MARTIN STEFKE

22. August 2005

CHRISTOPHS GÖTTER GEISTERBAHN

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 21:45

Schlingensiefs Parsifal-Animatograph auf dem Flugplatz Neuhardenberg

NEUHARDENBERG | “Die Provinz ist die Brutstätte der Helden”, hat Christoph Schlingensief einmal gesagt. In Weimar übrigens. Mit dieser Einschätzung trifft er sich mit jener des Ex-Weimarer Kulturstadtbeauftragten und jetzigen Chefs der Stiftung Schloss Neuhardenberg, Bernd Kauffmann, der Peripherien für die eigentlichen Impulsgeber deutscher (Kultur)-Geschichte hält.

Auf dem einstigen DDR-Regierungsflugplatz Marxwalde haben Kauffmanns Stiftung und Schlingensief nun das neueste Werk des Theatermannes, Aktionskünstlers und Filmregisseurs, der sich im vergangenen Jahr auch als Bayreuther “Parsifal”-Weihespielleiter beweisen durfte, produziert. “Der Animatograph - Odins Parsipark” heißt das Projekt, das Schlingensief auf seiner Website (www.schlingensief.net) mit Anspielung auf die blutige Schlacht um das Oderbruch “den größten Vergnügungspark im ehemaligen Kriegsgebiet” nennt. “Jeder kommt rein”, lässt Schlingensief im Netz außerdem verkünden. Und wer sich einreiht in den Helden-Parcours erlebt eine wahre Geisterbahnfahrt. Schlingensiefs bewegliche Installationen - die Animatographen - sind Drehbühnen, die der Zuschauer betreten darf, ja soll. In ihnen geht es um die Zertrümmerung des “wohltemperierten Theaters”. In einem Geländespiel soll “das Monopol des Betrachters, der bequem in der ersten Reihe sitzt”, gebrochen werden. Das Publikum geht auf “Erkundungsfahrt”.

“Odins Parsipark” ist also keine Bühnenkunst, das macht der Regisseur in seiner Einführung klar. Und wie er so dasteht, mit den ein wenig wirr in die Luft gezupften Haaren und dem adretten Hemd, wie er mit Zeigestock und Megafon smart den “Parcours” erklärt, von der Schockfrostung der Edda, von Klingsor und den unzähligen Thairestaurants auf Island spricht, von Transformation und Erlösung, wie er schließlich noch eine Anekdote vom Dirigenten Knappersbusch zum Besten gibt, denkt man: “Eigentlich ist das doch ein ganz Netter. So einer, der jeder Oma gern über viel befahrene Straßen hilft.” Wahrscheinlich ist das das Geheimnis des Schlingensiefschen Erfolgs. Der Mann hat den Charme des begnadeten Verkäufers. Eine Österreicherin mit pinkfarbenem Handtäschchen am sonnengebräunten Arm zeigt sich schon während der Busfahrt zum Start- und Landeplatz von Honeckers Regierungsfliegern völlig aus dem Häuschen. “Der Mann ist der Wahnsinn”, ruft sie ihrer in der fernen Heimat verbliebenen Mutter durchs Mobiltelefon zu und dehnt das A dabei gehörig. Ein Junge fragt seinen Vater, wer Parsifal eigentlich sei. “So eine Märchenfigur”, erhält er als Antwort, während ein bekennender Wagnerianer über den Schluss der Oper philosophiert. Ist auch das schon einstudiert? “Ja, der Waaahnsinn.”

Bald scheint es, als hätte Schlingensief sein Hirn ausgeleert. Doch ein Chaos sieht man nicht. Vieles, was die Crew in den Ruinen des verlassenen Munitionslagers der NVA aufgeboten hat, lässt sich erklären, wirkt sogar schlüssig, ist eine Welt aus Verweisen auf das nordische Sagenbuch, auf Wagner, die Kunstgeschichte, die Vergangenheit der Region und des ganzen deutschen Landes - ein großes Weihespiel. Da verwest der Beuyssche Hase. Dort stapelt Mutter Erde in einem Gewächshaus Autoreifen. Hier dröhnt der Wagner-Schlingensiefsche “Parsifal” aus Bahnhofslautsprechern. Dort schreit Herzeleide, blöken Schweine an der Schlachtbank, erklärt Adenauer den Kapitalismus, schweißt Wernher von Braun an der V2, landen die Amerikaner auf dem Mond und exerzieren den Wüstenkrieg.

Doch die Provokation bleibt aus. Das Spektakel erscheint seltsam bekannt, bleibt gerade wegen des vollen “Schock”- Programms mit all den stinkenden Trockenfischen, dem Müll oder eines angeblich auf dem Gelände gefundenen Hitler-Stalin-Pornos in Bemühtheit stecken. Schlingensief pflegt das Epigonentum, zitiert und verulkt neben Beuys und Bruce Naumann, Dieter Roth und Otto Mühl, Richard Wagner auch immer wieder sich selbst. Dieser “Parispark” wirkt viel zu kalkuliert und bleibt nur eine Geisterbahn, deren Kulissenhaftigkeit einem immer wieder vor Augen tritt. Ein großer Gag.

In Island hat Schlingensief unlängst den ersten, nein, zweiten Teil seiner Wagnerschen Spurensuche - inzwischen zählt er den Bayreuther “Parsifal” dazu - realisiert. Der vierte wird im Oktober in Namibia starten. Ja, “der Mann ist der Waaahnsinn”. Der größte Wahnsinn jedoch ist, das dies bald die halbe Welt glauben wird.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 22. August 2005

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