MARTIN STEFKE

3. April 2003

KATHEDRALE DER ARBEIT

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR — Martin Stefke @ 22:52

Unersetzliches aus Glas und Beton: Erich Mendelsohns Hutfabrik in Luckenwalde

LUCKENWALDE | Fusionen sind keine Erfindung unserer Zeit. Schon vor 100 Jahren wussten Unternehmer, dass kluge Partnerschaft fit macht für den Markt. Und so fusionierte manch einer mit seiner bisher nicht sonderlich geliebten Konkurrenz. So auch in Luckenwalde, wo 1921 Friedrich Steinberg und Gustav Herrmann ihre Firmen zusammenlegten und Geld in eine moderne Produktionsanlage investierten. Nichts besonderes, eigentlich. Doch gerade die neue Woll- und Haarhutfabrik Friedrich Steinberg, Herrmann & Co. sollte nicht nur die Kopfbedeckungen aus Luckenwalde berühmt machen. Ihr Architekt wurde mit diesem, später als “Inkunabel” der Moderne gelobten, Bauwerk weltbekannt. Sein Name: Erich Mendelsohn.

Hier konnte der junge Baumeister, der kurz zuvor seinen ersten “Meilenstein” der Baugeschichte - den Potsdamer Einsteinturm - errichtet hatte, erstmals im großen Stile zeigen, was er unter neuem Bauen verstand. Er entwarf eine vom Tageslicht durchflutete Halle, spannte ein Dach aus Holz und Glas über die großzügige Konstruktion aus Mauerwerk und Beton. Besonders die Verwendung letzteren Baustoffs war damals geradezu revolutionär. Vor Ort gegossene Stützen und Binder ermöglichten Spannweiten von 14 Metern. Vier Schiffe und 150 Meter Hallenlänge gaben Platz zur Optimierung der Produktion und für ausgeklügelte Technik. Auch in der Färberei gab es die: Im hutförmigen Dach konnte ein modernes Abluftsystem für die schädlichen Dämpfe verborgen werden.

Das Projekt war ein kühner Entwurf, dessen erste Skizzen den Kollegen und späteren Mitstreiter Mendelsohns, Richard Neutra, urteilen ließen: “Sie sahen aus wie expressionistische Kunst, und es war immerhin seltsam es zu wagen, sie einem städtischen Bauinspektor in Luckenwalde zu unterbreiten.” Doch die Pläne passierten trotz des Spiels mit der Dreiecksform , trotz Bänderung des Mauerwerks und ausdrucksvoller Dachkonstruktionen an Pförtnerhäusern und Kraftwerk die Amtsstuben. Die Kritik feierte den Bau und Mendelsohn hatte sich um Aufträge nicht länger zu sorgen. Doch nur für kurze Zeit, denn schon 1933 floh er vor den Nazis. Er wusste: “Das Animalische der Bewegung wird sein Blutrecht verlangen. ” “Seine” Fabrik aber erlebte nichts als Niedergang. Die Spuren sind nicht zu übersehen.

Wenn sich heute Abend auf Einladung des Fördervereins Mendelsohn-Halle ehrenamtlich für die denkmalgerechte Sanierung ringende Enthusiasten - erst sie haben in den vergangenen Jahren auf die Bedeutung der Gebäude und ihre wechselvolle Geschichte aufmerksam gemacht - und Vertreter des Bauherren, der hier eine Sortieranlage für Alttextilien betreiben will, in Luckenwalde treffen, kann man dies als hoffnungsvolles Zeichen werten. Denn niemand sollte vergessen, dass es um den Erhalt von Unersetzlichem geht.

Hutfabrik Friedrich Steinberg, Herrmann & Co., Industriestraße 2, Luckenwalde.

Zuerst veröffentlicht in der Märkischen Allgemeinen vom 3. April 2003

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