MARTIN STEFKE

30. Dezember 2010

KLABAUTERMANN UND VAGABUND

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG — Martin Stefke @ 19:00

Die Akademie der Künste erinnert an den märkischen Dichter Klabund

BERLIN | Sicher, er ist viel zu jung gestorben. Am frühen Tod aber liegt es wohl nicht, dass ihn kaum noch jemand kennt: Alfred Henschke alias Klabund, geboren am 4. November 1890 in Crossen, einem kleinen, märkischen Städtchen an der Oder, heute Krosno in Polen.

Er war einer der bekanntesten und wohl auch meistgelesenen Autoren seiner Zeit. Die Nationalsozialisten haben seine Bücher, seine Lyrik, die Chansons, Romane und Theaterstücke verboten. Sie löschten die Erinnerung an ihn und sein überbordendes Œuvre gründlich aus.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Klabunds Heimatstadt, „nebelhaft in Tau gebettet / An der Grenze Schlesiens und der Mark“, wie er in der „Ode an Crossen“ gedichtet hatte, dem Erdboden nahezu gleich gemacht. Mit ihr sein Grab auf dem Friedhof auf der Anhöhe über dem Fluss. Am 9. September 1928 hatte Gottfried Benn hier die Totenrede gehalten, erinnert an den jungen Freund, der am 14. August, im schweizerischen Davos an den Folgen einer Tuberkulose gestorben war.

Seit der Jugend hatte Alfred Henschke die Krankheit in sich getragen. Vielleicht schrieb er deshalb wie ein Besessener. Mit seinem ersten von sage und schreibe 76 Büchern, dem Lyrikband „Morgenrot! Klabund! Die Tage dämmern!“, und einigen erotischen wie „gotteslästerlichen“ Gedichten in Alfred Kerrs Zeitschrift „Pan“ war er 1913 auf einen Schlag bekannt geworden.

„Ich würde sterben, hätt ich nicht das Wort“, heißt es in einem seiner Gedichte. Mit diesem Vers hat die Akademie der Künste jetzt anlässlich seines 120. Geburtstages eine kleine, aber sehenswerte Ausstellung überschrieben und unter gleichem Titel einen Band der hauseigenen Publikationsreihe Archiv-Blätter veröffentlicht. Er enthält 273 Briefe aus den Jahren 1911 bis 1928 und dokumentiert so eindrucksvoll Klabunds Leben und Schaffen.

Dass diese Briefe noch existieren, kann man getrost ein Wunder nennen. Denn Klabunds Nachlass ist weitestgehend verschollen. „Oft hat mir der Wind die Blätter verweht, auf denen ich schrieb“, notierte der Dichter, der sein Pseudonym als Zusammensetzung von Klabautermann und Vagabund erklärte, bereits 1919 – schon damals während eines Kuraufenthalts in der Schweiz. Crossen und Frankfurt (Oder), München, Berlin, Breslau, Italien und immer wieder die Schweiz hießen die Stationen seines Lebens. Die seiner Liebe: vor allem Irene Heberle und Carola Neher.

Heberle und Henschke heiraten im Sommer 1918. Im gleichen Jahr stirbt das „liebe Mädchen“ nur wenige Tage nach der Geburt des gemeinsamen Kindes. Drei Monate später muss Klabund auch das Töchterlein begraben. Die Briefe an seine Schwiegereltern aus dieser Zeit sind bewegende Zeugnisse einer hingebungsvollen Liebe, tiefen Schmerzes und größter Offenheit. Der Familie Heberle ist es zu danken, dass sie erhalten blieben und den Weg in die Akademie der Künste gefunden haben.

Leider zeigt die Ausstellung keine Originaldokumente. Dennoch zieht auf den Dutzend Tafeln mit Reproduktionen von Texten und Fotos, Illustrationen, Buchtiteln, Theaterzetteln, Zeitungsartikeln und Briefen, die Martina Hanf und ihre Mitarbeiter aus den Archivalien herausgesucht haben, ein turbulentes Leben an uns vorüber. Es ist das Leben eines ungeheuer produktiven Literaten, dem die Freiheit alles, der gesellschaftliche Konsens dagegen wenig galt und der lange vor Brecht chinesische Lyrik und Theaterstücke bearbeitete. Zwei Jahrzehnte vor dessen Stück „Der Kaukasische Kreidekreis“ feierte Klabunds „Kreidekreis“ auf deutschen Bühnen Triumphe. Auch das sollte man so wenig vergessen, wie das Schicksal Carola Nehers. 1937 wird die Schauspielerin im Moskauer Exil verhaftet und nach Sibirien deportiert. Sie kehrt nie zurück.

Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Berlin-Mitte. Bis 9. Januar, täglich 10-22 Uhr.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 30. Dezember 2010

Keine Kommentare »

Noch keine Kommentare.

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack-URL

Einen Kommentar hinterlassen

Powered by WordPress ( WordPress Deutschland )