MARTIN STEFKE

27. April 2011

ZEIT ZUM STERBEN

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG, KUNST — Martin Stefke @ 23:22

In Frankfurt (Oder) sind Totentänze aus fünf Jahrhunderten zu sehen

FRANKFURT (ODER) | Vorn, gleich hinter der schweren Tür der Rathaushalle, am Anfang der vom Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder) organisierten „Totentanz“-Ausstellung, hängen zwei kluge Gedanken. Der eine, aus dem Jahr 1914, stammt von Max Scheler. In seiner Schrift „Die Zukunft des Kapitalismus“ nennt der Philosoph und Soziologe „den Sturz in den Strudel der Geschäfte“ eine „fragwürdige Medizin“. Sie bewirke, so Scheler, beim modernen Menschen „die Illusion eines endlosen Fortganges des Lebens“. Das andere Zitat ist poetischer – und doch auch sachlicher Natur. „Früher wusste man“, schrieb Rainer Maria Rilke vor gut 100 Jahren in den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, „dass man den Tod in sich hatte, wie eine Frucht den Kern“.

Wohl wahr. Unseren Vorfahren ist das Zum-Leben-Gehören des Todes gegenwärtiger gewesen als uns. Und das gewiss nicht nur in Zeiten von Krieg oder Pest. Kein Wunder, dass die Überlebenden bereit waren, an göttliche Mächte zu glauben. Oder auch an den personifizierten Tod, einen knochenklappernden Sensenmann, der den Menschen, wenn seine Zeit gekommen war, abholen würde.

Hans Holbein der Jüngere zeigte, dass dieses Schicksal vor niemandem halt macht. Wenn es ans Sterben geht, so malte es der Künstler zwischen 1538 und 1541 an die Friedhofsmauer in Basel, gibt es kein Zurück, dann sind alle gleich. Nichts hilft mehr: kein Amt, keine Stellung, kein Geld. In Frankfurt ist das auf Radierungen zu sehen, die Johann Jakob und Johann Conrad von Mechel 1796 nach den Holzschnitten des Meisters stachen: 33 Blätter zeigen kirchliche und weltliche Herrscher, Männer und Frauen, aber auch Bettler, Adam und Eva, ganze Berufsgruppen. Dem Kaufmann nützte sein Reichtum nichts, als der Tod ihn mit den Worten „Herr Kauffmann, lasset euer Werben,/ die Zeit ist hie ihr müssen sterben“ aus seinem schaffenden Leben riss.

Das Blatt ist nur eines von 264 Werken einer Schau, die man nicht versäumen sollte. Denn wieder einmal zeigt Museumsdirektorin Brigitte Rieger-Jähner, welch anspruchsvolle Ausstellungen sie trotz widriger Bedingungen auszurichten vermag. Kaum für möglich halten möchte man da die Gedankenspiele von der Abwicklung des Museums, die Ende 2010 in der Stadt aufgekommen waren, um etwas Geld zu sparen. Das Gegenteil wäre nötig: Mehr Mittel und Personal, damit das Haus – mit dem stellvertretenden Direktor Armin Hauer ist es gerade einmal ein Zwei-Stellen-Unternehmen – auch überregional auf sich aufmerksam machen kann.

Doch zurück in die Rathaushalle, wo man von Dürer bis Droste, von Hogarth bis Dix, von Dalí, Grieshaber oder Christo sehen kann, was in den Ateliers und Druckwerkstätten über Jahrhunderte hinweg zum Thema gefertigt wurde. Gesammelt hat das alles der Bamberger Händler Richard H. Mayer. Am Beginn stehen drei meisterlich hingeworfene Lithografien Pablo Picassos vom 6. März 1961: „Der Stierkampf“. Es folgen „Tauromachie surréaliste“, sieben Radierungen Salvatore Dalís von 1972. In der für ihn typischen Bildsprache lässt Dalí brennende Giraffen, fließende Uhren und Körper mit Schubladen in die Stierkampfarena ein. In der Nähe finden wir die Bronze „Gänsehals“ des gelernten Bildhauers und Literaturnobelpreisträgers Günter Grass. Neben Horst Jansens „Tote Maus“ hängt „Tote Hirsche“ von Joseph Beuys, ein ebenfalls berührendes Blatt.

Ernst Barlach ist mit drei Lithografien vertreten. So „Erst Sieg, dann Friede“ oder „Aus einem neuzeitlichen Totentanz“, ein Blatt, auf dem ein Mann den Tod mit einem riesigem Hammer erschlägt. In Carl Olof Petersens „Das Expeditionsheer“ sehen wir wahre Todesfahrten: Zwei Geistergestalten staken große Boote über ein Meer. Ernst Fuchs”””” expressionistische Holzschnitte, Paul Wunderlichs sechsfarbige Heliogravüren, zehn Radierungen aus Goyas Zyklus „Desastre de la guerre“, William Hogarth, Alfred Rethel, Marc Chagall, Lovis Corinth, Alfred Kubin, Max Klinger – die Liste berühmter Künstler ist lang. Atemberaubend das kleine Ölbild „Aus der Anatomie“, 1885 von Albert von Keller gemalt, die Ansicht einer liegenden Frauenleiche. Am Ende – imposant, allein schon seiner Größe wegen – HAP Grieshabers „Totentanz zu Basel“. Wie gesagt: Man sollte das sehen.

„Totentanz. Bilder und Objekte aus der Sammlung Richard H. Mayer, Bamberg“: Museum Junge Kunst, Rathaushalle, Marktplatz 1, Frankfurt (Oder). Di-So 11-17 Uhr. Bis 15. Mai.

Zuerst veröffentlicht in Märkische Allgemeine vom 27. April 2011.

22. September 2010

LÜGENMUSEUM GANTIKOW

Abgelegt unter: KUNST — Martin Stefke @ 00:24

Reinhard Zabka vor dem Lügenmuseum Gantikow Foto: M. Stefke

Reinhard Zabka vor dem Lügenmuseum Gantikow Foto: M. Stefke

Zabkas Lügenmuseum ausgeräumt

KYRITZ | Das Kunstwerk Lügenmuseum Gantikow (Ostprignitz-Ruppin) ist zerstört. In den vergangenen Tagen wurden sämtliche Exponate verpackt und in ein provisorisches Quartier im Ort gebracht.

Künstler und Museumsgründer Reinhard Zabka kam damit einer neuerlich drohenden Zwangsräumung zuvor. Denn obwohl erst Mitte Juli die Schließung des Museums verhindert werden konnte, wurde das Gutshaus Anfang September wieder unter Zwangsverwaltung gestellt. Gegen den Besitzer der Immobilie, den Verein Offene Häuser, waren neue Forderungen bekannt geworden.

Mit dem Auszug zahlt Reinhard Zabka einen ungeheuren Preis: Er selbst musste sein eigenes Kunst- und Lebenswerk demontieren, das er in 13 Jahren in Gantikow geschaffen hat. Kein Wunder, dass Zabka diesen Vorgang gestern mit dem Tod verglich. „Aber das ist ja das Dilemma der Kunst“, sagte er dann kämpferisch: „Künstler sind schonungslos. Sie produzieren drauflos, egal ob es jemand braucht oder nicht.“

In der Region gibt es augenscheinlich allzu viele, die den umstrittenen Künstler und das inzwischen weit über Brandenburgs Grenzen hinaus bekannte Museum nicht zu brauchen glauben. Denn obwohl sich zuletzt sogar Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) für den Erhalt des Museums aussprach, in der Prignitz ist die Ablehnung groß. So sprach sich der Ortsbeirat ungewöhnlich scharf gegen den Erhalt des Lügenmuseums aus. Dass viele in dem Museum ein Meisterwerk eines genialen Künstlers und Vordenkers sehen, wollen dessen Gegner nicht gelten lassen. Sie halten Zabkas Kunst für Scharlatanerie. „Das Ende“, sagt Zabka derweil, „ist das nicht. Ich gebe nicht auf.“ Bis Ende September wird im nun leeren Museum weiterhin Lügentee serviert und die Geschichte des Hauses erzählt.

Lügenmuseum. Am Anger 1, Kyritz/ OT Gantikow. Telefon 033971/54782. www.luegenmuseum.de

zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 11. September 2010

30. August 2010

EWIGE BAUSTELLE

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG, KUNST — Martin Stefke @ 19:13

Annette von der Bey zeigt ihre Arbeiten im Luckenwalder Vierseithof

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LUCKENWALDE | 45, 82, 64, 67? Was auf den ersten Blick nach Mathematik zu klingen scheint, hat zwar mit Zahlenlehre zu tun, ist jedoch vor allem Kunst. Bei Annette von der Bey folgt die nämlich einer strengen Logik. Die 1965 in Remscheid geborene Künstlerin, die heute in Mönchengladbach lebt und jetzt in der Kunsthalle Vierseithof in Luckenwalde in einer Einzelausstellung mit dem Titel „Vermessene Zeit“ ihre Arbeiten zeigt, nummeriert die meisten ihrer Bilder.

Versuchsanordnungen

Allein das könnte man bereits als Hinweis auf ihre konzeptionelle Arbeitsweise deuten. Doch von der Bey, die bis 1994 acht Jahre lang an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Tony Cragg, Jan Dibbets und Fritz Schwegler studiert hat, setzt die Werke auch aus Einzelteilen zusammen. Im Großen wie im Kleinen. Und auch hier geht sie ziemlich mathematisch vor. Auf manchem Gemälde ordnet sie ihre Motive in einem Raster an. Das lässt an wissenschaftliche Versuchsanordnungen, an systematisches Forschen oder an Sammlungskästen in Museen denken. Alles hat – oder bekommt – bei von der Bey seinen Platz. Selbst im scheinbaren Chaos, in der überbordenden Fülle der Motive im Bild mit der Nummer „45“ sitzt alles am richtigen Fleck: Auf den 13 Tafeln sehen wir allerlei Rundes in Einheitsgröße – Beeren, Wollknäuel, Dahlienblüten und Lampionblumen, Rot- und Weißkohl, Zwiebeln und Tomaten, Glöckchen, Weihnachtsbaum-, Eis- und andere Kugeln. So sortiert, ja „vermisst“ die Künstlerin die Welt, legt in ihren Bildern eigene Ordnungssyteme an.

Montierte Zitate

Sie malt die Gegenstände dabei genüsslich aus, widmet sich mit Akribie den Details, Form, Farbe und Oberfläche. Und doch ist, was sie malt, nicht allein Dekor. Das Werk enthält zahlreiche kunsthistorische Verweise und Bezüge. Die Erdbeeren und eine Kugel mit der Welt als Scheibe in „64“ stammen aus Hieronymus Boschs berühmtem Gemälde „Garten der Lüste“, die Fragmente der Flügel aus dem „Sturz der gefallenen Engel“ von Pieter Bruegel dem Älteren. Auch die Motive in „Turmbau“ hat die Künstlerin einem Werk des Flamen entlehnt – dem „Turmbau zu Babel“ in seiner wuchtigen Version aus dem Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam.

Wie von der Bey aus diesen Zitaten Eigenes schafft, beeindruckt. Auch wegen des „additiven“ Prinzips, wie sie das fortwährende Erweitern und Ergänzen, das „Wachsen“ ihrer Arbeiten nennt. Die einzelnen Tafeln mancher Werke lassen sich auf verschiedene Art zusammensetzen. Hoch oder quer – immer passen die Motive in „46“ auch anders zueinander. Auch die größte Arbeit in Luckenwalde folgt diesem Grundsatz. Seit mehr als zwei Jahrzehnten wächst Annette von der Beys „Turmbau“ nun schon. Gerade hier gehen ihre Arbeitsweise und das Sujet, Konzept und Thema förmlich ineinander auf. Aus Hunderten von kleinteiligen Leinwänden im Format 20 auf 30 Zentimeter montiert und immer noch nicht fertig, ist dieses Bild eine ewige „Baustelle“ und wird somit zum Symbol für den Turmbau an sich. In Luckenwalde besteht das Werk aus 504 Teilen, ist 11,5 Meter lang und 6,5 Meter hoch. Man steht davor – gebannt.

„Vermessene Zeit“: Kunsthalle Vierseithof, Am Herrenhaus 2, Luckenwalde. Do-Mo 14-19 Uhr.
Bis 28. November.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 30. August 2010

7. August 2010

DIE NAMENSGEBERIN

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG, KUNST — Martin Stefke @ 20:59

Das Leben von Sibylle Gerstner lässt sich nur im Telegrammstil festhalten. Es ist so viel geschehen in diesem Dasein voller Umwege, Erfolge und Niederlagen, Glück und Unglück.

Von Martin Stefke

Kleinmachnow. Ein helles Haus mit spitzem, hohem Dach. Die Klingel schnarrt. Das Tor ist offen. Vom Pfeiler bröckelt Putz. Zwei breite Stufen zum Haus. Schritte hinter der Tür.

Sibylle Gerstner trägt einen hellen Hosenanzug und bittet freundlich herein. Vor einem Kamin zwei tiefe Sessel, deren Polster man das Alter und die zahllosen Gäste ansieht, die hier Platz genommen haben. Auf dem Sims Samowar, Chanukka-Leuchter, eine Amphore. In Regalen Kleist, Jacques Duclos, Frisch, Scholochow. Zwei Schreibtische aus Eichenholz. Auf einer Staffelei ein Ölgemälde mit einer Szene aus Amerika. An den Wänden weitere eigene Bilder. Draußen, hinter der Terrassentür, Hollywoodschaukel und üppige Rhododendren. Die Büsche – das Hobby ihres Mannes. Er, Karl-Heinz Gerstner, ein umstrittener Zeitgenosse: Chefreporter der Berliner Zeitung, Radiokolumnist, „Fernsehliebling“, Moderator des Magazins „Prisma“. Kritisierend und doch Teil des Systems. Seit seinem Tod im Dezember 2005 wohnt die Witwe – die Modejournalistin und Kostümbildnerin, die Dolmetscherin, Autorin und Malerin – hier allein. Gerade hat sie in Berlin Gemälde und Aquarelle ausgestellt. In DDR-Zeiten tat sie das nie. „Da ging es mehr nach dem Sujet als nach der künstlerischen Einschätzung.“ Das gefiel ihr nicht.

„Ich habe Kronprinz Wilhelm noch kennengelernt“, sagt sie. Sie sagt es so dahin, als kurzes Zeichen in der Vita eines Kindes jüdisch-deutscher Eltern. Im Zug zwischen Berlin und Breslau nimmt ihr Vater Kurt Boden, Breslauer Pelzhändler, sie bei der Hand und sagt dem Hohenzollern, der zu seinen Kunden zählt, „Guten Tag“. Das Mädchen ist enttäuscht. „Ich fand ihn gar nicht interessant. Er hatte nur einen Pullover an.“ – Ja, einen Prinzen stellt sich eine Vierjährige anders vor. Und Pullover werden Sibylle Boden ihr Lebtag nicht begeistern. Elegantere Garderoben schon: Kostüme, Kleider, Hüte. 1942 zum Beispiel. Da lebt sie in Paris. Karl-Heinz Gerstner – sie hat ihn Silvester 39 „beim Tanz in der Fuchsbergbaude im Riesengebirge“ kennengelernt, sorgt dafür, dass sie kommen kann. Illegal. Nach dem Erlass der „Nürnberger Gesetze“ musste sie die Berliner Modeschule verlassen. Doch auch in Wien, wo sie seither Malerei studiert, wird es nach dem „Anschluss“ gefährlich. Nun aber teilt Gerstner, der in der Wirtschaftsabteilung der deutschen Botschaft in Paris arbeitet, die knappen Lebensmittelmarken mit ihr – und lebt, wenn auch heimlich – diese Liebe.

Und sie? Sie studiert jetzt Malerei an der École de Beaux-Arts, stellt aus, gewinnt einen ersten Preis. Sie zeichnet die Modelle der großen Couturiers, berichtet über die Kollektionen der Häuser Jacques Fath und Christian Dior für eine niederländische Agentur.

Nach der Landung der Alliierten in der Normandie wird Karl-Heinz Gerstner nach Berlin zurückgerufen. Sibylle Boden folgt ihm. „Ich habe eigentlich immer gemacht, was er gesagt hat.“ Ein nachdenkliches Lächeln fliegt über ihr Gesicht. Dann erzählt sie von Sonja aus Odessa, ihrer Kommilitonin, von den Freunden aus der Résistance, von Passierscheinen, die ihr Mann ausstellt, um jüdische Familien zu retten. Sibylle Gerstner hat ein Drehbuch über diese Zeit geschrieben. Sie hat noch viel vor.

Im Mai 45 können Sibylle und Karl-Heinz heiraten. Endlich. „Vorher durften wir ja nicht. Wegen der Gesetze.“ Sie entwirft nun Kleider für die HO, hat zuvor für eine Zeitung im französischen Sektor die Modeseite verantwortet. 1949 kommt Tochter Daniela – sie wird unter dem Namen Dahn als Publizistin bekannt –, 1952 Sonja auf die Welt. 1952 Arbeit als Kostümbildnerin in Slatan Dudows Film „Frauenschicksale“. Zwei Jahre später in Gustav von Wangenheims „Gefährliche Fracht“, einem Hafenarbeiter-Film. Der Regisseur fragt: „Haben Sie schon mal mit einem Arbeiter gesprochen?“ Röte im Gesicht ist ihre Antwort. Heute sagt sie: „Er hatte Recht. Ich kannte das Milieu nicht.“ 1953 ziehen Gerstners nach Kleinmachnow, in das Haus, in dem sie noch immer zur Miete wohnt, auch wenn die Eigentümer dagegen klagen. Dann die „Sibylle“. Im Westen gibt es seit 1948 das Modeblatt „Constanze“. Da will die DDR nicht nachstehen. 1956 soll Sibylle Gerstner ein Probeheft gestalten und Titelvorschläge machen. „Die Perle, die Sibylle…“ Eine Zeitschrift, die „die Weltmode bringt“, soll es sein. Weltmode? Sibylle Gerstner hat sie gesehen.

Die „Sibylle“ wird ein Erfolg: Stets ausverkauft, bleibt sie „Bückware“, auch als die Auflage auf 200 000 steigt. Sibylle Gerstner ist künstlerische Leiterin, ab 1958 stellvertretende Chefredakteurin. Sie entwickelt Serien, Formate wie „Wir sahen in Paris“ und „Sibylle fragt“. Sie zeichnet, entwirft Kleider, drapiert Accessoires, arrangiert Bilder.

Jetzt schlägt sie frühe Hefte auf. „Heute wird ja wieder viel über die ‚Sibylle”””” gesprochen“. Doch was da zu hören und auch zu lesen sei, ärgert sie. – „Bieder und brav“, „ein stiekes Blättchen“? – „Keine Spur. Es war eine Bombe“, sagt Sibylle über ihre „Sibylle“ und blättert durch die Seiten, über das Porträt eben jenes Couturiers Jacques Fath, den sie aus Paris kennt, über französische Mäntel, Kleider aus indischen Saris, den Bericht über die Schauspielerin Anna Magnani, den „Blick in die Wohnung Prof. Henselmanns“, über Mode aus Warschau und Kleider, die an Pastelle Edgar Degas’ erinnern. Und sie erzählt vom belgischen Künstler Frans Masereel, über den sie geschrieben hat. Als sie ihn nach dem Abendessen wissen lässt, dass sie auch malt, meint er: „Das brauchen Sie mir nicht zu sagen. Das sehe ich Ihrer Zeitschrift an.“

Doch 1959 ist Schluss. Plötzlich gilt die „Sibylle“ als zu französisch, zu extravagant. „Die neue Chefredakteurin“, so Sibylle Gerstner, „wollte das Blatt für sich. Sie hat mich rausgemobbt.“

Sie geht wieder zum Film. 1963 „Wolf unter Wölfen“, 1967 „Kleiner Mann, was nun?“ – erste Fernsehfilme mit Hans-Joachim Kasprzik. Es ist eine gute Zeit. Sie kleidet Kleindarsteller ein und Stars. Angelica Domröse steckt sie in ein Abendkleid mit Silberfuchs. Einmal muss sie sie überreden, Skischuhe anzuziehen. „Das wollte die Domröse nicht, weil sie das kleiner machte.“ Manfred Krug kauft Anzüge, die Sibylle Gerstner ihm für seine Rollen angepasst hat. „Er ist damit rumgezogen. Ja, die Schauspieler haben mich geliebt.“ Manche tun es bis heute: Bei der Vernissage in Berlin dankt Gisela May mit einer Kästner-Rezitation.

1971 – der Schock. Am Endpunkt einer Krankheit, die zwei Jahre zuvor begonnen hat, nimmt sich die jüngere Tochter das Leben. „Verwirrpsychose, würde man heute sagen“. Erfolgreiche Behandlungsmethoden gibt es damals nicht. Die Ärzte setzen auf Elektroschocks und Ruhigstellen. Auf Rat der Mediziner bezieht Sonja eine eigene Wohnung, in einem Berliner Hinterhof. Dort notiert sie: „Dank für alles. Ihr habt alles für mich getan, aber ich bin am Ende.“

Wir können das nachlesen. Unter dem Pseudonym Sibylle Muthesius veröffentlicht Sibylle Gerstner 1981 „Flucht in die Wolken“. Ein erschütterndes Buch. Das Drama eines Mädchens voller Kraft und Lebenslust. Über Jahre hinweg hat Sibylle Gerstner die Geschichte aufgeschrieben. Neben der Arbeit an Kostümen für „Die Brüder Lautensack“, „Abschied vom Frieden“ und „Die Verlobte“ hat sie die Tagebücher ihrer Tochter gelesen, Briefe und Bilder sortiert, ausgewählt und selbst erzählt. Sie hat sich durch „den ganzen Freud“ gekämpft und – weil man den in der DDR nicht kaufen oder ausleihen kann – ihn sogar aus dem Französischen „zurück übersetzt“. Vor ihrem Mann hält sie die qualvolle Arbeit, in der sie das Leid noch einmal derart körperlich erlebt, dass sie sich oft übergeben muss, lange geheim. Erst als dieser klagt: „Du hast nie Zeit, was machst du eigentlich?“ offenbart sie sich. Und sie kämpft darum, als die Veröffentlichung als Angriff auf das Gesundheitswesen der DDR abgelehnt wird. „So ein Quatsch. Überall war das damals so.“

Auf die Frage, ob sie sich als Schriftstellerin verstanden habe, antwortet sie: „Ich habe mich gar nicht verstanden. Ich wollte verstehen und helfen, damit anderen Betroffenen und ihren Familien nicht dasselbe passiert.“ Am 11. August wird Sibylle Gerstner in Potsdam zum Gespräch in die „Sibylle“-Ausstellung kommen. Es gibt viel zu fragen über deren Anfangszeit – und über ein langes Leben.

Sibylle über „Sibylle“ – Ein Gespräch zwischen Sibylle Gerstner, Gründerin der Modezeitschrift, und ihrer Enkelin Laura Laabs. Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Kutschstall, Am Neuen Markt 9, Potsdam. 11. August, 19 Uhr. Tel.0331/6208550.

Zuerst erschienen in: Märkische Allgemeine vom 7. August 2010

19. Februar 2007

SPÄTE WÜRDIGUNG

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR, KUNST — Martin Stefke @ 23:36

Horst Zickelbein im Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder)

FRANKFURT/ODER | Lange hat es gedauert. Zu lange. Jetzt aber, kurz nach seinem 80. Geburtstag, erweist das Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder) Horst Zickelbein, dem kurz vor Weihnachten 1926 in der Oder-Stadt geborenen Maler, jene Würdigung, die seinem Werk schon längere Zeit zustand. Drei schmucke Räume des Viadrina-Museums und die auch sonst als Präsentationsort für Gegenwartskunst genutzte obere Etage des Packhofes hat die Direktorin des Hauses, Brigitte Rieger-Jähner, dafür frei gehalten und die Auswahl gleich selbst besorgt. Die gezeigten Arbeiten, 85 Bilder auf Papier aus vier Jahrzehnten, stammen allesamt aus dem Besitz des Künstlers.

Anderes war ohnehin kaum denkbar. Ein Zusammenborgen von unterschiedlichen Leihgebern kam schon aus Kostengründen nicht in Frage. Und auch auf das eigene Depot war diesmal kein Verlass. Im Fall Zickelbein nämlich kann das Haus befremdlicherweise weder auf gezielte Erwerbungen zu DDR-Zeiten noch auf solche aus jüngerer Vergangenheit verweisen. Insofern konnte man durchaus neugierig darauf sein, wie Brigitte Rieger-Jähner den Künstler, der spätestens Anfang der 70er Jahre mit farbigen, den starren Kulturbetrieb der DDR provozierenden Filzstiftzeichnungen bekannt wurde, jetzt der Öffentlichkeit vorstellen würde. Kennern erschien allerdings das, was Rieger-Jähner zur der Eröffnung sagte, einigermaßen eigentümlich. “Zickelbeins Werk”, so die Kunsthistorikerin, “sei einzigartig wie der Monolog eines selbstgewissen Menschen”.

Durchaus mögen selbstgewisse Menschen mitunter einzigartige Monologe halten. Darum jedoch geht es im Werk des seit 1995 auf der dänischen Ostseeinsel Bornholm lebenden Malers nun wahrlich nicht. Selbstgewissheit ist Zickelbein fremd, sein Schaffen das ganze Gegenteil: ein methodisches Zweifeln, ein melancholisch zu nennendes, aber beharrliches Suchen. Gerade dies hat Zickelbein die Arbeit wie auch das Leben nie leicht gemacht. Infragestellen und Bedenken – von den DDR-Oberen wurde dies ebenso argwöhnisch beäugt wie es vom marktschreierischen Kunstgeschäft der Gegenwart nicht eben goutiert wird. Schon deshalb ist Zickelbein stets Außenseiter geblieben. Einer, der den Umzug von Berlin, wo er seit 1948 gelebt und gearbeitet hatte, auf die Insel im baltischen Meer mit Konsequenz verfolgte, der dort, zwischen Himmel und Granit, neue Inspiration fand und leise aber mit Kraft gegen derzeitige Trends anmalt. Abkehr nicht Rückzug, so beschreibt Zickelbein im zur Frankfurter Ausstellung erschienenen Faltblatt sein künstlerisches Credo. Nicht um Themen, Inhalte und Repräsentation gehe es ihm in einer Welt, in der “alles schon da” sei, eher schon um “Struktur, Ordnung und Zeichen”. Und so nennt er die Architektur seiner Bildwelten folgerichtig ein “Abseits, aber ein selbstgewähltes”.

Selbstgewissheit? Nicht die Spur. Doch gerade deshalb ist dieses Werk voller stiller Intensität und Schönheit. Auch wenn sich diese “Landschaften” – die torsihaften Felsen, die Räume und Körper, die flirrenden Farben des Südens und immer wieder das Licht vermutlich nicht jedem Betrachter sogleich entschlüsseln. Hier aber liegt ja ein Reiz dieser Malerei. Man sollte sich einlassen. Dann freilich öffnen sich Oasen konzentrierter Ruhe in unserer getriebenen Zeit.

“Divertimenti. Horst Zickelbein – Malerei”: Di-So 11-17 Uhr. Bis 1. April 2007. Museum Junge Kunst und Viadrina, Packhof und Junkerhaus. Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Str.11, Frankfurt (Oder).

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 19. Februar 2007

13. September 2006

DIE VERLORENEN WELTEN DER GLÜCKSELIGKEIT

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG, KUNST — Martin Stefke @ 23:12

“Es gibt keine Wahrheiten vor den Toren Edens”: Der Fotograf Ludwig Rauch zeigt in Berlin seine neuen Arbeiten

BERLIN | Seit die schöne Eva wissend-lächelnd ihrem Adam einen Apfel unter die Nase hielt, ist das Paradies verloren. Gott hat uns vertrieben. Die Schlange und das Weib, so steht”’’s jedenfalls geschrieben, sind schuld daran, dass wir uns ein Leben lang zu quälen haben.

Ja, wenn die Welt so einfach wäre! Vielleicht könnten wir dann glauben, dass der Garten Eden existiert und wir darin eines Tages Einlass finden. Doch einfach ist die Welt nun wahrlich nicht. Gewissheiten gibt es wenige. Fragen viele. Dies zu wissen, muss man nicht unbedingt Bob Dylan kennen. Seinen Vers - “Es gibt keine Wahrheiten vor den Toren Edens” - jedoch stellt der Fotograf Ludwig Rauch seiner Ausstellung “Paradise” voran. Glücksversprechen (und -versprecher) nämlich kennt die Welt zuhauf. Fromme Eiferer und abgekochte Händler, Scharlatane und Geschäftemacher bewerben den Gang in himmlisch anmutende Gefilde. Wir folgen gern. Schließlich verschiebt man, was zu Lebzeiten zu haben ist, besser nicht in ein ungewisses Jenseits.

Im vergangenen Winter, Anfang Dezember, als die Art Basel in Miami Beach zum fünften Mal ihre Überseedependance als globales Kunstversprechen steigen ließ, (meist) Amerikaner binnen weniger Stunden ganze Kojen leer kauften und nächtens einmal mehr echte wie mit ausladendem Silikon gespickte Schönheiten ihrer potenten Kundschaft etwas Glück versprachen, hat Ludwig Rauch im “Paradies” Florida fotografiert.

In der Alten Schule Adlershof im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick, die seit einigen Jahren ein Kulturzentrum mit Bibliothek und einer engagiert der Gegenwartskunst verpflichteten Galerie beherbergt, setzt er die Bilder der Sehnsuchtswelten nun nebeneinander. Neun 120 mal 180 cm große Farbfotos auf Leinwand in der ehemaligen Aula zeigen Kunst und Sex als gleiche Seiten einer käuflichen Welt. Neongrelle Clubs, Stretchlimousine und der Kunstbetrieb: blendend und schrill, voll von - mitunter gar nicht - schönem Schein und jeder Menge Künstlichkeit. Rauch, 1960 in Leipzig geboren, der Ende der 80er Jahre an der Hochschule für Grafik und Buchkunst beim Altmeister Arno Fischer in die Lehre ging und später die 1991 gemeinsam mit Matthias Flügge und Michael Freitag gegründete Kunstzeitschrift “neue bildende kunst” mit seinen Bildern prägte, besinnt sich hier ganz auf die Kraft der Fotografie. Eindrucksvoll und mit genauem Blick auf die Realität zeigt er weitere Sehnsuchtsorte: Venedig, New York und L.A., Moskau und Havanna, Berlin, Paris. Allesamt keine Schönheiten. Hier wie dort: rauchende Schlote, Dampf ausspeiende Maschinen, rußende Schornsteine. Es scheint, als stiegen dunkle Seelen in den Himmel auf. Dann aber die Menschen: keine Marktschreier und Glücksversprecher, sondern Denker und Zweifler - und Narren. Ihre Gesichter zeigen Narben und Falten. Man sieht ihnen das Kopfzerbrechen, das Sich Besinnen förmlich an: Rio Reiser den rebellisch-melancholischen Geist, Sigmar Polke das gewitzte Lächeln, Kaspar König, Catherine David, Jan Hoet und Ernst Beyeler eine seltsame Strenge. Die Blicke der Künstler (von Hrdlicka und Baselitz bis zu Gröszer und Lewandowsky) scheinen zu fragen. Die Antwort liegt vielleicht in Ludwig Rauchs Bildern vom Tod seiner Großmutter. Selten war so Beunruhigendes und doch Berührendes zu sehen. Dies zumindest ist gewiss.

Galerie Alte Schule, Kulturzentrum Adlershof. Dörpfeldstraße 54-56, Berlin. Di-Do 12-19 Uhr, Fr 12-17 Uhr, Sa 15-19 Uhr. . 030/67 77 68 11. Bis 19. September.

Zuerst veröffnetlicht in: Märkische Allgemeine vom 13. September 2006

8. Februar 2006

DIE ZEIT UND DIE KUNST

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG, KUNST — Martin Stefke @ 00:38

Poesie und viele Fragen: Hanne Darbovens “Hommage à Picasso” ist jetzt in der Deutschen Guggenheim Berlin zu sehen

BERLIN | Der Termin ist gut gewählt. Gerade erst hat das Pariser Picasso Museum in der Berliner Nationalgalerie die Präsentation des Privatmannes Picasso beendet, da widmet Hanne Darboven dem Meister in der Deutschen Guggenheim eine Hommage.

Am Werk des Spaniers kommt offensichtlich kaum jemand vorbei. Der französische Dichter René Char trug am Todestag des ideenreichen wie arbeitswütigen Alleskönners, am 8. April 1973, gleich das ganze 20. Jahrhundert zu Grabe. Hanne Darboven verriet ihrem Publikum in der zur Jahrtausendwende bereits in Hamburg gezeigten Installation, was Picasso für sie ist: der Jahrhundert-Künstler schlechthin. “Der Schlüsselkünstler”, weiß auch Valerie Hillings, Kuratorin am Guggenheim Museum New York. Sie hat Hanne Darboven und ihre “Hommage à Picasso” in überarbeiteter Form nach Berlin geholt. Mehrfach ist sie dazu über den großen Teich geflogen. Und sie würde es am liebsten gleich wieder tun: Wegen des Rahmenprogramms mit Vorträgen über die “größte lebende deutsche Künstlerin” und wegen des Konzerts, das es am 17. März geben wird. Da spielt das Ensemble Modern in der Ausstellung Werke der Darboven und von John Cage. Man darf gespannt sein.

Und schon mal streiten: Denn was ist dieses stete Notieren, dieses akribische Festhalten der Zeit, das die 1941 in Hamburg geborene Künstlerin seit nunmehr vier Jahrzehnten auf ihre unverwechselbare Art betreibt? Etwas Manisches? Oder gleicht sie - wie der Gang in ein Kloster - einem Rückzug aus unserer immer chaotischer werdenden Welt? Manch einer unter den Besuchern kratzt sich ratlos am Kopf. Anderen mag der Versuch, der verrinnenden Gegenwart mit Hilfe von Ziffernfolgen oder wellenförmig-schwingenden Zahlwörtern eine Struktur zu verleihen, nicht sonderlich normal erscheinen. Andere wiederum bejubeln die Zahlen- und damit Bildwelt, wie auch die in Töne gewandelten Notationen der “Grand Dame der internationalen Konzeptkunst” als Ausdruck vollkommener Klarheit. Einerlei: Darbovens “Hommage à Picasso” ist ein konsequentes Werk voller Poesie - und voller Fragen. Weil sie eben weit mehr zeigt als Kalenderblätter.
Wer aus der tristen Strenge der Hauptstadt in den klaren, rundweg edler Sachlichkeit verpflichteten Ausstellungsraum tritt, begibt sich in eine Art Tempel, in dem der Meister den Anfang macht. Besser gesagt: eine Reproduktion des 1955 entstandenen Gemäldes “Sitzende Frau in türkischer Tracht”. Das Original hängt in der Hamburger Kunsthalle. Nach dem Rahmen dieses Druckes, dessen Bemalung Motive aus dem Werk aufgreift, ließ Darboven 270 Rahmen fertigen, in die sie jeweils 36 mit Filzstift beschriebene Bogen aus Pergamentpapier einfassen ließ. Diese 9720 Blätter entsprechen dem letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts. In drei ohne Abstand übereinander hängenden Reihen füllen sie die fast sechs Meter hohen Wände nahezu lückenlos und schaffen so einen “Zeit-Raum”, der in seiner lichten Farbigkeit an japanische Architektur erinnert. In diesen hat die Künstlerin Skulpturen wenig oder unbekannter Künstler gesetzt: eine Picassobüste im Stil eines römischen Kaisers, die Bronzeplastik einer Ziege (wie seinerzeit der Spanier lebt auch Hanne Darboven mit diesen Tieren), drei von polnischen Volkskünstlern aus Birkenzweigen gefertigte Esel sowie zwei Vitrinen mit zwölf ziemlich kitschigen Sternzeichenfiguren, gefertigt mit der von Picasso benutzten Assamblagetechnik. Damit fragt Darboven nach dem Wert von Kunst und Originalität in unserer Zeit. Das geht weit über die Kühle üblicher Konzeptkunst hinaus. Es ist ein Erlebnis.

“Hanne Darboven - Hommage à Picasso”: Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13/15, Berlin-Mitte. Mo-So 11-20 Uhr, Do bis 22 Uhr. Bis 23. April.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 8. Februar 2006

1. Januar 2006

DIE MEISTERIN

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG, KUNST — Martin Stefke @ 00:33

Cottbusser Ausstellung mit Fotografien von Barbara Klemm

COTTBUS | Um Kunstproduktion ging es nie. Das jedenfalls hat Barbara Klemm einmal gesagt. Was nicht viel heißen will, da selbst die Verneinung eines Ziels nicht ausschließt, dass man es irgendwann erreicht. Einfach “eine gute Arbeit machen”, das wollte die Fotografin eigener Aussage nach: “Bilder für Artikel fotografieren”.

In den Brandenburgischen Kunstsammlungen Cottbus ist jetzt zu erleben, was Barbara Klemm unter guter Arbeit versteht. Und wer Kunst - entgegen derzeitiger Mode - als Meisterschaft, als Fähigkeit definiert, ja sie mit handwerklichem Können gleichsetzt, wird nach dem Besuch der in Kooperation mit der Berliner Akademie der Künste veranstalteten Ausstellung mit 140 ausgewählten Aufnahmen in Barbara Klemm eine Künstlerin von Rang sehen.

Ihr Handwerk jedenfalls hat die Fotografin, die 45 Jahre lang für die Frankfurter Allgemeine Zeitung “gute Arbeit machte”, von der Pike auf gelernt. In den fünfziger Jahren in einem Fotoatelier in Karlsruhe ausgebildet, begann die am 27. Dezember 1939 im westfälischen Münster geborene Tochter des Malers Fritz Klemm 1959 im Labor der FAZ. Von dort führte sie der Weg schnell wieder hinter die Kamera. Zunächst als freie Mitarbeiterin, seit 1970 mit festem Vertrag, prägte die Redaktionsfotografin mit den Schwerpunkten Feuilleton und Politik durch ihre Bilder das Blatt und damit den Blick der Leser auf die Welt. Auch wenn in Cottbus die großen politischen Ereignisse, deren Zeugin Barbara Klemm gewesen ist, ausgespart bleiben, eindrucksvoll klingt allein schon die Liste der Stationen, an denen die Bildreporterin die hier gezeigten Straßenszenen aufgenommen hat. Da wird der Ausstellungsbesuch zur Weltreise: von Frankfurt geht’’s nach China und Nordamerika, über die DDR und Polen, die UdSSR, Peru und Bolivien, Wladiwostok und Johannesburg, Paris und Rom, London, Rumänien, Indien, Russland, die Ukraine.
Barbara Klemm zeigt die Welt voller Widersprüche, hält das Alltägliche in eben jenen Momenten fest, die Geschichten und Geschichte zu erzählen vermögen. Da sind das Lächeln südamerikanischer Mädchen, die bärtigen Männer der siebziger Jahre, die Kinderwagen durch eine Frankfurter Grünanlage schieben, der korpulente Weiße im feinen Zwirn auf der von einem Einheimischen gezogenen Rikscha im indischen Kalkutta.

Und dann diese Bilder von Armut und Reichtum: In Moskau fotografiert Barbara Klemm 2002 ein altes Mütterchen vor der Kulisse von Wohnhäusern aus der Stalinzeit - es scheint, als hätte es die Revolution nie gegeben -, in Krakau entsteht 1995 das Bild einer knienden Bettlerin an der zwei Frauen in üppigen Pelzmänteln und weißen Stiefeln vorübergehen. Einige von vielen Aufnahmen mit tiefer Symbolkraft, wie das wunderbar leise aber bestechende Doppelporträt der beiden Afrikanerinnen in Zululand.

Überhaupt diese Bilder von Menschen. Im Séparée und im Erdgeschoss hängen Klemms Porträts - ein Who is Who der Kunstgeschichte. Von Janis Joplin im Jahr 1969 bis Christoph Hein und Julian Schnabel aus dem vergangenen Jahr. Dazwischen die Weigel, friedrich Dürrenmatt, Ernst Jünger, Heiner Müller, Joseph Brodsky, Andrej Sinjawski, Botho Strauß, Günter Grass und viele mehr: Maler und Autoren, Schriftstellerinnen und Philosophen. So Hans-Georg Gadamer, lesend und als halte er sich die Ohren zu, den Kopf mit den Händen stützend, Friedericke Mayröcker in ihrer Dichterinnenklause, wie eingegraben zwischen Manuskriptbergen - eine Sammlerin. Oder der unruhig gehende Thomas Bernhard und eine lachende Simone de Beauvoir. Wie alle anderen Aufnahmen Barbara Klemms sind auch diese Schwarz-Weiß-Abzüge Bilder von großer Kraft, die ohne die heute übliche Aufgeblasenheit auskommen.

Man versteht, weshalb Wolfgang Rihm in einem Brief an Barbara Klemm geschrieben hat: “Ohne mein Zutun bin ich auf Deinen Porträts der geworden, der ich bin. Du bist eben die Meisterin.” Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Eigentlich nur, dass man nach dem Blättern im 2004 bei Nicolai erschienenen Band “Künstlerporträts” das Doppelporträt der Fotografinnen Helga Paris und Sibylle Bergemann in der Cottbuser Ausstellung vermisst. Schade. Gerade ein ostdeutsches Museum sollte diese “Meisterinnen” nicht vergessen. Zumal Helga Paris selbst unlängst im Hause ausgestellt hat.

Barbara Klemm - Fotografie. Brandenburgische Kunstsammlungen, Spremberger Straße 1, Cottbus. Di/Do 10-20 Uhr, Mi/Fr/So 10-18 Uhr, Sa 14-18 Uhr. Noch bis 19. Februar, 03 55/2 20 42.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 2. Januar 2006

5. März 2005

DIE KUNST DER WAHRHEIT

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG, KUNST — Martin Stefke @ 22:50

Cottbuser Kunstsammlungen zeigen Arbeiten der Fotografin Helga Paris

COTTBUS | Wenn man den Fotografien von Helga Paris etwas bescheinigen will, so ist es in erster Linie Wahrhaftigkeit. Man kann auch von Ehrlichkeit sprechen. Obwohl beides angesichts der Art und Weise ihres Bildermachens doch zu pathetisch klingt. Erhabenheit nämlich geht den Arbeiten der 1938 im pommerschen Gollnow, wenige Kilometer nordöstlich von Stettin, geborenen Wahlberlinerin völlig ab.
In den Brandenburgischen Kunstsammlungen Cottbus kann man sich derzeit davon überzeugen. „Helga Paris – Fotografien“ lautet der schlichte Titel einer Ausstellung, die zuvor bereits im Sprengel-Museum Hannover zu sehen war. Sie zeigt, was Paris’ Fotografien sind: ungeschönte Bilder vom Leben, real und gerade, von großer Klarheit und tiefer Stille und dabei doch voller Poesie und Rätselhaftigkeit, ganz wie das Dasein eben ist.
Besser noch: wie es war. Denn alle 60 Aufnahmen, durchweg im Format 18 mal 24 Zentimeter, stammen aus den 70er und 80er Jahren. Einige haben Helga Paris damals nahezu übber Nacht bekannt bemacht, so die Zyklen „Müllfahrer“ und „Berliner Kneipen“, die sie 1974 und im Jahr darauf in der Zeitschrift „Das Magazin“ veröffentlichte.
Doch während sie die einen für ihren ungeschönten Blick bewunderten, war den anderen gerade dieser ein Graus. Als Mitte der 80er Jahre die in Halle an der Saale über einen Zeitraum von mehreren Jahren aufgenommene Serie „Häuser und Gesichter, Halle“ schon an den Wänden der Galerie Marktschlösschen hing, wurden Ausstellung und Katalog vom Ersten Sekretär der SED-Kreisleitung verboten. So wie auf diesen Fotos hatte die Welt der Genossen und deren Menschen einfach nicht auszusehen. Selbst wenn der Verfall der historischen Altstadt, die Tristesse der Plattenbauten und der ewig graue und stinkende Dunst aus den Schornsteinen der Chemieriesen Leuna und Buna längst nicht mehr zu übersehen war.
In Cottbus war diese Serie, die in der Saalestadt erst nach der Entmachtung der SED gezeigt werden konnte, vor einigen Jahren in der Galerie Haus23 zu sehen. Insofern kann Carmen Schliebe, Kuratorin an den Kunstsammlungen die jetzt eröffnete Schau zu Recht eine Ergänzung für das dortige Publikum nennen. Mehr ist sie allerdings trotz der beeindruckenden Qualität und Eindringlichkeit der gezeigten Arbeiten leider nicht. Der Rundgang enttäuscht erst einmal, wirken die leisen und unaufdringlichen Arbeiten in den vier kleinen Räumen im Obergeschoss des Hauses an der Spremberger Straße doch ziemlich versteckt. Schade, denn die Chance, die in Hannover aus Platzgründen beschränkte Auswahl hier zu einer umfassenden Werkschau auszubauen, haben die Cottbuser eindeutig verpasst.
Warum, fragt man sich, bricht die Ausstellung 1989 ab? Weshalb fehlen neben dem Halle-Zyklus wichtige Arbeiten, die die sich durchs Werk ziehende Beschäftigung mit dem Theater oder die Porträts bekannter Schriftsteller, die unser Bild von ihnen beträchtlich mitgeprägt haben? Selbst vom Vorhandenen, den Müllfahrern, den Frauen im VEB Treffmodelle, den Rumänien- und Georgien-Serien würde man gern mehr sehen. Allein schon um noch einmal zu sagen: „Genau so ist es gewesen.“

„Helga Paris – Fotografien“: Brandenburgische Kunstsammlungen, Spremberger Straße 1, Cottbus. Di, Do 10-20 Uhr, Mi, Fr So 10-18 Uhr, Sa 14-18 Uhr. Bis 30. April.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 5. März 2005

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