MARTIN STEFKE

20. April 2011

PANISCHES HOCHAMT

Abgelegt unter: ALLGEMEIN, AUSSTELLUNG, ROCK — Martin Stefke @ 01:09

Neuhardenberg wird zur Stätte der Udo-Lindenberg-Verehrung

NEUHARDENBERG | Bernd Kauffmann, der Generalbevollmächtigte der Stiftung Schloss Neuhardenberg, hat ganz recht: Was Fan-Sein bedeutet, kann man in der Schau „Udo. Die Ausstellung“, die seine Stiftung jetzt in der Oderbruch-Gemeinde ausrichtet, in der Tat verstehen. Doch nicht nur, wenn man – wie Kauffmann in seiner Eröffnungsrede am Sonntag meinte – die umfangreiche Sammlung der Familie Seidler aus dem sächsischen Städtchen Penig betrachtet.

Zwar haben die leidenschaftlichen Udo-Verehrer ihr Wohnzimmer, ja ihre ganze Wohnung zu einer Art Lindenberg-Tempel umgewandelt, der nun leihweise in Neuhardenberg zu sehen ist. Aus schwarzen Pressspanplatten-Möbeln blitzt es im Kubus der Ausstellungshalle wie aus einem funkelnden Altar heraus: Bilder, Platten, Fotos, Autogramme – wahre Reliquien aus dem Udo-Universum.

Doch auch die übrige Ausstellung ist geradezu zum Ort der Verehrung geworden – eine große Weihestätte, aufgerichtet zu nur einem Zweck: Dass man darin auf die Knie geht. Schon die Eröffnung glich einem Gottesdienst, einem panischem Hochamt mit feierlichen Lobgesängen. Ein sichtlich ergriffener Bernd Kauffmann predigte dem Rockstar, den er ein „Gesamtkunstwerk aus Rock ’n’ Roll, Poesie, Coolness, Malerei und Zeitgeschichte“ nennt, und seinen Jüngern ein neues Evangelium: „Es begab sich im letzten Jahrtausend, ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg, dass zu Gronau im durch und durch katholischen Westfalen ein Menschenwesen das Licht der Welt erblickte.“ Die Fans freuten sich mehr am Auftritt ihres Idols und über Katharina Thalbachs anekdotenreiche „Lobhudelei“. „Mörderisch verknallt“, gestand die Regisseurin, sei sie als 20-Jährige gewesen. „Die langen Haare und sehr engen Hosen“ hätten ihre „nicht unerhebliche Phantasie sehr“ angeregt. Damals habe sie, so Thalbach, gedacht, „wer so aussehe und noch dazu Verse habe wie ‚Grethe Weiser am Synthesizer”, könne nicht ganz schlecht sein“.

„Nicht ganz schlecht“ – das Understatement beschreibt wohl am besten, was den Ausnahmekünstler Lindenberg ausmacht. Seine Lockerheit und Coolness, die schnoddrige Art, die so leicht daher kommt und doch so viel Wahres von der Welt und dem Leben erzählt hat. Damals. Denn inzwischen ist Lindenberg längst eine Marke geworden, ein Bild seiner selbst, eine Kunstfigur. Wer ihn an diesem Wochenende sah, erkannte nicht den Menschen, sondern vor allem den Rockstar, den Mann mit dem breitkrempigem Hut, der auf der Bühne lässig-routiniert ein solides Programm und ein paar Bonmots zum Besten gibt, hin und wieder die Sonnenbrille abnimmt, mit Eierlikör gurgelt und Küsschen verteilt. Schließlich pilgerte der Panikrocker von Fans und Bodyguards umringt selbst durch die Schau. Lindenberg saugt an seiner kalten Zigarre, klemmt sich hinter das Schlagzeug, das ihm einst kein Geringerer als Miles Davis geschenkt hat. Er posiert, die Trommelstöcke schwingend, vor Fotografen, und wirkt einen Moment lang beinahe selbst wie ein Exponat.

Nichts fehlt in dieser Schau. Sämtliche Alben hängen an der Wand. Auch die zehn Goldenen Schallplatten sind da. Sogar ein Schulzeugnis, die Möbel aus der Suite im Hotel Atlantic, die Lederjacke, die er Erich Honecker schenkte, und die Schalmei, die der Rocker vom DDR- „Oberindianer“ bekam, sind zu sehen. Auch die Stasi-Akte, die Likörellen und die Bilder seines verstorbenen Bruders Erich. Spannend wird es immer da, wo der Mensch hinter dem Bild hervortritt, wenn der Arbeitsprozess deutlich wird, so auf den Schreibtischunterlagen voller Notizen und Ideen. Und wenn Lindenberg an den Hörstationen über sich, seine Arbeit und das Leben spricht. Die Vitrinen verstellen diesen Blick eher. Sie gleichen Koffern, in denen Musiker ihre Ausrüstung verstauen, wenn sie auf Tour gehen. Man kann die Symbolik verstehen. Musiker leben aus Koffern. Aber weniger wäre in dem Falle wohl mehr gewesen.

„UDO. Die Ausstellung“: Stiftung Schloss Neuhardenberg, Schinkelplatz, Neuhardenberg. Di-So 11-19 Uhr. Bis 19. Juni. Infos unter Tel. 030/8892900.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 19. April 2011

10. November 2010

PROTESTKULTUR

Abgelegt unter: ROCK — Martin Stefke @ 21:00

Wulff ließ Lindenberg den Vortritt

Udo Lindenberg und Bundespräsident Christian Wulff in Neuhardenberg Foto: Martin Stefke

Udo Lindenberg und Bundespräsident Christian Wulff in Neuhardenberg Foto: Martin Stefke

NEUHARDENBERG | Was war denn das? Ausgerechnet dem Deutschrocker Udo Lindenberg räumte am Montagabend – am Vorabend des 20. Jahrestages des Mauerfalls also – der erste Mann im Staate, Bundespräsident Christian Wulff, die Bühne. „Keine Panik“, hatte der CDU-Politiker die rund 350 geladenen Gäste und Journalisten in der Schinkel-Kirche Neuhardenberg (Märkisch-Oderland) beruhigt: Er werde hier nicht singen.

Und stimmte doch ein kurzes Hohelied auf den 64-jährigen Panik-Rocker an, würdigte schnell Lindenbergs Verdienste um die deutsche Einheit, um dann neben dem Präsidenten des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes Herbert Hassis amüsiert dem anderthalbstündigen Konzert zu lauschen. Lindenberg freute sich derweil erst einmal über die neue Protestkultur im Lande. Er lobte sie als „hohe Qualität unserer Demokratie“ und stellte fest, dass es viel besser sei, wenn sich „die Bürger – vom Kleinkind bis zu den heißen Greisen – einmischen“ und nicht nur alle vier Jahre ein Kreuzchen machen“. In Anspielung auf die ausstehende Unterschrift unter den Vertrag für die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke gab er „dem Panikexperten Christian“ den Tipp, „doch vielleicht einen kleinen Gichtanfall zu bekommen“ und so das Gesetz noch zu verhindern.

Nach „Cello“ sang die „Nachtigall“ dann so manchen Hit für die „bunte Republik“ – mit Celina Bostic und Nathalie Dorra bewegende Duette wie „Summertime“, „Was hat die Zeit mit uns gemacht“ und „Mädchen aus Ostberlin“. Leider fehlten für die wirklich ganz große Stimmung diesmal die Drums des Panikorchesters. Dafür aber hatte Lindenberg Anna Loos und Silly mitgebracht. Vielleicht ja als ein Vorgeschmack auf die „Panik Akademie“. Sie wird im kommenden Jahr in Neuhardenberg ihre Arbeit aufnehmen. Workshops für Musiker und Konzerte mit Bands aus Osteuropa stehen da auf dem Programm. „Wir müssen uns noch besser kennenlernen“, sagte Lindenberg. „Und“, fügte er schmunzelnd hinzu, „die Gegend hier beleben.“

Zuerst veröffentlicht in der Märkischen Allgemeinen am 10. November 2010

1. September 2009

DER GRAND-HOTEL-PATRIOT

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG, ROCK — Martin Stefke @ 20:14

Eigentlich sollte nur eine Schau eröffnet werden, doch dann stahl Udo Lindenberg allen die Show

Udo Lindenberg in der Schinkel-Kirche Neuhardenberg Foto: Martin Stefke

Udo Lindenberg in der Schinkel-Kirche Neuhardenberg Foto: Martin Stefke

NEUHARDENBERG | Es ist schon etwas ungerecht. Da fährt man am Nachmittag zur regulären Eröffnung einer Ausstellung und erlebt am Abend ein nicht angekündigtes, aber großartiges Konzert. Und so überlagern die Lieder die Inhalte und Bilder der Schau, sieht man auf der Heimfahrt durch die schwarze märkische Nacht vor seinem inneren Auge nur noch den singenden, mitunter das Mikrofon umher schleudernden Rockstar mit der Sonnenbrille unter dem breitkrempigen Hut. Seit Jahrzehnten sind sie neben der angeblich vom Eierlikör so trefflich geölten Stimme die Markenzeichen dieser „Nachtigall“.

Doch der Reihe nach: Die Ausstellung, die am Sonntag eröffnet wurde, heißt „Grand Hotel Abgrund – Dichtung und Dichter im Hotel“. Gezeigt wird diese Kulturgeschichte des großbürgerlichen Hotelpalastes als Ort der schriftstellerischen Inspiration im Kavaliershaus des Schlosses Neuhardenberg. Das abendliche Konzert fand gleich um die Ecke statt – in der Kirche auf dem Schinkelplatz. Niemand geringeres als Panik-Rocker und Hotelbewohner Udo Lindenberg war zur Überraschung der Besucher mit ein paar Freunden auf die Bühne unter dem goldfunkelnden Sternenhimmel des preußischen Baumeisters gestiegen. Für eine gute, eine große Stunde.

Bernd Kauffmann, dem Generalbevollmächtigten der Stiftung Schloss Neuhardenberg, ist das zu danken. Er und sein Team haben Lindenbergs Werk in ihr Haus geholt und damit die ursprüngliche Fassung der vom Literaturhaus München erarbeiteten Schau erweitert. Für Kauffmann ist Lindenberg, der bekanntlich seit Jahrzehnten im Hamburger Hotel Atlantic wohnt und arbeitet, nicht nur ein „Gesamtkunstwerk aus Rock ’n’ Roll, Poesie, Coolness, Kunst- und Zeitgeschichte“, sondern auch ein „wahrer Grand-Hotel-Patriot“, eine Art „letzter Mohikaner“ der aussterbenden Gattung des Künstlers in der Nobelherberge. Kauffmann meint, heute hätten „die All- inclusive-City- und Party-Hopper bester Handelsklasse und die Meilensammler in den Jet-Set-Clubs der weltweiten Wohlstandsgürtel“ das alte Bürgertum – und mit ihm auch das Künstlertum – aus den edlen Häusern, diesen „Kathedralen der Wehmut und Sehnsucht nach einem überholten Lebenstil“, verdrängt. Dabei hatten die Schöngeister die Hallen und Foyers einst doch so fest im Griff. Im realen Leben wie in der Kunst. Das jedenfalls zeigt die Schau an einem knappen Dutzend Autoren von Weltrang.

Doch Reinhard G. Wittmann und seine Züricher Co-Kuratorin Cordula Seger werden ihre Arbeit über Thomas Mann, Vladimir Nabokov, Agatha Christie, Marcel Proust und andere kaum wiedererkannt haben. Das liegt nicht daran, dass die Neuhardenberger sie mit zwei Kapiteln um die Berliner Hotelstammgäste Marlene Dietrich und Gerhart Hauptmann erweiterten. Sie ließen vielmehr Jana Dellwig manch schwungvoll-ausladendes Hotelinterieur an die weißen Wände zeichnen. Zudem haben sie das Atelier des „schnellen Strichers von St. Pauli“ (O-Ton Lindenberg) nachbauen lassen. Selbst wenn diese Replik (im originalen Hotel Atlantic malten seinerzeit auch Max Liebermann und Oskar Kokoschka) dann doch allzu steril geraten ist und es sich bei Lindenbergs gezeigten Bildern nur um Computerdrucke und nicht um Likörellen-Originale handelt, Udo war der unangefochtene Star des Tages. Locker stahl er den Nabokovs und Christies die Show.

Dabei hat die Stiftung allerlei aufgeboten, um die Atmosphäre jener prunkvollen Hotelpaläste zu imaginieren. Das Entree gleicht einer Rezeption mit rotem Teppich und Tresen, mit Schlüsselbrett und Wandtelefon. Wir blicken auf Plakate und Postkarten, auf Werbeprospekte und Rechnungen aus den berühmtesten Berliner Hotels der 20er Jahre, auf Schlüssel aus dem „Waldhaus“ im schweizerischen Sils Maria. Es folgt eine Halle, in der an Tischen unter Wandlampen manch Autor Platz genommen hat. Schließlich blicken wir mit Marcel Proust auf die südfranzösische Küste und stehen staunend vor dem wuchtigen Koffer der Dietrich und ihren Aschenbechern aus den Hotels von Welt.

Doch all das konnte Udo Lindenberg und seinen Freunden am Sonntag kaum das Wasser reichen. Schnell leerte sich das Haus, ging es doch darum, einen der raren Plätze in der Kirche zu ergattern. „Cello“ und „Mädchen aus Ostberlin“ – mit poetischen Balladen beschwor Lindenberg äußerst sanft die alten Zeiten, turtelte in „Was hat die Zeit mit uns gemacht“ mit der hinreißenden Nathalie Dorra und ließ bald darauf mit „Jonny Controlleti“, „Sonderzug nach Pankow“ und „Andrea Doria“ die Kirche rocken. Zweimal balanciert er, während das Publikum immer wieder begeistert mitsingt, über die Balustrade der ersten Sitzreihe, einmal steigt er hinab zu seinen entzückten Fans, schwingt die Hüften und schwört nach „Ich schwöre“, die linke Hand hebend und dabei Mittel- und Ringfinger spreizend, dass er bald wiederkommt nach Neuhardenberg. Zwei Zugaben legen das dreiköpfige Panik-Orchester und der Rocker drauf, spendieren sich und ein paar Gästen ein Gläschen Eierlikör, dann verschwinden sie durch die Reihen der Wartenden. Wohin wohl? Natürlich ins noble Hotel beim Schloss Neuhardenberg. „Einen schönen Abend noch und: Keine Panik!“

info „Grand Hotel Abgrund“: Stiftung Schloss Neuhardenberg, Schinkelplatz 1, Neuhardenberg. Di-So 11-19 Uhr. Bis 26. Oktober

Zuerst veröffentlicht in der Märkischen Allgemeinen am 1. September 2009

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