MARTIN STEFKE

3. Februar 2011

VOM ZAUBERGLÜCK DER LIEBE

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 22:06

In Cottbus inszeniert Martin Schüler Tschaikowskys „Eugen Onegin“

COTTBUS | Der romantischen Liebe gehört dieser Cottbuser Abend. Und – ohne Frage – den Sängerinnen und Sängern des Staatstheaters. Was sich der regieführende Intendant Martin Schüler und Ausstatterin Gundula Martin nämlich für die Inszenierung von Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“ ausgedacht haben, tritt angesichts der Sangeskunst des Ensembles schnell in den Hintergrund. Da fährt eine Glaswand, die zu Beginn der Oper den Blick aus dem Gutshaussalon auf ein Birkenwäldchen im Bühnenhintergrund freigibt, auf einmal in die Höhe, so dass sich Drinnen und Draußen unmotiviert vermischen. Da tanzt die Festgesellschaft an Tatjanas Namenstag kurzerhand in das Haus hinein, ballert der Dichter Lenski enthemmt in der guten Stube herum, bevor er im Duell von der Hand seines Freundes Onegin – gewissermaßen auf der Gutshausterrasse – sein Leben aushaucht, ohne dass es jemand merkt. Nein, ein solches Spiel ist dann doch zu ungenau.

Dafür überzeugt das Ensemble singend. Zwar muss Andreas Jäpel seinen Onegin von Anfang als durchweg unsympathischen Menschen präsentieren. Stimmlich indes darf der Sänger zeigen, was er kann. Matthias Bleidorn führt Lenski trefflich als ungestüm Liebenden vor. Marlene Lichtenberg (neu im Ensemble und ein Gewinn) ist eine lebenslustige Olga. Vor allem aber begeistert Anna Sommerfeld. Sie gibt Tatjana ganz als Träumerin.

Wo immer die Sommerfeld ist, schwingt tiefes, mädchenhaftes Wünschen und heftiges Sehnen mit. Wenn sie vom „Zauberglück der Liebe“ singt, spricht aus ihrem lichten Sopran all das Unglück, das der Komponist in die Partitur hinein geschrieben hat. Wundersam vereint sich diese Stimme da mit der von Generalmusikdirektor Evan Christ aus dem Graben geradezu hervorgepressten Leidenschaft der schwelgenden Streicher und klagenden Bläser. Schade nur, dass Tatjana nach der Briefszene durch die Birken rennen muss. Das hätte es – trotz all der ungestümen Liebe, die sie fühlen mag – doch nicht gebraucht.

Um neue Schmerzen kommt das Mädchen nicht herum: Wenn die Menge, von Schüler aufgesetzt heiter und in seinen Gesten und Scherzen stets allzu spannungsarm und mitunter gar platt arrangiert, um das Mädchen herumsteht und es begierig angafft, spricht Sommerfelds Gesicht Bände: „Verschwindet! Haut ab! Lasst mich mit meinem Leid allein!“ Ja, nichts kann dieses gute Kind jetzt aufmuntern. Auch die Kunststücke, mit denen der vagabundierende Franzose Triquet die Menge zu erheitern sucht, ringen ihr kein Lächeln ab. Dirk Kleinke entwickelt seine Partie aus dem famosen Widerspruch von samtweichem Tenor und der Wucht seiner imposanten Statur. Kleinke bezaubert wahrlich, ob er nun mit leiser Resignation das „Brillez, brillez toujours, belle Tatjana“ anstimmt oder einer verdutzen Anwesenden eine schier endlose Papierschlange aus dem staunenden Munde hervor zaubert.

Tatjana ist und bleibt ganz die an ihren unerfüllten Gefühlen Leidende. Denn Onegin erwidert ihre Leidenschaft nicht. Mehr noch: Er erklärt lässig, jede Liebe verfliege sowieso mit der Zeit.

Bereits nach zweieinhalb Stunden allerdings wird er es besser wissen. Da wandelt sich Jäpels Figur vom unsympathischen Spieler zum selbst wegen verschmähter Liebe Rasenden. Warum Tatjana ausgerechnet diesen Mann noch immer liebt, behält die Regie allerdings für sich. Am Ende dieses Abend nämlich scheint Onegin, als sie ihn nach Jahren wiedertrifft, ein Schatten seiner selbst. Die Hose wirft Falten. Das Jackett beult. Die Haare wirken strähnig. Vielleicht soll Sommerfeld ja gerade deshalb Leidenschaft für den letztlich am eigenen Hochmut Zerbrechenden zeigen.

Tatjana wehrt und windet sich, gesteht unter wahrlich körperlicher Qual noch einmal ihre Liebe – und bekennt sich doch zu ihrem Mann, dem Fürsten Gremin. Für ihn (Ingo Witzke) ist sie das wahre Glück. Das Publikum weiß, warum. Gerade wenn Anna Sommerfelds Tatjana singt.

Nächste Vorstellung am 12. Februar, 19.30 Uhr. Staatstheater/Großes Haus, Schillerplatz, Cottbus. Karten unter 0355/78242424.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 3. Februar 2011

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