MARTIN STEFKE

3. März 2011

GÖTTLICHE LIEBE vs. MENSCHLICHKEIT

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 21:25

Heinrich von Kleists „Amphitryon“ steht in Cottbus und Potsdam auf dem Spielplan

COTTBUS/POTSDAM | Die Leichtigkeit ist das Verbindende. Und ein Funkeln, das nicht aus Scheinwerfern kommt, sondern tief aus der schönen Sprache. Aus einem 200 Jahre alten Text des Dichters Heinrich von Kleist. Im Land Brandenburg ist dieser Tage zweimal sein „Amphitryon“ zu sehen: in Potsdam und in Cottbus.

Wobei es besser heißen sollte: viermal. Denn Amphitryon steht bei Kleist ohnehin zweimal auf der Bühne. Der echte, der Feldherr, kehrt nach Monaten aus dem Krieg zurück. Alkmene, seine Frau, begrüßt ihn kurz: „So früh zurück?“ – Ein Satz, der einem Liebenden den Boden unter den Füßen raubt. Was soll das? Liebt sie ihn nicht mehr? Alkmene ihrerseits versteht ihn nicht. Sie hat ihn doch gerade erst gesehen. Und außerdem geliebt, wie nie zuvor. „Ich gab dir wirklich alles, was ich hatte“, beteuert sie und meint damit die letzte Nacht.

Am Staatstheater Cottbus glaubt Johanna Emil Fülle als Alkmene an einen schlechten Scherz. Und auch Thomas Harms blickt als Amphitryon ziemlich ungläubig drein. In Potsdam wird das ähnlich sein. Im Schlosstheater im Neuen Palais trifft Christoph Hohmann als Amphitryon auf „Alkmene“Marianna Linden. Die Unfassbarkeit, das Unbegreifliche der Situation ist es, was im leichten Stoff der Komödie das Drama auslöst. Beide haben doch recht. Beide sehen die Welt so, wie sie ist. Oder?

„Man darf nicht zu lange darüber nachdenken“, sagt Julia Hölscher, Regisseurin des Potsdamer Amphitryon. „Man gerät selbst in diesen Strudel hinein: Was ist Wirklichkeit? Und: Ist meine Wirklichkeit wirklich die Wirklichkeit, die ich erlebe?“ Das Stück, meint sie, habe eine sehr einfache Geschichte, aber die Auseinandersetzung der Figuren sei enorm: „Stets das ganz große Drama – immer ernst gemeint, tieffühlend mit Krisen ohne Ende.“

Was ist geschehen? Kein Geringerer als Jupiter – so erfährt der Zuschauer, nicht aber der Betroffene – hat Alkmene in jener Nacht besucht und mit ihr ein Kind gezeugt, den Halbgott Herkules. Dabei hat er sich – wie schon so oft – der Gestalt eines anderen bedient: War er zu Leda als Schwan, zu Europa als Stier und zur Nymphe Kallisto als deren vermeintliche Herrin Diana gekommen, hat nun Amphitryon dran glauben müssen. Der Trick führt zu ungeahnten Zerrüttungen, reißt Abgründe auf, löst Identitätskrisen aus. Nicht nur beim Feldherrn. Denn, wie gesagt, jeder glaubt von sich, er habe recht.

Aus dieser Situation entsteht viel tiefgründiger, ja philosophischer Witz und jede Menge wissendes Lachen. In Cottbus wie auch in Potsdam. Julia Hölscher, Jahrgang ’79, weiß um die Krisen Kleists. Sie blickt hinter sein „Deckmäntelchen der Komödie“ und betont doch die Bedeutung des Humors, der Leichtigkeit. „Das wäre schön, wenn die Leute ein ähnliches Erlebnis haben wie bei einem guten Woody-Allen-Film, aber mit der Größe der Kleistschen Sprache, nicht proklamiert, sondern ganz leicht wie Musik.“

In Potsdam wird es auf der kleinen Spielfläche im Hohenzollernschloss deutlich intimer zugehen als auf der großen Cottbuser Bühne. Ein Kammerspiel ist zu erwarten, mit Konzentration auf die Figuren. Ein Spiel mit Licht und ohne großen Bühnenbau. Nur ein Rundhorizont und ein schlichtes Bodentuch bilden die Kulisse – beides sandfarben wie in Cottbus, wo Mirjam Benkner die Bühne als eine Arena gebaut hat, eine Art Shakespeare-Theater mit kreisrunder Fläche im Zentrum, das von zwei hohen, beweglichen Wänden eingefasst wird. In ihrer Mitte spannt sich ein sanfter, pastellblauer Himmel über den Boden, ein angedeutetes Gemälde wie aus dem Rokoko. Hier liebt Jupiter Alkmene. Und wie! Regisseur Ingo Putz hat große Leidenschaft inszeniert. Johanna Emil Fülle spielt ihre Alkmene als sehnsüchtig Liebende, Johanna-Julia Spitzer einen ungemein sanften, zweifelnden Jupiter. Zwei Frauen? Ja. Und gerade wegen dieses Kunstgriffs ist die ungewöhnliche Beziehung in Cottbus kein Abenteuer, keine Inbesitznahme, sondern ein großes, ernst zu nehmendes Fühlen, ein Austausch von Zärtlichkeit, ein ewiger Abschied. Das hat etwas Göttliches.

Dass Peter Pagel seine Rolle als männlicher Jupiter in Potsdam ganz anders spielen wird, ist Julia Hölscher klar. Sie hat sich aber auch nicht für das Göttliche interessiert. „Jupiter“, sagt die Regisseurin, „ist so wenig göttlich, wie Menschen es sind.“ Und so werden sie auch äußerlich schlicht Menschen sein, in Kleidern, wie wir sie tragen.

Im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus haben der große Donnerer und sein Begleiter Merkur (Berndt Stichler) schon etwas Überirdisches. Fast gottgleich wirkt auch die Musikerin Susanne Paul, die am Rande der Bühne auf der E-Gitarre das Geschehen begleitet. Welche Töne in Potsdam angeschlagen werden, verrät Julia Hölscher noch nicht. Nur so viel: Es wird Musik erklingen, aber eher sparsam.

Bedeutender als das Göttliche ist in Cottbus allerdings die große Liebe. Einmal entgleiten die Hände von Alkmene und Jupiter einander, Nur noch ihre Fingerspitzen berühren sich, da der Gott sie verlässt, indem er sich rückwärtsgehend von ihr entfernt. Ein Bild entsteht wie aus Michelangelos „Erschaffung der Welt“. Das ist wunderbar, gerade weil auch dieses Spiel Kleists Vorlage vertraut und hinter all der Leichtigkeit und dem Licht stets das ganz große Drama zu erkennen bleibt.

Nächste Vorstellungen: Staatstheater Cottbus am 12. März, 19.30 Uhr. Premiere im Schlosstheater im Neuen Palais Potsdam am 5. März, 19.30 Uhr, wieder am 10., 18. und 19. März.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 3. März 2011

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