MARTIN STEFKE

17. Januar 2011

WENN SPANIENS BLÜTEN BLÜHEN

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 23:17

„My Fair Lady“ am Potsdamer Hans-Otto-Theater

POTSDAM | Es gibt Lieder, die kann man mitsingen, obwohl man ihren Text nie gelernt hat. Sie sind einfach so gut, dass sie sich in unser Ohr geschlichen haben. „Es grünt so grün“, „Bringt mich pünktlich zum Altar“, „Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht“ – das Musical „My Fair Lady“, das Alan Jay Lerner Mitte der 50er Jahre nach George Bernhard Shaws Theaterstück „Pygmalion“ zur eingängigen, aber nie langweiligen Musik von Frederick Loewe schrieb, enthält zahlreiche Schlager. Schon deshalb hätte die Aufführung, die jetzt im Potsdamer Hans-Otto-Theater zu erleben ist, eine ganz große werden können.

Auch wenn das Premierenpublikum am Sonnabend letztendlich eifrig Beifall spendete, wirklich Überraschendes fehlte der Inszenierung von Nico Rabenald dann doch. Besonders am Anfang des dreistündigen Abends scheint es, als habe der Regisseur das Bestreben nach Originalität und Spielwitz in jener Tonne versteckt, die da ganz vorn auf der von Katja Schröder entworfenen Bühne steht. Auf diesem Ungetüm aus Weißblech und mit Deckel lässt sich ganz wunderbar Lärm schlagen. Und genau das tut Alfred P. Doolittle, Vater der Blumenverkäuferin Eliza, deren wundersame Verwandlung von einem ungebildeten Mädchen in eine echte Dame uns das Stück vorführt, auch ausgiebig. Das heißt, Krach machen Alfred (Peter Pagel: ganz gebeugter, aber wortgewandter Vertreter des Prekariats) und seine Saufkumpane schon. Wunderbar ist der jedoch nicht. Nein, er wirkt fast ein wenig peinlich, ganz wie der Umstand, dass die drei in dem Behälter weitere Utensilien finden, mit denen sie rumoren können. Die Schauspieler vergessen dabei nämlich schlicht zu zeigen, ob der Fund überraschend kommt oder sie schon vorher wussten, was in der Tonne steckt.

Das mag nebensächlich scheinen, ist aber bezeichnend. Denn ausspielen können die Darsteller ihre Rollen selten. Wenn Franziska Melzer zum Beispiel als Eliza erstmals in einem eleganten Kostüm in die Öffentlichkeit tritt, bereitet ihr die ungewohnte Bekleidung seltsamerweise keinerlei Unbehagen. Melzer spielt, als trage sie schon immer enge Röcke (Kostüme: Sibylle Gädeke). Das Befremden über das neue Outfit kann die Schauspielerin dann zwar nachholen – kurz bevor sie zum festlichen Ball aufbricht, den Marita Erxleben nach der Pause als Walzer hinter einem transparenten Vorhang wie lichte Träumerei choreografiert, nestelt sie etwas an ihrem wahrlich bemerkenswerten Prinzessinnenkleid –, doch was wäre bei diesem Wandel vom Aschenputtel zur Prinzessin nicht alles an Schauspielkunst herauszuholen! Die Regie aber lässt das Ensemble das Stück oft geradewegs vom Blatt spielen. So gibt Bernd Geiling seinen Professor Henry Higgins konsequent als unsympathischen Menschen-, ja Frauenfeind. Am Ende scheint er wirklich noch immer zu glauben, das Mädchen werde zu ihm zurückkehren. Jon-Kaare Koppe wirkt als Oberst Pickering – mit ihm wettet Higgins, er werde Eliza, diese „fleischgewordene Beleidigung ihrer Muttersprache“, binnen sechs Monaten durch Sprechunterricht zu einer Lady machen –, trotz seiner Steifheit nicht immer komisch.

Wirklich schade aber ist, dass Franziska Melzer bei ihrem Lied „Wart’s nur ab, Mister Higgins“ unterbrochen wird. Während sie sich singend ausmalt – was doch genügen würde –, am Grobian Higgins werde ein von ihr verhängtes Todesurteil vollstreckt, sehen wir die Erschießung als Pantomime: Pickering streckt Higgins mit einem lautlosen Schuss nieder.

Dass dieses Musical nicht totzukriegen ist, bleibt dem sprühenden Witz der Geschichte zu danken – sowie so manchem großen Lied. Und dann ist da ja noch das Orchester. Aus dem Graben schmettert es unter Leitung von Ludger Nowak frisch und jazzig heraus. Man möchte fast mitsingen.

Nächste Vorstellungen: 21. und 22. Januar, 7., 19. und 25. Februar, jeweils 19.30 Uhr; 23. Januar, 15 Uhr sowie am 6. Februar, 15 Uhr. Hans-Otto-Theater, Schiffbauergasse, Potsdam. Karten unter 0331/98 118.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 17. Januar 2011

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