MARTIN STEFKE

4. August 2011

3000 Stimmen für die Lüge

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR, AUSSTELLUNG — Martin Stefke @ 15:15

Reinhard Zabka übergibt im Kulturministerium Unterschriften für den Erhalt seines Museums

POTSDAM | Gut gelaunt und doch mit dem nötigen Sicherheitsabstand begrüßte gestern Kulturstaatssekretär Martin Gorholt den Gründer des wohl eigensinnigsten Museums der Mark, des Lügenmuseums Gantikow (Ostprignitz-Ruppin) – den Künstler Reinhard Zabka.

Bekanntlich ist dessen fantasievolles Universum der augenzwinkernden Kunst, in dem der heute 61-Jährige seit 1997 so skurrile – und natürlich „echte“ – Exponate wie Willy Brandts Geburtsstube, Winnetous Silberbüchse und das abgeschnittene Ohr Vincent van Goghs präsentierte, seit Herbst 2010 geschlossen. Nach Streitigkeiten mit dem Besitzer der Immobilie, dem Verein Offene Häuser e.V., hatte Zabka damals das Gutshaus im zu Kyritz gehörenden Prignitzdorf geräumt.

Vielleicht dachte Martin Gorholt gestern ja, der unorthodoxe Kunstprovokateur und „Lügenbaron“ werde in seiner Amtsstube für einen Eklat sorgen. Den einstigen Kulturminister Steffen Reiche hatte Zabka seinerzeit äußerst unangenehm überrascht: Zabka schüttete ihm einen Eimer Senf über das Ministerhaupt und erklärte den Vorgang zur Kunstaktion.

Gorholt blieb ähnliches erspart. Geradezu staatsmännisch gelassen übergab der Künstler 3000 Unterschriften, mit denen sich Freunde und Besucher des Hauses für den Erhalt des Lügenmuseums ausgesprochen hatten. Ein Lächeln und ein Händedruck – schon wechselte der 120 Seiten starke Stapel Papier den Besitzer. Zabka nutzte den Termin, um Gorholt über die derzeitige Situation des Museums zu informieren. Er habe Alternativstandorte gesucht. Derzeit gäbe es mehrere Interessenten. Dank der Unterstützung eines Berliner Unternehmers hat Zabka jetzt in der Alten Schmiede in Gantikow ein provisorisches Domizil gefunden. Ob er das Museum dort jedoch wieder eröffnen kann – und auch will –, ist noch offen. Bei den Gantikowern stößt die wundersame Welt des „Lügenbarons“ nämlich auf wenig Gegenliebe.

Martin Gorholt sagte Zabka erneut die Unterstützung des Landes zu. Eine Anschubfinanzierung und Projektförderungen, so Gorholt, seien denkbar.

Reinhard Zabka zeigte sich optimistisch. „Ich lasse mich nicht unterkriegen“, sagte er. Er arbeite in Gantikow wieder mit Freude an seiner Kunst. Besucher sind ihm willkommen. Für sie öffnet er sein Atelier.

Lügenmuseum Gantikow in der Alten Schmiede, Am Anger, Gantikow. Infos unter 0176/990 25 65.

Zuerst erschienen in: Märkische Allgemeine vom 4. August 2011

23. Mai 2011

“SCHRECKLICH KLUGE SACHEN”

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR, AUSSTELLUNG — Martin Stefke @ 19:15

Der Karikaturist und Zeichner Harald Kretzschmar feiert seinen 80. Geburtstag

POTSDAM | Heute feiert Harald Kretzschmar in Kleinmachnow seinen 80. Geburtstag. „Meine Frau stöhnt schon“, verriet uns der vitale Altmeister der ostdeutschen Karikatur bereits vor einer Woche. - Den Grund dafür ließ er auch wissen: Zu ihrem Leidwesen werde sein Geburtstag seit der Eröffnung seiner Jubiläumsausstellung „In bester Wegwerfgesellschaft“ am 1. Mai in Luckau (Dahme-Spreewald) „in die Länge gezogen“.

„Schuld“ an der verlängerten Feier ist der ausrichtende Verein mit dem programmatischen Namen Cartoonlobby. Seit Anfang des Jahres betreiben die Mannen um Geschäftsführer Andreas Nicolai im zum Kreisarchiv umgebauten Gefängnisgebäude aus Preußens Pickelhaubenzeit einen stattlichen Ausstellungsraum, in dem man noch bis Ende Juni rund 60 Kretzschmar-Originale betrachten kann - auf einem kurzen, strammen Marsch durch ein reiches Karikaturisten-Leben. Von frühen Blättern für Kretzschmars Stammblatt, die Satirezeitschrift „Eulenspiegel“, geht es über Prominentenporträts von Katharina Thalbach als Debütantin, Erwin Geschonneck, Gérard Depardieu und Horst Köhler zu Büchern wie „Wem die Nase passt“ und „Berühmte Weintrinker“. Auch Reiseskizzen und sogar wechselnde tagesaktuelle, zeitkritische Zeichnungen sind zu sehen.

„Satire im Gefängnis“, lacht der Karikaturist und Zeichner, das sei ja schon ein „Gag für sich, ein Kontrastprogramm, das man sich nicht besser ausdenken kann“. Dann erinnert er an den Kollegen Karl Holtz. Der hatte 1949 in der Schweiz eine Stalin-Karikatur veröffentlicht und musste dafür, so Kretzschmar, „solche Mauern von innen sehen. Wir anderen hatten ja Glück.“

Am vergangenen Sonntag war der Jubilar - wie auch zur Eröffnung - selbst vor Ort. Um zu porträtieren. Denn das ist sein ureigenes Metier. „Deshalb“, sagt Kretzschmar, „bin ich auf der Welt.“ Seit 1931. Damals, am 23. Mai, wird er in Berlin geboren - „in einer stinkbürgerlichen Familie“. Kretzschmar lässt den Schalk in seinen Augen blitzen und nennt sich prompt „ein Wunderkind“. Selbstironie hat der Mann ja. Die passende Anekdote auch: 1944 angelt seine Mutter ein Blatt des Sohnes aus dem Papierkorb: Ein Strichmännchen ist darauf zu sehen – mit prägnantem Hitler-Bart. Es ist Kretzschmars erste politische Karikatur. Wenige Striche bringen die Sache auf den Punkt. Werner Bergmann, der Babelsberger Filmemacher und Kameramann, wird später den bezeichnenden Satz sagen: „Von Kretzschmar gezeichnet zu werden, ist wichtiger als der Nationalpreis.“ Ein Kretzschmar-Porträt – in der DDR war das ein Ritterschlag.

Unzählige – auch politische – Zeichnungen folgen. Selbst als Parteichef Honecker die Politik, wie auch die Denkmalpflege und den Umweltschutz, zu Tabuthemen für die „Eule“ erhebt. Der Künstler sucht die Nische. Als Vorsitzender der Sektionsleitung „Karikatur im Verband Bildender Künstler der DDR“ engagiert er sich für ein Karikaturenmuseum in Greiz. In den Achtzigern wendet er sich neben der „offiziösen Satire“ auch der Druckgrafik zu. Blätter wie „Nananana“ – eine Altherren-Riege mit mahnend-erhobenen Zeigefingern – oder „Der Weisungsgebundene“ – das Bild eines Gefesselten mit verbundenen Augen – entstehen.

Seit 1956 lebt und arbeitet Kretzschmar in Kleinmachnow. Zuvor hatte er von 1950 bis 1955 nach dem Abitur an der Dresdner Kreuzschule an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert. Eine Ausbildung, die prägt. Den Menschen und seinen künstlerischen Stil. Ja, Harald Kretzschmar spricht von seiner „künstlerischen Heimat“ - der klassischen Moderne - von den „Brücke-Malern“, dem „Blauen Reiter“, Max Beckmann und Otto Dix. Und zeigt gleich, was er meint: die Komposition und den oft porösen Strich, der wie von Lithografiekreide gezogen wirkt. Für ihn müsse, sagt Kretzschmar, jede Zeichnung immer auch abstrakte Qualitäten haben. Die Kollegen hätten das oft nicht verstanden. Sie schüttelten hausbacken die Köpfe und spöttelten, er habe „wohl wieder mit dem Teerbesen gezeichnet“.

Der Ruhestand ist kaum in Sicht. Die Veränderungen vor 20 Jahren, sagt Harald Kretzschmar, hätten ihm neuen Schwung gegeben. Er habe viel nachgedacht, ausgestellt, Bücher wie „Paradies der Begegnungen“, sein Buch über Kleinmachnow, herausgegeben und „viele schrecklich kluge Sachen geschrieben“. Er müsse das aufschreiben, sagt er. Nach seinem Tod sollen andere sehen, was sie daraus machen.

Bis dahin scheint es noch lange hin. Der Jubilar sprüht nur so von Lebenslust. Listig kommentiert er den heutigen Tag: „Ich muss damit rechnen, dass jemand gratulieren kommt.“ Das könnte stimmen.

„In bester Wegwerfgesellschaft“. Sammlung Museum für Humor und Satire. Nonnengasse 3, Luckau.
Bis 30. Juni.

Zuerst veröffentlicht in Märkische Allgemeine vom 23. Mai 2011

13. Mai 2011

EXPERIMENTIERSTUBE MARK

Abgelegt unter: ALLGEMEIN, ARCHITEKTUR, AUSSTELLUNG — Martin Stefke @ 12:49

Themenjahr zur Moderne in Bernau eröffnet

BERNAU | Brandenburg – das sind der Alte Fritz, sein Sanssouci, die Kiefern, Alleen und Seen, die Spreewaldgurken und der Spargel. Mit derlei

Koordinaten jedenfalls wird noch immer allzu gern das Bild des Landes zwischen Wittenberg und Spremberg, zwischen Prenzlau und Jüterbog vermessen. Doch mittlerweile sollte sich herumgesprochen haben: In unserem Bundesland gibt es weit mehr Fixpunkte. Und das meint nun nicht nur die von Theodor Fontane erwanderten Herrenhäuser und Dorfkirchen, sondern die Architektur der Moderne.

Detlef Karg, seines Amtes Landesdenkmalpfleger, betont seit Jahren, welch bedeutenden Schatz die Mark mit ihren Baudenkmalen aus der Zeit zwischen den Weltkriegen besitzt. Jetzt hat auch das Kulturland-Jahr das Thema auf seine Agenda gesetzt. Anlässlich des 100. Jahrestages der Grundsteinlegung der Babelsberger Filmstudios erinnert es einerseits an die erzählenswerte Geschichte der bewegten Bilder und andererseits an die Aufbruchsstimmung in der Baukunst.

Gestern wurde das Kulturland-Jahr eröffnet – in einem herausragenden Bauwerk dieser Zeit: der von 1928 bis 1930 von Hannes Meyer und Hans Wittwer errichteten Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau. Paul Schwingenschlögl an der Trompete und Stefan Fischer am Klavier ließen zum offiziellen Auftakt des Themenjahres „Licht – Spiel – Haus: Moderne in Film, Kunst und Baukultur“ dann aber statt eines stürmischen Aufbruchs doch eher cineastisch-elegische Töne erklingen. Fünf Stelzenläufer in von Oskar Schlemmers Triadischem Ballet inspirierten Kostümen schauten den über 200 Festgästen – unter ihnen Kulturministerin Sabine Kunst, Bernaus Bürgermeister Hubert Handke und Hausherr Stephan Schwarz, Präsident der Handwerkskammer Berlin, auf die Köpfe. Es gab Freude über das Kulturland-Jahr und wiederholt Lob für die Sanierung des 2008 mit dem Knoll Modernism Prize des World Monument Fund ausgezeichneten Baudenkmals.

„Dieser Bau ist ein Bau des Lebens und nicht der Kunst“, hatte Bauhaus-Lehrer Meyer seinerzeit bei der Eröffnung des zukunftsweisenden, sanft in die karge Landschaft gesetzten Ensembles aus Lehrgebäuden, Internats- und Lehrerhäusern gesagt. Jetzt ordnete Kulturministerin Kunst – Ministerpräsident Matthias Platzeck hatte wie schon im vergangenen Jahr kurzfristig abgesagt, weil ihn diesmal energiepolitische Fragen plagten – im Kleistjahr gleich den Frankfurter Dichter und seine „Partituren des Abgesanges“ in die Moderne ein. Die Ministerin warb für die Mark als „Experimentierstube der Moderne“, in der „zwischen den Spuren der Gartenstadt Eden und dem restaurierten Dieselkraftwerk in Cottbus viel zu entdecken“ sei. Festredner Frank Kallensee, Kulturredakteur der Märkischen Allgemeinen, hielt ein Plädoyer für das Leben und warnte vor Misstrauen gegenüber der Gegenwartskunst und der Heilssuche in Stadtschlosskopien. Die Moderne, so Kallensee, sei hierzulande eine „noch immer nicht hinreichend erkannte, geschweige denn geschätzte Größe“. Mozart und Rubens zögen mehr als die Brandenburger Georg Katzer und Hans Scheuerecker.

Kallensee forderte, „Waffelfassaden“ und „Abschreibungsarchitektur“ zu verhindern, und regte eine „Route der Moderne“ durch Brandenburg an. Kulturland-Geschäftsführerin Brigitte Faber-Schmidt erwiderte: Eine Karte für diese Route gäbe es seit der Ausstellung „Aufbruch in die Moderne“ im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam ja bereits.

www.kulturland-brandenburg.de

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 13. Mai 2011

19. Februar 2007

SPÄTE WÜRDIGUNG

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR, KUNST — Martin Stefke @ 23:36

Horst Zickelbein im Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder)

FRANKFURT/ODER | Lange hat es gedauert. Zu lange. Jetzt aber, kurz nach seinem 80. Geburtstag, erweist das Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder) Horst Zickelbein, dem kurz vor Weihnachten 1926 in der Oder-Stadt geborenen Maler, jene Würdigung, die seinem Werk schon längere Zeit zustand. Drei schmucke Räume des Viadrina-Museums und die auch sonst als Präsentationsort für Gegenwartskunst genutzte obere Etage des Packhofes hat die Direktorin des Hauses, Brigitte Rieger-Jähner, dafür frei gehalten und die Auswahl gleich selbst besorgt. Die gezeigten Arbeiten, 85 Bilder auf Papier aus vier Jahrzehnten, stammen allesamt aus dem Besitz des Künstlers.

Anderes war ohnehin kaum denkbar. Ein Zusammenborgen von unterschiedlichen Leihgebern kam schon aus Kostengründen nicht in Frage. Und auch auf das eigene Depot war diesmal kein Verlass. Im Fall Zickelbein nämlich kann das Haus befremdlicherweise weder auf gezielte Erwerbungen zu DDR-Zeiten noch auf solche aus jüngerer Vergangenheit verweisen. Insofern konnte man durchaus neugierig darauf sein, wie Brigitte Rieger-Jähner den Künstler, der spätestens Anfang der 70er Jahre mit farbigen, den starren Kulturbetrieb der DDR provozierenden Filzstiftzeichnungen bekannt wurde, jetzt der Öffentlichkeit vorstellen würde. Kennern erschien allerdings das, was Rieger-Jähner zur der Eröffnung sagte, einigermaßen eigentümlich. “Zickelbeins Werk”, so die Kunsthistorikerin, “sei einzigartig wie der Monolog eines selbstgewissen Menschen”.

Durchaus mögen selbstgewisse Menschen mitunter einzigartige Monologe halten. Darum jedoch geht es im Werk des seit 1995 auf der dänischen Ostseeinsel Bornholm lebenden Malers nun wahrlich nicht. Selbstgewissheit ist Zickelbein fremd, sein Schaffen das ganze Gegenteil: ein methodisches Zweifeln, ein melancholisch zu nennendes, aber beharrliches Suchen. Gerade dies hat Zickelbein die Arbeit wie auch das Leben nie leicht gemacht. Infragestellen und Bedenken – von den DDR-Oberen wurde dies ebenso argwöhnisch beäugt wie es vom marktschreierischen Kunstgeschäft der Gegenwart nicht eben goutiert wird. Schon deshalb ist Zickelbein stets Außenseiter geblieben. Einer, der den Umzug von Berlin, wo er seit 1948 gelebt und gearbeitet hatte, auf die Insel im baltischen Meer mit Konsequenz verfolgte, der dort, zwischen Himmel und Granit, neue Inspiration fand und leise aber mit Kraft gegen derzeitige Trends anmalt. Abkehr nicht Rückzug, so beschreibt Zickelbein im zur Frankfurter Ausstellung erschienenen Faltblatt sein künstlerisches Credo. Nicht um Themen, Inhalte und Repräsentation gehe es ihm in einer Welt, in der “alles schon da” sei, eher schon um “Struktur, Ordnung und Zeichen”. Und so nennt er die Architektur seiner Bildwelten folgerichtig ein “Abseits, aber ein selbstgewähltes”.

Selbstgewissheit? Nicht die Spur. Doch gerade deshalb ist dieses Werk voller stiller Intensität und Schönheit. Auch wenn sich diese “Landschaften” – die torsihaften Felsen, die Räume und Körper, die flirrenden Farben des Südens und immer wieder das Licht vermutlich nicht jedem Betrachter sogleich entschlüsseln. Hier aber liegt ja ein Reiz dieser Malerei. Man sollte sich einlassen. Dann freilich öffnen sich Oasen konzentrierter Ruhe in unserer getriebenen Zeit.

“Divertimenti. Horst Zickelbein – Malerei”: Di-So 11-17 Uhr. Bis 1. April 2007. Museum Junge Kunst und Viadrina, Packhof und Junkerhaus. Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Str.11, Frankfurt (Oder).

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 19. Februar 2007

3. Juni 2006

SCHÖNER ZAPFEN

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR — Martin Stefke @ 00:51

Friedrich Tamms’ Autobahn-Tankstelle bei Fürstenwalde

Fürstenwalde | Wenn schon teuer, dann wenigstens mal etwas schöner Tanken. Das wäre doch was! Aber für Schönheit scheinen die Zeiten kaum gemacht. Die Spritpreise treiben uns Tränen in die Augen. Und die Gebäude, an denen wir den kostspieligen Treibstoff zapfen, beruhigen unsere Seelen nicht ein Stück. Kein Wunder, sind diese trotz des bunten Farbenspiels der Mineralölmarkennamen schlichtweg Konfektion. In Guben wie in Wittenberge, auf Rügen wie am Alpenrand - überall der gleiche Stil: zweckmäßig bestenfalls, stets aber langweilig, austauschbar. Architektur mag man das gar nicht nennen.

Früher war dies anders, auch wenn der technische Fortschritt mittlerweile davon wenig übrig ließ. In Brandenburg allerdings steht noch eine jener Tankstationen aus der Zeit, in der die Fortbewegung im motorisierten Wagen Autowandern hieß und ein auf die Berufsbezeichnung Tankwart hörender Mensch ungefragt den Ölstand kontrollierte: Friedrich Tamms”” Autobahntankstelle bei Fürstenwalde. Eine wahrlich ansehnliche Station, ein kleiner, aber feiner Meilenstein der Moderne.

Doch darf man ein Bauwerk der ehemaligen Reichsautobahn überhaupt so nennen? Sicher! Schließlich wäre die neue Zeit ohne die Schnellstraßen kaum denkbar gewesen. Das Problem hierzulande ist nur: Das Autobahnnetz wurde unter den Nationalsozialisten gebaut. Erfunden haben die braunen Mannen diesen Straßentyp zwar keineswegs, doch sie verkauften die “Straßen des Führers”. Dabei kam gerade in der Anfangszeit des Unternehmens nicht alles so gigantisch und germanisch daher, wie das die Herren Todt und Speer großtönend glauben machen wollten. An der Fürstenwalder Tankstelle lässt sich das erkennen.

Hier sieht man auch, woher die Architekten kamen: aus der jungen Tradition des Neuen Bauens. Wie Friedrich Tamms, der 1904 in Schwerin geboren, bereits an der Technischen Hochschule München studiert hat, als er 1926 - mit seinem Kommilitonen Albert Speer - nach Berlin wechselt, wo er fortan an der Technischen Hochschule bei Heinrich Tessenow und Hans Poelzig lernt und danach Arbeit im Brückenbauamt Berlin findet. Nach 1935 entwirft er für die Reichsautobahn AG neben Brücken und Werkhöfen auch die Tankstelle bei Fürstenwalde. Und obwohl die Station - wie die heutigen Tankstellen - kein Einzelstück bleibt, sondern neben den Projekttypen “Frankfurt/Main” und “Hannover” nach 1937 mehrfach zwischen Berlin, Stettin und Breslau gebaut wird, besitzt sie alles, was ein modernes Gebäude ausmacht. Die ungewöhnliche Betonkonstruktion des auf grazilen Säulen ruhenden Flachdaches ragt weit über ein sachliches, auf dreieckigem Grundriss mit abgerundeten Ecken errichtetes Tankwarthaus hinaus und bietet somit nicht nur Schutz vor Sonne und Regen, es assoziiert auch Leichtigkeit, Geschwindigkeit und Offenheit. Nachts wird die flügelige, ja beinahe nierenförmige Kontur des Daches durch Leuchtstoffröhren nachgezeichnet, was den filigranen Eindruck noch verstärkt.

Für derart viel Moderne gibt’’s bald Kritik der Ideologen. Was Tamms allerdings nicht hindert, sich zu einem der wichtigsten Baumeister des Reiches aufzuschwingen. Er nimmt die Kritik an und baut bald im so genannten Heimat-Schutz-Stil mit Spitzdach (so die Tankstelle Michendorf). Auch wenn er selbst kein Parteimitglied ist, macht er sich einen zweifelhaften Namen als Mitarbeiter an Speers “Germania”-Planungen und errichtet an Trutzburgen erinnernde Hochbunker in Wien, Hamburg und Berlin (Reinhardtstraße). Der “Führer” persönlich ernennt ihn 1942 zum Professor. Auch wenn Tamm diesen Posten nach dem Krieg verliert, wird er den Titel bis zu seinem Tod führen. Bis dahin allerdings fällt der Leiter des Stadtplanungsamtes Düsseldorf nicht nur durch seine modernen Entwürfe für drei Rheinbrücken, die Kongresshalle und das für die Fußball-WM 1974 fertig gestellte Rheinstadion, sondern auch dadurch auf, dass er Kollegen aus der Nazizeit unbeirrt protegiert.

Die Tankstelle Fürstenwalde wurde nach einem Jahrzehnt des Verfalls 2005 restauriert. Schöner Tanken kann man am denkmalgeschützten, aber weiter ungenutzten Gebäude leider nicht. Man kommt nicht mal hin. Leitplanken versperren den Weg.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine 3. Juni 2006

10. September 2005

KALTE KRIEGSSPIELE

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR — Martin Stefke @ 00:14

Offenes Denkmal unter der Erde - in Harnekop feiert die versunkene Diktatur fröhliche Urständ

Harnekop | Harnekop ist ein idyllischer Flecken Erde. Von Norden erreicht man den 200-Seelen-Ort im Landkreis Märkisch-Oderland über die Bundesstraße 158. Von Süden führt der Weg aus Strausberg und Prötzel über alte Alleen. Das ist das Brandenburg der Postkarten und Reiseführer. Sollte man hier ein gewichtiges Bauwerk des Kalten Krieges vermuten? Wohl kaum.

Wäre da nicht eine jener für die DDR so typischen Betonplattenstraßen, an deren Ende tief im Wald in der Regel eine Kaserne stand. Die Straße erweist sich als Zeitmaschine: Das Schlagen der Reifen versetzt den Reisenden zurück in die Honecker-Republik. Hinter dem Tor des einstigen Armeegeländes glaubt er sich außerhalb der Realität: Plattenbauten und Funkmasten, NVA-Fahrzeuge und Flaggen, Lastwagen aus russischer Produktion, dazu ein Kasernenbau - drei Quader aus Beton mit Tarnanstrich. Ein Schild weist zur “Raumschießanlage mit Erlebnismuseum”. Zwei junge Männer in Nato-Tarnanzügen schlurfen über steinernes Terrain. Ein ziemlich bizarres Gemenge aus Volksarmee und Bundeswehr, Kriegerspiel und Männlichkeit - und wohl auch der Jagd nach einem guten Geschäft.

“Ausbildungszentrum für Spezialeinheiten und Sicherheitskräfte” steht an einem Briefkasten. Ein Blatt Papier wirbt für Panzerfahrten und “Schießen für jedermann”. Weiter geht’’s zu Fuß. Zäune. Ein Tor. Dann irgendwo ein Zweigeschosser. Daneben ein Imbisswagen mit Biertischgarnituren. Unter einem hölzernen Verschlag warten mehrere Besucher. Wer zur Kamera greift, muss sich als Erstes die Belehrung gefallen lassen, dass das Fotografieren verboten sei. Man kennt den Ton, die militante Ruppigkeit, lässt sogleich die Hände sinken. Und fragt sich, ob nicht ein Stück Rest-DDR in dieser Ödnis das eigene Ende verpasst hat. “Der Verantwortliche”, so heißt es, komme gleich.

Und da eilt er auch schon herbei, ein Mittfünfziger, der die Hand ausstreckt und “Begrüßungsgeld” verteilt: Banknoten mit Marx- und Engels-Porträt, deren Rückseitenaufdruck erkennen lässt, dass die Scheine ein Werbegag sind: “Atombunker Harnekop, Führungen finden statt: samstags, sonntags, feiertags”. Es ist jener Hartmut Mehland, Vereinsvorsitzender und Betriebsleiter, der im Vorgespräch am Telefon gesagt hatte: “Wenn Sie das Objekt noch nicht kennen, ist es gut, erst einmal eine Führung mitzumachen.” Unwillkürlich kam einem dabei ein Satz des Philologen Victor Klemperer in den Sinn: “Die Sprache bringt es an den Tag”. “Objekt” - allein das Wort verrät: Mehland kommt aus dem alten System, dem untergegangenen. Mit dem sich hier noch einmal Kasse machen lässt. An Wochenenden strömt neugieriges Volk aus allen Teilen der Bundesrepublik heran, um einen wahrlich wuchtigen Rest der DDR zu bestaunen, der sich im Wald 30 Kilometer nordöstlich der deutschen Hauptstadt erhalten hat. Der Erwachsene muss zehn Euro Eintritt hinblättern, Auszubildende und Erst-Studenten zahlen 7,50, Schüler fünf Euro.

Dann startet der Ausflug in die staatstragende Vergangenheit. Und der kann einen schon das Frösteln lehren - was nicht nur an den zwölf Grad Celsius liegt, die das ganze Jahr über in dieser wohl konservierten Ostzone herrschen. Wie einst das große sozialistische, findet sich auch Mehlands kleines Vaterland hinter hohen Zäunen und Stacheldraht. Nur wenige selbst der stramm ihrer frohen Zukunft entgegen schreitenden Genossen unter den DDR-Bürgern kannten das “Objekt 16/102″, als noch satte 4000 volkseigene Volt durch seine “Hochspannungssicherungsanlage” jagten. Weil die DDR-Oberen hier eines ihrer best gehüteten Geheimnisse verbargen: die “Hauptführungsstelle des Ministeriums für Nationale Verteidigung”. Im “Ernstfall” wären in diesen 30 Meter tief in den märkischen Sand gesetzten Koloss aus Stahlbeton Honeckers höchste Generäle eingerückt, um auf drei Etagen und in fast 200 Räumen die Mobilmachung der Truppe, deren Einsatz und die “Besetzung des Territoriums des Kriegsgegners” zu organisieren. Sogar eine Kernwaffenexplosion bis zur Stärke einer Megatonne hofften die Auserwählten - der Verteidigungsminister, 200 Offiziere und 255 Mann technisches Personal - unter der 4,60 Meter dicken Decke aus Beton zu überstehen.

Bereits während der Bauarbeiten, Anfang der 70er Jahre, galt oberste Geheimhaltungsstufe. “In der Bauzeit des Schutzbauwerkes”, so klingt es im gut bewahrten Originalton aus der aktuellen Broschüre über den “Atombunker”, “wurde eine perfekte Tarnung und Desinformation, sowohl des Gegners als auch der eigenen Bevölkerung durchgeführt”. Selbst die an den Arbeiten beteiligten oder in der Nachbarschaft stationierten Soldaten wussten nicht, was tatsächlich auf dem Gelände geschah. “Es gab mal einen, der geredet hat”, plaudert Bunkerführer Peter Briesemeister - Mehland nennt ihn witzelnd den “Führungsoffizier”- “der wurde sofort nach Schwedt verlegt und kam erst nach Monaten, dafür aber ziemlich geläutert, zurück”.

Der Kalte Krieg als amüsanter Freizeitpark mit launigen Geschichten? Harnekop scheint auf dem Weg dorthin. Schließlich plant Hartmut Mehland - seine Grundstücksgesellschaft hat das Gelände vom Bundesvermögensamt gepachtet -, eine Sport- und Freizeitanlage. Von Sommerrodelbahn, Biomasseanlage und Windrad auf dem höchsten Stahlgittermast der Bundesrepublik ist allerdings noch nichts zu sehen. Und so bleibt der Bunker erst einmal die einzige Attraktion.

Seit 2002 steht das erstaunlich gut erhaltene Bauwerk unter Denkmalschutz. Im alten Stabsgebäude, selbstredend ein Plattenbau, waltet DDR-Atmosphäre pur. Selbst die Tapeten haben die Zeit beinahe unbeschadet überdauert: groß gemustert und bunt. Auch unter der Erde - das reine Heimatland, voll gepfropft mit modernster Technik der Bauzeit, die Rechentechnik ein RGW-Gemeinschaftswerk. Die Fußböden der unterirdischen Räume lagern auf Federn, damit Druckwellen Mensch und Gerät im Fall der Fälle nicht allzu arg durchschütteln. “Ein ingenieurtechnisches Meisterwerk”, beteuern Mitglieder und Förderer des Vereins Denkmal Bunker Harnekop e. V. unisono und lassen wissen: Fachleute aus dem Westen hätten ihrem “Heldenkeller” bescheinigt, er sei vergleichbaren Anlagen der Nato um zehn Jahre voraus gewesen. Man könnte beinahe meinen, die DDR habe im Kalten Krieg gesiegt. Heroische Geschichten und dümmliches Gewitzel der Mitarbeiter tun ein Übriges, die Brisanz der Anlage zu überdecken. Man verweist auf die “guten Kontakte” des Vereins zu Bundeswehr und Landeskriminalamt, auf Projekttage mit Schülern aus Berlin und Sachsen-Anhalt. “Kalter Krieg zu Anfassen” heißen derlei Veranstaltungen.

Sichtlich erleichtert kehrt der Reporter in die Gegenwart zurück. Um am Dorfeingang mit einer freundlichen Harnekoperin in eine andere ferne Zeit einzutauchen. Hier stand bis 1945 das Herrenhaus, jenes barocke “Monchoix”, in dem 1919 Gottlieb Graf von Haeseler starb. Haeseler, ein Preuße, wie er in alten Büchern steht: das Leben lang Militär und - in dienstfreier Zeit - für seine Obst- und Pferdezucht bekannt. Jung war er gegen die Dänen in die Düppeler Schlacht gezogen. Als Generalfeldmarschall kehrte er aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Im Frühj ahr 45 bezog das Kommando von Stalins 9. Armee im Schloss Quartier. Später schleiften die Dorfbewohner die Ruine.

Harnekop - eine Idylle? Auf alle Fälle ein Ort, der am Tag des offenen Denkmals am 11. September besonders eindrücklich das Hauptthema “Krieg und Frieden” illustriert.

Denkmal Bunker Harnekop, Lindenallee 1, 16269 Harnekop. Einlass nur mit Führungen am Wochenende und an Feiertagen jeweils 10, 12, 14 und 16 Uhr. November bis Februar nur 12 und 14 Uhr. 033436 / 35 727.

Zuerst erschienen in: Märkische Allgemeine vom 10. September 2005

20. Juli 2005

UNTERM DACH DER WELTANSCHAUUNG

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR — Martin Stefke @ 00:08

Vor 75 Jahren baute sich Luckenwalde eine Doppelvolksschule mit Theater

LUCKENWALDE | Flachdach oder Steildach? “Flachdach natürlich”, sagt Thomas Drachenberg und schmunzelt. Drachenberg, Dezernatsleiter im Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege in Wünsdorf, weiß nur allzu gut, weshalb. Schließlich handelt es sich bei der Frage nach der Gestalt von Dächern um mehr als eine Formsache. Die “Dachfrage” geht an die Substanz. Sie ist ein Problem der Weltanschauung.

Zumindest in den 20er Jahren ist sie dies gewesen. In jener Zeit tobt deutschlandweit eine wahre Dächer-Schlacht. Doch bei dem Gebäudeensemble, um das es hier gehen soll - der 1929/30 errichteten Doppelvolksschule inklusive Stadttheater in Luckenwalde -, ist die Auseinandersetzung beispielhaft dokumentiert. Während nämlich die damals in der Industriestadt regierenden Sozialdemokraten im Flachdach das Symbol der Neuzeit, einen Ausdruck der Moderne, von Demokratie und einer gerechteren Gesellschaft zu erkennen glauben, verweigern sich die Konservativen derartiger Weltsicht beharrlich. Sie setzen aufs Altbewährte. Was beim Bauen in ihren Augen hierzulande nun mal ein Dach mit schrägen Flächen ist. Und so tönt es während der Stadtverordnetenversammlung am 2. September 1927 von der Bank der bürgerlichen Opposition: “Ein flaches Dach passt nicht für den Baustil unserer Gegend, auch nicht für unseren nordischen Himmel.”

Ganz anders als der konservative Abgeordnete Moritz Richter sieht dies der Luckenwalder Architekt Paul Backes. In seinem, mit Hans Graf, dem Kollegen aus dem städtischen Bauamt, und ihrem gemeinsamen Chef Rudolf Brennecke erarbeiteten Entwurf zeichnet er neben den geplanten Dachkonstruktionen kurzerhand weitere ebene Dächer in der Umgebung des Neubaus ein - obwohl es diese gar nicht gibt. Einerlei: Neue Dächer braucht die neue Zeit! Mit ihrer Mehrheit stimmt die SPD für den Plan des Architekten-Trios aus der heimischen Verwaltung. Nicht nur die Genossen setzen sich damit gegen ihre politischen Widersacher durch. Der damals bereits renommierte Baumeister Bruno Taut zieht gegen die lokale Konkurrenz den kürzeren.
Gleichwohl zeigt der ausgeführte Bau auffällige Parallelen zu dem von Taut geplanten Projekt. Schon der Grundriss scheint entlehnt - ein lang gestreckter Mittelbau nimmt die sämtlich nach Süden ausgerichteten Klassenzimmer auf, östlich schließt sich im rechten Winkel das Theater an, während die Turnhalle im Westen Platz findet. Ganz wie bei Taut. In dessen Konzept allerdings dominiert das Theater ein wesentlich schmaleres und auch niedrigeres Schulgebäude. Masse gegen Leichtigkeit. Aus der Ungleichheit gewinnt der Entwurf Spannung. Backes, Graf und Brennecke setzen dagegen auf Ausgewogenheit. Theater und Schule erhalten die gleiche Höhe. Allein der Astronomieturm überragt das Ensemble ein Stück. Inwieweit das Dreigespann wirklich bei Taut abgekupfert hat, muss offen bleiben. Auch Thomas Drachenberg hat dafür keinen eindeutigen Beleg. Fest steht jedoch: Die Luckenwalder änderten frühere Pläne. In diesen hatten sowohl die Schule als auch das Theater - steile Dächer.

Dennoch überzeugt der Bau durch Klarheit und Harmonie. Besonders nach der in den vergangenen Jahren unter der Leitung des Potsdamer Architekturbüros Kühn-von Kaehne ausgeführten Restaurierung ist er wieder, was Stadtrat Hugo Rössiger bereits vor der Fertigstellung im November 1929 verkündet hatte: “so vorbildlich, dass wir uns damit in jeder Stadt Deutschlands sehen lassen können”. Was bei weitem nicht nur auf so liebenswerten Details wie der Zeichenterrasse, den breiten Fensterfronten und horizontalen Werksteingesimsen, der expressiven Farbgestaltung im imposanten Theatersaal mit breitem Rang und 732 Plätzen beruht. Es liegt wohl auch an den - flachen Dächern.

Dass allerdings kein Schmuck den Saal als Theater ausweist und über dem straßenseitigen Eingang einst in großen Lettern nur “Friedrich-Ebert-Schule” zu lesen war, soll hier nicht verschwiegen werden. Der Plan der Stadtväter, sich und den Bewohnern der ein Theater zu bauen, traf seinerzeit - wie übrigens auch das Flachdach - bei den übergeordneten Aufsichtsbehörde auf wenig Gegenliebe. Zu viele Schulden, hieß es aus Potsdamer Regierungskreisen lapidar.

Doch davon ließen sich die Luckenwalder nicht beirren. In einer Aula kann man schließlich auch Theater spielen. Prompt wurde vermieden, was allzu sehr an ein Schauspielhaus erinnern könnte. Und über die Türen kam der Name der Schule. An der Balustrade des Ranges brachte man Sinnbilder für die sechs Unterrichtsfächer Rechnen, Lesen, Schreiben, Chemie, Zeichnen und Naturkunde an. Und über das Bühnenportal setzten die Erbauer das Wappen der Stadt: Ein Pelikan, der seine Jungen füttert.

Manchmal geht es eben nur mit Tricks.

Zuerst erschienen in: Märkische Allgemeine vom 27. Juli 2005

14. November 2003

WO MAN SICH ZUM HÖKERN TRAF

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR — Martin Stefke @ 22:16

DAS GILDENHAUS TREUENBRIETZEN IST DAS 50. DENKMAL DES MONATS

Treuenbrietzen | Vor gut vier Jahren fing alles an. Im Oktober 1999 verlieh die Arbeitsgemeinschaft “Städte mit historischen Stadtkernen”, der gegenwärtig 29 Städte zwischen Bad Freienwalde und Ziesar, zwischen Lenzen und Mühlberg angehören, zum ersten Mal den Titel “Denkmal des Monats”. Seitdem ging es quer durchs Land. Dem ersten prämierten Kleinod, dem historischen Amtshof in Wittstock, folgten weitere gerettete Baudenkmale, Belzigs Burg Eisenhardt, das Peitzer Eisenhüttenwerk, das Luisendenkmal in Gransee.

Eine stattliche Liste, die sich wie das Inhaltsverzeichnis eines märkischen Reiseführers liest, ist so zusammen gekommen. Heute steht das halbe Hundert an: das “Gildenhaus” in Treuenbrietzen. Der Bauamtsleiter der Sabinchenstadt, Christoph Höhne, ist sichtlich stolz auf das Geschaffene, auch, wenn er einräumt, dass der Name nicht unbedingt historisch korrekt ist. Das Haus gehöre eigentlich zu den “Hakenbuden”. Höhne muss beim Erklären weiter ausholen. Als sich im Mittelalter fahrende Händler beschwerten, dass die Stadt ihnen wenig freundlich gesonnen sei, bot man ihnen ein Gelände hinter dem heutigen Rathaus an, wo sie ihre Waren verhökern konnten. Zwar wurden aus den Buden bald feste Häuser, aber der Name blieb erhalten, auch wenn er sich mit der Zeit in Hakenbuden wandelte.

In jüngster Zeit hätten nicht wenige Bewohner der Stadt das 1540 errichtete Gebäude allerdings schon abgeschrieben. Verfaulte Balken, marode Fenster, bröckelnder Mörtel, überputztes Fachwerk. Und so wird es manch einer für ein Wunder halten, dass aus der Ruine ein Prachtstück auferstand. Wäre es allerdings nach dem damaligen Eigentümer gegangen, der keine rentable Nutzung sah, hätte man das Gebäude 1999 abgerissen.

Derlei Begehren schob die Stadt einen Riegel vor und nahm den Fall selbst in die Hand. “Man hat mich ein paar mal für wahnsinnig erklärt”, lacht Höhne, “aber auch die Stadtväter haben erkannt, dass wir mit dem historischen Fundus umgehen müssen.” Der Bauamtsleiter kann ein Lied von den Problemen singen. Denn obwohl in Treuenbrietzen Beachtliches erreicht wurde, besteht noch an 569 Häusern des 42,7 Hektar großen und als Sanierungsgebiet ausgewiesenen historischen Stadtkerns Handlungsbedarf. Deshalb fand man den engagierten Verwaltungsmann Höhne auch unter jenen, die im September entschieden gegen die geplanten Einsparungen von Bund- und Landesseite protestierten. Mit Erfolg, wie man weiß.

Das Jubiläumsdenkmal ist ein wunderbares Beispiel einer gelungenen Restaurierung. 191 000 Euro hat die Sanierung gekostet. Dank des Förderprogramms “Städtebaulicher Denkmalschutz” wurden die Kosten von Land und Bund sowie der Deutschen Stiftung Denkmalschutz übernommen. Dabei sprang die Stiftung gleich zweimal in die Bresche, sie kam auch für den Eigenanteil der Stadt auf. Mit 400 Millionen Euro förderte das Land die Sanierung historischer Stadtkerne seit 1991.

In Zukunft wird das älteste Haus Treubrietzens ein offenes Denkmal sein. “Wer eine denkmalgerechte Sanierung sehen möchte, erhält hier Gelegenheit”, erklärt der Bauamtsleiter das Nutzungskonzept. Alte Handwerkskunst lässt sich hier bewundern, Naturfarben, Ausfachungen aus Staken und Reisig, Lehmmörtel mit Strohhäckseln, die historische Biberschwanzdeckung des Daches mit Holzsplissen, mächtige Balken aus Erlenholz und vieles mehr. Handwerkskunst aus mehreren Jahrhunderten. “Deshalb heißt das 1540 errichtete Gebäude jetzt auch ,Gildenhaus”””, sagt Christoph Höhne und fügt hinzu: “Falls die Tür mal verschlossen sein sollte, im Rathaus gibt es den Schlüssel.”

Großstraße 112, Treuenbrietzen. Verleihung des Titels “Denkmal des Monats”: heute, 14 Uhr.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 14. November 2003

3. April 2003

KATHEDRALE DER ARBEIT

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR — Martin Stefke @ 22:52

Unersetzliches aus Glas und Beton: Erich Mendelsohns Hutfabrik in Luckenwalde

LUCKENWALDE | Fusionen sind keine Erfindung unserer Zeit. Schon vor 100 Jahren wussten Unternehmer, dass kluge Partnerschaft fit macht für den Markt. Und so fusionierte manch einer mit seiner bisher nicht sonderlich geliebten Konkurrenz. So auch in Luckenwalde, wo 1921 Friedrich Steinberg und Gustav Herrmann ihre Firmen zusammenlegten und Geld in eine moderne Produktionsanlage investierten. Nichts besonderes, eigentlich. Doch gerade die neue Woll- und Haarhutfabrik Friedrich Steinberg, Herrmann & Co. sollte nicht nur die Kopfbedeckungen aus Luckenwalde berühmt machen. Ihr Architekt wurde mit diesem, später als “Inkunabel” der Moderne gelobten, Bauwerk weltbekannt. Sein Name: Erich Mendelsohn.

Hier konnte der junge Baumeister, der kurz zuvor seinen ersten “Meilenstein” der Baugeschichte - den Potsdamer Einsteinturm - errichtet hatte, erstmals im großen Stile zeigen, was er unter neuem Bauen verstand. Er entwarf eine vom Tageslicht durchflutete Halle, spannte ein Dach aus Holz und Glas über die großzügige Konstruktion aus Mauerwerk und Beton. Besonders die Verwendung letzteren Baustoffs war damals geradezu revolutionär. Vor Ort gegossene Stützen und Binder ermöglichten Spannweiten von 14 Metern. Vier Schiffe und 150 Meter Hallenlänge gaben Platz zur Optimierung der Produktion und für ausgeklügelte Technik. Auch in der Färberei gab es die: Im hutförmigen Dach konnte ein modernes Abluftsystem für die schädlichen Dämpfe verborgen werden.

Das Projekt war ein kühner Entwurf, dessen erste Skizzen den Kollegen und späteren Mitstreiter Mendelsohns, Richard Neutra, urteilen ließen: “Sie sahen aus wie expressionistische Kunst, und es war immerhin seltsam es zu wagen, sie einem städtischen Bauinspektor in Luckenwalde zu unterbreiten.” Doch die Pläne passierten trotz des Spiels mit der Dreiecksform , trotz Bänderung des Mauerwerks und ausdrucksvoller Dachkonstruktionen an Pförtnerhäusern und Kraftwerk die Amtsstuben. Die Kritik feierte den Bau und Mendelsohn hatte sich um Aufträge nicht länger zu sorgen. Doch nur für kurze Zeit, denn schon 1933 floh er vor den Nazis. Er wusste: “Das Animalische der Bewegung wird sein Blutrecht verlangen. ” “Seine” Fabrik aber erlebte nichts als Niedergang. Die Spuren sind nicht zu übersehen.

Wenn sich heute Abend auf Einladung des Fördervereins Mendelsohn-Halle ehrenamtlich für die denkmalgerechte Sanierung ringende Enthusiasten - erst sie haben in den vergangenen Jahren auf die Bedeutung der Gebäude und ihre wechselvolle Geschichte aufmerksam gemacht - und Vertreter des Bauherren, der hier eine Sortieranlage für Alttextilien betreiben will, in Luckenwalde treffen, kann man dies als hoffnungsvolles Zeichen werten. Denn niemand sollte vergessen, dass es um den Erhalt von Unersetzlichem geht.

Hutfabrik Friedrich Steinberg, Herrmann & Co., Industriestraße 2, Luckenwalde.

Zuerst veröffentlicht in der Märkischen Allgemeinen vom 3. April 2003

18. März 2003

UNBEKANNTES KUNSTWERK

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR — Martin Stefke @ 20:39

Ein Refugium und ein Erlebnis für die Sinne: Hans Scharouns Landhaus Möller in Zermützel bei Neuruppin

Neuruppin | “Wenn ich da bin, mach ich auch auf,” sagt Thomas Falkenberg. “Aber eigentlich sollen die Leute am Tag des offenen Denkmals kommen.” Der junge Mann legt die Stirn in Falten. Er erinnert sich noch sehr genau an jenen Tag im September 2001. “Da waren 300 Leute hier. Ich habe eine Führung nach der anderen machen müssen. Das ganze Wochenende lang. Ich kam nicht mal zum Mittagessen. Es war schlimm.”

Die Besucher aber waren begeistert. “Manche kamen gleich zweimal,” verrät Falkenberg. “Die haben sich das Haus angesehen, sprangen ins Auto und waren kurz darauf schon wieder da - mit Verwandten oder Kindern. ‚Das müsst ihr sehen””, hieß es. Und einige meinten: ‚Da sind wir Jahre lang am See spazieren gegangen und hatten keine Ahnung, dass es hier so etwas gibt.””

Es ging nicht nur den Spaziergängern so. Selbst Fachleuten musste das in den Jahren 1937/38 von Hans Scharoun erbaute Landhaus der Familie Möller in Zermützel bei Neuruppin lange unbekannt bleiben. Nicht einmal in einschlägiger Literatur, wie dem “Architekturführer DDR, Bezirk Potsdam” fand sich ein Hinweis auf den Bau, auch wenn andere Häuser Scharouns - wie das Landhaus Mattern und das Haus Bonk in Potsdam-Bornim - dort erwähnt wurden. Am Werk des Baumeisters oder seiner Person liegt diese Leerstelle also kaum. Die Geschichte des Bauherren bietet wohl eher einen Anhaltspunkt. Sie ist zumindest pikant.

Ferdinand Möller ist nach dem ersten Weltkrieg einer der erfolgreichsten Kunsthändler Deutschlands. In Breslau und Berlin, auch in Potsdam, setzt er Maßstäbe im Kunstbetrieb. Überaus erfolgreich vertritt er die bedeutendsten Künstler seiner Zeit - Kirchner, Klee, Schmidt-Rotluff, Mueller, Feininger, Nolde, Heckel, Kandinsky und viele andere. Mit den meisten pflegt er freundschaftlichen Kontakt. Kurz nachdem die Nationalsozialisten im Sommer 1937 ihren “Säuberungskrieg” gegen die Moderne auch in der Kunst beginnen, bringt Möller Arbeiten “seiner” Künstler in Sicherheit. Doch die braunen Machthaber nutzen die Erfahrungen des Galeristen auch - 1938 berufen sie ihn in den Kreis jener vier Kunsthändler, die aus Museen entfernte Werke der als “entartet” Verfemten gegen Devisen verkaufen sollen. Indem Möller diese jedoch nicht, wie unter Strafandrohung gefordert, ausschließlich ins Ausland, sondern auch in Deutschland verkauft, selbst erwirbt oder an Künstler zurückgibt, rettet er viele Werke vor der Vernichtung. Dennoch ist diese Tätigkeit Möllers umstritten. Er habe, so die Kritik, an diesen Geschäften verdient und außerdem Devisen für Kriegsmaterial beschafft. Tatsache ist, tausende der nicht verkauften Werke wurden verbrannt.

Mit diesem Wissen erschließt sich das Haus. Wunderbar lässt sich es sich hier philosophieren. Über Bauen und innere Emigration, über Heimat und ein Heim - über das Leben.

Verblüffend die Gegensätze. Von außen gleicht das Gebäude einer Burg: klein zwar, doch trutzig mit hartgebranntem Stein und Fenstern wie Schießscharten. Zum Hang duckt es sich in die Landschaft, versteckt sich unter dem weit nach unten gezogenen Dach. Doch im Innern findet man Offenheit, Licht. Es scheint, als habe sich jemand einen Beobachtungsposten gebaut: nach drei Seiten späht der Bewohner dieser Burg in die Welt und wird selbst nicht gesehen. Ein Refugium. Ein Erlebnis für die Sinne - ein Kunstwerk.

Scharoun-Haus Zermützel, Friedrich-Möller-Stiftung, Birkenhorst 2, Zermützel bei Neuruppin.

Zuerst veröffentlicht in der Märkischen Allgemeinen vom 18. März 2003

Powered by WordPress ( WordPress Deutschland )