MARTIN STEFKE

7. August 2010

DIE NAMENSGEBERIN

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG, KUNST — Martin Stefke @ 20:59

Das Leben von Sibylle Gerstner lässt sich nur im Telegrammstil festhalten. Es ist so viel geschehen in diesem Dasein voller Umwege, Erfolge und Niederlagen, Glück und Unglück.

Von Martin Stefke

Kleinmachnow. Ein helles Haus mit spitzem, hohem Dach. Die Klingel schnarrt. Das Tor ist offen. Vom Pfeiler bröckelt Putz. Zwei breite Stufen zum Haus. Schritte hinter der Tür.

Sibylle Gerstner trägt einen hellen Hosenanzug und bittet freundlich herein. Vor einem Kamin zwei tiefe Sessel, deren Polster man das Alter und die zahllosen Gäste ansieht, die hier Platz genommen haben. Auf dem Sims Samowar, Chanukka-Leuchter, eine Amphore. In Regalen Kleist, Jacques Duclos, Frisch, Scholochow. Zwei Schreibtische aus Eichenholz. Auf einer Staffelei ein Ölgemälde mit einer Szene aus Amerika. An den Wänden weitere eigene Bilder. Draußen, hinter der Terrassentür, Hollywoodschaukel und üppige Rhododendren. Die Büsche – das Hobby ihres Mannes. Er, Karl-Heinz Gerstner, ein umstrittener Zeitgenosse: Chefreporter der Berliner Zeitung, Radiokolumnist, „Fernsehliebling“, Moderator des Magazins „Prisma“. Kritisierend und doch Teil des Systems. Seit seinem Tod im Dezember 2005 wohnt die Witwe – die Modejournalistin und Kostümbildnerin, die Dolmetscherin, Autorin und Malerin – hier allein. Gerade hat sie in Berlin Gemälde und Aquarelle ausgestellt. In DDR-Zeiten tat sie das nie. „Da ging es mehr nach dem Sujet als nach der künstlerischen Einschätzung.“ Das gefiel ihr nicht.

„Ich habe Kronprinz Wilhelm noch kennengelernt“, sagt sie. Sie sagt es so dahin, als kurzes Zeichen in der Vita eines Kindes jüdisch-deutscher Eltern. Im Zug zwischen Berlin und Breslau nimmt ihr Vater Kurt Boden, Breslauer Pelzhändler, sie bei der Hand und sagt dem Hohenzollern, der zu seinen Kunden zählt, „Guten Tag“. Das Mädchen ist enttäuscht. „Ich fand ihn gar nicht interessant. Er hatte nur einen Pullover an.“ – Ja, einen Prinzen stellt sich eine Vierjährige anders vor. Und Pullover werden Sibylle Boden ihr Lebtag nicht begeistern. Elegantere Garderoben schon: Kostüme, Kleider, Hüte. 1942 zum Beispiel. Da lebt sie in Paris. Karl-Heinz Gerstner – sie hat ihn Silvester 39 „beim Tanz in der Fuchsbergbaude im Riesengebirge“ kennengelernt, sorgt dafür, dass sie kommen kann. Illegal. Nach dem Erlass der „Nürnberger Gesetze“ musste sie die Berliner Modeschule verlassen. Doch auch in Wien, wo sie seither Malerei studiert, wird es nach dem „Anschluss“ gefährlich. Nun aber teilt Gerstner, der in der Wirtschaftsabteilung der deutschen Botschaft in Paris arbeitet, die knappen Lebensmittelmarken mit ihr – und lebt, wenn auch heimlich – diese Liebe.

Und sie? Sie studiert jetzt Malerei an der École de Beaux-Arts, stellt aus, gewinnt einen ersten Preis. Sie zeichnet die Modelle der großen Couturiers, berichtet über die Kollektionen der Häuser Jacques Fath und Christian Dior für eine niederländische Agentur.

Nach der Landung der Alliierten in der Normandie wird Karl-Heinz Gerstner nach Berlin zurückgerufen. Sibylle Boden folgt ihm. „Ich habe eigentlich immer gemacht, was er gesagt hat.“ Ein nachdenkliches Lächeln fliegt über ihr Gesicht. Dann erzählt sie von Sonja aus Odessa, ihrer Kommilitonin, von den Freunden aus der Résistance, von Passierscheinen, die ihr Mann ausstellt, um jüdische Familien zu retten. Sibylle Gerstner hat ein Drehbuch über diese Zeit geschrieben. Sie hat noch viel vor.

Im Mai 45 können Sibylle und Karl-Heinz heiraten. Endlich. „Vorher durften wir ja nicht. Wegen der Gesetze.“ Sie entwirft nun Kleider für die HO, hat zuvor für eine Zeitung im französischen Sektor die Modeseite verantwortet. 1949 kommt Tochter Daniela – sie wird unter dem Namen Dahn als Publizistin bekannt –, 1952 Sonja auf die Welt. 1952 Arbeit als Kostümbildnerin in Slatan Dudows Film „Frauenschicksale“. Zwei Jahre später in Gustav von Wangenheims „Gefährliche Fracht“, einem Hafenarbeiter-Film. Der Regisseur fragt: „Haben Sie schon mal mit einem Arbeiter gesprochen?“ Röte im Gesicht ist ihre Antwort. Heute sagt sie: „Er hatte Recht. Ich kannte das Milieu nicht.“ 1953 ziehen Gerstners nach Kleinmachnow, in das Haus, in dem sie noch immer zur Miete wohnt, auch wenn die Eigentümer dagegen klagen. Dann die „Sibylle“. Im Westen gibt es seit 1948 das Modeblatt „Constanze“. Da will die DDR nicht nachstehen. 1956 soll Sibylle Gerstner ein Probeheft gestalten und Titelvorschläge machen. „Die Perle, die Sibylle…“ Eine Zeitschrift, die „die Weltmode bringt“, soll es sein. Weltmode? Sibylle Gerstner hat sie gesehen.

Die „Sibylle“ wird ein Erfolg: Stets ausverkauft, bleibt sie „Bückware“, auch als die Auflage auf 200 000 steigt. Sibylle Gerstner ist künstlerische Leiterin, ab 1958 stellvertretende Chefredakteurin. Sie entwickelt Serien, Formate wie „Wir sahen in Paris“ und „Sibylle fragt“. Sie zeichnet, entwirft Kleider, drapiert Accessoires, arrangiert Bilder.

Jetzt schlägt sie frühe Hefte auf. „Heute wird ja wieder viel über die ‚Sibylle”””” gesprochen“. Doch was da zu hören und auch zu lesen sei, ärgert sie. – „Bieder und brav“, „ein stiekes Blättchen“? – „Keine Spur. Es war eine Bombe“, sagt Sibylle über ihre „Sibylle“ und blättert durch die Seiten, über das Porträt eben jenes Couturiers Jacques Fath, den sie aus Paris kennt, über französische Mäntel, Kleider aus indischen Saris, den Bericht über die Schauspielerin Anna Magnani, den „Blick in die Wohnung Prof. Henselmanns“, über Mode aus Warschau und Kleider, die an Pastelle Edgar Degas’ erinnern. Und sie erzählt vom belgischen Künstler Frans Masereel, über den sie geschrieben hat. Als sie ihn nach dem Abendessen wissen lässt, dass sie auch malt, meint er: „Das brauchen Sie mir nicht zu sagen. Das sehe ich Ihrer Zeitschrift an.“

Doch 1959 ist Schluss. Plötzlich gilt die „Sibylle“ als zu französisch, zu extravagant. „Die neue Chefredakteurin“, so Sibylle Gerstner, „wollte das Blatt für sich. Sie hat mich rausgemobbt.“

Sie geht wieder zum Film. 1963 „Wolf unter Wölfen“, 1967 „Kleiner Mann, was nun?“ – erste Fernsehfilme mit Hans-Joachim Kasprzik. Es ist eine gute Zeit. Sie kleidet Kleindarsteller ein und Stars. Angelica Domröse steckt sie in ein Abendkleid mit Silberfuchs. Einmal muss sie sie überreden, Skischuhe anzuziehen. „Das wollte die Domröse nicht, weil sie das kleiner machte.“ Manfred Krug kauft Anzüge, die Sibylle Gerstner ihm für seine Rollen angepasst hat. „Er ist damit rumgezogen. Ja, die Schauspieler haben mich geliebt.“ Manche tun es bis heute: Bei der Vernissage in Berlin dankt Gisela May mit einer Kästner-Rezitation.

1971 – der Schock. Am Endpunkt einer Krankheit, die zwei Jahre zuvor begonnen hat, nimmt sich die jüngere Tochter das Leben. „Verwirrpsychose, würde man heute sagen“. Erfolgreiche Behandlungsmethoden gibt es damals nicht. Die Ärzte setzen auf Elektroschocks und Ruhigstellen. Auf Rat der Mediziner bezieht Sonja eine eigene Wohnung, in einem Berliner Hinterhof. Dort notiert sie: „Dank für alles. Ihr habt alles für mich getan, aber ich bin am Ende.“

Wir können das nachlesen. Unter dem Pseudonym Sibylle Muthesius veröffentlicht Sibylle Gerstner 1981 „Flucht in die Wolken“. Ein erschütterndes Buch. Das Drama eines Mädchens voller Kraft und Lebenslust. Über Jahre hinweg hat Sibylle Gerstner die Geschichte aufgeschrieben. Neben der Arbeit an Kostümen für „Die Brüder Lautensack“, „Abschied vom Frieden“ und „Die Verlobte“ hat sie die Tagebücher ihrer Tochter gelesen, Briefe und Bilder sortiert, ausgewählt und selbst erzählt. Sie hat sich durch „den ganzen Freud“ gekämpft und – weil man den in der DDR nicht kaufen oder ausleihen kann – ihn sogar aus dem Französischen „zurück übersetzt“. Vor ihrem Mann hält sie die qualvolle Arbeit, in der sie das Leid noch einmal derart körperlich erlebt, dass sie sich oft übergeben muss, lange geheim. Erst als dieser klagt: „Du hast nie Zeit, was machst du eigentlich?“ offenbart sie sich. Und sie kämpft darum, als die Veröffentlichung als Angriff auf das Gesundheitswesen der DDR abgelehnt wird. „So ein Quatsch. Überall war das damals so.“

Auf die Frage, ob sie sich als Schriftstellerin verstanden habe, antwortet sie: „Ich habe mich gar nicht verstanden. Ich wollte verstehen und helfen, damit anderen Betroffenen und ihren Familien nicht dasselbe passiert.“ Am 11. August wird Sibylle Gerstner in Potsdam zum Gespräch in die „Sibylle“-Ausstellung kommen. Es gibt viel zu fragen über deren Anfangszeit – und über ein langes Leben.

Sibylle über „Sibylle“ – Ein Gespräch zwischen Sibylle Gerstner, Gründerin der Modezeitschrift, und ihrer Enkelin Laura Laabs. Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Kutschstall, Am Neuen Markt 9, Potsdam. 11. August, 19 Uhr. Tel.0331/6208550.

Zuerst erschienen in: Märkische Allgemeine vom 7. August 2010

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