MARTIN STEFKE

4. August 2011

3000 Stimmen für die Lüge

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR, AUSSTELLUNG — Martin Stefke @ 15:15

Reinhard Zabka übergibt im Kulturministerium Unterschriften für den Erhalt seines Museums

POTSDAM | Gut gelaunt und doch mit dem nötigen Sicherheitsabstand begrüßte gestern Kulturstaatssekretär Martin Gorholt den Gründer des wohl eigensinnigsten Museums der Mark, des Lügenmuseums Gantikow (Ostprignitz-Ruppin) – den Künstler Reinhard Zabka.

Bekanntlich ist dessen fantasievolles Universum der augenzwinkernden Kunst, in dem der heute 61-Jährige seit 1997 so skurrile – und natürlich „echte“ – Exponate wie Willy Brandts Geburtsstube, Winnetous Silberbüchse und das abgeschnittene Ohr Vincent van Goghs präsentierte, seit Herbst 2010 geschlossen. Nach Streitigkeiten mit dem Besitzer der Immobilie, dem Verein Offene Häuser e.V., hatte Zabka damals das Gutshaus im zu Kyritz gehörenden Prignitzdorf geräumt.

Vielleicht dachte Martin Gorholt gestern ja, der unorthodoxe Kunstprovokateur und „Lügenbaron“ werde in seiner Amtsstube für einen Eklat sorgen. Den einstigen Kulturminister Steffen Reiche hatte Zabka seinerzeit äußerst unangenehm überrascht: Zabka schüttete ihm einen Eimer Senf über das Ministerhaupt und erklärte den Vorgang zur Kunstaktion.

Gorholt blieb ähnliches erspart. Geradezu staatsmännisch gelassen übergab der Künstler 3000 Unterschriften, mit denen sich Freunde und Besucher des Hauses für den Erhalt des Lügenmuseums ausgesprochen hatten. Ein Lächeln und ein Händedruck – schon wechselte der 120 Seiten starke Stapel Papier den Besitzer. Zabka nutzte den Termin, um Gorholt über die derzeitige Situation des Museums zu informieren. Er habe Alternativstandorte gesucht. Derzeit gäbe es mehrere Interessenten. Dank der Unterstützung eines Berliner Unternehmers hat Zabka jetzt in der Alten Schmiede in Gantikow ein provisorisches Domizil gefunden. Ob er das Museum dort jedoch wieder eröffnen kann – und auch will –, ist noch offen. Bei den Gantikowern stößt die wundersame Welt des „Lügenbarons“ nämlich auf wenig Gegenliebe.

Martin Gorholt sagte Zabka erneut die Unterstützung des Landes zu. Eine Anschubfinanzierung und Projektförderungen, so Gorholt, seien denkbar.

Reinhard Zabka zeigte sich optimistisch. „Ich lasse mich nicht unterkriegen“, sagte er. Er arbeite in Gantikow wieder mit Freude an seiner Kunst. Besucher sind ihm willkommen. Für sie öffnet er sein Atelier.

Lügenmuseum Gantikow in der Alten Schmiede, Am Anger, Gantikow. Infos unter 0176/990 25 65.

Zuerst erschienen in: Märkische Allgemeine vom 4. August 2011

23. Mai 2011

“SCHRECKLICH KLUGE SACHEN”

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR, AUSSTELLUNG — Martin Stefke @ 19:15

Der Karikaturist und Zeichner Harald Kretzschmar feiert seinen 80. Geburtstag

POTSDAM | Heute feiert Harald Kretzschmar in Kleinmachnow seinen 80. Geburtstag. „Meine Frau stöhnt schon“, verriet uns der vitale Altmeister der ostdeutschen Karikatur bereits vor einer Woche. - Den Grund dafür ließ er auch wissen: Zu ihrem Leidwesen werde sein Geburtstag seit der Eröffnung seiner Jubiläumsausstellung „In bester Wegwerfgesellschaft“ am 1. Mai in Luckau (Dahme-Spreewald) „in die Länge gezogen“.

„Schuld“ an der verlängerten Feier ist der ausrichtende Verein mit dem programmatischen Namen Cartoonlobby. Seit Anfang des Jahres betreiben die Mannen um Geschäftsführer Andreas Nicolai im zum Kreisarchiv umgebauten Gefängnisgebäude aus Preußens Pickelhaubenzeit einen stattlichen Ausstellungsraum, in dem man noch bis Ende Juni rund 60 Kretzschmar-Originale betrachten kann - auf einem kurzen, strammen Marsch durch ein reiches Karikaturisten-Leben. Von frühen Blättern für Kretzschmars Stammblatt, die Satirezeitschrift „Eulenspiegel“, geht es über Prominentenporträts von Katharina Thalbach als Debütantin, Erwin Geschonneck, Gérard Depardieu und Horst Köhler zu Büchern wie „Wem die Nase passt“ und „Berühmte Weintrinker“. Auch Reiseskizzen und sogar wechselnde tagesaktuelle, zeitkritische Zeichnungen sind zu sehen.

„Satire im Gefängnis“, lacht der Karikaturist und Zeichner, das sei ja schon ein „Gag für sich, ein Kontrastprogramm, das man sich nicht besser ausdenken kann“. Dann erinnert er an den Kollegen Karl Holtz. Der hatte 1949 in der Schweiz eine Stalin-Karikatur veröffentlicht und musste dafür, so Kretzschmar, „solche Mauern von innen sehen. Wir anderen hatten ja Glück.“

Am vergangenen Sonntag war der Jubilar - wie auch zur Eröffnung - selbst vor Ort. Um zu porträtieren. Denn das ist sein ureigenes Metier. „Deshalb“, sagt Kretzschmar, „bin ich auf der Welt.“ Seit 1931. Damals, am 23. Mai, wird er in Berlin geboren - „in einer stinkbürgerlichen Familie“. Kretzschmar lässt den Schalk in seinen Augen blitzen und nennt sich prompt „ein Wunderkind“. Selbstironie hat der Mann ja. Die passende Anekdote auch: 1944 angelt seine Mutter ein Blatt des Sohnes aus dem Papierkorb: Ein Strichmännchen ist darauf zu sehen – mit prägnantem Hitler-Bart. Es ist Kretzschmars erste politische Karikatur. Wenige Striche bringen die Sache auf den Punkt. Werner Bergmann, der Babelsberger Filmemacher und Kameramann, wird später den bezeichnenden Satz sagen: „Von Kretzschmar gezeichnet zu werden, ist wichtiger als der Nationalpreis.“ Ein Kretzschmar-Porträt – in der DDR war das ein Ritterschlag.

Unzählige – auch politische – Zeichnungen folgen. Selbst als Parteichef Honecker die Politik, wie auch die Denkmalpflege und den Umweltschutz, zu Tabuthemen für die „Eule“ erhebt. Der Künstler sucht die Nische. Als Vorsitzender der Sektionsleitung „Karikatur im Verband Bildender Künstler der DDR“ engagiert er sich für ein Karikaturenmuseum in Greiz. In den Achtzigern wendet er sich neben der „offiziösen Satire“ auch der Druckgrafik zu. Blätter wie „Nananana“ – eine Altherren-Riege mit mahnend-erhobenen Zeigefingern – oder „Der Weisungsgebundene“ – das Bild eines Gefesselten mit verbundenen Augen – entstehen.

Seit 1956 lebt und arbeitet Kretzschmar in Kleinmachnow. Zuvor hatte er von 1950 bis 1955 nach dem Abitur an der Dresdner Kreuzschule an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert. Eine Ausbildung, die prägt. Den Menschen und seinen künstlerischen Stil. Ja, Harald Kretzschmar spricht von seiner „künstlerischen Heimat“ - der klassischen Moderne - von den „Brücke-Malern“, dem „Blauen Reiter“, Max Beckmann und Otto Dix. Und zeigt gleich, was er meint: die Komposition und den oft porösen Strich, der wie von Lithografiekreide gezogen wirkt. Für ihn müsse, sagt Kretzschmar, jede Zeichnung immer auch abstrakte Qualitäten haben. Die Kollegen hätten das oft nicht verstanden. Sie schüttelten hausbacken die Köpfe und spöttelten, er habe „wohl wieder mit dem Teerbesen gezeichnet“.

Der Ruhestand ist kaum in Sicht. Die Veränderungen vor 20 Jahren, sagt Harald Kretzschmar, hätten ihm neuen Schwung gegeben. Er habe viel nachgedacht, ausgestellt, Bücher wie „Paradies der Begegnungen“, sein Buch über Kleinmachnow, herausgegeben und „viele schrecklich kluge Sachen geschrieben“. Er müsse das aufschreiben, sagt er. Nach seinem Tod sollen andere sehen, was sie daraus machen.

Bis dahin scheint es noch lange hin. Der Jubilar sprüht nur so von Lebenslust. Listig kommentiert er den heutigen Tag: „Ich muss damit rechnen, dass jemand gratulieren kommt.“ Das könnte stimmen.

„In bester Wegwerfgesellschaft“. Sammlung Museum für Humor und Satire. Nonnengasse 3, Luckau.
Bis 30. Juni.

Zuerst veröffentlicht in Märkische Allgemeine vom 23. Mai 2011

13. Mai 2011

EXPERIMENTIERSTUBE MARK

Abgelegt unter: ALLGEMEIN, ARCHITEKTUR, AUSSTELLUNG — Martin Stefke @ 12:49

Themenjahr zur Moderne in Bernau eröffnet

BERNAU | Brandenburg – das sind der Alte Fritz, sein Sanssouci, die Kiefern, Alleen und Seen, die Spreewaldgurken und der Spargel. Mit derlei

Koordinaten jedenfalls wird noch immer allzu gern das Bild des Landes zwischen Wittenberg und Spremberg, zwischen Prenzlau und Jüterbog vermessen. Doch mittlerweile sollte sich herumgesprochen haben: In unserem Bundesland gibt es weit mehr Fixpunkte. Und das meint nun nicht nur die von Theodor Fontane erwanderten Herrenhäuser und Dorfkirchen, sondern die Architektur der Moderne.

Detlef Karg, seines Amtes Landesdenkmalpfleger, betont seit Jahren, welch bedeutenden Schatz die Mark mit ihren Baudenkmalen aus der Zeit zwischen den Weltkriegen besitzt. Jetzt hat auch das Kulturland-Jahr das Thema auf seine Agenda gesetzt. Anlässlich des 100. Jahrestages der Grundsteinlegung der Babelsberger Filmstudios erinnert es einerseits an die erzählenswerte Geschichte der bewegten Bilder und andererseits an die Aufbruchsstimmung in der Baukunst.

Gestern wurde das Kulturland-Jahr eröffnet – in einem herausragenden Bauwerk dieser Zeit: der von 1928 bis 1930 von Hannes Meyer und Hans Wittwer errichteten Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau. Paul Schwingenschlögl an der Trompete und Stefan Fischer am Klavier ließen zum offiziellen Auftakt des Themenjahres „Licht – Spiel – Haus: Moderne in Film, Kunst und Baukultur“ dann aber statt eines stürmischen Aufbruchs doch eher cineastisch-elegische Töne erklingen. Fünf Stelzenläufer in von Oskar Schlemmers Triadischem Ballet inspirierten Kostümen schauten den über 200 Festgästen – unter ihnen Kulturministerin Sabine Kunst, Bernaus Bürgermeister Hubert Handke und Hausherr Stephan Schwarz, Präsident der Handwerkskammer Berlin, auf die Köpfe. Es gab Freude über das Kulturland-Jahr und wiederholt Lob für die Sanierung des 2008 mit dem Knoll Modernism Prize des World Monument Fund ausgezeichneten Baudenkmals.

„Dieser Bau ist ein Bau des Lebens und nicht der Kunst“, hatte Bauhaus-Lehrer Meyer seinerzeit bei der Eröffnung des zukunftsweisenden, sanft in die karge Landschaft gesetzten Ensembles aus Lehrgebäuden, Internats- und Lehrerhäusern gesagt. Jetzt ordnete Kulturministerin Kunst – Ministerpräsident Matthias Platzeck hatte wie schon im vergangenen Jahr kurzfristig abgesagt, weil ihn diesmal energiepolitische Fragen plagten – im Kleistjahr gleich den Frankfurter Dichter und seine „Partituren des Abgesanges“ in die Moderne ein. Die Ministerin warb für die Mark als „Experimentierstube der Moderne“, in der „zwischen den Spuren der Gartenstadt Eden und dem restaurierten Dieselkraftwerk in Cottbus viel zu entdecken“ sei. Festredner Frank Kallensee, Kulturredakteur der Märkischen Allgemeinen, hielt ein Plädoyer für das Leben und warnte vor Misstrauen gegenüber der Gegenwartskunst und der Heilssuche in Stadtschlosskopien. Die Moderne, so Kallensee, sei hierzulande eine „noch immer nicht hinreichend erkannte, geschweige denn geschätzte Größe“. Mozart und Rubens zögen mehr als die Brandenburger Georg Katzer und Hans Scheuerecker.

Kallensee forderte, „Waffelfassaden“ und „Abschreibungsarchitektur“ zu verhindern, und regte eine „Route der Moderne“ durch Brandenburg an. Kulturland-Geschäftsführerin Brigitte Faber-Schmidt erwiderte: Eine Karte für diese Route gäbe es seit der Ausstellung „Aufbruch in die Moderne“ im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam ja bereits.

www.kulturland-brandenburg.de

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 13. Mai 2011

27. April 2011

ZEIT ZUM STERBEN

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG, KUNST — Martin Stefke @ 23:22

In Frankfurt (Oder) sind Totentänze aus fünf Jahrhunderten zu sehen

FRANKFURT (ODER) | Vorn, gleich hinter der schweren Tür der Rathaushalle, am Anfang der vom Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder) organisierten „Totentanz“-Ausstellung, hängen zwei kluge Gedanken. Der eine, aus dem Jahr 1914, stammt von Max Scheler. In seiner Schrift „Die Zukunft des Kapitalismus“ nennt der Philosoph und Soziologe „den Sturz in den Strudel der Geschäfte“ eine „fragwürdige Medizin“. Sie bewirke, so Scheler, beim modernen Menschen „die Illusion eines endlosen Fortganges des Lebens“. Das andere Zitat ist poetischer – und doch auch sachlicher Natur. „Früher wusste man“, schrieb Rainer Maria Rilke vor gut 100 Jahren in den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, „dass man den Tod in sich hatte, wie eine Frucht den Kern“.

Wohl wahr. Unseren Vorfahren ist das Zum-Leben-Gehören des Todes gegenwärtiger gewesen als uns. Und das gewiss nicht nur in Zeiten von Krieg oder Pest. Kein Wunder, dass die Überlebenden bereit waren, an göttliche Mächte zu glauben. Oder auch an den personifizierten Tod, einen knochenklappernden Sensenmann, der den Menschen, wenn seine Zeit gekommen war, abholen würde.

Hans Holbein der Jüngere zeigte, dass dieses Schicksal vor niemandem halt macht. Wenn es ans Sterben geht, so malte es der Künstler zwischen 1538 und 1541 an die Friedhofsmauer in Basel, gibt es kein Zurück, dann sind alle gleich. Nichts hilft mehr: kein Amt, keine Stellung, kein Geld. In Frankfurt ist das auf Radierungen zu sehen, die Johann Jakob und Johann Conrad von Mechel 1796 nach den Holzschnitten des Meisters stachen: 33 Blätter zeigen kirchliche und weltliche Herrscher, Männer und Frauen, aber auch Bettler, Adam und Eva, ganze Berufsgruppen. Dem Kaufmann nützte sein Reichtum nichts, als der Tod ihn mit den Worten „Herr Kauffmann, lasset euer Werben,/ die Zeit ist hie ihr müssen sterben“ aus seinem schaffenden Leben riss.

Das Blatt ist nur eines von 264 Werken einer Schau, die man nicht versäumen sollte. Denn wieder einmal zeigt Museumsdirektorin Brigitte Rieger-Jähner, welch anspruchsvolle Ausstellungen sie trotz widriger Bedingungen auszurichten vermag. Kaum für möglich halten möchte man da die Gedankenspiele von der Abwicklung des Museums, die Ende 2010 in der Stadt aufgekommen waren, um etwas Geld zu sparen. Das Gegenteil wäre nötig: Mehr Mittel und Personal, damit das Haus – mit dem stellvertretenden Direktor Armin Hauer ist es gerade einmal ein Zwei-Stellen-Unternehmen – auch überregional auf sich aufmerksam machen kann.

Doch zurück in die Rathaushalle, wo man von Dürer bis Droste, von Hogarth bis Dix, von Dalí, Grieshaber oder Christo sehen kann, was in den Ateliers und Druckwerkstätten über Jahrhunderte hinweg zum Thema gefertigt wurde. Gesammelt hat das alles der Bamberger Händler Richard H. Mayer. Am Beginn stehen drei meisterlich hingeworfene Lithografien Pablo Picassos vom 6. März 1961: „Der Stierkampf“. Es folgen „Tauromachie surréaliste“, sieben Radierungen Salvatore Dalís von 1972. In der für ihn typischen Bildsprache lässt Dalí brennende Giraffen, fließende Uhren und Körper mit Schubladen in die Stierkampfarena ein. In der Nähe finden wir die Bronze „Gänsehals“ des gelernten Bildhauers und Literaturnobelpreisträgers Günter Grass. Neben Horst Jansens „Tote Maus“ hängt „Tote Hirsche“ von Joseph Beuys, ein ebenfalls berührendes Blatt.

Ernst Barlach ist mit drei Lithografien vertreten. So „Erst Sieg, dann Friede“ oder „Aus einem neuzeitlichen Totentanz“, ein Blatt, auf dem ein Mann den Tod mit einem riesigem Hammer erschlägt. In Carl Olof Petersens „Das Expeditionsheer“ sehen wir wahre Todesfahrten: Zwei Geistergestalten staken große Boote über ein Meer. Ernst Fuchs”””” expressionistische Holzschnitte, Paul Wunderlichs sechsfarbige Heliogravüren, zehn Radierungen aus Goyas Zyklus „Desastre de la guerre“, William Hogarth, Alfred Rethel, Marc Chagall, Lovis Corinth, Alfred Kubin, Max Klinger – die Liste berühmter Künstler ist lang. Atemberaubend das kleine Ölbild „Aus der Anatomie“, 1885 von Albert von Keller gemalt, die Ansicht einer liegenden Frauenleiche. Am Ende – imposant, allein schon seiner Größe wegen – HAP Grieshabers „Totentanz zu Basel“. Wie gesagt: Man sollte das sehen.

„Totentanz. Bilder und Objekte aus der Sammlung Richard H. Mayer, Bamberg“: Museum Junge Kunst, Rathaushalle, Marktplatz 1, Frankfurt (Oder). Di-So 11-17 Uhr. Bis 15. Mai.

Zuerst veröffentlicht in Märkische Allgemeine vom 27. April 2011.

20. April 2011

PANISCHES HOCHAMT

Abgelegt unter: ALLGEMEIN, AUSSTELLUNG, ROCK — Martin Stefke @ 01:09

Neuhardenberg wird zur Stätte der Udo-Lindenberg-Verehrung

NEUHARDENBERG | Bernd Kauffmann, der Generalbevollmächtigte der Stiftung Schloss Neuhardenberg, hat ganz recht: Was Fan-Sein bedeutet, kann man in der Schau „Udo. Die Ausstellung“, die seine Stiftung jetzt in der Oderbruch-Gemeinde ausrichtet, in der Tat verstehen. Doch nicht nur, wenn man – wie Kauffmann in seiner Eröffnungsrede am Sonntag meinte – die umfangreiche Sammlung der Familie Seidler aus dem sächsischen Städtchen Penig betrachtet.

Zwar haben die leidenschaftlichen Udo-Verehrer ihr Wohnzimmer, ja ihre ganze Wohnung zu einer Art Lindenberg-Tempel umgewandelt, der nun leihweise in Neuhardenberg zu sehen ist. Aus schwarzen Pressspanplatten-Möbeln blitzt es im Kubus der Ausstellungshalle wie aus einem funkelnden Altar heraus: Bilder, Platten, Fotos, Autogramme – wahre Reliquien aus dem Udo-Universum.

Doch auch die übrige Ausstellung ist geradezu zum Ort der Verehrung geworden – eine große Weihestätte, aufgerichtet zu nur einem Zweck: Dass man darin auf die Knie geht. Schon die Eröffnung glich einem Gottesdienst, einem panischem Hochamt mit feierlichen Lobgesängen. Ein sichtlich ergriffener Bernd Kauffmann predigte dem Rockstar, den er ein „Gesamtkunstwerk aus Rock ’n’ Roll, Poesie, Coolness, Malerei und Zeitgeschichte“ nennt, und seinen Jüngern ein neues Evangelium: „Es begab sich im letzten Jahrtausend, ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg, dass zu Gronau im durch und durch katholischen Westfalen ein Menschenwesen das Licht der Welt erblickte.“ Die Fans freuten sich mehr am Auftritt ihres Idols und über Katharina Thalbachs anekdotenreiche „Lobhudelei“. „Mörderisch verknallt“, gestand die Regisseurin, sei sie als 20-Jährige gewesen. „Die langen Haare und sehr engen Hosen“ hätten ihre „nicht unerhebliche Phantasie sehr“ angeregt. Damals habe sie, so Thalbach, gedacht, „wer so aussehe und noch dazu Verse habe wie ‚Grethe Weiser am Synthesizer”, könne nicht ganz schlecht sein“.

„Nicht ganz schlecht“ – das Understatement beschreibt wohl am besten, was den Ausnahmekünstler Lindenberg ausmacht. Seine Lockerheit und Coolness, die schnoddrige Art, die so leicht daher kommt und doch so viel Wahres von der Welt und dem Leben erzählt hat. Damals. Denn inzwischen ist Lindenberg längst eine Marke geworden, ein Bild seiner selbst, eine Kunstfigur. Wer ihn an diesem Wochenende sah, erkannte nicht den Menschen, sondern vor allem den Rockstar, den Mann mit dem breitkrempigem Hut, der auf der Bühne lässig-routiniert ein solides Programm und ein paar Bonmots zum Besten gibt, hin und wieder die Sonnenbrille abnimmt, mit Eierlikör gurgelt und Küsschen verteilt. Schließlich pilgerte der Panikrocker von Fans und Bodyguards umringt selbst durch die Schau. Lindenberg saugt an seiner kalten Zigarre, klemmt sich hinter das Schlagzeug, das ihm einst kein Geringerer als Miles Davis geschenkt hat. Er posiert, die Trommelstöcke schwingend, vor Fotografen, und wirkt einen Moment lang beinahe selbst wie ein Exponat.

Nichts fehlt in dieser Schau. Sämtliche Alben hängen an der Wand. Auch die zehn Goldenen Schallplatten sind da. Sogar ein Schulzeugnis, die Möbel aus der Suite im Hotel Atlantic, die Lederjacke, die er Erich Honecker schenkte, und die Schalmei, die der Rocker vom DDR- „Oberindianer“ bekam, sind zu sehen. Auch die Stasi-Akte, die Likörellen und die Bilder seines verstorbenen Bruders Erich. Spannend wird es immer da, wo der Mensch hinter dem Bild hervortritt, wenn der Arbeitsprozess deutlich wird, so auf den Schreibtischunterlagen voller Notizen und Ideen. Und wenn Lindenberg an den Hörstationen über sich, seine Arbeit und das Leben spricht. Die Vitrinen verstellen diesen Blick eher. Sie gleichen Koffern, in denen Musiker ihre Ausrüstung verstauen, wenn sie auf Tour gehen. Man kann die Symbolik verstehen. Musiker leben aus Koffern. Aber weniger wäre in dem Falle wohl mehr gewesen.

„UDO. Die Ausstellung“: Stiftung Schloss Neuhardenberg, Schinkelplatz, Neuhardenberg. Di-So 11-19 Uhr. Bis 19. Juni. Infos unter Tel. 030/8892900.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 19. April 2011

14. März 2011

KUNST FÜR DIE STRASSE

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG — Martin Stefke @ 23:14

Plakate aus über 100 Jahren

BERLIN | Was für eine Idee! Da sitzt ein weiblicher Engel vor dramatisch aufgetürmten Wolken. In seinen Händen hält er einen Pinsel und – sehr behutsam – ein rotes Herz. Im Himmel lesen wir den Schriftzug: „Otto Ring’s Syndetikon“ und unten, vor einer Marmorbrüstung, auf der ein Fläschchen und eine Tube eben jenes Klebstoffs aus dem Hause Ring sowie zwei weitere – zerbrochene – Herzen liegen, geht der Slogan weiter: „klebt, leimt, kittet alles“.

Wo war Reklame je augenzwinkernder und appellierte doch zugleich derart an das ganz große Gefühl? Man darf dieser Frage jetzt nachspüren: in der Ausstellung „Kunst für die Straße“, die das Kunstforum der Berliner Volksbank am Zoo in Kooperation mit dem Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden veranstaltet. Dabei will man heute, da sich gewiss so mancher unter uns gern den Engel des Malers Ferdinand Schultz-Wettel aus dem Jahr 1899 oder andere der gezeigten 96 Werke an die Wand hängen würde, kaum glauben, was die Kuratorin Karin Kolb sagt. Die Plakatkunst habe es am Anfang schwer gehabt. Männer wie Schultz-Wettel hätten um den Stellenwert ihrer Arbeit ringen müssen: „Wegen der Standesdünkel der akademischen Maler“.

Ein Junge schaut in die Suppenterrine

Gewiss hielt auch der eine oder andere Museumsmann Ende des 19. Jahrhunderts nicht allzu große Stücke auf die oft zwar kunstvoll gefertigten Lithografien. Doch diese waren eben für die Masse bestimmt, klebten „nur“ an Litfaßsäulen und Plakatwänden und sollten zum Kaufen oder Schauen animieren. In Dresden, zuvor bereits in Hamburg und Berlin, erkannte man jedoch schnell den künstlerischen Wert des neuen Massenmediums. 1896 legte Max Lehrs, Direktor des Kupferstich-Kabinetts, den ersten Katalog der Plakat-Sammlung seines Hauses vor. Im gleichen Jahr richtete er die erste Ausstellung mit Plakaten aus, adelte so die „Kunst für die Straße“ gewissermaßen durch die Ehrung im Museum. Zu Recht, wie wir heute sehen können.

Wahrlich die Aura großer Kunst weht uns beim Rundgang durch die Schau mit den Kostbarkeiten der überwiegend europäischen Plakatproduktion aus über 100 Jahren an. Von der Kaiserzeit, als Otto Fischer und Martin Rade detailreiche Drucke für die Ausstellung des Sächsischen Handwerks und Kunstgewerbes in Dresden schufen, geht es über Werke der Franzosen Jules Chèret und Henri de Toulouse-Lautrec, der Wiener Sezessionisten Franz Stuck und Josef Maria Olbrich, dem üppig-ornamentalen Jugendstil des Tschechen Alfons Mucha bis zum Künstlerplakat gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Wie der Syndetikon-Engel lässt uns ein weiteres Werk Ferdinand Schultz-Wettels schmunzeln: Da streckt eine Schöne dem Tod neben ihren nackten Brüsten ein Flakon des Desinfektionsmittels Lysoform entgegen. Gegenüber lässt Brynolf Wennerberg in „Nimm Maggi“ einen Jungen in die Suppenterrine gucken. Nebenan fordert der kleine Muck zum Verzehr von „Pfunds Yoghurt“ auf, wirbt ein Druck für Dresdens „Erste Höhenluft-Radfahr-Bahn mit Lehrmeisterin für Damen“ auf dem Weißen Hirsch.

Schätze von Picasso und Chagall

Spätestens hier versteht man, weshalb Ko-Kurator Hans-Ulrich Lehmann im Zusammenhang mit der Auswahl von einer „Riesenüberraschung“ spricht. Aus 2500 Plakaten hat der langjährige Dresdner Oberkustos mit Karin Kolb eine hochkarätige und doch – wie Lehmann sagt, „minimale Auswahl“ ausgesucht. Zu sehen sind neben den genannten manch weitere Schätze aus den Händen namhafter Künstler wie Emil Orlik, Otto Dix, Käthe Kollwitz, Ernst Ludwig Kirchner und vielen anderen. Angenehm fällt auf, dass nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in Ost und West unterschieden wird, sondern Hermann Glöckner, Karl Hartung, Manfred Butzmann, Klaus Staeck, A. R. Penck, Werner Klemke und HAP Grieshaber in einer Reihe hängen. In der Rotundenmitte trifft man auf Werke aus der weiten Welt: Plakate von Picasso, Calder, Chagall, Robert Indiana und Jasper Johns.

Schade, dass es sie nicht als Reproduktion zu kaufen gibt. Der Syndetikon-Engel immerhin lässt sich auf dem Faltblatt mit nach Hause nehmen. Und das „leimt, klebt und kittet“ auch diesen Einwand.

„Kunst für die Straße“, Kunstforum der Berliner Volksbank, Budapester Straße (gegenüber vom Zoo), Berlin. Täglich 10-18 Uhr. Bis 8. Mai.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 14. März 2011

30. Dezember 2010

KLABAUTERMANN UND VAGABUND

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG — Martin Stefke @ 19:00

Die Akademie der Künste erinnert an den märkischen Dichter Klabund

BERLIN | Sicher, er ist viel zu jung gestorben. Am frühen Tod aber liegt es wohl nicht, dass ihn kaum noch jemand kennt: Alfred Henschke alias Klabund, geboren am 4. November 1890 in Crossen, einem kleinen, märkischen Städtchen an der Oder, heute Krosno in Polen.

Er war einer der bekanntesten und wohl auch meistgelesenen Autoren seiner Zeit. Die Nationalsozialisten haben seine Bücher, seine Lyrik, die Chansons, Romane und Theaterstücke verboten. Sie löschten die Erinnerung an ihn und sein überbordendes Œuvre gründlich aus.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Klabunds Heimatstadt, „nebelhaft in Tau gebettet / An der Grenze Schlesiens und der Mark“, wie er in der „Ode an Crossen“ gedichtet hatte, dem Erdboden nahezu gleich gemacht. Mit ihr sein Grab auf dem Friedhof auf der Anhöhe über dem Fluss. Am 9. September 1928 hatte Gottfried Benn hier die Totenrede gehalten, erinnert an den jungen Freund, der am 14. August, im schweizerischen Davos an den Folgen einer Tuberkulose gestorben war.

Seit der Jugend hatte Alfred Henschke die Krankheit in sich getragen. Vielleicht schrieb er deshalb wie ein Besessener. Mit seinem ersten von sage und schreibe 76 Büchern, dem Lyrikband „Morgenrot! Klabund! Die Tage dämmern!“, und einigen erotischen wie „gotteslästerlichen“ Gedichten in Alfred Kerrs Zeitschrift „Pan“ war er 1913 auf einen Schlag bekannt geworden.

„Ich würde sterben, hätt ich nicht das Wort“, heißt es in einem seiner Gedichte. Mit diesem Vers hat die Akademie der Künste jetzt anlässlich seines 120. Geburtstages eine kleine, aber sehenswerte Ausstellung überschrieben und unter gleichem Titel einen Band der hauseigenen Publikationsreihe Archiv-Blätter veröffentlicht. Er enthält 273 Briefe aus den Jahren 1911 bis 1928 und dokumentiert so eindrucksvoll Klabunds Leben und Schaffen.

Dass diese Briefe noch existieren, kann man getrost ein Wunder nennen. Denn Klabunds Nachlass ist weitestgehend verschollen. „Oft hat mir der Wind die Blätter verweht, auf denen ich schrieb“, notierte der Dichter, der sein Pseudonym als Zusammensetzung von Klabautermann und Vagabund erklärte, bereits 1919 – schon damals während eines Kuraufenthalts in der Schweiz. Crossen und Frankfurt (Oder), München, Berlin, Breslau, Italien und immer wieder die Schweiz hießen die Stationen seines Lebens. Die seiner Liebe: vor allem Irene Heberle und Carola Neher.

Heberle und Henschke heiraten im Sommer 1918. Im gleichen Jahr stirbt das „liebe Mädchen“ nur wenige Tage nach der Geburt des gemeinsamen Kindes. Drei Monate später muss Klabund auch das Töchterlein begraben. Die Briefe an seine Schwiegereltern aus dieser Zeit sind bewegende Zeugnisse einer hingebungsvollen Liebe, tiefen Schmerzes und größter Offenheit. Der Familie Heberle ist es zu danken, dass sie erhalten blieben und den Weg in die Akademie der Künste gefunden haben.

Leider zeigt die Ausstellung keine Originaldokumente. Dennoch zieht auf den Dutzend Tafeln mit Reproduktionen von Texten und Fotos, Illustrationen, Buchtiteln, Theaterzetteln, Zeitungsartikeln und Briefen, die Martina Hanf und ihre Mitarbeiter aus den Archivalien herausgesucht haben, ein turbulentes Leben an uns vorüber. Es ist das Leben eines ungeheuer produktiven Literaten, dem die Freiheit alles, der gesellschaftliche Konsens dagegen wenig galt und der lange vor Brecht chinesische Lyrik und Theaterstücke bearbeitete. Zwei Jahrzehnte vor dessen Stück „Der Kaukasische Kreidekreis“ feierte Klabunds „Kreidekreis“ auf deutschen Bühnen Triumphe. Auch das sollte man so wenig vergessen, wie das Schicksal Carola Nehers. 1937 wird die Schauspielerin im Moskauer Exil verhaftet und nach Sibirien deportiert. Sie kehrt nie zurück.

Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Berlin-Mitte. Bis 9. Januar, täglich 10-22 Uhr.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 30. Dezember 2010

30. August 2010

EWIGE BAUSTELLE

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG, KUNST — Martin Stefke @ 19:13

Annette von der Bey zeigt ihre Arbeiten im Luckenwalder Vierseithof

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LUCKENWALDE | 45, 82, 64, 67? Was auf den ersten Blick nach Mathematik zu klingen scheint, hat zwar mit Zahlenlehre zu tun, ist jedoch vor allem Kunst. Bei Annette von der Bey folgt die nämlich einer strengen Logik. Die 1965 in Remscheid geborene Künstlerin, die heute in Mönchengladbach lebt und jetzt in der Kunsthalle Vierseithof in Luckenwalde in einer Einzelausstellung mit dem Titel „Vermessene Zeit“ ihre Arbeiten zeigt, nummeriert die meisten ihrer Bilder.

Versuchsanordnungen

Allein das könnte man bereits als Hinweis auf ihre konzeptionelle Arbeitsweise deuten. Doch von der Bey, die bis 1994 acht Jahre lang an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Tony Cragg, Jan Dibbets und Fritz Schwegler studiert hat, setzt die Werke auch aus Einzelteilen zusammen. Im Großen wie im Kleinen. Und auch hier geht sie ziemlich mathematisch vor. Auf manchem Gemälde ordnet sie ihre Motive in einem Raster an. Das lässt an wissenschaftliche Versuchsanordnungen, an systematisches Forschen oder an Sammlungskästen in Museen denken. Alles hat – oder bekommt – bei von der Bey seinen Platz. Selbst im scheinbaren Chaos, in der überbordenden Fülle der Motive im Bild mit der Nummer „45“ sitzt alles am richtigen Fleck: Auf den 13 Tafeln sehen wir allerlei Rundes in Einheitsgröße – Beeren, Wollknäuel, Dahlienblüten und Lampionblumen, Rot- und Weißkohl, Zwiebeln und Tomaten, Glöckchen, Weihnachtsbaum-, Eis- und andere Kugeln. So sortiert, ja „vermisst“ die Künstlerin die Welt, legt in ihren Bildern eigene Ordnungssyteme an.

Montierte Zitate

Sie malt die Gegenstände dabei genüsslich aus, widmet sich mit Akribie den Details, Form, Farbe und Oberfläche. Und doch ist, was sie malt, nicht allein Dekor. Das Werk enthält zahlreiche kunsthistorische Verweise und Bezüge. Die Erdbeeren und eine Kugel mit der Welt als Scheibe in „64“ stammen aus Hieronymus Boschs berühmtem Gemälde „Garten der Lüste“, die Fragmente der Flügel aus dem „Sturz der gefallenen Engel“ von Pieter Bruegel dem Älteren. Auch die Motive in „Turmbau“ hat die Künstlerin einem Werk des Flamen entlehnt – dem „Turmbau zu Babel“ in seiner wuchtigen Version aus dem Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam.

Wie von der Bey aus diesen Zitaten Eigenes schafft, beeindruckt. Auch wegen des „additiven“ Prinzips, wie sie das fortwährende Erweitern und Ergänzen, das „Wachsen“ ihrer Arbeiten nennt. Die einzelnen Tafeln mancher Werke lassen sich auf verschiedene Art zusammensetzen. Hoch oder quer – immer passen die Motive in „46“ auch anders zueinander. Auch die größte Arbeit in Luckenwalde folgt diesem Grundsatz. Seit mehr als zwei Jahrzehnten wächst Annette von der Beys „Turmbau“ nun schon. Gerade hier gehen ihre Arbeitsweise und das Sujet, Konzept und Thema förmlich ineinander auf. Aus Hunderten von kleinteiligen Leinwänden im Format 20 auf 30 Zentimeter montiert und immer noch nicht fertig, ist dieses Bild eine ewige „Baustelle“ und wird somit zum Symbol für den Turmbau an sich. In Luckenwalde besteht das Werk aus 504 Teilen, ist 11,5 Meter lang und 6,5 Meter hoch. Man steht davor – gebannt.

„Vermessene Zeit“: Kunsthalle Vierseithof, Am Herrenhaus 2, Luckenwalde. Do-Mo 14-19 Uhr.
Bis 28. November.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 30. August 2010

7. August 2010

DIE NAMENSGEBERIN

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG, KUNST — Martin Stefke @ 20:59

Das Leben von Sibylle Gerstner lässt sich nur im Telegrammstil festhalten. Es ist so viel geschehen in diesem Dasein voller Umwege, Erfolge und Niederlagen, Glück und Unglück.

Von Martin Stefke

Kleinmachnow. Ein helles Haus mit spitzem, hohem Dach. Die Klingel schnarrt. Das Tor ist offen. Vom Pfeiler bröckelt Putz. Zwei breite Stufen zum Haus. Schritte hinter der Tür.

Sibylle Gerstner trägt einen hellen Hosenanzug und bittet freundlich herein. Vor einem Kamin zwei tiefe Sessel, deren Polster man das Alter und die zahllosen Gäste ansieht, die hier Platz genommen haben. Auf dem Sims Samowar, Chanukka-Leuchter, eine Amphore. In Regalen Kleist, Jacques Duclos, Frisch, Scholochow. Zwei Schreibtische aus Eichenholz. Auf einer Staffelei ein Ölgemälde mit einer Szene aus Amerika. An den Wänden weitere eigene Bilder. Draußen, hinter der Terrassentür, Hollywoodschaukel und üppige Rhododendren. Die Büsche – das Hobby ihres Mannes. Er, Karl-Heinz Gerstner, ein umstrittener Zeitgenosse: Chefreporter der Berliner Zeitung, Radiokolumnist, „Fernsehliebling“, Moderator des Magazins „Prisma“. Kritisierend und doch Teil des Systems. Seit seinem Tod im Dezember 2005 wohnt die Witwe – die Modejournalistin und Kostümbildnerin, die Dolmetscherin, Autorin und Malerin – hier allein. Gerade hat sie in Berlin Gemälde und Aquarelle ausgestellt. In DDR-Zeiten tat sie das nie. „Da ging es mehr nach dem Sujet als nach der künstlerischen Einschätzung.“ Das gefiel ihr nicht.

„Ich habe Kronprinz Wilhelm noch kennengelernt“, sagt sie. Sie sagt es so dahin, als kurzes Zeichen in der Vita eines Kindes jüdisch-deutscher Eltern. Im Zug zwischen Berlin und Breslau nimmt ihr Vater Kurt Boden, Breslauer Pelzhändler, sie bei der Hand und sagt dem Hohenzollern, der zu seinen Kunden zählt, „Guten Tag“. Das Mädchen ist enttäuscht. „Ich fand ihn gar nicht interessant. Er hatte nur einen Pullover an.“ – Ja, einen Prinzen stellt sich eine Vierjährige anders vor. Und Pullover werden Sibylle Boden ihr Lebtag nicht begeistern. Elegantere Garderoben schon: Kostüme, Kleider, Hüte. 1942 zum Beispiel. Da lebt sie in Paris. Karl-Heinz Gerstner – sie hat ihn Silvester 39 „beim Tanz in der Fuchsbergbaude im Riesengebirge“ kennengelernt, sorgt dafür, dass sie kommen kann. Illegal. Nach dem Erlass der „Nürnberger Gesetze“ musste sie die Berliner Modeschule verlassen. Doch auch in Wien, wo sie seither Malerei studiert, wird es nach dem „Anschluss“ gefährlich. Nun aber teilt Gerstner, der in der Wirtschaftsabteilung der deutschen Botschaft in Paris arbeitet, die knappen Lebensmittelmarken mit ihr – und lebt, wenn auch heimlich – diese Liebe.

Und sie? Sie studiert jetzt Malerei an der École de Beaux-Arts, stellt aus, gewinnt einen ersten Preis. Sie zeichnet die Modelle der großen Couturiers, berichtet über die Kollektionen der Häuser Jacques Fath und Christian Dior für eine niederländische Agentur.

Nach der Landung der Alliierten in der Normandie wird Karl-Heinz Gerstner nach Berlin zurückgerufen. Sibylle Boden folgt ihm. „Ich habe eigentlich immer gemacht, was er gesagt hat.“ Ein nachdenkliches Lächeln fliegt über ihr Gesicht. Dann erzählt sie von Sonja aus Odessa, ihrer Kommilitonin, von den Freunden aus der Résistance, von Passierscheinen, die ihr Mann ausstellt, um jüdische Familien zu retten. Sibylle Gerstner hat ein Drehbuch über diese Zeit geschrieben. Sie hat noch viel vor.

Im Mai 45 können Sibylle und Karl-Heinz heiraten. Endlich. „Vorher durften wir ja nicht. Wegen der Gesetze.“ Sie entwirft nun Kleider für die HO, hat zuvor für eine Zeitung im französischen Sektor die Modeseite verantwortet. 1949 kommt Tochter Daniela – sie wird unter dem Namen Dahn als Publizistin bekannt –, 1952 Sonja auf die Welt. 1952 Arbeit als Kostümbildnerin in Slatan Dudows Film „Frauenschicksale“. Zwei Jahre später in Gustav von Wangenheims „Gefährliche Fracht“, einem Hafenarbeiter-Film. Der Regisseur fragt: „Haben Sie schon mal mit einem Arbeiter gesprochen?“ Röte im Gesicht ist ihre Antwort. Heute sagt sie: „Er hatte Recht. Ich kannte das Milieu nicht.“ 1953 ziehen Gerstners nach Kleinmachnow, in das Haus, in dem sie noch immer zur Miete wohnt, auch wenn die Eigentümer dagegen klagen. Dann die „Sibylle“. Im Westen gibt es seit 1948 das Modeblatt „Constanze“. Da will die DDR nicht nachstehen. 1956 soll Sibylle Gerstner ein Probeheft gestalten und Titelvorschläge machen. „Die Perle, die Sibylle…“ Eine Zeitschrift, die „die Weltmode bringt“, soll es sein. Weltmode? Sibylle Gerstner hat sie gesehen.

Die „Sibylle“ wird ein Erfolg: Stets ausverkauft, bleibt sie „Bückware“, auch als die Auflage auf 200 000 steigt. Sibylle Gerstner ist künstlerische Leiterin, ab 1958 stellvertretende Chefredakteurin. Sie entwickelt Serien, Formate wie „Wir sahen in Paris“ und „Sibylle fragt“. Sie zeichnet, entwirft Kleider, drapiert Accessoires, arrangiert Bilder.

Jetzt schlägt sie frühe Hefte auf. „Heute wird ja wieder viel über die ‚Sibylle”””” gesprochen“. Doch was da zu hören und auch zu lesen sei, ärgert sie. – „Bieder und brav“, „ein stiekes Blättchen“? – „Keine Spur. Es war eine Bombe“, sagt Sibylle über ihre „Sibylle“ und blättert durch die Seiten, über das Porträt eben jenes Couturiers Jacques Fath, den sie aus Paris kennt, über französische Mäntel, Kleider aus indischen Saris, den Bericht über die Schauspielerin Anna Magnani, den „Blick in die Wohnung Prof. Henselmanns“, über Mode aus Warschau und Kleider, die an Pastelle Edgar Degas’ erinnern. Und sie erzählt vom belgischen Künstler Frans Masereel, über den sie geschrieben hat. Als sie ihn nach dem Abendessen wissen lässt, dass sie auch malt, meint er: „Das brauchen Sie mir nicht zu sagen. Das sehe ich Ihrer Zeitschrift an.“

Doch 1959 ist Schluss. Plötzlich gilt die „Sibylle“ als zu französisch, zu extravagant. „Die neue Chefredakteurin“, so Sibylle Gerstner, „wollte das Blatt für sich. Sie hat mich rausgemobbt.“

Sie geht wieder zum Film. 1963 „Wolf unter Wölfen“, 1967 „Kleiner Mann, was nun?“ – erste Fernsehfilme mit Hans-Joachim Kasprzik. Es ist eine gute Zeit. Sie kleidet Kleindarsteller ein und Stars. Angelica Domröse steckt sie in ein Abendkleid mit Silberfuchs. Einmal muss sie sie überreden, Skischuhe anzuziehen. „Das wollte die Domröse nicht, weil sie das kleiner machte.“ Manfred Krug kauft Anzüge, die Sibylle Gerstner ihm für seine Rollen angepasst hat. „Er ist damit rumgezogen. Ja, die Schauspieler haben mich geliebt.“ Manche tun es bis heute: Bei der Vernissage in Berlin dankt Gisela May mit einer Kästner-Rezitation.

1971 – der Schock. Am Endpunkt einer Krankheit, die zwei Jahre zuvor begonnen hat, nimmt sich die jüngere Tochter das Leben. „Verwirrpsychose, würde man heute sagen“. Erfolgreiche Behandlungsmethoden gibt es damals nicht. Die Ärzte setzen auf Elektroschocks und Ruhigstellen. Auf Rat der Mediziner bezieht Sonja eine eigene Wohnung, in einem Berliner Hinterhof. Dort notiert sie: „Dank für alles. Ihr habt alles für mich getan, aber ich bin am Ende.“

Wir können das nachlesen. Unter dem Pseudonym Sibylle Muthesius veröffentlicht Sibylle Gerstner 1981 „Flucht in die Wolken“. Ein erschütterndes Buch. Das Drama eines Mädchens voller Kraft und Lebenslust. Über Jahre hinweg hat Sibylle Gerstner die Geschichte aufgeschrieben. Neben der Arbeit an Kostümen für „Die Brüder Lautensack“, „Abschied vom Frieden“ und „Die Verlobte“ hat sie die Tagebücher ihrer Tochter gelesen, Briefe und Bilder sortiert, ausgewählt und selbst erzählt. Sie hat sich durch „den ganzen Freud“ gekämpft und – weil man den in der DDR nicht kaufen oder ausleihen kann – ihn sogar aus dem Französischen „zurück übersetzt“. Vor ihrem Mann hält sie die qualvolle Arbeit, in der sie das Leid noch einmal derart körperlich erlebt, dass sie sich oft übergeben muss, lange geheim. Erst als dieser klagt: „Du hast nie Zeit, was machst du eigentlich?“ offenbart sie sich. Und sie kämpft darum, als die Veröffentlichung als Angriff auf das Gesundheitswesen der DDR abgelehnt wird. „So ein Quatsch. Überall war das damals so.“

Auf die Frage, ob sie sich als Schriftstellerin verstanden habe, antwortet sie: „Ich habe mich gar nicht verstanden. Ich wollte verstehen und helfen, damit anderen Betroffenen und ihren Familien nicht dasselbe passiert.“ Am 11. August wird Sibylle Gerstner in Potsdam zum Gespräch in die „Sibylle“-Ausstellung kommen. Es gibt viel zu fragen über deren Anfangszeit – und über ein langes Leben.

Sibylle über „Sibylle“ – Ein Gespräch zwischen Sibylle Gerstner, Gründerin der Modezeitschrift, und ihrer Enkelin Laura Laabs. Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Kutschstall, Am Neuen Markt 9, Potsdam. 11. August, 19 Uhr. Tel.0331/6208550.

Zuerst erschienen in: Märkische Allgemeine vom 7. August 2010

16. März 2010

ENTE GUT, ALLES GUT

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG — Martin Stefke @ 21:53

Die Stiftung Schloss Neuhardenberg und die Gruppe Inter-Duck bitten zur „Duckomenta II“

NEUHARDENBERG | Natürlich kann man schmunzeln. Man kann lächeln, manchmal kurz auflachen, mitunter sogar losprusten. Doch mal ehrlich: Das hält nicht lange an. Wer amüsiert sich schon 120-mal köstlich über die gleiche Pointe?

Auf nichts anderem aber als auf einem einzigen Gag beruht die sogenannte „Duckomenta“, jene Ausstellung der Künstlergruppe InterDuck, die am Sonntag von Bernd Kauffmann, dem Generalbevollmächtigen der Stiftung Schloss Neuhardenberg, und Kristina Schröder, der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, in Neuhardenberg eröffnet worden ist.

Ihr Humor, der für Kauffmann „mit den trostlosen Sumpfblüten der globalisierten Spaßgesellschaft so wenig gemein hat wie die Marx Brothers mit den hirndefekten Kaspereien eines Mario Barth“, funktioniert stets nach ein und derselben Methode: Nahezu alles, was wir Menschen von unseren Lehrern, aus schlauen Büchern und den Medien wissen, muss, so jedenfalls die augenzwinkernde These von InterDuck, auf einer großen Lüge beruhen. Denn in Wahrheit ist alles ganz anders: Wohin man in der Geschichte unseres Planeten auch schaut, immer ist vor oder zumindest neben den Menschen schon eine Ente da gewesen.

Zur wissenschaftlichen Erhärtung dieser Auffassung von der „Ver-Entung der Welt“ führen Eckhart Bauer, Ommo Wille, Anke Doepner, Volker Schönwart und Rüdiger Stanko in der zweiten Auflage der Schau, im Frühjahr 2003 waren sie schon einmal vor Ort, an die 120 schlagkräftige Beweise an. Wir erblicken Gemälde und Büsten, Kultgegenstände, Plakate und Fotografien und einige meist ziemlich echt wirkende Fossilien. Die auf ihnen erkennbaren Gestalten tragen allesamt Entengesichter, wie wir sie aus den Comics und Filmen von Walt Disney kennen. Donald, Dagobert, Daisy, Tick, Trick und Track – alle sind sie da.

Und ihre nahen und fernen Verwandten. Denn ob die Venus von Villendorf, Ötzi oder Homer, die Nofretete, Leonardo da Vinci, Goya, Dürer oder Rembrandt, Monet und Manet, Spitzweg, Egon Schiele, Gustav Klimt, Edvard Munch, Salvatore Dali, Francis Bacon, Georg Baselitz, ja selbst Marilyn Monroe – an all den uns so gut Bekannten aus Jahrtausenden der Kultur- und Kunstgeschichte muss irgendwas schrecklich gelogen sein.

Nach dem Ausstellungsbesuch wissen wir jedenfalls nicht nur ganz genau, die als Fruchtbarkeitssymbol gedeutete jungsteinzeitliche Venus von Villendorf muss eine Ente sein und deshalb in Zukunft wohl Venus von Villenduck genannt werden. Auch dass der Archeopterix im Solnhofer Plattenkalk ein „Duckaeopterix“, ein Urentenvogel, gewesen ist, haben wir nun registriert.

Die Liste der Narrheiten lässt sich fortsetzen. Sie wird in den kommenden Jahren von der Gruppe wohl auch noch einmal fleißig erweitert werden. Vorerst aber geht es von der steinernen Vorzeit über das antike Griechenland, ins römische Kaiserreich, nach Asien bis ins Mittelalter. Hier sehen wir ein „reales“ Porträt Walther von der Vogelweides (natürlich mit Entenschnabel). Von einer schnabellippigen Version der „Mona Lisa“ Leonardo da Vincis flanieren wir an Raffaels der Öffentlichkeit lange vorenthaltenem Entwurf für die Enten-Engel der „Sixtinischen Madonna“ und am Porträt vom entenköpfigen Mozart, am „Bildnis von Erasmus von Dotterdam“ und Exponaten aus dem südlichen Ducatan vorbei. Wir sehen den mumifizierten Erpel Doetzi im ewigen Eis, den „Turm der blauen Enten“ von Franz Marc, das „Altersselbstbildnis der Käthe Duckwitz“ und eine

„Politikerpersönlichkeit“, an der wir unschwer die Züge der Bundeskanzlerin ausmachen. Über allem aber finden wir eine bisher unbekannte Ausgrabungsstätte Heinrich Schliemanns. Was der Archäologe in Ägypten wohl für Mumien gefunden hat? Wie gesagt: Man kann schmunzeln. Doch lange hält das nicht an.

„Duckomenta II – Die Enten sind zurück. Neue Werke und Funde“: Schloss Neuhardenberg, Ausstellungshalle. Schinkelplatz, Neuhardenberg. Di-So 11-19 Uhr. Bis 13. Juni.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 16. März 2010

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