MARTIN STEFKE

5. März 2010

ZEICHNERIN MIT SCHERE UND FEUER

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG — Martin Stefke @ 22:07

Nadja Schöllhammer stellt im Vierseithof in Luckenwalde ihre Installation „Horizont“ aus

LUCKENWALDE | Man könnte meinen, die Bilder fallen von den Wänden, brechen aus ihnen heraus, quellen hervor wie Wolken aus Tälern, wie Wolle oder zerschreddertes Papier aus aufgeschlitzten Säcken. Doch was heißt: die Bilder? Ein einziges Werk ist Nadja Schöllhammers Installation „Horizont“ für die Kunsthalle Vierseithof in Luckenwalde geworden. Ein großes, faszinierendes Panorama, mit Hilfe zweier Lastwagen aus dem Berliner Atelier in die Stadt an der Nuthe gekarrt und dort auf- und weitergebaut, gezeichnet, geklebt, geschnitten, gemalt und gebrannt.

Tief greift Schöllhammers Arbeit in den Raum der ehemaligen Generatorenhalle. Sie verwandelt den Ort in eine schwellend-wuchernde, dreidimensionale Welt, in Schöllhammers Universum. Da ragen bizarre Kegel über dem antiken Dekor des Fliesenbodens bis in luftige Höhen hinauf, verknoten und verschlingen sich bläulich schimmernde Ranken zu „Hecken“, stellt sich einem am Ende gar eine Art unüberwindbares Dornengestrüpp in den Weg. Hier winden sich seltsame Tiere über das an die Wand geklebte Papier. Aale sind es vielleicht oder schillernd-haarige Würmer. Da schwimmen Fische. Dort ist ein Oktopus zu erkennen. Hier liegen papierene Rollen an der Wand. Zwischen dem Gewirr, all dem Schwimmen und Tauchen, dem Schwellen und Schäumen – zart und zerbrechlich wie nahezu alles in Schöllhammers Arbeit – sehen wir Zeichnungen von Menschen: in Liebe verschlungene Paare. Und immer wieder diese Wesen, Pflanzen, Blüten, Kelche, Amöben – allesamt Zwischenwesen, weder Flora noch Fauna noch Mensch. Aber wir sehen auch eine barbusige Frau, Kindergesichter, einen Vermummten mit Sonnenbrille und Maschinengewehr. Hinter einem von Feuer zerfressenem Blatt steht eine Gruppe von Menschen mit erhobenen Händen und leicht gespreizten Beinen. Also ist Schöllhammers Welt keine heile. Eine beeindruckende ist sie jedoch ohne Frage.

Nadja Schöllhammer, 1971 in Esslingen geboren, studierte erst in Stuttgart und Madrid Germanistik, ehe sie sich in Berlin an der Universität der Künste ganz der Malerei widmete. Für ihr Werk nutzt die Künstlerin neben Farben, Kreiden und Graphit die Schere als Werkzeug. Mit ihr schneidet sie die Flächen zwischen den gezeichneten Linien aus dem Papier. So entstehen filigrane, dreidimensionale, sich von den Wänden lösende, aus dem Bild heraustretende Gebilde.

Und sie spielt mit dem Feuer. Wie bei ihren Cut-Outs genannten Scherenschnitten werden auch hier die Leerstellen aus dem Papier entfernt. Dabei fressen die Flammen das Material. Die Farbe, mit der Schöllhammer arbeitet, ist zu diesem Zeitpunkt noch feucht. Sie verbrennt daher nicht, sondern „kocht“ stellenweise auf, schlägt sogar Blasen. Ein nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes atemraubender Prozess ist dieses Schaffen, sondern einer, der neben handwerklichem Geschick und Erfahrung auch den Zufall nutzt. Man muss das alles nicht unbedingt wissen. Denn letztlich zählt das Ergebnis.

„Nadja Schöllhammer – Horizont“: Kunsthalle Vierseithof, Am Herrenhaus 2, Luckenwalde. Do-Mo 14-19 Uhr. Bis 28. März.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 5. März 2010

1. September 2009

DER GRAND-HOTEL-PATRIOT

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG, ROCK — Martin Stefke @ 20:14

Eigentlich sollte nur eine Schau eröffnet werden, doch dann stahl Udo Lindenberg allen die Show

Udo Lindenberg in der Schinkel-Kirche Neuhardenberg Foto: Martin Stefke

Udo Lindenberg in der Schinkel-Kirche Neuhardenberg Foto: Martin Stefke

NEUHARDENBERG | Es ist schon etwas ungerecht. Da fährt man am Nachmittag zur regulären Eröffnung einer Ausstellung und erlebt am Abend ein nicht angekündigtes, aber großartiges Konzert. Und so überlagern die Lieder die Inhalte und Bilder der Schau, sieht man auf der Heimfahrt durch die schwarze märkische Nacht vor seinem inneren Auge nur noch den singenden, mitunter das Mikrofon umher schleudernden Rockstar mit der Sonnenbrille unter dem breitkrempigen Hut. Seit Jahrzehnten sind sie neben der angeblich vom Eierlikör so trefflich geölten Stimme die Markenzeichen dieser „Nachtigall“.

Doch der Reihe nach: Die Ausstellung, die am Sonntag eröffnet wurde, heißt „Grand Hotel Abgrund – Dichtung und Dichter im Hotel“. Gezeigt wird diese Kulturgeschichte des großbürgerlichen Hotelpalastes als Ort der schriftstellerischen Inspiration im Kavaliershaus des Schlosses Neuhardenberg. Das abendliche Konzert fand gleich um die Ecke statt – in der Kirche auf dem Schinkelplatz. Niemand geringeres als Panik-Rocker und Hotelbewohner Udo Lindenberg war zur Überraschung der Besucher mit ein paar Freunden auf die Bühne unter dem goldfunkelnden Sternenhimmel des preußischen Baumeisters gestiegen. Für eine gute, eine große Stunde.

Bernd Kauffmann, dem Generalbevollmächtigten der Stiftung Schloss Neuhardenberg, ist das zu danken. Er und sein Team haben Lindenbergs Werk in ihr Haus geholt und damit die ursprüngliche Fassung der vom Literaturhaus München erarbeiteten Schau erweitert. Für Kauffmann ist Lindenberg, der bekanntlich seit Jahrzehnten im Hamburger Hotel Atlantic wohnt und arbeitet, nicht nur ein „Gesamtkunstwerk aus Rock ’n’ Roll, Poesie, Coolness, Kunst- und Zeitgeschichte“, sondern auch ein „wahrer Grand-Hotel-Patriot“, eine Art „letzter Mohikaner“ der aussterbenden Gattung des Künstlers in der Nobelherberge. Kauffmann meint, heute hätten „die All- inclusive-City- und Party-Hopper bester Handelsklasse und die Meilensammler in den Jet-Set-Clubs der weltweiten Wohlstandsgürtel“ das alte Bürgertum – und mit ihm auch das Künstlertum – aus den edlen Häusern, diesen „Kathedralen der Wehmut und Sehnsucht nach einem überholten Lebenstil“, verdrängt. Dabei hatten die Schöngeister die Hallen und Foyers einst doch so fest im Griff. Im realen Leben wie in der Kunst. Das jedenfalls zeigt die Schau an einem knappen Dutzend Autoren von Weltrang.

Doch Reinhard G. Wittmann und seine Züricher Co-Kuratorin Cordula Seger werden ihre Arbeit über Thomas Mann, Vladimir Nabokov, Agatha Christie, Marcel Proust und andere kaum wiedererkannt haben. Das liegt nicht daran, dass die Neuhardenberger sie mit zwei Kapiteln um die Berliner Hotelstammgäste Marlene Dietrich und Gerhart Hauptmann erweiterten. Sie ließen vielmehr Jana Dellwig manch schwungvoll-ausladendes Hotelinterieur an die weißen Wände zeichnen. Zudem haben sie das Atelier des „schnellen Strichers von St. Pauli“ (O-Ton Lindenberg) nachbauen lassen. Selbst wenn diese Replik (im originalen Hotel Atlantic malten seinerzeit auch Max Liebermann und Oskar Kokoschka) dann doch allzu steril geraten ist und es sich bei Lindenbergs gezeigten Bildern nur um Computerdrucke und nicht um Likörellen-Originale handelt, Udo war der unangefochtene Star des Tages. Locker stahl er den Nabokovs und Christies die Show.

Dabei hat die Stiftung allerlei aufgeboten, um die Atmosphäre jener prunkvollen Hotelpaläste zu imaginieren. Das Entree gleicht einer Rezeption mit rotem Teppich und Tresen, mit Schlüsselbrett und Wandtelefon. Wir blicken auf Plakate und Postkarten, auf Werbeprospekte und Rechnungen aus den berühmtesten Berliner Hotels der 20er Jahre, auf Schlüssel aus dem „Waldhaus“ im schweizerischen Sils Maria. Es folgt eine Halle, in der an Tischen unter Wandlampen manch Autor Platz genommen hat. Schließlich blicken wir mit Marcel Proust auf die südfranzösische Küste und stehen staunend vor dem wuchtigen Koffer der Dietrich und ihren Aschenbechern aus den Hotels von Welt.

Doch all das konnte Udo Lindenberg und seinen Freunden am Sonntag kaum das Wasser reichen. Schnell leerte sich das Haus, ging es doch darum, einen der raren Plätze in der Kirche zu ergattern. „Cello“ und „Mädchen aus Ostberlin“ – mit poetischen Balladen beschwor Lindenberg äußerst sanft die alten Zeiten, turtelte in „Was hat die Zeit mit uns gemacht“ mit der hinreißenden Nathalie Dorra und ließ bald darauf mit „Jonny Controlleti“, „Sonderzug nach Pankow“ und „Andrea Doria“ die Kirche rocken. Zweimal balanciert er, während das Publikum immer wieder begeistert mitsingt, über die Balustrade der ersten Sitzreihe, einmal steigt er hinab zu seinen entzückten Fans, schwingt die Hüften und schwört nach „Ich schwöre“, die linke Hand hebend und dabei Mittel- und Ringfinger spreizend, dass er bald wiederkommt nach Neuhardenberg. Zwei Zugaben legen das dreiköpfige Panik-Orchester und der Rocker drauf, spendieren sich und ein paar Gästen ein Gläschen Eierlikör, dann verschwinden sie durch die Reihen der Wartenden. Wohin wohl? Natürlich ins noble Hotel beim Schloss Neuhardenberg. „Einen schönen Abend noch und: Keine Panik!“

info „Grand Hotel Abgrund“: Stiftung Schloss Neuhardenberg, Schinkelplatz 1, Neuhardenberg. Di-So 11-19 Uhr. Bis 26. Oktober

Zuerst veröffentlicht in der Märkischen Allgemeinen am 1. September 2009

13. September 2006

DIE VERLORENEN WELTEN DER GLÜCKSELIGKEIT

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG, KUNST — Martin Stefke @ 23:12

“Es gibt keine Wahrheiten vor den Toren Edens”: Der Fotograf Ludwig Rauch zeigt in Berlin seine neuen Arbeiten

BERLIN | Seit die schöne Eva wissend-lächelnd ihrem Adam einen Apfel unter die Nase hielt, ist das Paradies verloren. Gott hat uns vertrieben. Die Schlange und das Weib, so steht”’’s jedenfalls geschrieben, sind schuld daran, dass wir uns ein Leben lang zu quälen haben.

Ja, wenn die Welt so einfach wäre! Vielleicht könnten wir dann glauben, dass der Garten Eden existiert und wir darin eines Tages Einlass finden. Doch einfach ist die Welt nun wahrlich nicht. Gewissheiten gibt es wenige. Fragen viele. Dies zu wissen, muss man nicht unbedingt Bob Dylan kennen. Seinen Vers - “Es gibt keine Wahrheiten vor den Toren Edens” - jedoch stellt der Fotograf Ludwig Rauch seiner Ausstellung “Paradise” voran. Glücksversprechen (und -versprecher) nämlich kennt die Welt zuhauf. Fromme Eiferer und abgekochte Händler, Scharlatane und Geschäftemacher bewerben den Gang in himmlisch anmutende Gefilde. Wir folgen gern. Schließlich verschiebt man, was zu Lebzeiten zu haben ist, besser nicht in ein ungewisses Jenseits.

Im vergangenen Winter, Anfang Dezember, als die Art Basel in Miami Beach zum fünften Mal ihre Überseedependance als globales Kunstversprechen steigen ließ, (meist) Amerikaner binnen weniger Stunden ganze Kojen leer kauften und nächtens einmal mehr echte wie mit ausladendem Silikon gespickte Schönheiten ihrer potenten Kundschaft etwas Glück versprachen, hat Ludwig Rauch im “Paradies” Florida fotografiert.

In der Alten Schule Adlershof im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick, die seit einigen Jahren ein Kulturzentrum mit Bibliothek und einer engagiert der Gegenwartskunst verpflichteten Galerie beherbergt, setzt er die Bilder der Sehnsuchtswelten nun nebeneinander. Neun 120 mal 180 cm große Farbfotos auf Leinwand in der ehemaligen Aula zeigen Kunst und Sex als gleiche Seiten einer käuflichen Welt. Neongrelle Clubs, Stretchlimousine und der Kunstbetrieb: blendend und schrill, voll von - mitunter gar nicht - schönem Schein und jeder Menge Künstlichkeit. Rauch, 1960 in Leipzig geboren, der Ende der 80er Jahre an der Hochschule für Grafik und Buchkunst beim Altmeister Arno Fischer in die Lehre ging und später die 1991 gemeinsam mit Matthias Flügge und Michael Freitag gegründete Kunstzeitschrift “neue bildende kunst” mit seinen Bildern prägte, besinnt sich hier ganz auf die Kraft der Fotografie. Eindrucksvoll und mit genauem Blick auf die Realität zeigt er weitere Sehnsuchtsorte: Venedig, New York und L.A., Moskau und Havanna, Berlin, Paris. Allesamt keine Schönheiten. Hier wie dort: rauchende Schlote, Dampf ausspeiende Maschinen, rußende Schornsteine. Es scheint, als stiegen dunkle Seelen in den Himmel auf. Dann aber die Menschen: keine Marktschreier und Glücksversprecher, sondern Denker und Zweifler - und Narren. Ihre Gesichter zeigen Narben und Falten. Man sieht ihnen das Kopfzerbrechen, das Sich Besinnen förmlich an: Rio Reiser den rebellisch-melancholischen Geist, Sigmar Polke das gewitzte Lächeln, Kaspar König, Catherine David, Jan Hoet und Ernst Beyeler eine seltsame Strenge. Die Blicke der Künstler (von Hrdlicka und Baselitz bis zu Gröszer und Lewandowsky) scheinen zu fragen. Die Antwort liegt vielleicht in Ludwig Rauchs Bildern vom Tod seiner Großmutter. Selten war so Beunruhigendes und doch Berührendes zu sehen. Dies zumindest ist gewiss.

Galerie Alte Schule, Kulturzentrum Adlershof. Dörpfeldstraße 54-56, Berlin. Di-Do 12-19 Uhr, Fr 12-17 Uhr, Sa 15-19 Uhr. . 030/67 77 68 11. Bis 19. September.

Zuerst veröffnetlicht in: Märkische Allgemeine vom 13. September 2006

8. Februar 2006

DIE ZEIT UND DIE KUNST

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG, KUNST — Martin Stefke @ 00:38

Poesie und viele Fragen: Hanne Darbovens “Hommage à Picasso” ist jetzt in der Deutschen Guggenheim Berlin zu sehen

BERLIN | Der Termin ist gut gewählt. Gerade erst hat das Pariser Picasso Museum in der Berliner Nationalgalerie die Präsentation des Privatmannes Picasso beendet, da widmet Hanne Darboven dem Meister in der Deutschen Guggenheim eine Hommage.

Am Werk des Spaniers kommt offensichtlich kaum jemand vorbei. Der französische Dichter René Char trug am Todestag des ideenreichen wie arbeitswütigen Alleskönners, am 8. April 1973, gleich das ganze 20. Jahrhundert zu Grabe. Hanne Darboven verriet ihrem Publikum in der zur Jahrtausendwende bereits in Hamburg gezeigten Installation, was Picasso für sie ist: der Jahrhundert-Künstler schlechthin. “Der Schlüsselkünstler”, weiß auch Valerie Hillings, Kuratorin am Guggenheim Museum New York. Sie hat Hanne Darboven und ihre “Hommage à Picasso” in überarbeiteter Form nach Berlin geholt. Mehrfach ist sie dazu über den großen Teich geflogen. Und sie würde es am liebsten gleich wieder tun: Wegen des Rahmenprogramms mit Vorträgen über die “größte lebende deutsche Künstlerin” und wegen des Konzerts, das es am 17. März geben wird. Da spielt das Ensemble Modern in der Ausstellung Werke der Darboven und von John Cage. Man darf gespannt sein.

Und schon mal streiten: Denn was ist dieses stete Notieren, dieses akribische Festhalten der Zeit, das die 1941 in Hamburg geborene Künstlerin seit nunmehr vier Jahrzehnten auf ihre unverwechselbare Art betreibt? Etwas Manisches? Oder gleicht sie - wie der Gang in ein Kloster - einem Rückzug aus unserer immer chaotischer werdenden Welt? Manch einer unter den Besuchern kratzt sich ratlos am Kopf. Anderen mag der Versuch, der verrinnenden Gegenwart mit Hilfe von Ziffernfolgen oder wellenförmig-schwingenden Zahlwörtern eine Struktur zu verleihen, nicht sonderlich normal erscheinen. Andere wiederum bejubeln die Zahlen- und damit Bildwelt, wie auch die in Töne gewandelten Notationen der “Grand Dame der internationalen Konzeptkunst” als Ausdruck vollkommener Klarheit. Einerlei: Darbovens “Hommage à Picasso” ist ein konsequentes Werk voller Poesie - und voller Fragen. Weil sie eben weit mehr zeigt als Kalenderblätter.
Wer aus der tristen Strenge der Hauptstadt in den klaren, rundweg edler Sachlichkeit verpflichteten Ausstellungsraum tritt, begibt sich in eine Art Tempel, in dem der Meister den Anfang macht. Besser gesagt: eine Reproduktion des 1955 entstandenen Gemäldes “Sitzende Frau in türkischer Tracht”. Das Original hängt in der Hamburger Kunsthalle. Nach dem Rahmen dieses Druckes, dessen Bemalung Motive aus dem Werk aufgreift, ließ Darboven 270 Rahmen fertigen, in die sie jeweils 36 mit Filzstift beschriebene Bogen aus Pergamentpapier einfassen ließ. Diese 9720 Blätter entsprechen dem letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts. In drei ohne Abstand übereinander hängenden Reihen füllen sie die fast sechs Meter hohen Wände nahezu lückenlos und schaffen so einen “Zeit-Raum”, der in seiner lichten Farbigkeit an japanische Architektur erinnert. In diesen hat die Künstlerin Skulpturen wenig oder unbekannter Künstler gesetzt: eine Picassobüste im Stil eines römischen Kaisers, die Bronzeplastik einer Ziege (wie seinerzeit der Spanier lebt auch Hanne Darboven mit diesen Tieren), drei von polnischen Volkskünstlern aus Birkenzweigen gefertigte Esel sowie zwei Vitrinen mit zwölf ziemlich kitschigen Sternzeichenfiguren, gefertigt mit der von Picasso benutzten Assamblagetechnik. Damit fragt Darboven nach dem Wert von Kunst und Originalität in unserer Zeit. Das geht weit über die Kühle üblicher Konzeptkunst hinaus. Es ist ein Erlebnis.

“Hanne Darboven - Hommage à Picasso”: Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13/15, Berlin-Mitte. Mo-So 11-20 Uhr, Do bis 22 Uhr. Bis 23. April.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 8. Februar 2006

1. Januar 2006

DIE MEISTERIN

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG, KUNST — Martin Stefke @ 00:33

Cottbusser Ausstellung mit Fotografien von Barbara Klemm

COTTBUS | Um Kunstproduktion ging es nie. Das jedenfalls hat Barbara Klemm einmal gesagt. Was nicht viel heißen will, da selbst die Verneinung eines Ziels nicht ausschließt, dass man es irgendwann erreicht. Einfach “eine gute Arbeit machen”, das wollte die Fotografin eigener Aussage nach: “Bilder für Artikel fotografieren”.

In den Brandenburgischen Kunstsammlungen Cottbus ist jetzt zu erleben, was Barbara Klemm unter guter Arbeit versteht. Und wer Kunst - entgegen derzeitiger Mode - als Meisterschaft, als Fähigkeit definiert, ja sie mit handwerklichem Können gleichsetzt, wird nach dem Besuch der in Kooperation mit der Berliner Akademie der Künste veranstalteten Ausstellung mit 140 ausgewählten Aufnahmen in Barbara Klemm eine Künstlerin von Rang sehen.

Ihr Handwerk jedenfalls hat die Fotografin, die 45 Jahre lang für die Frankfurter Allgemeine Zeitung “gute Arbeit machte”, von der Pike auf gelernt. In den fünfziger Jahren in einem Fotoatelier in Karlsruhe ausgebildet, begann die am 27. Dezember 1939 im westfälischen Münster geborene Tochter des Malers Fritz Klemm 1959 im Labor der FAZ. Von dort führte sie der Weg schnell wieder hinter die Kamera. Zunächst als freie Mitarbeiterin, seit 1970 mit festem Vertrag, prägte die Redaktionsfotografin mit den Schwerpunkten Feuilleton und Politik durch ihre Bilder das Blatt und damit den Blick der Leser auf die Welt. Auch wenn in Cottbus die großen politischen Ereignisse, deren Zeugin Barbara Klemm gewesen ist, ausgespart bleiben, eindrucksvoll klingt allein schon die Liste der Stationen, an denen die Bildreporterin die hier gezeigten Straßenszenen aufgenommen hat. Da wird der Ausstellungsbesuch zur Weltreise: von Frankfurt geht’’s nach China und Nordamerika, über die DDR und Polen, die UdSSR, Peru und Bolivien, Wladiwostok und Johannesburg, Paris und Rom, London, Rumänien, Indien, Russland, die Ukraine.
Barbara Klemm zeigt die Welt voller Widersprüche, hält das Alltägliche in eben jenen Momenten fest, die Geschichten und Geschichte zu erzählen vermögen. Da sind das Lächeln südamerikanischer Mädchen, die bärtigen Männer der siebziger Jahre, die Kinderwagen durch eine Frankfurter Grünanlage schieben, der korpulente Weiße im feinen Zwirn auf der von einem Einheimischen gezogenen Rikscha im indischen Kalkutta.

Und dann diese Bilder von Armut und Reichtum: In Moskau fotografiert Barbara Klemm 2002 ein altes Mütterchen vor der Kulisse von Wohnhäusern aus der Stalinzeit - es scheint, als hätte es die Revolution nie gegeben -, in Krakau entsteht 1995 das Bild einer knienden Bettlerin an der zwei Frauen in üppigen Pelzmänteln und weißen Stiefeln vorübergehen. Einige von vielen Aufnahmen mit tiefer Symbolkraft, wie das wunderbar leise aber bestechende Doppelporträt der beiden Afrikanerinnen in Zululand.

Überhaupt diese Bilder von Menschen. Im Séparée und im Erdgeschoss hängen Klemms Porträts - ein Who is Who der Kunstgeschichte. Von Janis Joplin im Jahr 1969 bis Christoph Hein und Julian Schnabel aus dem vergangenen Jahr. Dazwischen die Weigel, friedrich Dürrenmatt, Ernst Jünger, Heiner Müller, Joseph Brodsky, Andrej Sinjawski, Botho Strauß, Günter Grass und viele mehr: Maler und Autoren, Schriftstellerinnen und Philosophen. So Hans-Georg Gadamer, lesend und als halte er sich die Ohren zu, den Kopf mit den Händen stützend, Friedericke Mayröcker in ihrer Dichterinnenklause, wie eingegraben zwischen Manuskriptbergen - eine Sammlerin. Oder der unruhig gehende Thomas Bernhard und eine lachende Simone de Beauvoir. Wie alle anderen Aufnahmen Barbara Klemms sind auch diese Schwarz-Weiß-Abzüge Bilder von großer Kraft, die ohne die heute übliche Aufgeblasenheit auskommen.

Man versteht, weshalb Wolfgang Rihm in einem Brief an Barbara Klemm geschrieben hat: “Ohne mein Zutun bin ich auf Deinen Porträts der geworden, der ich bin. Du bist eben die Meisterin.” Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Eigentlich nur, dass man nach dem Blättern im 2004 bei Nicolai erschienenen Band “Künstlerporträts” das Doppelporträt der Fotografinnen Helga Paris und Sibylle Bergemann in der Cottbuser Ausstellung vermisst. Schade. Gerade ein ostdeutsches Museum sollte diese “Meisterinnen” nicht vergessen. Zumal Helga Paris selbst unlängst im Hause ausgestellt hat.

Barbara Klemm - Fotografie. Brandenburgische Kunstsammlungen, Spremberger Straße 1, Cottbus. Di/Do 10-20 Uhr, Mi/Fr/So 10-18 Uhr, Sa 14-18 Uhr. Noch bis 19. Februar, 03 55/2 20 42.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 2. Januar 2006

5. März 2005

DIE KUNST DER WAHRHEIT

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG, KUNST — Martin Stefke @ 22:50

Cottbuser Kunstsammlungen zeigen Arbeiten der Fotografin Helga Paris

COTTBUS | Wenn man den Fotografien von Helga Paris etwas bescheinigen will, so ist es in erster Linie Wahrhaftigkeit. Man kann auch von Ehrlichkeit sprechen. Obwohl beides angesichts der Art und Weise ihres Bildermachens doch zu pathetisch klingt. Erhabenheit nämlich geht den Arbeiten der 1938 im pommerschen Gollnow, wenige Kilometer nordöstlich von Stettin, geborenen Wahlberlinerin völlig ab.
In den Brandenburgischen Kunstsammlungen Cottbus kann man sich derzeit davon überzeugen. „Helga Paris – Fotografien“ lautet der schlichte Titel einer Ausstellung, die zuvor bereits im Sprengel-Museum Hannover zu sehen war. Sie zeigt, was Paris’ Fotografien sind: ungeschönte Bilder vom Leben, real und gerade, von großer Klarheit und tiefer Stille und dabei doch voller Poesie und Rätselhaftigkeit, ganz wie das Dasein eben ist.
Besser noch: wie es war. Denn alle 60 Aufnahmen, durchweg im Format 18 mal 24 Zentimeter, stammen aus den 70er und 80er Jahren. Einige haben Helga Paris damals nahezu übber Nacht bekannt bemacht, so die Zyklen „Müllfahrer“ und „Berliner Kneipen“, die sie 1974 und im Jahr darauf in der Zeitschrift „Das Magazin“ veröffentlichte.
Doch während sie die einen für ihren ungeschönten Blick bewunderten, war den anderen gerade dieser ein Graus. Als Mitte der 80er Jahre die in Halle an der Saale über einen Zeitraum von mehreren Jahren aufgenommene Serie „Häuser und Gesichter, Halle“ schon an den Wänden der Galerie Marktschlösschen hing, wurden Ausstellung und Katalog vom Ersten Sekretär der SED-Kreisleitung verboten. So wie auf diesen Fotos hatte die Welt der Genossen und deren Menschen einfach nicht auszusehen. Selbst wenn der Verfall der historischen Altstadt, die Tristesse der Plattenbauten und der ewig graue und stinkende Dunst aus den Schornsteinen der Chemieriesen Leuna und Buna längst nicht mehr zu übersehen war.
In Cottbus war diese Serie, die in der Saalestadt erst nach der Entmachtung der SED gezeigt werden konnte, vor einigen Jahren in der Galerie Haus23 zu sehen. Insofern kann Carmen Schliebe, Kuratorin an den Kunstsammlungen die jetzt eröffnete Schau zu Recht eine Ergänzung für das dortige Publikum nennen. Mehr ist sie allerdings trotz der beeindruckenden Qualität und Eindringlichkeit der gezeigten Arbeiten leider nicht. Der Rundgang enttäuscht erst einmal, wirken die leisen und unaufdringlichen Arbeiten in den vier kleinen Räumen im Obergeschoss des Hauses an der Spremberger Straße doch ziemlich versteckt. Schade, denn die Chance, die in Hannover aus Platzgründen beschränkte Auswahl hier zu einer umfassenden Werkschau auszubauen, haben die Cottbuser eindeutig verpasst.
Warum, fragt man sich, bricht die Ausstellung 1989 ab? Weshalb fehlen neben dem Halle-Zyklus wichtige Arbeiten, die die sich durchs Werk ziehende Beschäftigung mit dem Theater oder die Porträts bekannter Schriftsteller, die unser Bild von ihnen beträchtlich mitgeprägt haben? Selbst vom Vorhandenen, den Müllfahrern, den Frauen im VEB Treffmodelle, den Rumänien- und Georgien-Serien würde man gern mehr sehen. Allein schon um noch einmal zu sagen: „Genau so ist es gewesen.“

„Helga Paris – Fotografien“: Brandenburgische Kunstsammlungen, Spremberger Straße 1, Cottbus. Di, Do 10-20 Uhr, Mi, Fr So 10-18 Uhr, Sa 14-18 Uhr. Bis 30. April.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 5. März 2005

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