MARTIN STEFKE

3. August 2011

Netzeband ertrinkt

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 15:57

Premiere der Grabbe-Komödie beim Theatersommer fällt ins Wasser

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NETZEBAND | Nach fünf Minuten denkt der Kritiker noch: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung. Sucht die Schuld noch eine Weile bei sich selbst. Fragt sich, ob die übrigen Premierenbesucher von Christian Dietrich Grabbes Komödie „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ beim Theatersommer Netzeband (Ostprignitz-Ruppin) vielleicht doch besser auf das Wetter eingestellt sind.
In langen Plastikcapes sitzt ein knappes Hundert Aufrichtige artig unter Schirmen im Netzebander Gutspark. Der trieft vor Nässe. Und der Regen prasselt auf die ganze Welt. Frank Matthus aber, der künstlerische Leiter des Theatersommers, hat soeben – es ist halb neun – die Parole für den Abend ausgegeben. Sie heißt: „Wir ziehen das durch.“ Keine Regenvariante in der Kirche also, sondern Freilufttheater. Zuvor sagt er unter dem Beifall der Gäste: „Wir haben von Ihnen gelernt. Sie wollen das so.“
Nun gut, das Publikum ist König. Und der Kritiker hat ja auch einen Schirm dabei. Seine Jacke ist absolut wasserdicht und die Decke auf den Knien hält das Nass ja auch noch eine Weile ab.
Tatsächlich fühlen sich die Beine nach zehn Minuten noch immer trocken an. Die Gedanken aber sind schon lange nicht mehr beim Stück und den Figuren – beim versoffenen Schulmeister, dem frierenden Teufel und Gottliebchen, einem drögen Bauernjungen, der, weil er „die Würmer hat“, ein Gelehrter werden soll. Das Hirn schlägt sich mit anderen Fragen herum. Die erste: Muss man bei Dauerregen wirklich draußen spielen? Die zweite: Werden die rund zwanzig Darsteller diese Regenschlacht gesund überstehen?
Senkrecht fällt das Wasser aus dem tief hängenden Himmel auf die märkische Erde, weicht sie auf und lässt den Rasen zu einer gefährlich-glitschigen Spielfläche werden. Auf der Tribüne stürzen leere Kunststoffstühle wie Dominosteine um. In der ersten Reihe ruft jemand: „Hebt doch die Frau mal auf!“ Die Darstellerin Ines Lammer (als Teufel) liegt schon seit einigen Minuten im Schlamm.
Doch das Spiel geht weiter. Die Naturhistoriker laufen herbei, um den „verwickelten Kasus“ zu bestaunen. „Wie man deutlich sieht, erfroren!“ raunen sie und beugen sich über die Gestalt. Es folgt im Text der krasse Gegensatz zur Sintflut-Szenerie: „Die Sonne steht flammend am Himmel“. Netzeband ertrinkt.
Man kann Frank Matthus ja verstehen. Wochenlang haben er, seine Akteure und Sprecher – die Dialoge kommen, das ist Netzebander Park-Prinzip, als Stimmen vom Band – auf den Premierenabend hingearbeitet. Theater in Netzeband lebt von der Atmosphäre im Park, vom satten Grün und dem sanft zur Temnitzkirche hin ansteigenden Hang. Diese Kulisse passt wunderbar zu Grabbes szenischer Selbstverulkung aus dem Jahr 1822. Und selbst im strömenden Regen geht von den Figuren, die in den expressiven Masken der Schweizerin Johanna Maria Burkhart dem Wetter trotzen, ein eigentümlicher Zauber aus.
Doch der Regen spült an diesem Abend jegliche Faszination hinweg. Ein Kurzschluss lässt die Beleuchtungsanlage kapitulieren. Als das Licht wieder angeht, platzt krachend ein Scheinwerfer, steigt eine Dampfwolke auf.
Nach einer halben Stunde ist Schluss. Ensemble und Publikum suchen in der Kirche Schutz. Die Darsteller sind durchgefroren, ihre Kostüme so nass, dass sie nicht weiterspielen können. Doch als Frank Matthus aufs Podest vor der Kanzel steigt, begrüßt das Publikum ihn mit Applaus. Der Regisseur bittet um Entschuldigung und versichert, die Karten behielten für kommende Vorstellungen ihre Gültigkeit. Dann spendiert er für jeden ein Getränk. Am Tag darauf lässt er in der Kirche spielen. Selbst wenn man es gut meint, man kann das Wetter nicht bezwingen.

„Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“. Bis 27. August, jeweils Fr und Sa 20.30 Uhr, Gutspark Netzeband. Karten unter 03 39 24/799 36. www.theatersommer-netzeband.de

Zuerst erschienen in: Märkische Allgemeine vom 1. August 2011

2. August 2011

THEATER: Hop heisa, bei Regen und bei Wind

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 22:01

„Was ihr wollt“ – das Potsdamer Poetenpack trotzt mit pointiertem Shakespeare dem Wetter

Poetenpack Potsdam Szene aus "Was ihr wollt"

POTSDAM | Kaum zu glauben, dass aus der Aufführung der Shakespeare-Komödie „Was ihr wollt“ am Donnerstagabend auf dem Klausberg doch noch eine gefeierte Potsdam-Premiere werden konnte. Zwar war es in der Landeshauptstadt lange trocken geblieben, am Nachmittag aber ertrank die Welt im Regen. Doch Andreas Hueck, Chef des Poetenpacks, hielt entschieden Kurs: „Wir werden wahrscheinlich unterbrechen müssen, aber: Wir spielen!“
Eine gute Entscheidung. Denn schließlich spielte selbst das Wetter mit. Als Anja Reßmer in der Doppelrolle der Zwillinge Sebastian und Viola nach knapp drei Stunden die Verwechslungsgeschichte mit einer Drehung ihres Körpers auflöst, sind Regen und Kälte zwar noch nicht vergessen, doch längst Nebensache. Das Publikum, mit Sitzkissen und Capes, Mützen und Decken bestens ausgestattet, lässt sich das Theater nicht vermiesen, und sie werden durch das Spiel entschädigt. Regisseur Carl-Hermann Risse und das Ensemble erzählen das Stück ideen- und meist auch temporeich. Dabei setzen sie auf das Wesentliche – das genaue Spiel, den Wortwitz sowie die Komik, die aus dem Ineinandergreifen von Verwechslungen und der Ernsthaftigkeit der Figuren entsteht.
Die Nordfront des Belvedere gibt eine treffliche Kulisse ab. Die geschwungenen Treppen fassen die Bühne ein und bieten selbst Spielfläche. Wegen der Nässe ist allerdings Vorsicht angebracht. Lars Wild gibt den Herzog Orsino als weltgewandten Melancholiker. Blitzschnell wechselt er in die Rolle des schrillen Junkers Bleichenwang – rasend komisch, vorwitzig, albern. Der Schauspieler kreist in „Hüpf-Pirouetten“ um die Szene und parliert arglos-naiv im schönsten Schwyzerdütsch. Selten war Dialekt so passend wie hier. Tim Knappers Tobias Rülp ist ein derber und doch herzensguter Haudegen und Saufbold. Er treibt die grandiose Intrige gegen Malvolio, den Haushofmeister der Gräfin Olivia, wunderbar an. Thea Schnering steht als Schiffshauptmann Antonio treu Sebastian zur Seite, als Dienstmädchen Maria begleitet sie Gräfin Olivia. Wenn Malvolio auf den gefälschten Liebesbrief hereingefallen ist – Peer Göring bringt das Publikum zum Kreischen –, legt auch Schnering danach eine fulminante Lachnummer hin.
Gislén Engelmann spielt die trauernde Olivia. Schön ist, wie sie dieser Frau zwischen Sehnsucht nach Jugend und Liebesentsagung eine Geschichte gibt. Bevor die Leidenschaft siegt, spricht lange Zeit Zweifel aus ihrer Haltung gegenüber der Welt. Eine Position, die auch Wolfgang Heiderichs Narr bekannt ist. Heiderich spielt einen ungemein weisen Alten. Aus Gelassenheit und Wissen findet er seinen Witz. Die Welt ist für ihn ein Irrenhaus.
Bis schließlich eine Drehung das Verwirrspiel beendet. Anja Reßmer schraubt sich als Sebastian einmal um die eigene Achse. Die Mütze fliegt vom Kopf. Die Haare öffnen sich, fallen ihr wehend auf den Rücken. Aus Sebastian wird das Mädchen Olivia. Der Weg ist offen zum Finale im Theaterglück. Und der Narr singt sein „Hop heisa, bei Regen und bei Wind“.

Nächste Aufführungen: heute und am 28., 29. und 30. Juli, jeweils 20 Uhr, Belvedere auf dem Klausberg, Maulbeerallee, Potsdam-Sanssouci. Karten unter . 0331/979 12 91 oder www.poetenpack.net

10. März 2011

DERB-KOMISCHES VOLKSTHEATER

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 23:19

In Senftenberg inszeniert Sewan Latchinian in alpiner Mundart

SENFTENBERG | Ja, Sakkradi, Kreizkruzefix, pfüat Gott! – Nein, auf diesen Dialekt verzichten wir hier doch besser. Erstens ist der Autor dieser Zeilen dessen kaum mächtig. Zweitens kann man ihn jetzt gekonnt an einem hiesigen Theater erleben: In Senftenberg, wo Neue-Bühne-Intendant Sewan Latchinian Anton Hamiks bäuerlichen Schwank „Der verkaufte Großvater“ aus dem Jahr 1941 inszeniert hat – „in alpiner Mundart“.

Gewiss ist diese Kunstsprache des 1887 in Wien geborenen Schauspielers und Regisseurs unseren Ohren nicht unbedingt geläufig. Deshalb scheint die Idee, das Ensemble in dieser Mischung aus Österreichischem, Bayrischem, und was da auch sonst noch immer mitklingen mag, reden zu lassen, doch einigermaßen verwegen. Doch das Wagnis geht erstaunlich gut auf. Augenzwinkernd nähern sich die Senftenberger dem Dialekt, ja dem ganzen Stück, und stellen dabei manches Klischee vom Volkstheater auf den Kopf.

Man versteht nicht nur, was da geschieht. Man hat trotz kleiner Längen im ersten Teil ein Mordsgaudi an der Geschichte und an der hölzern-kasperlepuppenhaften Darstellung. Ja, angesichts der oft ironisch überspitzten Spielweise, der Zitate und Anspielungen – selbst die Entstehungszeit mitten im Zweiten Weltkrieg setzt Latchinian in Szene, indem er hier einen Stahlhelm aus dem Schrank poltern und da Panzer dröhnen lässt – dem Jodeln und den Schuhplattlern, den Schnulzen aus dem Volksempfänger und einer Fülle von originellen Ideen prustet man immer wieder laut los oder kichert hinter vorgehaltener Hand. Fakt ist: Man strapaziert gute zweieinhalb Stunden sein Zwerchfell.

Ein Großvater wird also verkauft. Heinz Klevenow spielt den 80-Jährigen als tapsig-schusseligen Mann. Er schlägt mit dem Spaten Fensterscheiben ein und Teller vom Wandregal. Erst am Schluss wissen wir: Opa hat es trotz des Altes faustdick hinter den Ohren und tut nur so. Die meisten Verwicklungen der Geschichte zettelt er an. Ganz bewusst. Nur bei der Magd hat er es mit seinen Lausbubereien wohl übertrieben. Sie (Juschka Spitzer, als habe sie nie anderes als derlei deftiges Theater gespielt) kündigt resolut wegen der dauernden Beleidigungen – eine Katastrophe für Sohn und Enkel des Alten (köstlich: Wolfgang Schmitz als Bauer Kreithofer und Benjamin Schaup als dessen schlaksiger Sohn Lois). Der eine sitzt depressiv in der Stube. Der andere wird es auch nicht reißen. Brummbär und Bohnenstange – die Wirtschaft wird wohl vollends veröden.

Da kommt der Haslinger ins Spiel – im edlen Lodenmantel (Kostüme: Maria Frenzel) und mit praller Börse. Dem Kreithofer soll’s recht sein. Das Geld ist schon lange mehr als knapp. Dreimal hat er die Rate für die Hypothek schon nicht bezahlen können. „Ich lass mich nicht verschleudern“, mault der Großvater zwar, treibt so aber nur den Preis nach oben. Der Haslinger (der gebürtige Bayer Bernd Färber schwelgt im Heimatdialekt) freut sich trotzdem. Welch ein Kabinettstück!

Kurz und gut: Man ist sich einig. Opa zieht um. Und weil der Haslinger und seine Frau (Catharina Struwe) mutmaßen, der Alte besäße zwei Häuser, die er einst ihnen vererben werde, gehen sie ihm um den Bart, betuddeln und bemuttern sie ihn. Opa kostet das weidlich aus.

Für das turbulente Spiel hat Tobias Wartenberg eine außergewöhnliche Bühne gebaut, einen einzigen niedrigen, ja windschiefen Raum, der zu schweben scheint. Erst ist er Kreithofers ärmliche Behausung, dann gute Stube im Haslinger-Hof. Holztäfelung, Kachelofen, Bauernschrank und Wanduhr – wir sehen viel zopfig-heimelnde Gemütlichkeit. Dabei brodelt es vor Selbstsucht und Gier. Am Ende bekommt natürlich der Haslinger sein Fett, der Lois seine Ev (herrlich, wie Inga Wolff den Burschen anschwärmt) und das Team jede Menge Beifall.

Nächste Vorstellungen am 12. März, 1. und 23. April, jeweils 19.30 Uhr. Neue Bühne Senftenberg, Theaterpassage 1, Senftenberg. Karten unter 03573/801286.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 10. März 2011

3. März 2011

GÖTTLICHE LIEBE vs. MENSCHLICHKEIT

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 21:25

Heinrich von Kleists „Amphitryon“ steht in Cottbus und Potsdam auf dem Spielplan

COTTBUS/POTSDAM | Die Leichtigkeit ist das Verbindende. Und ein Funkeln, das nicht aus Scheinwerfern kommt, sondern tief aus der schönen Sprache. Aus einem 200 Jahre alten Text des Dichters Heinrich von Kleist. Im Land Brandenburg ist dieser Tage zweimal sein „Amphitryon“ zu sehen: in Potsdam und in Cottbus.

Wobei es besser heißen sollte: viermal. Denn Amphitryon steht bei Kleist ohnehin zweimal auf der Bühne. Der echte, der Feldherr, kehrt nach Monaten aus dem Krieg zurück. Alkmene, seine Frau, begrüßt ihn kurz: „So früh zurück?“ – Ein Satz, der einem Liebenden den Boden unter den Füßen raubt. Was soll das? Liebt sie ihn nicht mehr? Alkmene ihrerseits versteht ihn nicht. Sie hat ihn doch gerade erst gesehen. Und außerdem geliebt, wie nie zuvor. „Ich gab dir wirklich alles, was ich hatte“, beteuert sie und meint damit die letzte Nacht.

Am Staatstheater Cottbus glaubt Johanna Emil Fülle als Alkmene an einen schlechten Scherz. Und auch Thomas Harms blickt als Amphitryon ziemlich ungläubig drein. In Potsdam wird das ähnlich sein. Im Schlosstheater im Neuen Palais trifft Christoph Hohmann als Amphitryon auf „Alkmene“Marianna Linden. Die Unfassbarkeit, das Unbegreifliche der Situation ist es, was im leichten Stoff der Komödie das Drama auslöst. Beide haben doch recht. Beide sehen die Welt so, wie sie ist. Oder?

„Man darf nicht zu lange darüber nachdenken“, sagt Julia Hölscher, Regisseurin des Potsdamer Amphitryon. „Man gerät selbst in diesen Strudel hinein: Was ist Wirklichkeit? Und: Ist meine Wirklichkeit wirklich die Wirklichkeit, die ich erlebe?“ Das Stück, meint sie, habe eine sehr einfache Geschichte, aber die Auseinandersetzung der Figuren sei enorm: „Stets das ganz große Drama – immer ernst gemeint, tieffühlend mit Krisen ohne Ende.“

Was ist geschehen? Kein Geringerer als Jupiter – so erfährt der Zuschauer, nicht aber der Betroffene – hat Alkmene in jener Nacht besucht und mit ihr ein Kind gezeugt, den Halbgott Herkules. Dabei hat er sich – wie schon so oft – der Gestalt eines anderen bedient: War er zu Leda als Schwan, zu Europa als Stier und zur Nymphe Kallisto als deren vermeintliche Herrin Diana gekommen, hat nun Amphitryon dran glauben müssen. Der Trick führt zu ungeahnten Zerrüttungen, reißt Abgründe auf, löst Identitätskrisen aus. Nicht nur beim Feldherrn. Denn, wie gesagt, jeder glaubt von sich, er habe recht.

Aus dieser Situation entsteht viel tiefgründiger, ja philosophischer Witz und jede Menge wissendes Lachen. In Cottbus wie auch in Potsdam. Julia Hölscher, Jahrgang ’79, weiß um die Krisen Kleists. Sie blickt hinter sein „Deckmäntelchen der Komödie“ und betont doch die Bedeutung des Humors, der Leichtigkeit. „Das wäre schön, wenn die Leute ein ähnliches Erlebnis haben wie bei einem guten Woody-Allen-Film, aber mit der Größe der Kleistschen Sprache, nicht proklamiert, sondern ganz leicht wie Musik.“

In Potsdam wird es auf der kleinen Spielfläche im Hohenzollernschloss deutlich intimer zugehen als auf der großen Cottbuser Bühne. Ein Kammerspiel ist zu erwarten, mit Konzentration auf die Figuren. Ein Spiel mit Licht und ohne großen Bühnenbau. Nur ein Rundhorizont und ein schlichtes Bodentuch bilden die Kulisse – beides sandfarben wie in Cottbus, wo Mirjam Benkner die Bühne als eine Arena gebaut hat, eine Art Shakespeare-Theater mit kreisrunder Fläche im Zentrum, das von zwei hohen, beweglichen Wänden eingefasst wird. In ihrer Mitte spannt sich ein sanfter, pastellblauer Himmel über den Boden, ein angedeutetes Gemälde wie aus dem Rokoko. Hier liebt Jupiter Alkmene. Und wie! Regisseur Ingo Putz hat große Leidenschaft inszeniert. Johanna Emil Fülle spielt ihre Alkmene als sehnsüchtig Liebende, Johanna-Julia Spitzer einen ungemein sanften, zweifelnden Jupiter. Zwei Frauen? Ja. Und gerade wegen dieses Kunstgriffs ist die ungewöhnliche Beziehung in Cottbus kein Abenteuer, keine Inbesitznahme, sondern ein großes, ernst zu nehmendes Fühlen, ein Austausch von Zärtlichkeit, ein ewiger Abschied. Das hat etwas Göttliches.

Dass Peter Pagel seine Rolle als männlicher Jupiter in Potsdam ganz anders spielen wird, ist Julia Hölscher klar. Sie hat sich aber auch nicht für das Göttliche interessiert. „Jupiter“, sagt die Regisseurin, „ist so wenig göttlich, wie Menschen es sind.“ Und so werden sie auch äußerlich schlicht Menschen sein, in Kleidern, wie wir sie tragen.

Im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus haben der große Donnerer und sein Begleiter Merkur (Berndt Stichler) schon etwas Überirdisches. Fast gottgleich wirkt auch die Musikerin Susanne Paul, die am Rande der Bühne auf der E-Gitarre das Geschehen begleitet. Welche Töne in Potsdam angeschlagen werden, verrät Julia Hölscher noch nicht. Nur so viel: Es wird Musik erklingen, aber eher sparsam.

Bedeutender als das Göttliche ist in Cottbus allerdings die große Liebe. Einmal entgleiten die Hände von Alkmene und Jupiter einander, Nur noch ihre Fingerspitzen berühren sich, da der Gott sie verlässt, indem er sich rückwärtsgehend von ihr entfernt. Ein Bild entsteht wie aus Michelangelos „Erschaffung der Welt“. Das ist wunderbar, gerade weil auch dieses Spiel Kleists Vorlage vertraut und hinter all der Leichtigkeit und dem Licht stets das ganz große Drama zu erkennen bleibt.

Nächste Vorstellungen: Staatstheater Cottbus am 12. März, 19.30 Uhr. Premiere im Schlosstheater im Neuen Palais Potsdam am 5. März, 19.30 Uhr, wieder am 10., 18. und 19. März.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 3. März 2011

3. Februar 2011

VOM ZAUBERGLÜCK DER LIEBE

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 22:06

In Cottbus inszeniert Martin Schüler Tschaikowskys „Eugen Onegin“

COTTBUS | Der romantischen Liebe gehört dieser Cottbuser Abend. Und – ohne Frage – den Sängerinnen und Sängern des Staatstheaters. Was sich der regieführende Intendant Martin Schüler und Ausstatterin Gundula Martin nämlich für die Inszenierung von Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“ ausgedacht haben, tritt angesichts der Sangeskunst des Ensembles schnell in den Hintergrund. Da fährt eine Glaswand, die zu Beginn der Oper den Blick aus dem Gutshaussalon auf ein Birkenwäldchen im Bühnenhintergrund freigibt, auf einmal in die Höhe, so dass sich Drinnen und Draußen unmotiviert vermischen. Da tanzt die Festgesellschaft an Tatjanas Namenstag kurzerhand in das Haus hinein, ballert der Dichter Lenski enthemmt in der guten Stube herum, bevor er im Duell von der Hand seines Freundes Onegin – gewissermaßen auf der Gutshausterrasse – sein Leben aushaucht, ohne dass es jemand merkt. Nein, ein solches Spiel ist dann doch zu ungenau.

Dafür überzeugt das Ensemble singend. Zwar muss Andreas Jäpel seinen Onegin von Anfang als durchweg unsympathischen Menschen präsentieren. Stimmlich indes darf der Sänger zeigen, was er kann. Matthias Bleidorn führt Lenski trefflich als ungestüm Liebenden vor. Marlene Lichtenberg (neu im Ensemble und ein Gewinn) ist eine lebenslustige Olga. Vor allem aber begeistert Anna Sommerfeld. Sie gibt Tatjana ganz als Träumerin.

Wo immer die Sommerfeld ist, schwingt tiefes, mädchenhaftes Wünschen und heftiges Sehnen mit. Wenn sie vom „Zauberglück der Liebe“ singt, spricht aus ihrem lichten Sopran all das Unglück, das der Komponist in die Partitur hinein geschrieben hat. Wundersam vereint sich diese Stimme da mit der von Generalmusikdirektor Evan Christ aus dem Graben geradezu hervorgepressten Leidenschaft der schwelgenden Streicher und klagenden Bläser. Schade nur, dass Tatjana nach der Briefszene durch die Birken rennen muss. Das hätte es – trotz all der ungestümen Liebe, die sie fühlen mag – doch nicht gebraucht.

Um neue Schmerzen kommt das Mädchen nicht herum: Wenn die Menge, von Schüler aufgesetzt heiter und in seinen Gesten und Scherzen stets allzu spannungsarm und mitunter gar platt arrangiert, um das Mädchen herumsteht und es begierig angafft, spricht Sommerfelds Gesicht Bände: „Verschwindet! Haut ab! Lasst mich mit meinem Leid allein!“ Ja, nichts kann dieses gute Kind jetzt aufmuntern. Auch die Kunststücke, mit denen der vagabundierende Franzose Triquet die Menge zu erheitern sucht, ringen ihr kein Lächeln ab. Dirk Kleinke entwickelt seine Partie aus dem famosen Widerspruch von samtweichem Tenor und der Wucht seiner imposanten Statur. Kleinke bezaubert wahrlich, ob er nun mit leiser Resignation das „Brillez, brillez toujours, belle Tatjana“ anstimmt oder einer verdutzen Anwesenden eine schier endlose Papierschlange aus dem staunenden Munde hervor zaubert.

Tatjana ist und bleibt ganz die an ihren unerfüllten Gefühlen Leidende. Denn Onegin erwidert ihre Leidenschaft nicht. Mehr noch: Er erklärt lässig, jede Liebe verfliege sowieso mit der Zeit.

Bereits nach zweieinhalb Stunden allerdings wird er es besser wissen. Da wandelt sich Jäpels Figur vom unsympathischen Spieler zum selbst wegen verschmähter Liebe Rasenden. Warum Tatjana ausgerechnet diesen Mann noch immer liebt, behält die Regie allerdings für sich. Am Ende dieses Abend nämlich scheint Onegin, als sie ihn nach Jahren wiedertrifft, ein Schatten seiner selbst. Die Hose wirft Falten. Das Jackett beult. Die Haare wirken strähnig. Vielleicht soll Sommerfeld ja gerade deshalb Leidenschaft für den letztlich am eigenen Hochmut Zerbrechenden zeigen.

Tatjana wehrt und windet sich, gesteht unter wahrlich körperlicher Qual noch einmal ihre Liebe – und bekennt sich doch zu ihrem Mann, dem Fürsten Gremin. Für ihn (Ingo Witzke) ist sie das wahre Glück. Das Publikum weiß, warum. Gerade wenn Anna Sommerfelds Tatjana singt.

Nächste Vorstellung am 12. Februar, 19.30 Uhr. Staatstheater/Großes Haus, Schillerplatz, Cottbus. Karten unter 0355/78242424.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 3. Februar 2011

17. Januar 2011

WENN SPANIENS BLÜTEN BLÜHEN

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 23:17

„My Fair Lady“ am Potsdamer Hans-Otto-Theater

POTSDAM | Es gibt Lieder, die kann man mitsingen, obwohl man ihren Text nie gelernt hat. Sie sind einfach so gut, dass sie sich in unser Ohr geschlichen haben. „Es grünt so grün“, „Bringt mich pünktlich zum Altar“, „Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht“ – das Musical „My Fair Lady“, das Alan Jay Lerner Mitte der 50er Jahre nach George Bernhard Shaws Theaterstück „Pygmalion“ zur eingängigen, aber nie langweiligen Musik von Frederick Loewe schrieb, enthält zahlreiche Schlager. Schon deshalb hätte die Aufführung, die jetzt im Potsdamer Hans-Otto-Theater zu erleben ist, eine ganz große werden können.

Auch wenn das Premierenpublikum am Sonnabend letztendlich eifrig Beifall spendete, wirklich Überraschendes fehlte der Inszenierung von Nico Rabenald dann doch. Besonders am Anfang des dreistündigen Abends scheint es, als habe der Regisseur das Bestreben nach Originalität und Spielwitz in jener Tonne versteckt, die da ganz vorn auf der von Katja Schröder entworfenen Bühne steht. Auf diesem Ungetüm aus Weißblech und mit Deckel lässt sich ganz wunderbar Lärm schlagen. Und genau das tut Alfred P. Doolittle, Vater der Blumenverkäuferin Eliza, deren wundersame Verwandlung von einem ungebildeten Mädchen in eine echte Dame uns das Stück vorführt, auch ausgiebig. Das heißt, Krach machen Alfred (Peter Pagel: ganz gebeugter, aber wortgewandter Vertreter des Prekariats) und seine Saufkumpane schon. Wunderbar ist der jedoch nicht. Nein, er wirkt fast ein wenig peinlich, ganz wie der Umstand, dass die drei in dem Behälter weitere Utensilien finden, mit denen sie rumoren können. Die Schauspieler vergessen dabei nämlich schlicht zu zeigen, ob der Fund überraschend kommt oder sie schon vorher wussten, was in der Tonne steckt.

Das mag nebensächlich scheinen, ist aber bezeichnend. Denn ausspielen können die Darsteller ihre Rollen selten. Wenn Franziska Melzer zum Beispiel als Eliza erstmals in einem eleganten Kostüm in die Öffentlichkeit tritt, bereitet ihr die ungewohnte Bekleidung seltsamerweise keinerlei Unbehagen. Melzer spielt, als trage sie schon immer enge Röcke (Kostüme: Sibylle Gädeke). Das Befremden über das neue Outfit kann die Schauspielerin dann zwar nachholen – kurz bevor sie zum festlichen Ball aufbricht, den Marita Erxleben nach der Pause als Walzer hinter einem transparenten Vorhang wie lichte Träumerei choreografiert, nestelt sie etwas an ihrem wahrlich bemerkenswerten Prinzessinnenkleid –, doch was wäre bei diesem Wandel vom Aschenputtel zur Prinzessin nicht alles an Schauspielkunst herauszuholen! Die Regie aber lässt das Ensemble das Stück oft geradewegs vom Blatt spielen. So gibt Bernd Geiling seinen Professor Henry Higgins konsequent als unsympathischen Menschen-, ja Frauenfeind. Am Ende scheint er wirklich noch immer zu glauben, das Mädchen werde zu ihm zurückkehren. Jon-Kaare Koppe wirkt als Oberst Pickering – mit ihm wettet Higgins, er werde Eliza, diese „fleischgewordene Beleidigung ihrer Muttersprache“, binnen sechs Monaten durch Sprechunterricht zu einer Lady machen –, trotz seiner Steifheit nicht immer komisch.

Wirklich schade aber ist, dass Franziska Melzer bei ihrem Lied „Wart’s nur ab, Mister Higgins“ unterbrochen wird. Während sie sich singend ausmalt – was doch genügen würde –, am Grobian Higgins werde ein von ihr verhängtes Todesurteil vollstreckt, sehen wir die Erschießung als Pantomime: Pickering streckt Higgins mit einem lautlosen Schuss nieder.

Dass dieses Musical nicht totzukriegen ist, bleibt dem sprühenden Witz der Geschichte zu danken – sowie so manchem großen Lied. Und dann ist da ja noch das Orchester. Aus dem Graben schmettert es unter Leitung von Ludger Nowak frisch und jazzig heraus. Man möchte fast mitsingen.

Nächste Vorstellungen: 21. und 22. Januar, 7., 19. und 25. Februar, jeweils 19.30 Uhr; 23. Januar, 15 Uhr sowie am 6. Februar, 15 Uhr. Hans-Otto-Theater, Schiffbauergasse, Potsdam. Karten unter 0331/98 118.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 17. Januar 2011

31. Dezember 2010

BROADWAY-FLAIR MIT LEICHTEM GRUSELEFFEKT

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 19:29

„Jeckyll & Hyde“ in Cottbus

COTTBUS | Der Beifall gibt dem Intendanten recht. Kein Wunder. Schließlich ist das Musical „Jekyll & Hyde“ des Komponisten Frank Wildhorn (aus dessen Feder der Whitney-Houston-Hit „Where Do Broken Hearts Go“ stammt), ein wahrer Broadway-Dauerbrenner gewesen. Sage und schreibe 1500-mal wurde es nach seiner Premiere 1997 in der wohl berühmtesten Theatermeile der Welt gespielt. Zuvor war die Show bereits sieben Jahre lang durch die USA getourt.

Selbstredend wurde die Adaption von Robert Louis Stevensons Novelle „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ (Buch und Liedtexte: Leslie Bricusse) auch hierzulande ein Riesenerfolg. Erst eroberte das Werk die privaten Musicalbühnen. Dann ließ es in manch seriösem Opernhaus die Kasse klingeln.

Nun hat Martin Schüler „Jekyll & Hyde“ in Cottbus inszeniert und eigens dafür mit Hilfe der Freunde und Förderer des Staatstheaters einen Synthesizer gekauft. Den braucht es auch, denn Wildhorns Musik ist satter Pop. Wuchtig bis weich fährt er aus dem Graben direkt in die Seele des Publikums, appelliert mit Eindringlichkeit und reichlich Süße ans Gemüt. Marc Niemann lässt das Philharmonische Orchester die Klänge süffig ausmalen. Breit schwelgen die Streicher. Üppig setzen Bläser und Pauken ein.

Mit Gundula Martins Bühnenbild aber – und den Kostümen von Nicole Lorenz – geht es zurück in die Stevenson-Zeit, die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts: Die Gesellschaft ist streng geteilt. Hier adrette Herren mit Zylinder, feine Damen mit Täschchen und farbenfrohen Roben, da viel mausgraues Volk.

Jekylls Labor ist ein trüber, geräumiger Arbeitsplatz mit Kolben, Kesseln und Reagenzgläsern, eine vom Experimentieren vernebelte Forschungsstätte. In sie tritt Rechtsanwalt Utterson, der Freund des ehrgeizigen Forschers, anfangs mit einiger Scheu. Andreas Jäpel kennt das Schicksal des Doktors zu diesem Zeitpunkt schon. Und so arbeitet sich sein Utterson langsam und schweigend voran, durch die im Licht wabernden Schwaden hin zum Bühnenvordergrund, wo er einen Revolver findet. Es ist jene Waffe, mit der er gegen Ende des Stückes den Freund von seinen Qualen und die Welt von einem Ungeheuer befreien wird. Nach dem bedeutungsschwangeren Start wird der „Fall Jekyll“ im Rückblick erzählt, als eine Geschichte von der Wahl zwischen dem rechten und dem falschen Weg. Zwei Varianten eröffnen sich dem Doktor nämlich: Soll er sich in die bürgerliche Gesellschaft einfügen, indem er den Job als angestellter Arzt ausübt und die Tochter seines Chefs, des Krankenhausdirektors Carew (Jörg Simon), heiratet? Oder kann er ein wahrer Entdecker und Forscher werden?

Heiko Walter spielt und singt Jekyll und Hyde und verwandelt sich vom netten Schwiegersohn über den faustischen Wissenschaftler in ein mordendes Monster. Als er die Kontrolle über sich selbst und seine Experimente verliert, kennt sein Alter Ego Mr. Hyde kein Halten mehr. Er rächt sich an der blasierten Mitwelt, weil diese seine Forschungen verlacht. Leider wirkt das auf der Bühne ein wenig – und wohl unfreiwillig – komisch. Strähnige Haare und verdrehte Augen genügen als Attribute des „Bösen“ kaum, um wirklich schauerlich zu sein. Und doch gelingt Heiko Walter ein Meisterstück – vor allem gesanglich schlägt er sich bravourös.

Nächste Vorstellung: 15. Januar, 19.30 Uhr. Staatstheater Cottbus, Großes Haus, Schillerplatz. Karten unter 0355/78242424.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 31. Dezember 2010

13. November 2010

DAS LEBEN DER ANDEREN

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 21:17

„Der Lebkuchenmann“ in Senftenberg

SENFTENBERG | Lachende Gesichter, strahlende Kinderaugen – auch die Darsteller in der Senftenberger Version von David Woods Erfolgsstück „Der Lebkuchenmann“ sind sichtlich erfreut über die jüngste Premiere an der Neuen Bühne. Ja, die Begeisterung der kleinen Zuschauer treibt ihr turbulentes Spiel noch weiter an. Manchmal scheinen sie die lautstarken Zwischenrufe, das anteilnehmende Kreischen, das Mitsingen und Klatschen zu verblüffen. Die Geschichte vom Lebkuchenmann, der zum Retter des kranken Herrn von Kuckuck wird, kommt an.

Wie die geht? Immer hat der Kuckuck in seiner Uhr gewissenhaft und pünktlich die Zeit ausgerufen. Nun aber hat es ihn erwischt: Seine Stimme kratzt wie ein Reibeisen. Die zwölf Rufe zur Mitternacht bringt Roland Kurzweg nur mit Mühe heraus, weil er einen Frosch im Halse hat. Sein Kuckuck quakt deshalb ja auch – und bekommt es mit der Angst. Denn wie die anderen Küchenbewohner fürchtet er, dass es ihm an den Kragen gehen könnte. „Ruhen Sie sich mal aus“, rät der Herr Salz: Benjamin Schaup spielt ihn als liebenswerten Seebären im Matrosenrock, der in einem bunten Pappkarton steckt, aus dem es leise rieselt. Doch nicht einmal sein plattdeutscher Akzent kann den Vogel noch beruhigen. Auch, weil ihm das rassige Fräulein Pfeffer (Hanka Mark) eine düstere Zukunft vorhersagt. „Was machen denn die Großen, wenn etwas nicht mehr funktioniert“, fragt sie süffisant und wedelt sich mit einem Fächer Kühle zu: „Sie werfen es in den Mülleimer.“ Und was da einmal drin ist, wurde auf dem Küchenregal nie mehr gesehen.

Auf einem Regal spielt die von Johannes Zametzer turbulent und ideenreich inszenierte Geschichte nämlich. Und das ist – neben der Tatsache, dass das Fräulein Pfeffer und der Herr Salz ihren Freund, den Kuckuck, retten wollen und dabei auf allerlei Hindernisse stoßen – eine schöne Idee. Diese kostet Ausstatterin Maria Frenzel lustvoll aus. Zwei Etagen hat sie auf die Rampe gebaut. Unten stehen Teller, Radio, Tasse und Espressokanne, oben ein bauchiger Teepott, Honig, eine Dose mit Kräutern. Hinter den Tellern gibt’s außerdem ein Mauseloch. Denn wie in jeder richtig guten Geschichte muss die Spannung steigen. Das passiert, weil die Maus Flitch alias „Gamasche“ einen weiteren Helfer – den frisch gebackenen und zum Leben erweckten Lebkuchenmann – fressen will. Friedrich Rößiger steppt im Nadelstreifenanzug mit rosa Mauseohren zur durch die Stile tanzenden Musik von Sebastian Undisz. Lutz Schneider grantelt als alter Teebeutel trefflich herum – und hilft dem Kuckuck am Ende zu alter Stimmkraft zurück. Wie, wird nicht verraten.

Inga Wolff lässt sich als Lebkuchenmann von allen Hindernissen nicht beirren. Wie ein Stehaufmännchen wirbelt sie herzensgut durch die Regalwelt. So wird die Aufführung zum Fest für die Kinder. An der Garderobe rief ein Junge laut: „Den Tag vergess ich nie.“ Recht hat er.

Nächste Vorstellungen am 14. November, 16 Uhr; 12. Dezember, 17 Uhr; 13.-16. Dezember, 11 Uhr, 19. Dezember, 16 Uhr. Neue Bühne, Theaterpassage 1, Senftenberg. Karten unter 03573/801286.

Zuerst veröffentlicht in der Märkischen Allgemeinen am 13. November 2010

22. September 2010

GEFÄLLIGER WAHNSINN

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 00:51

Bernd Mottl inszeniert Goethes „Egmont“ am Cottbuser Staatstheater als flotten Historienstreifen

COTTBUS | „Egmont“ als Schnelldurchlauf, als Feuerwerk – die Premiere des Stückes von Johann Wolfgang von Goethe ging rasant, effektvoll, manchmal lärmig und grell-plakativ über die Bühne des Staatstheaters Cottbus.

„Gefälliger Wahnsinn“, kommentiert Graf Egmont (Amadeus Gollner) das Geschehen kurz vor Ende des Stückes. Er meint das, was Egmonts Widersacher Herzog von Alba (Kai Börner) mit ihm veranstaltet hat. Denn Egmont sitzt zu diesem Zeitpunkt in Albas Gefängnis – fast nackt. Nur eine knappe Unterhose hat sein Häscher ihm, dem Liebling der niederländischen Bürgerschaft, der so viel Wert auf schöne Kleider legt, noch gelassen. Alles andere als ein Spaß. Und auch kein Schachzug, um die rebellische Bevölkerung der von den Spaniern okkupierten Provinz niederzuhalten. Es zielt direkt auf seine Person. Ihn will Alba aus dem Weg räumen. Endlich! Schon als Kind hat Egmont Alba deklassiert. Beim Spielen.

Regisseur Bernd Mottl zeigt das den Zuschauern schon vor Beginn der Inszenierung. Zwei Knaben sitzen auf der Bühne. Sie würfeln. Stets gewinnt der kleine Egmont. Schon immer war er obenauf. Doch jetzt wird er nicht mehr höher steigen. „Gefälliger Wahnsinn“, sagt Egmont, als er das begreift.

Der Kommentar könnte auch die Inszenierung meinen. Denn obwohl an ihr vieles schlüssig ist, presst Bernd Mottl Goethe stellenweise doch sehr ins Regiekonzept.

Die Figuren lässt er in starren Haltungen ausstellen. Johanna Emil Fülles Margarete von Parma zieht als genervte First Lady einen Rollkoffer hinter sich her. Christian Meiers Ferdinand ist ein verklemmtes Jüngelchen, das seine homosexuelle Neigung wohl selbst noch nicht erkannt hat. Entwicklung findet in diesen Figuren kaum statt. Einfühlung auch nicht. Und so wackelt die Geschichte manchmal.

Mit dem Kinderspiel verkleinert Mottl zudem den Hauptkonflikt, auch wenn er den Bezug zur Gegenwart durch Bombengürtel, Kampfanzug, und Benzinkanister (Kostüme: Nicole von Graevenitz) zu bebildern sucht. Auch der Tag der Premiere, der 11. September, der Jahrestag des Attentats auf das World Trade Center in New York, dürfte kein Zufall sein. Mottl scheint wohl zu meinen: Wer ein

Volk unterdrückt, muss sich nicht wundern, dass es zu einem Volk von Terroristen wird.

Dennoch ist dieser „Egmont“ eine konzentrierte, ja kunstvolle Aufführung, verdichtet und geschnitten wie ein Film. Thomas Gabriel gelingt mit seiner Bühne aus Tischen und Stühlen, die im tiefen Schwarz des Theaterrunds zu Symbolen der Ordnung und der Macht aufsteigen, ein Meisterstück.

Und Egmont? Der ist ein Popstar, trägt Pumphosen und goldene Leggins, lässt sich vom Publikum und den Bürgern feiern und macht, wenn sein Schreiber (genervt von der Oberflächlichkeit des Chefs: Oliver Seidel) mit ihm arbeiten will, auf dem Schreibtisch Beugestütze. Er fühlt sich verdammt sicher. Kein Wunder, dass er vor Alba und dessen anrückenden Truppen nicht flieht.

Nächste Vorstellungen am 14., 24. September, 16. Oktober, 19.30 Uhr. Karten unter 0355/78 24 24 24.

zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 14. September 2010

20. September 2010

LIEBE UND LEBEN

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 20:55

Das siebte Glückauf-Fest der Neuen Bühne Senftenberg blickt weit nach Osten

SENFTENBERG | Früh, sehr früh an diesem sieben Stunden dauernden Abend sagt Heinz Klevenow einen jener Sätze, die lange im Kopf hängen bleiben, ja, wie ein Motto durch das Senftenberger Theater schwingen. Ganz beiläufig sagt der Schauspieler in der Rolle des Armeearztes Tschebutykin: „Die Natur hat uns nur für die Liebe gemacht.“ Klevenow blickt dabei nicht einmal auf. Doch gerade deshalb steckt in diesem Satz die Erfahrung eines Lebens – all die enttäuschten Hoffnungen, die Angst vor dem Tod und der Kummer über die große, aber ungelebte Liebe: der ganze Tschechow also. Das geht unter die Haut.

Zum Auftakt des siebten Glückauf-Festes hat Neue-Bühne-Intendant Sewan Latchinian Anton Tschechows „Drei Schwestern“ inszeniert. Und es sind gerade die stillen Szenen, diese scheinbar kleinen Momente, welche die Inszenierung ausmachen. Latchinian lässt sein Ensemble das Spiel ganz aus dem Text entwickelten (Dramaturgie: Gisela Kahl). Da gibt es keine aufgesetzten Regieeinfälle. Selbst die Albernheiten der Prosorows und ihrer melancholischen Gäste am Fastnachtsabend – Andrej (Wolfgang Schmitz) heftet sich eine Schweinsnase und ein Ringelschwänzchen an und erntet wie kurz zuvor Klevenow in Keltenrock und Gallierhelm glucksende Lacher – resultieren letztendlich aus der genauen Lektüre der Vorlage.

Juschka Spitzers Mascha vergeht fast vor Traurigkeit. Eva Kammigans Olga ist eine kraftvolle und doch sensible Pragmatikerin, während Maria Prüstel ihre Irina jugendlich sprunghaft, mitunter sehr quietschend-quirlig zwischen dem unendlich gutmütigen Baron Tusenbach Bernd Färbers und Roland Kurzwegs gnadenlosem Soljony hin und her hüpfen lässt. Alexander Wulke versteckt Werschinins Unglück hinter aufgesetzter Heiterkeit. Inga Wolffs Natascha wiegt nach ihrer Wandlung vom schüchternen Landei zur biestigen Hausherrin nicht den Erstgeborenen sondern ein Hündchen im Arm.

Ausstatter Tobias Wartenberg hat das Parkett mit Hilfe von Podesten angehoben. Und so sitzen wir auf Augenhöhe mit den Schauspielern. Wir sind gewissermaßen mit im samtigen Salon des Hauses Prosorow. Vor und hinter, sogar auf der Bühne haben Zuschauer Platz genommen. Zwischen den Stuhlreihen stehen Hocker, auf ihnen Gläser. Nach dem ersten Akt wird Tee gereicht. Wir löffeln Warenje – Konfitüre aus schwarzen Johannisbeeren – dazu. Später gibt es Kwas, den russischen Brottrunk, vor dem vierten Akt gar Fischroggen auf Weißbrotscheiben und für jeden einen Wodka.

„Dostoprimetschatelnosti“ heißt der Abend. Doch vergessen ist, wie sie uns im Russischunterricht mit dieser Vokabel gequält haben. Denn Senftenberg beweist, dass die russische Kultur weit mehr zu bieten hat, als jene in der DDR politisch korrekt verordneten „Sehenswürdigkeiten“ des großen Bruderlandes – die Kulturhäuser namens Lenin, das Mausoleum auf dem Roten Platz oder die Moskauer Allunions-Ausstellung.

Nach den „Drei Schwestern“ gibt es vier – parallel gespielte – Stücke zu sehen: Nikolai Erdmans „Der Selbstmörder“, Sergej Medwedjews „Die Kröte“, Nikolaj Smeljows „Nächtliche Stimmen“ und die von Esther Undisz als genaue und bitterböse Provinzmilieustudie wie Stalinismusabrechnung in Szene gesetzten „Zwanzig Minuten mit einem Engel“ Alexander Wampilows. Ein Glückspiel befreit uns von Qual der Wahl: In der Kassen-Bretterbude darf man kräftig an einer Revolvertrommel drehen. Das Ergebnis: das Stück, das man zu sehen hat. Stilecht gibt es im Festzelt mit goldenen Zwiebeltürmen Schaschlik, Mischka-Konfekt, Boeuf Stroganoff, Piroggen und Krim-Sekt. Später wird beim Liederabend „Na Sdrowje!“ viel Wodkaseligkeit, Schmerz und Lust kredenzt.

Glückauffest „Dostoprimetschatelnosti“: Neue Bühne Senftenberg, Theaterpassage, Senftenberg. Bis Ende Oktober immer freitags, 17 Uhr, sonnabends 18 Uhr, am Sonntag, 31. Oktober, 18 Uhr. Karten unter 03573/80 12 86

zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 20. September 2010

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