MARTIN STEFKE

6. September 2010

VON FAUST ZU FAUST

Abgelegt unter: ALLGEMEIN — Martin Stefke @ 22:29

Klaus Maria Brandauer begeistert in Neuhardenberg sein Publikum

Klaus Maria Brandauer und Daniel Hope in Neuhardenberg Foto: Martin Stefke

Klaus Maria Brandauer und Daniel Hope in Neuhardenberg Foto: Martin Stefke

NEUHARDENBERG | Die Stille scheint endlos. Dabei dauert sie gerade einmal eine halbe Minute. Doch 30 Sekunden bedeuten auf der Bühne eine Ewigkeit. Und das am Schluss. Gerade deshalb wagt niemand, mit seinem Applaus dieses spannungsvolle Schweigen zu beenden, diese Stimmung, die Klaus Maria Brandauer und der Geiger Daniel Hope in der Schinkelkirche Neuhardenberg als Schlusspunkt ihres Abends „Faust – Gefesselter Prometheus. Eine Auseinandersetzung“ geschaffen haben.

„Welch Schauspiel! Aber ach! ein Schauspiel nur! / Wo fass ich dich, unendliche Natur?“ Brandauer hat das Goethe-Wort geradezu ausgehaucht. Diese „Natur“ scheint zu ersterben. Es ist schon gar nicht mehr zu hören, schwebt nur noch dahin, ein leises Zittern. Und so wandeln sich die Silben davor zur Aufforderung an das Publikum, noch eine Weile innezuhalten und nachzudenken: „Wie fass ich dich, Unendliche?“

Ja, Klaus Maria Brandauer, der Henrik Höfgen aus Istvan Szabós „Mephisto“, der „Jedermann“ der Salzburger Festspiele, der Wallenstein, der Dorfrichter Adam und Ödipus’ Peter Steins, ist ins Oderbruch gekommen. Nicht zum ersten Mal. Im vergangenen Jahr hat er bereits in Neuhardenberg gelesen – Texte von Dietrich Bon
hoeffer. Auch da wurde er von Daniel Hope begleitet. Am Sonnabend nun widmeten sich die beiden, seit 1999 arbeiten sie zusammen, Johann Wolfgang von Goethe. Soll heißen: der Menschheitsgeschichte aus der Sicht des Dichterfürsten. Faust und Prometheus hat Brandauer nämlich als zwei die Welt umspannende Koordinaten ausgemacht und so vermisst er mit ihnen Goethes, nein, die ganze Welt. Eine kurzweilige Stunde lang.

„Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten“, „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind“, „Bedecke deinen Himmel, Zeus“, „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche“, „Verweile doch, du bist so schön“ – „Faust“, „Erlkönig“, „Prometheus“, „Osterspaziergang“, ja „Faust“ und immer wieder „Faust“. Brandauer spricht manches große Wort gelassen aus. Er ist bedächtig. Er flüstert. Und er schreit! Er deklamiert. Er greint und winselt, zischt. Weit lehnt er sich auf dem Sitz zurück, steckt mal die Hände in die Hosentaschen, beugt sich vor und stützt die Linke auf das Notenpult, auf dem das Manuskript des Abends liegt. Er schlägt einen Bogen von der Zueignung über den historisch verbürgten Magister Georgius Sabellicus Faustus, den „Fürst aller Nekromanten, Geisterbeschwörer, Anstreicher, betrügerischen Strolch“ und wagt sich weit über Goethe hinaus. Er macht sich eigene Gedanken, zitiert Sophokles, Gerhart Hauptmann, Thomas Mann und Hans Magnus Enzensberger, fügt andere Quellen hinzu, so den Bericht eines Jungen aus Hiroshima, der im August 1945 Zeuge der Atombombenexplosion wird. Ans bedrückende Ende setzt Brandauer den Faustschen Anfangsmonolog: „Habe nun, ach! Philosophie, / Juristerei und Medizin, / Und leider auch Theologie! / Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.“ Denn alles, so der Schauspieler, sei ein Kreislauf. Und so beginnt es denn von vorn, geht der Abend von „Faust“ zu „Faust“. Dazwischen aber steckt die Welt: Der rastlose Geist, das unermüdliche Forschen, die Glücksverheißungen, das Feuer und all die anderen kulturellen Segnungen, die der rebellische Held den Menschen bringt, aber auch das Betrügen und Morden. Walpurgisnacht, Hexeneinmaleins, Helena und Gretchen, Dämonen und Geister. „Was würdest du, Höllenhund, dafür tun, wenn es für dich die Hoffnung gäbe, Seligkeit zu erlangen?“ ruft Brandauer aus, während Hope den Bogen tollkühn über die Saiten tanzen lässt. „Der Pakt mit dem Teufel führt unweigerlich in die Katastrophe“: Dem Forschen folgen Krieg und Tod – die Bombe. „Ist das der Fortschritt, von dem so viele geträumt haben?“ fragt der Schauspieler nun. Die Antwort kommt am Schluss: „Da steh’ ich nun, ich armer Tor! / Und bin so klug als wie zuvor“. Nachdem schließlich doch Beifall losbricht, schließt Brandauer mit einem Satz Erich Kästners: „Es gibt nichts Gutes…“ Das Publikum vollendet: „…außer man tut es.“ Es klingt fast wie ein Amen – und stimmt.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 6. September 2010

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