MARTIN STEFKE

20. September 2010

LIEBE UND LEBEN

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 20:55

Das siebte Glückauf-Fest der Neuen Bühne Senftenberg blickt weit nach Osten

SENFTENBERG | Früh, sehr früh an diesem sieben Stunden dauernden Abend sagt Heinz Klevenow einen jener Sätze, die lange im Kopf hängen bleiben, ja, wie ein Motto durch das Senftenberger Theater schwingen. Ganz beiläufig sagt der Schauspieler in der Rolle des Armeearztes Tschebutykin: „Die Natur hat uns nur für die Liebe gemacht.“ Klevenow blickt dabei nicht einmal auf. Doch gerade deshalb steckt in diesem Satz die Erfahrung eines Lebens – all die enttäuschten Hoffnungen, die Angst vor dem Tod und der Kummer über die große, aber ungelebte Liebe: der ganze Tschechow also. Das geht unter die Haut.

Zum Auftakt des siebten Glückauf-Festes hat Neue-Bühne-Intendant Sewan Latchinian Anton Tschechows „Drei Schwestern“ inszeniert. Und es sind gerade die stillen Szenen, diese scheinbar kleinen Momente, welche die Inszenierung ausmachen. Latchinian lässt sein Ensemble das Spiel ganz aus dem Text entwickelten (Dramaturgie: Gisela Kahl). Da gibt es keine aufgesetzten Regieeinfälle. Selbst die Albernheiten der Prosorows und ihrer melancholischen Gäste am Fastnachtsabend – Andrej (Wolfgang Schmitz) heftet sich eine Schweinsnase und ein Ringelschwänzchen an und erntet wie kurz zuvor Klevenow in Keltenrock und Gallierhelm glucksende Lacher – resultieren letztendlich aus der genauen Lektüre der Vorlage.

Juschka Spitzers Mascha vergeht fast vor Traurigkeit. Eva Kammigans Olga ist eine kraftvolle und doch sensible Pragmatikerin, während Maria Prüstel ihre Irina jugendlich sprunghaft, mitunter sehr quietschend-quirlig zwischen dem unendlich gutmütigen Baron Tusenbach Bernd Färbers und Roland Kurzwegs gnadenlosem Soljony hin und her hüpfen lässt. Alexander Wulke versteckt Werschinins Unglück hinter aufgesetzter Heiterkeit. Inga Wolffs Natascha wiegt nach ihrer Wandlung vom schüchternen Landei zur biestigen Hausherrin nicht den Erstgeborenen sondern ein Hündchen im Arm.

Ausstatter Tobias Wartenberg hat das Parkett mit Hilfe von Podesten angehoben. Und so sitzen wir auf Augenhöhe mit den Schauspielern. Wir sind gewissermaßen mit im samtigen Salon des Hauses Prosorow. Vor und hinter, sogar auf der Bühne haben Zuschauer Platz genommen. Zwischen den Stuhlreihen stehen Hocker, auf ihnen Gläser. Nach dem ersten Akt wird Tee gereicht. Wir löffeln Warenje – Konfitüre aus schwarzen Johannisbeeren – dazu. Später gibt es Kwas, den russischen Brottrunk, vor dem vierten Akt gar Fischroggen auf Weißbrotscheiben und für jeden einen Wodka.

„Dostoprimetschatelnosti“ heißt der Abend. Doch vergessen ist, wie sie uns im Russischunterricht mit dieser Vokabel gequält haben. Denn Senftenberg beweist, dass die russische Kultur weit mehr zu bieten hat, als jene in der DDR politisch korrekt verordneten „Sehenswürdigkeiten“ des großen Bruderlandes – die Kulturhäuser namens Lenin, das Mausoleum auf dem Roten Platz oder die Moskauer Allunions-Ausstellung.

Nach den „Drei Schwestern“ gibt es vier – parallel gespielte – Stücke zu sehen: Nikolai Erdmans „Der Selbstmörder“, Sergej Medwedjews „Die Kröte“, Nikolaj Smeljows „Nächtliche Stimmen“ und die von Esther Undisz als genaue und bitterböse Provinzmilieustudie wie Stalinismusabrechnung in Szene gesetzten „Zwanzig Minuten mit einem Engel“ Alexander Wampilows. Ein Glückspiel befreit uns von Qual der Wahl: In der Kassen-Bretterbude darf man kräftig an einer Revolvertrommel drehen. Das Ergebnis: das Stück, das man zu sehen hat. Stilecht gibt es im Festzelt mit goldenen Zwiebeltürmen Schaschlik, Mischka-Konfekt, Boeuf Stroganoff, Piroggen und Krim-Sekt. Später wird beim Liederabend „Na Sdrowje!“ viel Wodkaseligkeit, Schmerz und Lust kredenzt.

Glückauffest „Dostoprimetschatelnosti“: Neue Bühne Senftenberg, Theaterpassage, Senftenberg. Bis Ende Oktober immer freitags, 17 Uhr, sonnabends 18 Uhr, am Sonntag, 31. Oktober, 18 Uhr. Karten unter 03573/80 12 86

zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 20. September 2010

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