte. Und das meint nun nicht nur die von Theodor Fontane erwanderten Herrenhäuser und Dorfkirchen, sondern die Architektur der Moderne.

Detlef Karg, seines Amtes Landesdenkmalpfleger, betont seit Jahren, welch bedeutenden Schatz die Mark mit ihren Baudenkmalen aus der Zeit zwischen den Weltkriegen besitzt. Jetzt hat auch das Kulturland-Jahr das Thema auf seine Agenda gesetzt. Anlässlich des 100. Jahrestages der Grundsteinlegung der Babelsberger Filmstudios erinnert es einerseits an die erzählenswerte Geschichte der bewegten Bilder und andererseits an die Aufbruchsstimmung in der Baukunst.

Gestern wurde das Kulturland-Jahr eröffnet – in einem herausragenden Bauwerk dieser Zeit: der von 1928 bis 1930 von Hannes Meyer und Hans Wittwer errichteten Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau. Paul Schwingenschlögl an der Trompete und Stefan Fischer am Klavier ließen zum offiziellen Auftakt des Themenjahres „Licht – Spiel – Haus: Moderne in Film, Kunst und Baukultur“ dann aber statt eines stürmischen Aufbruchs doch eher cineastisch-elegische Töne erklingen. Fünf Stelzenläufer in von Oskar Schlemmers Triadischem Ballet inspirierten Kostümen schauten den über 200 Festgästen – unter ihnen Kulturministerin Sabine Kunst, Bernaus Bürgermeister Hubert Handke und Hausherr Stephan Schwarz, Präsident der Handwerkskammer Berlin, auf die Köpfe. Es gab Freude über das Kulturland-Jahr und wiederholt Lob für die Sanierung des 2008 mit dem Knoll Modernism Prize des World Monument Fund ausgezeichneten Baudenkmals.

„Dieser Bau ist ein Bau des Lebens und nicht der Kunst“, hatte Bauhaus-Lehrer Meyer seinerzeit bei der Eröffnung des zukunftsweisenden, sanft in die karge Landschaft gesetzten Ensembles aus Lehrgebäuden, Internats- und Lehrerhäusern gesagt. Jetzt ordnete Kulturministerin Kunst – Ministerpräsident Matthias Platzeck hatte wie schon im vergangenen Jahr kurzfristig abgesagt, weil ihn diesmal energiepolitische Fragen plagten – im Kleistjahr gleich den Frankfurter Dichter und seine „Partituren des Abgesanges“ in die Moderne ein. Die Ministerin warb für die Mark als „Experimentierstube der Moderne“, in der „zwischen den Spuren der Gartenstadt Eden und dem restaurierten Dieselkraftwerk in Cottbus viel zu entdecken“ sei. Festredner Frank Kallensee, Kulturredakteur der Märkischen Allgemeinen, hielt ein Plädoyer für das Leben und warnte vor Misstrauen gegenüber der Gegenwartskunst und der Heilssuche in Stadtschlosskopien. Die Moderne, so Kallensee, sei hierzulande eine „noch immer nicht hinreichend erkannte, geschweige denn geschätzte Größe“. Mozart und Rubens zögen mehr als die Brandenburger Georg Katzer und Hans Scheuerecker.

Kallensee forderte, „Waffelfassaden“ und „Abschreibungsarchitektur“ zu verhindern, und regte eine „Route der Moderne“ durch Brandenburg an. Kulturland-Geschäftsführerin Brigitte Faber-Schmidt erwiderte: Eine Karte für diese Route gäbe es seit der Ausstellung „Aufbruch in die Moderne“ im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam ja bereits.

www.kulturland-brandenburg.de

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 13. Mai 2011

20. April 2011

PANISCHES HOCHAMT

Abgelegt unter: ALLGEMEIN, AUSSTELLUNG, ROCK — Martin Stefke @ 01:09

Neuhardenberg wird zur Stätte der Udo-Lindenberg-Verehrung

NEUHARDENBERG | Bernd Kauffmann, der Generalbevollmächtigte der Stiftung Schloss Neuhardenberg, hat ganz recht: Was Fan-Sein bedeutet, kann man in der Schau „Udo. Die Ausstellung“, die seine Stiftung jetzt in der Oderbruch-Gemeinde ausrichtet, in der Tat verstehen. Doch nicht nur, wenn man – wie Kauffmann in seiner Eröffnungsrede am Sonntag meinte – die umfangreiche Sammlung der Familie Seidler aus dem sächsischen Städtchen Penig betrachtet.

Zwar haben die leidenschaftlichen Udo-Verehrer ihr Wohnzimmer, ja ihre ganze Wohnung zu einer Art Lindenberg-Tempel umgewandelt, der nun leihweise in Neuhardenberg zu sehen ist. Aus schwarzen Pressspanplatten-Möbeln blitzt es im Kubus der Ausstellungshalle wie aus einem funkelnden Altar heraus: Bilder, Platten, Fotos, Autogramme – wahre Reliquien aus dem Udo-Universum.

Doch auch die übrige Ausstellung ist geradezu zum Ort der Verehrung geworden – eine große Weihestätte, aufgerichtet zu nur einem Zweck: Dass man darin auf die Knie geht. Schon die Eröffnung glich einem Gottesdienst, einem panischem Hochamt mit feierlichen Lobgesängen. Ein sichtlich ergriffener Bernd Kauffmann predigte dem Rockstar, den er ein „Gesamtkunstwerk aus Rock ’n’ Roll, Poesie, Coolness, Malerei und Zeitgeschichte“ nennt, und seinen Jüngern ein neues Evangelium: „Es begab sich im letzten Jahrtausend, ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg, dass zu Gronau im durch und durch katholischen Westfalen ein Menschenwesen das Licht der Welt erblickte.“ Die Fans freuten sich mehr am Auftritt ihres Idols und über Katharina Thalbachs anekdotenreiche „Lobhudelei“. „Mörderisch verknallt“, gestand die Regisseurin, sei sie als 20-Jährige gewesen. „Die langen Haare und sehr engen Hosen“ hätten ihre „nicht unerhebliche Phantasie sehr“ angeregt. Damals habe sie, so Thalbach, gedacht, „wer so aussehe und noch dazu Verse habe wie ‚Grethe Weiser am Synthesizer”, könne nicht ganz schlecht sein“.

„Nicht ganz schlecht“ – das Understatement beschreibt wohl am besten, was den Ausnahmekünstler Lindenberg ausmacht. Seine Lockerheit und Coolness, die schnoddrige Art, die so leicht daher kommt und doch so viel Wahres von der Welt und dem Leben erzählt hat. Damals. Denn inzwischen ist Lindenberg längst eine Marke geworden, ein Bild seiner selbst, eine Kunstfigur. Wer ihn an diesem Wochenende sah, erkannte nicht den Menschen, sondern vor allem den Rockstar, den Mann mit dem breitkrempigem Hut, der auf der Bühne lässig-routiniert ein solides Programm und ein paar Bonmots zum Besten gibt, hin und wieder die Sonnenbrille abnimmt, mit Eierlikör gurgelt und Küsschen verteilt. Schließlich pilgerte der Panikrocker von Fans und Bodyguards umringt selbst durch die Schau. Lindenberg saugt an seiner kalten Zigarre, klemmt sich hinter das Schlagzeug, das ihm einst kein Geringerer als Miles Davis geschenkt hat. Er posiert, die Trommelstöcke schwingend, vor Fotografen, und wirkt einen Moment lang beinahe selbst wie ein Exponat.

Nichts fehlt in dieser Schau. Sämtliche Alben hängen an der Wand. Auch die zehn Goldenen Schallplatten sind da. Sogar ein Schulzeugnis, die Möbel aus der Suite im Hotel Atlantic, die Lederjacke, die er Erich Honecker schenkte, und die Schalmei, die der Rocker vom DDR- „Oberindianer“ bekam, sind zu sehen. Auch die Stasi-Akte, die Likörellen und die Bilder seines verstorbenen Bruders Erich. Spannend wird es immer da, wo der Mensch hinter dem Bild hervortritt, wenn der Arbeitsprozess deutlich wird, so auf den Schreibtischunterlagen voller Notizen und Ideen. Und wenn Lindenberg an den Hörstationen über sich, seine Arbeit und das Leben spricht. Die Vitrinen verstellen diesen Blick eher. Sie gleichen Koffern, in denen Musiker ihre Ausrüstung verstauen, wenn sie auf Tour gehen. Man kann die Symbolik verstehen. Musiker leben aus Koffern. Aber weniger wäre in dem Falle wohl mehr gewesen.

„UDO. Die Ausstellung“: Stiftung Schloss Neuhardenberg, Schinkelplatz, Neuhardenberg. Di-So 11-19 Uhr. Bis 19. Juni. Infos unter Tel. 030/8892900.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 19. April 2011

24. Dezember 2010

MEHR ALS SCHÖNER SCHEIN

Abgelegt unter: ALLGEMEIN — Martin Stefke @ 19:41

Schnitzaltar mit Mondsichelmadonna, um 1470 Foto: Martin Stefke

Schnitzaltar mit Mondsichelmadonna, um 1470 Foto: Martin Stefke

In Pechüle und anderswo

Glockenläuten, ein verschneiter Kirchhof, Lichterglanz von Sternen und Kerzen. Christen können die Vorstellung als Fest der Harmonie und Liebe auch skeptisch sehen.

„Es gibt viele Missverständnisse“, hat Pfarrer Bernhard Hoppe schon am Telefon gesagt. Jetzt sucht der 40-Jährige, der vor zwei Jahren die Pfarrstelle in Pechüle, einem Bauerndorf bei Treuenbrietzen im Landkreis Potsdam-Mittelmark, angetreten hat, sein Unbehagen zu erklären. „Wir wollen nicht, dass die Weihnachtsbotschaft vergessen wird.“ Die Erfahrung der letzten Jahre, so Hoppe, zeige ja, dass immer weniger Menschen noch wüssten, was der Kern von Weihnachten eigentlich sei. Das führe zu diesen Missverständnissen. Heute stünden Kinder auf dem Weihnachtsmarkt vor der Darstellung des Stalls von Bethlehem und fragten: „Du Papa, was soll denn die Puppe in der Kiste da?“

Sicher, man muss solch – zumal noch kindliches – Fragen nicht verallgemeinern. Doch mal ehrlich. Wer kennt sich wirklich aus mit den Symbolen in und an einem Kirchengebäude? Wer kennt die Attribute der Heiligen oder gar ihre Legenden? Wer weiß, dass die Fischform der Klinken am Friedhofstor in Pechüle auf Geheimzeichen der Christen im antiken Rom zurückgeht? Es gibt viele Beispiele für das schwindende Bewusstsein um christliche Traditionen. Vor ein paar Tagen hat der Pfarrer in einem Kindergarten die Weihnachtsgeschichte erzählt. Und selbst wenn die Kinder dort, wie Bernhard Hoppe sagt, gut Bescheid wussten, er habe da ein Buch aufgeschlagen, in dem „das Christkind und der Weihnachtsmann im Stil einer wissenschaftlichen Abhandlung neutral nebeneinander behandelt“ worden seien. „Nach dem Motto: Der Weihnachtsmann ist eine Figur, die zum Fest Geschenke bringt. Und dann gibt es auch noch das Christkind.“

Als Christ und Pfarrer finde er das befremdlich, sagt Hoppe. „Das Christkind ist doch der zentrale Inhalt des Weihnachtsfestes.“ Dieses Grundwissen fehle heute meist. „Die Leute suchen überall Liebe, Liebe im Sinne von Harmonie. Sie wünschen sich Weihnachten als den einen Tag im Jahr, an dem eine festliche, schöne Stimmung herrscht.“

Diesen Wunsch will der Pfarrer niemandem nehmen. Das Glockenläuten, das weiß er selbst genau, dazu Schneefall und der Gang zum Gotteshaus – das sind auch Kindheitserinnerungen, und die Sehnsucht nach Harmonie ist etwas zutiefst Menschliches. „Aber es birgt eben die Gefahr“, meint er, „nicht zum Eigentlichen zu gelangen.“

Hoppe ist keiner dieser Kirchenmänner, die den allein am Heiligen Abend in die Kirche Kommenden, den sogenannten Weihnachtschristen, eine Standpaukenpredigt halten. Aber das macht das Problem nicht gerade leichter. Denn, wie geht ein Christ damit um? Wie spricht er von Gott und Gottes Sohn, dem ärmlichen Stall, in dem Jesus in eine geradezu disharmonische Welt hineingeboren wird? Wie von der Krippe und den Hirten, von Hoffnung, Demut und seinem Glauben, ohne Menschen, die allein das Romantische suchen, zu verprellen? Wie kommt man miteinander ins Gespräch?

Folklore wollen die Christen in Pechüle jedenfalls nicht betreiben. Ihr spätromanisches Gotteshaus in der Ortsmitte – ein wahres Kleinod, das ob der Ursprünglichkeit seines wuchtig-wehrhaften Baukörpers, den Gewölben, Mauern und der außerordentlich kunstfertigen Ausstattung ein Gefühl für das Mittelalter heraufbeschwört – soll nicht Kulisse sein. Hier soll ausgesprochen werden, worum es zu Weihnachten geht: „Um das Eigentliche – die frohe Botschaft von Christi Geburt und deren Verkündigung.“

Dass dies nicht einfach ist, weiß auch Andreas Bruns. Der 50-Jährige aus dem Nachbardorf Bardenitz ist Prädikant, ein ausgebildeter Laienprediger im Ehrenamt. Er wird in diesem Jahr in Pechüle die abendliche Christvesper halten. Seit Jahrzehnten engagiert sich der gelernte Tischler, der in Heiligendamm Design studiert hat und heute in Treuenbrietzen ein Küchenstudio betreibt, in der Kirche. Zu DDR-Zeiten auch aus Opposition zum Staat. Die Junge Gemeinde, später Besuche im nahen Wittenberg – „als Schorlemmer dort Schwerter zu Pflugscharen machte“, wie Andreas Bruns sagt – haben ihn geprägt. Auch das Ende des Staates, jene Zeit, als „die Kirchen voll waren. Aber das“, erinnert er sich, „war ja dann mit einem Schlag vorbei.“

Vielleicht habe die Kirche, so Bruns, ja selbst Fehler gemacht, indem sie sich zu sehr um Wirtschaftsstrukturen und Denkmalpflege gekümmert habe und zu wenig um die Seelsorge. Doch man könne sie auch nicht immer nur im Bedarfsfall anrufen. „Wie eine Versicherungsgesellschaft, die man braucht, wenn es einen großen Schaden gibt. Oder bei Anlässen der Freude: zu Trauungen und Taufen. Oder eben zu Weihnachten.“

Weg vom schönen Schein zum Kern – das wird wohl auch das Thema seiner Predigt sein. Von der vermeintlichen Romantik der verschneiten, stillen Weihnachtsnacht oder der Hochzeit, wie man sie aus Hollywood-Filmen kennt, zur Symbolik von Jesu Geburt. Notiert hat Bruns die Predigt noch nicht. Womit der Laienprediger übrigens nicht allein dasteht. Viele schreiben sie erst kurz vorher. Pfarrer Hoppe weiß das aus eigener Erfahrung. Gerade in der Vorweihnachtszeit gäbe es in den Gemeinden jede Menge zu tun. Vorbereitungen für das große Fest, Adventsfeiern, Proben für Krippenspiele, Jahresabschluss, Mittelabruf bei Amtskirche und Land für Gutachten und geplante Baumaßnahmen – da werde die Zeit stets knapp. In Pechüle sei das, sagt der Pfarrer, der zwölf Dörfer betreut, nicht anders und so komme man auch in diesem Sinne oft nicht mehr zu Grundlegendem – zu Besuchen und Gesprächen.

Vermutlich ist das ja überhaupt das Problem unserer Zeit: Nicht mehr das Eigentliche tun, stets gehetzt und getrieben sein. Auch Pfarrer, sagt Bernhard Hoppe, „sind heute oft im Stress. Durch den dramatischen Umbau der Kirchenstrukturen sind sie inzwischen mehr und mehr zu Managern geworden und laufen oft hinter Terminen und Fristen her“. Das Wort Manager hält er dann aber doch für einen zu geschäftsmäßigen Begriff. Der assoziiere, dass er Leute anstelle, bezahlte Arbeit verteile. Doch ohne Prädikanten und verlässliche Ehrenämtler wie Andreas Bruns oder die Gemeindekirchenratsvorsitzende Roswitha Briese aus Bardenitz wäre die Arbeit gar nicht zu bewältigen. Vermutlich bliebe ohne sie die Dorfkirche Pechüle, eine der schönsten Kirchen des Landkreises, ja der Mark, zu Weihnachten zwar nicht zu. Regelmäßige Gottesdienste mit Lichterglanz, Glockenläuten und der Verkündigung des Wortes wären hier jedoch kaum noch zu erleben.

Zu den weiteren unermüdlichen Helfern zählt auch Reinhard Walter. Seit nun schon bald 40 Jahren sorgen er und seine Frau sich nicht nur in der Weihnachtszeit um das Pechüler Gotteshaus. „Wir schließen auf, halten die Kirche sauber und kümmern uns um den täglichen Verkehr“, sagt der Rentner beim Kirchenrundgang mit märkischer Zurückhaltung. Bloß keine großen Worte. Pfarrer Hoppe verweist derweil auf ein ungewöhnliches Jesus-Bild an der Kanzel: „Jesus wird hier als Kind dargestellt, als Sieger über den Tod und die Sünde.“ Hoppe zeigt auf das Christkind, auf den am Boden liegenden Sensenmann, auf Schlange, den Apfel des Sündenfalls und die weiße Fahne mit dem roten Kreuz als Zeichen des Sieges. „Man könnte das auch auf Weihnachten beziehen“, sagt er dann, „obwohl Jesus hier ein Kind und kein Baby mehr ist.“

Vielleicht nimmt Bernhard Hoppe den Gedanken an diese Christusdarstellung ja einmal in seine Predigt auf – zu Weihnachten oder an einem anderen Hohen Tag im Kirchenjahr.

Pfarrer Reinhard Hoppe (l.) und der Hüter des Pechüler Kirchenschlüssels, Reinhard Walter

Pfarrer Reinhard Hoppe (l.) und der Hüter des Pechüler Kirchenschlüssels, Reinhard Walter

zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 24. Dezember 2010

20. September 2010

WILLKOMMEN

Abgelegt unter: ALLGEMEIN — Martin Stefke @ 22:49

Auf dem Bild geht die Sonne unter. Doch sie geht - ja, selbst in Brandenburg - auch wieder auf.
Hier ist mehr los, als manch einer meint. Auch davon erzählen diese Seiten.
Selbst wenn ihr Autor sehr über Rainald Grebes Brandenburg-Lied lachen kann.

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6. September 2010

VON FAUST ZU FAUST

Abgelegt unter: ALLGEMEIN — Martin Stefke @ 22:29

Klaus Maria Brandauer begeistert in Neuhardenberg sein Publikum

Klaus Maria Brandauer und Daniel Hope in Neuhardenberg Foto: Martin Stefke

Klaus Maria Brandauer und Daniel Hope in Neuhardenberg Foto: Martin Stefke

NEUHARDENBERG | Die Stille scheint endlos. Dabei dauert sie gerade einmal eine halbe Minute. Doch 30 Sekunden bedeuten auf der Bühne eine Ewigkeit. Und das am Schluss. Gerade deshalb wagt niemand, mit seinem Applaus dieses spannungsvolle Schweigen zu beenden, diese Stimmung, die Klaus Maria Brandauer und der Geiger Daniel Hope in der Schinkelkirche Neuhardenberg als Schlusspunkt ihres Abends „Faust – Gefesselter Prometheus. Eine Auseinandersetzung“ geschaffen haben.

„Welch Schauspiel! Aber ach! ein Schauspiel nur! / Wo fass ich dich, unendliche Natur?“ Brandauer hat das Goethe-Wort geradezu ausgehaucht. Diese „Natur“ scheint zu ersterben. Es ist schon gar nicht mehr zu hören, schwebt nur noch dahin, ein leises Zittern. Und so wandeln sich die Silben davor zur Aufforderung an das Publikum, noch eine Weile innezuhalten und nachzudenken: „Wie fass ich dich, Unendliche?“

Ja, Klaus Maria Brandauer, der Henrik Höfgen aus Istvan Szabós „Mephisto“, der „Jedermann“ der Salzburger Festspiele, der Wallenstein, der Dorfrichter Adam und Ödipus’ Peter Steins, ist ins Oderbruch gekommen. Nicht zum ersten Mal. Im vergangenen Jahr hat er bereits in Neuhardenberg gelesen – Texte von Dietrich Bon
hoeffer. Auch da wurde er von Daniel Hope begleitet. Am Sonnabend nun widmeten sich die beiden, seit 1999 arbeiten sie zusammen, Johann Wolfgang von Goethe. Soll heißen: der Menschheitsgeschichte aus der Sicht des Dichterfürsten. Faust und Prometheus hat Brandauer nämlich als zwei die Welt umspannende Koordinaten ausgemacht und so vermisst er mit ihnen Goethes, nein, die ganze Welt. Eine kurzweilige Stunde lang.

„Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten“, „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind“, „Bedecke deinen Himmel, Zeus“, „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche“, „Verweile doch, du bist so schön“ – „Faust“, „Erlkönig“, „Prometheus“, „Osterspaziergang“, ja „Faust“ und immer wieder „Faust“. Brandauer spricht manches große Wort gelassen aus. Er ist bedächtig. Er flüstert. Und er schreit! Er deklamiert. Er greint und winselt, zischt. Weit lehnt er sich auf dem Sitz zurück, steckt mal die Hände in die Hosentaschen, beugt sich vor und stützt die Linke auf das Notenpult, auf dem das Manuskript des Abends liegt. Er schlägt einen Bogen von der Zueignung über den historisch verbürgten Magister Georgius Sabellicus Faustus, den „Fürst aller Nekromanten, Geisterbeschwörer, Anstreicher, betrügerischen Strolch“ und wagt sich weit über Goethe hinaus. Er macht sich eigene Gedanken, zitiert Sophokles, Gerhart Hauptmann, Thomas Mann und Hans Magnus Enzensberger, fügt andere Quellen hinzu, so den Bericht eines Jungen aus Hiroshima, der im August 1945 Zeuge der Atombombenexplosion wird. Ans bedrückende Ende setzt Brandauer den Faustschen Anfangsmonolog: „Habe nun, ach! Philosophie, / Juristerei und Medizin, / Und leider auch Theologie! / Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.“ Denn alles, so der Schauspieler, sei ein Kreislauf. Und so beginnt es denn von vorn, geht der Abend von „Faust“ zu „Faust“. Dazwischen aber steckt die Welt: Der rastlose Geist, das unermüdliche Forschen, die Glücksverheißungen, das Feuer und all die anderen kulturellen Segnungen, die der rebellische Held den Menschen bringt, aber auch das Betrügen und Morden. Walpurgisnacht, Hexeneinmaleins, Helena und Gretchen, Dämonen und Geister. „Was würdest du, Höllenhund, dafür tun, wenn es für dich die Hoffnung gäbe, Seligkeit zu erlangen?“ ruft Brandauer aus, während Hope den Bogen tollkühn über die Saiten tanzen lässt. „Der Pakt mit dem Teufel führt unweigerlich in die Katastrophe“: Dem Forschen folgen Krieg und Tod – die Bombe. „Ist das der Fortschritt, von dem so viele geträumt haben?“ fragt der Schauspieler nun. Die Antwort kommt am Schluss: „Da steh’ ich nun, ich armer Tor! / Und bin so klug als wie zuvor“. Nachdem schließlich doch Beifall losbricht, schließt Brandauer mit einem Satz Erich Kästners: „Es gibt nichts Gutes…“ Das Publikum vollendet: „…außer man tut es.“ Es klingt fast wie ein Amen – und stimmt.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 6. September 2010

9. September 2006

GESTANK UND GEMÜSE

Abgelegt unter: ALLGEMEIN — Martin Stefke @ 23:46

Weltweit einzigartig: Großbeeren hat eine Kläranlage unter Denkmalschutz gestellt

GROSSBEEREN | Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es geht hier nicht um jene landwirtschaftlichen Nutzflächen bei Großbeeren, auf denen Generalleutnant Friedrich Wilhelm von Bülow und seine Mannen am verregneten 23. August des Jahres 1813 auf Napoleons Truppen einschlugen. Nein, das Schlachtfeld - Theodor Fontane nannte es “die berühmten Felder” - spielt hier bestenfalls eine Nebenrolle.

Kaum weniger bemerkenswert nämlich als der Sieg, der - wie wir heute wieder in goldenen Lettern am Gedenkturm inmitten des damals erbittert umkämpften Dorfes lesen können - “Berlin vor drohender französischen Besatzung bewahrte”, sind jene Äcker, auf denen sieben Jahrzehnte nach Bülow zwei Zivilisten einen anderen, nicht minder großen Erfolg einfuhren. Ohne Säbelrasseln und Kanonendonner vollzog sich, was ein Siegeszug um die Welt werden sollte. Im Norden und Süden der Stadt ließ der Magistrat seit 1874 großflächige Gebiete kaufen und dort Felder anlegen, auf denen sich vom November 1875 an durch natürliche Filterung im Erdreich reinigte, was zuvor aus hauptstädtischen Spülsteinen, Latrinen, aber auch aus mancher Fabrik und Hinterhofmanufaktur in die neu erbaute Kanalisation der boomenden Großstadt rauschte. In gewaltigen Rohren gesammelt, von Pumpwerken über eiserne Druckleitungen über die Stadtgrenzen hinaus ins Brandenburgische befördert und mittels eines ausgeklügelten Systems von Becken und Gräben auf die so genannten Rieseltafeln “aufgeschlagen”, versickerten die Berliner Abwässer mehr als 100 Jahre lang im märkischen Sand.

Heute sind Standrohre und Rieselwärterhütten größtenteils verschwunden, ist die Funktionsweise der Felder den meisten Zeitgenossen unbekannt. In Großbeeren aber blieb ein Rieselfeld samt seiner Anlagen erhalten. Seit September 1999 steht es unter Denkmalschutz. “Eine Fläche von 20 Hektar südwestlich der Ortslage von Großbeeren”, weiß Stephan Parsiegla, örtlicher Revierförster und Vorsitzender des Vereins für Landschaftspflege und Umweltschutz Teltow-Fläming. Der Mann, Jahrgang 1966, ist in Großbeeren zu Haus und von Anfang an dabei, die “Sache Denkmal Rieselfeld voranzutreiben”. Der Tag des offenen Denkmals kam da stets zupass. Mit Wanderungen durch den einstigen “Gemüsegarten Rieselfeld”, Führungen und einer Ausstellung präsentierte man das Areal der Öffentlichkeit. Ob der Denkmaltag in diesem Jahr allerdings ähnlich ablaufen wird, weiß Parsiegla nicht. Und der einzige Mann, der ihm das sagen könnte, Markus Mohn, Landschaftsplaner im Verein, hat gerade Urlaub. “Er wird pünktlich einfliegen.” Parsiegla ist Optimist.

Ingenieurtechnisches Meisterstück

Tatsächlich findet sich im Programm des Denkmaltags am morgigen Sonntag, der diesmal unter dem Motto “Rasen, Rosen und Rabatten” steht, ein Hinweis auf Führungen. Vielleicht aber, so schlägt der Förster vor, sei es besser, das Rieselfeld nur am Rande zu erwähnen. Andere Denkmale - Bülowpyramide, Gedenkturm und Schinkelkirche - stünden ja für die Großbeerener Vergangenheit. Um die Schlacht jedoch geht es hier bekanntlich nicht. Und so muss der Förster davon berichten, wie und wann “die Sache” begann und wem Großbeeren die Anfang der 1890er Jahre endgültig fertig gestellten Anlagen zu verdanken hat. Natürlich weiß er auch, dass die Rieselfelder nicht nur für Geruchsbelästigung standen. “Es hat gestunken”, gibt er zu, “aber sie brachten auch Arbeit und das angebaute Gemüse auf den Berliner Wochenmärkten gutes Geld.” Eine ingenieurtechnische Meisterleistung, nennt Parsiegla die Anlagen dann auch: “Ein Stück Kulturgeschichte der Region.” Auch von Grünräumen spricht er und Belüftungszonen für die Stadt, die es zum Nutzen kommender Generationen zu erhalten gilt. Überhaupt kann und will der Waidmann seine Bewunderung für “unsere Altvorderen” nicht verhehlen. Mit welchem Weitblick Leute wie der Berliner Stadtbaurat James Hobrecht und der berühmte Arzt und Professor Rudolf Virchow damals planten, davon könnten wir heute noch lernen.
Das von Hobrecht und Virchow vorangetriebene Prinzip scheint verblüffend einfach. Das Erdreich, in dem das in Absatzbecken von Schweb- und Schwimmstoffen vorgereinigte Abwasser versickert, wirkt wie ein Filter. Der Boden fängt die gelösten Inhaltsstoffe auf. Stickstoff, Kali und Phosphorsäure werden von den auf den Feldern angebauten Pflanzen aufgenommen, sodass sauberes Wasser durch in der Erde liegende Drainagerohre und Vorfluter in natürliche Abflüsse wie Bäche und Flüsse läuft. Die Filterwirkung war derart perfekt, dass Rudolf Virchow nicht nur, wie es in einer Schrift aus dem Jahr 1928 heißt, “bei Besichtigungen mit Fremden das abfließende Wasser mit einem mitgebrachten Trinkglase auffing und vor aller Augen trank”, sondern “die Anwesenden zur Trinkprobe nötigte”. Ohne gesundheitliche Folgen für den Professor und die Gäste.

Mit der Zeit belasteten die intensive Berieselung und die zunehmend mit Schwermetallen versetzten Industrieabwässer den Boden freilich so, dass spätestens in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts selbst der Herr Professor auf seinen Trunk verzichtet hätte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der bisher wegen des Nährstoffangebotes außerordentlich ertragreiche Gemüseanbau eingestellt und durch Getreide- und Futteranbau ersetzt. Mitte der 80er Jahre gab man sowohl die landwirtschaftliche Nutzung als auch die Berieselung schrittweise auf. Moderne Klärwerke übernahmen die Abwasserreinigung.

Im Verein für Landschaftspflege und Umweltschutz aber wurde nach der auf Betreiben der Unteren Denkmalschutzbehörde erfolgten Eintragung des Rieselfeldes in die Denkmalliste ein Fachbeirat gegründet. Wie der Landschaftspflegeverband, in dem, so Parsiegla, “Landnutzer, Kommunalpolitiker und Naturschützer konstruktiv zusammenarbeiten”, versteht sich dieser als eine Art Runder Tisch. “Es geht darum, Probleme gemeinsam zu lösen und das Gelände sinnvoll zu nutzen.” So entwickelte man die Idee eines Naherholungsgebietes mit Denkmalpfad. Und wenn es nach den Vorstellungen der Arbeitsgruppe geht, soll künftig sogar eine Teilfläche der Anlage wieder berieselt werden. Mit unbelastetem Regenwasser.

Idylle mit Obstbäumen

Davon jedoch ist vor Ort noch nichts zu sehen. Verwunschen wirkt die Gegend auf den ersten Blick. Eine Landschaft mit Obstbäumen, Eichen und Holunderbüschen, mit Wiesen und seltenen Wildpflanzen, ein Lebensraum für bedrohte Vogelarten wie den Neuntöter, aber auch für Rehwild und Hasen.

Wo die befestigte Decke des Trebbiner Weges in eine Wiese übergeht, mäht ein alter Mann Gras. Wie immer, möchte man meinen. Denn, so verrät er, seit er im November 1959 auf dem volkseigenen Gut Beschäftigung fand, habe er auf den Feldern gearbeitet. Und dann erzählt er von den Rieselwärtern, jenen Männern, die das Abwasser auf die Rieseltafeln lenkten und selbst bei Wind und Wetter nur ab und an in ihrer Hütte Zuflucht suchen durften. Das neun Meter hohe eiserne Druckrohr nämlich, das heute als einziges seiner Art erhalten ist, gab ihnen Zeichen. “Wenn da das Wasser rausgeschossen kam, dann hatte der Rieselwärter was falsch gemacht - und musste rennen.”

Heute aber, sagt der Mann und senkt die Stimme, seien diese Männer fast alle tot. Doch “die Sache mit dem Rieselfeld”, die werde noch was. “Das kommt, das kommt.” Gut möglich.

Technisches Denkmal Rieselfeld Großbeeren. Trebbiner Weg, Großbeeren. Führungen am 10. September, 13-18 Uhr. Auch sonst zugänglich. Informationen über Verein für Landschaftspflege und Umweltschutz Teltow Fläming e.V., Erlenweg 1, Rangsdorf, 033708/2 08 21.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 9. September 2006

7. Mai 2005

DER MUSENSOHN

Abgelegt unter: ALLGEMEIN — Martin Stefke @ 23:11

In Brandenburg hat Berol Kaiser-Reka seinem Vater ein Denkmal gesetzt

BRANDENBURG | Aufhören. Vielleicht ist es nicht die beste Idee, mit diesem Wort zu beginnen. “Aufhören” klingt wirklich negativ. Einfach zu endgültig. “Schreiben Sie nicht zu viel davon”, gibt Berol Kaiser-Reka zu bedenken. “Sie wissen: Abschied nehmen ist schwer. Besonders, wenn man es nicht lassen kann.”

Sicher hat er Recht. Vielleicht sollte man die Welt also positiv betrachten und die Sorgen des gebürtigen Brandenburgers wie die der anderen Museumsleute im Land heute mal beiseite lassen. Nicht daran denken, dass mancher von ihnen vor gut einem Jahr dem bayrischen Landeskonservator York Langenstein zustimmen musste, als dieser bemerkte, einige märkische Depots glichen mehr Deponien als gepflegten Sammelorten. Vergessen könnte man dann auch die misslichen Werbe- und sonstigen Etats, die sinkenden Mitarbeiterzahlen, das ganze museale Hangeln von Jahr zu Jahr.

Statt dessen könnte man feststellen: Am Sonntag ist Internationaler Museumstag. Und dass Matthias Platzeck diesen in seiner Eigenschaft als derzeitiger Bundesratspräsident auf der bundesweiten Auftaktveranstaltung gerade in Brandenburg an der Havel eröffnen wird (ab 10 Uhr bei freiem Eintritt für jedermann im Industriemuseum), das ist doch wirklich was.

Doch Berol Kaiser-Reka denkt nun mal immer öfter ans Aufhören. Wahrscheinlich noch in dieser Saison, verrät der 75-Jährige, sei Schluss. Im November, so um den Tag herum, an dem sein Vater, der Instrumental-Virtuose und Musikartist Paul Kaiser, vor 100 Jahren seinen ersten Auftritt über eine heimische Bühne schaukelte. Mehr schlecht als recht. Bevor der Newcomer damals im “Apollotheater” in der Werderstraße nämlich an die Reihe kommt, verletzt sich ein Artist beim Sturz vom Trapez. Kaiser ist daraufhin derart verstört, dass er zur Musik ein falsches Couplet schmettert.

Nichtsdestotrotz: Mit dem verpatzten Einstand beginnt eine Ausnahme-Karriere. Köln, Brüssel, Amsterdam, Metz, Görlitz, Meißen, Hamburg, Den Haag und Rotterdam sind nur einige Stationen seines Weges. Im Berliner “Wintergarten” und im Londoner “Coliseum”, sogar in Pretoria und Kapstadt wird der “King of Instrumentalists” sein Publikum beglücken. In Südafrika übrigens mit Wiener Walzern und Polkas.
Dem ungewöhnlichen Künstler, der sich seit der Revolution von 1918, “als man von Kaisern nichts mehr wissen wollte”, Reka nannte, hat sein Sohn Berol vor drei Jahren in Brandenburg an der Havel einen Musentempel “geweiht”. Paul Kaiser-Reka Archiv & Kollektion steht an der von April bis September nur einmal in der Woche von 10 bis 12 Uhr geöffneten Tür in der Kurstraße 63. Um 10.30 Uhr startet hier an jedem Sonn- und Feiertag eine wahrlich unvergessliche Matinee. Dann juchzen Kinder über musikalische Parodien, stimmen ältere Damen gerührt in wohl bekannte Weisen ein. Im launigen Lichtbildervortrag versetzt uns der Musikersohn in die Vergangenheit, lässt in humorigen Szenen und Nummern seinen Vater aufleben. Der “Junior” bläst auf der größten Posaune der Welt. Er trommelt und hupt des “alten Herren” wahrlich urkomische Jazzparodie. Mal mit dickrahmiger Brille, mal mit neckischem Bart. 90 Minuten Riesenspaß. Nach der Hälfte geht”’’s in die “Belletage”. “Da wird es ernst”, warnt der Musensohn. Natürlich ist auch dies ein Scherz. Denn den “Spuk in der Musikermansarde” hat schon der heitere Senior erfunden. Verstopfte Trompeten, berstende Geigen, gebärende Celli, schellende Sonnenblumen, ein gefährliches Grammophon - auf den seltsamsten Instrumenten schenkt Kaiser-Reka seinen Gästen einen anrührend-unterhaltsamen Vormittag. Man sollte hingehen, solange diese Attraktion in der Havelstadt noch live zu erleben ist.

Paul Kaiser-Reka-Archiv & Kollektion, Kurstraße 63, Brandenburg an der Havel. Diesen Sonntag von 10-17 Uhr, 03 38 34/5 07 98. Weitere Informationen zum Museumstag im Internet unter www.museumstag.de.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 7. Mai 2005

23. April 2005

SCHWEIGEN UND ERINNERN

Abgelegt unter: ALLGEMEIN — Martin Stefke @ 22:55

Vor 60 Jahren befreiten Rotarmisten den “Verlorenen Zug”

Die Recherche beginnt mit einem Missverständnis. “Nein, das war nicht in Brandenburg”, korrigiert der Regisseur Thomas Heise. “Das Dorf heißt Sülsdorf. Es liegt in der Nähe von Schwerin.” Heise hat natürlich Recht. Schließlich wollte er über diesen Ort einmal einen Film drehen. Doch seine Geschichte, die 1987 als Manuskript unter dem Titel “Schweigendes Dorf” im Berliner Henschel Verlag erscheint, erinnert nun mal auch an das, was vor 60 Jahren im brandenburgischen Langennaundorf (Landkreis Elbe-Elster) geschehen ist. Hier wie dort standen im April 1945 Züge mit Häftlingen aus Konzentrationslagern. Und das mehrere Tage lang.

Im Gegensatz zum eher unbekannt gebliebenen Ort im Süden Brandenburgs hat es Sülsdorf zu zweifelhafter Berühmtheit gebracht. Im Juni 1947 wird dort ein Massengrab entdeckt. Von den 53 Toten will damals jedoch niemand gewusst haben. 1948 schreibt der Schriftsteller und Kommunist Willi Bredel, der ehemalige Spanienkämpfer und Frontpropagandist im Nationalkomitee Freies Deutschland, die Novelle “Das schweigende Dorf”. Für Bredel ist der Fall Sülsdorf klar. Die Bewohner des Dorfes, das in seiner Novelle Dollhagen heißt, haben sich an einem Verbrechen mitschuldig gemacht. Nachdem seinerzeit nämlich 14 Frauen die Flucht aus dem Zug gelungen war, fingen einige Bauern auf Befehl der SS-Wachmannschaft die Flüchtigen wieder ein. Nur ein Zufall bringt das Verbrechen an den Tag. Der ehemalige Ortsgruppenleiter wird als Anführer zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die anderen kommen ohne Strafe davon. Bredel lässt seinen Protagonisten resümieren: “Unsere Demokratie ist wieder viel zu nachsichtig, viel zu großzügig.”
Heise kennt die Novelle, als er sich 1984 an die Arbeit macht. Es ist nicht lange her, da hat der 29-Jährige die Babelsberger Filmhochschule verlassen. Nicht eben aus freien Stücken. Drei Filme hat man ihm in den vorangegangenen drei Jahren verboten. “Alles, was ich gemacht hatte”, erinnert er sich, “haben sie in den Keller geschickt. Da dachte ich: Nimmst Du Bredel. Da können Sie das nicht.”

Doch Heise wird bald klar, dass es auch den Film über Sülsdorf nicht geben wird. Weil das Leben eben nicht wie in Bredels Geschichte ist: “So geglättet, dass die Absicht aus jeder Zeile springt.” Er sucht in Kirchenbüchern, in Archiven. Im Salzschacht bei Morsleben, einem Außenlager des KZ Neuengamme, das bald darauf als Atommüllendlager genutzt werden wird, findet er salzverkrustete Papiere - Transportlisten der Häftlingszüge. Heise sucht Zeitzeugen. Er findet auch sie. Einen Lokführer, der erst leugnet, etwas gewusst zu haben, dann aber von mitfahrenden “schwarzen Husaren” (der SS) und vom Lager Wöbbelin erzählt, das er “bedient” hat. Heise findet Sülsdorfer, die als Kinder die Gefangenen aus nächster Nähe sahen, die ihre Schreie hörten und ihre Lieder. Alle reden sie. Alle erinnern sich. Schließlich spricht eine Frau von ihrer Angst, dass auf einmal der Krieg zu Ende ist und der Zug noch immer im Bahnhof steht. Am Morgen des 15. April 1945 aber fuhr er plötzlich ab.

Auch bei Langennaundorf wird sich der Zug, der hier am 20. April vor der zerstörten Brücke über die Schwarze Elster stehen blieb, wieder in Bewegung setzen. Seit dem 10. April sind in seinen 46 Güter- und Personenwaggons 2500 Häftlinge, so genannte “Austauschjuden” aus dem KZ Bergen-Belsen, mit Bestimmungsort Theresienstadt unterwegs. Der Tod fährt immer mit. Eine Zeitlang gilt der Zug als verschwunden. Deshalb wird man ihn später den “verlorenen” nennen. Am 22. April rollt er in das fünf Kilometer östlich von Langennaundorf gelegene Tröbitz ein. Weshalb, ist nicht sicher. Während heute die einen die These vertreten, man habe ihn aus der Hauptkampflinie bei Langennaundorf in Sicherheit gebracht, hält sich das Gerücht, die “Verantwortlichen” hätten ihn aus dem gleichen Grund wie in Sülsdorf “weiter geschoben”: Dass er am Ende des Krieges bloß nicht bei ihnen stehe.
Die Tröbitzer nämlich werden die Befreiung der Häftlinge als eine Katastrophe erleben. Am Morgen des 23. April stehen mehr als 2000 Fremde im 700-Seelen-Dorf. Sie werden in den Häusern der Einheimischen einquartiert. Nach einigen Tagen bricht unter den Befreiten Typhus aus. Das Dorf wird zum Krankenlager. Mehrere Wochen wird es unter Quarantäne gestellt. Mindestens 320 der Befrei-

ten - Männer, Frauen und Kinder - überstehen die Krankheit nicht. Die Überlebenden können Tröbitz zwischen Juni und August 1945 wieder verlassen. Nur einer bleibt in der sowjetischen Besatzungszone. Wenige kommen - meist erst nach dem Ende der DDR - an den Ort ihrer Leiden zurück, suchen Erinnerung, besuchen die Gräber auf dem kleinen jüdischen Friedhof der Gemeinde oder die 1953 eingeweihte Mahn- und Gedenkstätte. An großen Jahrestagen reisen prominente Gäste an. Sonst bleiben die Tröbitzer unter sich.

Auf einer Informationstafel in Langennaundorf steht heute der Satz: “Am Bahnkilometer 101,6 ist ein Judendenkmal, an dem jedes Jahr am 23. April eine Gedenkfeier stattfindet.” Wegweiser zu dieser Grabstelle gibt es nicht.

Am 23. April 1945 verlässt auch die 13-Jährige Ursula Levi den Zug. Wenige Tage später wird sie unter einem blühenden Birnbaum liegen und einschlafen. Als sie aufwacht, sieht sie die Blütenpracht. Sie denkt: “Das kann nur der ewige Himmel sein.” Er war es nicht. Ursula Levi hat das Grauen überlebt.

1987 wird im Potsdamer Hans Otto Theater Thomas Heises Manuskript “Schweigendes Dorf” als Theaterstück uraufgeführt. Zwölf Jahre später dreht der Regisseur Hans-Jürgen Hermel einen Film über den “Verlorenen Zug”. Selten ist er im Fernsehen zu sehen. Heute nicht.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 23. April 2005

23. August 2004

SCHWARZ WIE OFENRUSS

Abgelegt unter: ALLGEMEIN — Martin Stefke @ 22:58

In Wünsdorf wurde die erste Moschee Deutschlands gebaut

WÜNSDORF | Der heilige Krieg fand nicht statt. Dabei hatten sich die Militärs Seiner Majestät Wilhelm II. alle Mühe gegeben. Ausgehend von der mit dem Deutschen Reich verbündeten Türkei sollte sich die islamische Welt im französisch besetzten Nordafrika und in Britisch-Indien gegen die Kolonialmächte erheben und an der Seite “der Retter des großen mohammedanischen Reiches”, Deutschland und Österreich-Ungarn, den Sieg erringen.

Doch der Plan hatte keinen Erfolg. Zwar rief das Oberhaupt des Osmanischen Reiches, Sultan-Kalif Mehmed Reschad, die Muslime in seiner Fatwa vom 14. November 1914 auf, den “Feinden den Glaubenskrieg zu erklären”, nur antworteten die Gläubigen zwischen Marrakesch und Kalkutta mit Tatenlosigkeit.

Auch die von den Deutschen gefangen genommen Kolonialsoldaten, die das Berliner Kriegsministerium in zwei “Sonderlagern” in der Nähe der Hauptstadt, dem “Weinberglager” Zossen und dem “Halbmondlager” Wünsdorf, hatte “konzentrieren” lassen, wollten nicht recht glauben, dass sie keine Gefangene, sondern “wahrhaftige Gäste des Deutschen Kaisers” seien. Die 12 000 “Russen”, vor allem Kasan-Tataren, aber auch christliche Georgier und Armenier, und die 4000 Afrikaner, Afghanen, muslimische Inder sowie Hindus und Sikhs, die das Militär vom “Freundschaftsverhältnis des Deutschen Reichs zu den islamistischen Völkern” überzeugen und zum Seitenwechsel bewegen wollte, zeigten wenig Interesse am Stoff, den man ihnen in Schulungen, militärischen Übungen und organisierten “Spaziergängen in die Umgebung” einzutrichtern suchte. Im Vergleich zur Aussicht jedoch, im Krieg als “Kanonenfutter” verheizt zu werden, bedeutete die Gefangenschaft vermutlich für die meisten das eher kleinere Übel. Die deutschen Propagandaoffiziere indes verkauften der Öffentlichkeit die Haftbedingungen als “Vorzugsbehandlung”. 1915 ließ das Kriegministerium, “da besonders auf die Befriedigung der starken religiösen Bedürfnisse der Leute” Rücksicht genommen werden müsse, im “Halbmondlager” sogar eine Moschee erbauen.

Mit erstaunlicher Geschwindigkeit durchlief die Angelegenheit die Amtsstuben. Nachdem der deutsche Botschafter in Konstantinopel, Hans Freiherr von Wangenheim, das Auswärtige Amt in Berlin am 10. Dezember 1914 hatte wissen lassen, dass die türkische Seite einen solchen Bau sehr begrüßen würde, konnte der für den Fall zuständige Leiter der Politischen Abteilung des Generalstabes Hauptmann Rudolf Nadolny dem Amt schon im Februar 1915 empfehlen, “fachmännischen Rat” einzuholen, “damit nicht eine Phantasie-Moschee zustande kommt, die zwar nach unseren Begriffen stilvoll ist, das Gefühl der Eingeborenen aber beleidigt”. Gesagt getan. Ende März bezifferte Nadolny, weil der Bau “mit Rücksicht” auf den “provisorischen Charakter in möglichst einfacher Form aus Holz ausgeführt werde”, die Kosten auf nur 45 000 Reichsmark. Gleichwohl entstanden im Frühsommer 1915 innerhalb von gerade einmal fünf Wochen nicht nur ein ansehnlicher Kuppelbau mit nach Mekka ausgerichteter Gebetsnische und 26 Meter hohem Minarett, sondern auch ein modernes, durch einen offenen Vorhof mit Wasserbecken vom Betsaal getrenntes “Brause-Badehaus”. Hier konnten die Gläubigen rituelle Waschungen vornehmen.

Die Berliner Firma Stiebitz und Köpchen führte den Entwurf des ebenfalls aus der Hauptstadt stammenden Architekten A. Schultze aus. Der Potsdamer Hofmaler André übernahm die Malerarbeiten. Die Einweihung wurde zu Beginn des Fastenmonats Ramadan am 13. Juli 1915 im Beisein des türkischen Botschafter feierlich begangen. In patriotischer Haltung berichtete die Presse aus den Lagern und vom neuen Bauwerk, “das sich auf dem Boden der Mark höchst sonderbar ausnehme”. Die Reporter schilderten das “Lagerleben” als eine Art “Völkerschau”, ein buntes Treiben fremder “Rassen”. Sie mutmaßten, “mancher der Russen wird hier in Deutschland zum erstenmal ein gründliches Bad kennen gelernt haben”, beschrieben die “schwerfälligen Gemüter dieser Naturkinder”, die “guten und trockenen Unterkünfte”, das “anständige Essen” und die Hautfarbe der “Senegal-Neger” als “schwarz wie Ofenruß”.

Ohne Frage entfalteten nicht nur die Moschee, sondern auch die Lager eine ausgesprochene Magnetwirkung bei der Bevölkerung. So ist im Teltower Kreisblatt vom 10. November 1914 nachzulesen, dass der Wünsdorfer “Fremdenverkehr sonntags geradezu Massencharakter annehme”. Die Bahn setzte Sonderzüge ein. Familien unternahmen Ausflüge zum Gefangenlager und manch Schulkind kritzelte schon mal ins Aufsatzheft: “An dem Zaun stehen Posten mit scharf geladenem Gewehr und halten Wache Tag und Nacht. Wenn einer versucht zu fliehen, wird er erschossen.”

Besonders in den letzten Kriegsjahren konnte von einer “Vorzugsbehandlung” keine Rede mehr sein. Die Gefangenen wurden nicht nur in Gewerbe- und Landwirtschaftsbetrieben als Arbeitskräfte eingesetzt. Unreichende Ernährung und medizinische Versorgung führten zum Ausbruch von Fleckfieber, Tuberkulose und anderen Krankheiten, an denen insgesamt mehr als 950 Lagerinsassen starben. Die Toten wurden auf dem Friedhof des 1911 geräumten Ortes Zehrensdorf bestattet.

Heute lässt die Stadt Zossen die über Jahrzehnte hinweg vernachlässigte Begräbnisstätte - der Friedhof gehörte zwischen 1936 und 1994 zum Gelände des Truppenübungsplatzes Zossen - rekonstruieren. Einige Grabsteine wurden geborgen und restauriert. Sie sind im Garnisonmuseum von Wünsdorf zu sehen. Das hölzerne Bethaus aber verfiel bald nach Auflösung der Lager. 1930 wurde die erste Moschee in Deutschland abgerissen. Wenige Jahre später ließ die Wehrmacht das Gelände des “Halbmondlagers” mit Kasernen überbauen. In den Häusern übten gerade einmal zwanzig Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges Soldaten schon für den nächsten Krieg.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 23. August 2004

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