MARTIN STEFKE

18. März 2003

UNBEKANNTES KUNSTWERK

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR — Martin Stefke @ 20:39

Ein Refugium und ein Erlebnis für die Sinne: Hans Scharouns Landhaus Möller in Zermützel bei Neuruppin

Neuruppin | “Wenn ich da bin, mach ich auch auf,” sagt Thomas Falkenberg. “Aber eigentlich sollen die Leute am Tag des offenen Denkmals kommen.” Der junge Mann legt die Stirn in Falten. Er erinnert sich noch sehr genau an jenen Tag im September 2001. “Da waren 300 Leute hier. Ich habe eine Führung nach der anderen machen müssen. Das ganze Wochenende lang. Ich kam nicht mal zum Mittagessen. Es war schlimm.”

Die Besucher aber waren begeistert. “Manche kamen gleich zweimal,” verrät Falkenberg. “Die haben sich das Haus angesehen, sprangen ins Auto und waren kurz darauf schon wieder da - mit Verwandten oder Kindern. ‚Das müsst ihr sehen””, hieß es. Und einige meinten: ‚Da sind wir Jahre lang am See spazieren gegangen und hatten keine Ahnung, dass es hier so etwas gibt.””

Es ging nicht nur den Spaziergängern so. Selbst Fachleuten musste das in den Jahren 1937/38 von Hans Scharoun erbaute Landhaus der Familie Möller in Zermützel bei Neuruppin lange unbekannt bleiben. Nicht einmal in einschlägiger Literatur, wie dem “Architekturführer DDR, Bezirk Potsdam” fand sich ein Hinweis auf den Bau, auch wenn andere Häuser Scharouns - wie das Landhaus Mattern und das Haus Bonk in Potsdam-Bornim - dort erwähnt wurden. Am Werk des Baumeisters oder seiner Person liegt diese Leerstelle also kaum. Die Geschichte des Bauherren bietet wohl eher einen Anhaltspunkt. Sie ist zumindest pikant.

Ferdinand Möller ist nach dem ersten Weltkrieg einer der erfolgreichsten Kunsthändler Deutschlands. In Breslau und Berlin, auch in Potsdam, setzt er Maßstäbe im Kunstbetrieb. Überaus erfolgreich vertritt er die bedeutendsten Künstler seiner Zeit - Kirchner, Klee, Schmidt-Rotluff, Mueller, Feininger, Nolde, Heckel, Kandinsky und viele andere. Mit den meisten pflegt er freundschaftlichen Kontakt. Kurz nachdem die Nationalsozialisten im Sommer 1937 ihren “Säuberungskrieg” gegen die Moderne auch in der Kunst beginnen, bringt Möller Arbeiten “seiner” Künstler in Sicherheit. Doch die braunen Machthaber nutzen die Erfahrungen des Galeristen auch - 1938 berufen sie ihn in den Kreis jener vier Kunsthändler, die aus Museen entfernte Werke der als “entartet” Verfemten gegen Devisen verkaufen sollen. Indem Möller diese jedoch nicht, wie unter Strafandrohung gefordert, ausschließlich ins Ausland, sondern auch in Deutschland verkauft, selbst erwirbt oder an Künstler zurückgibt, rettet er viele Werke vor der Vernichtung. Dennoch ist diese Tätigkeit Möllers umstritten. Er habe, so die Kritik, an diesen Geschäften verdient und außerdem Devisen für Kriegsmaterial beschafft. Tatsache ist, tausende der nicht verkauften Werke wurden verbrannt.

Mit diesem Wissen erschließt sich das Haus. Wunderbar lässt sich es sich hier philosophieren. Über Bauen und innere Emigration, über Heimat und ein Heim - über das Leben.

Verblüffend die Gegensätze. Von außen gleicht das Gebäude einer Burg: klein zwar, doch trutzig mit hartgebranntem Stein und Fenstern wie Schießscharten. Zum Hang duckt es sich in die Landschaft, versteckt sich unter dem weit nach unten gezogenen Dach. Doch im Innern findet man Offenheit, Licht. Es scheint, als habe sich jemand einen Beobachtungsposten gebaut: nach drei Seiten späht der Bewohner dieser Burg in die Welt und wird selbst nicht gesehen. Ein Refugium. Ein Erlebnis für die Sinne - ein Kunstwerk.

Scharoun-Haus Zermützel, Friedrich-Möller-Stiftung, Birkenhorst 2, Zermützel bei Neuruppin.

Zuerst veröffentlicht in der Märkischen Allgemeinen vom 18. März 2003

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