MARTIN STEFKE

23. April 2005

SCHWEIGEN UND ERINNERN

Abgelegt unter: ALLGEMEIN — Martin Stefke @ 22:55

Vor 60 Jahren befreiten Rotarmisten den “Verlorenen Zug”

Die Recherche beginnt mit einem Missverständnis. “Nein, das war nicht in Brandenburg”, korrigiert der Regisseur Thomas Heise. “Das Dorf heißt Sülsdorf. Es liegt in der Nähe von Schwerin.” Heise hat natürlich Recht. Schließlich wollte er über diesen Ort einmal einen Film drehen. Doch seine Geschichte, die 1987 als Manuskript unter dem Titel “Schweigendes Dorf” im Berliner Henschel Verlag erscheint, erinnert nun mal auch an das, was vor 60 Jahren im brandenburgischen Langennaundorf (Landkreis Elbe-Elster) geschehen ist. Hier wie dort standen im April 1945 Züge mit Häftlingen aus Konzentrationslagern. Und das mehrere Tage lang.

Im Gegensatz zum eher unbekannt gebliebenen Ort im Süden Brandenburgs hat es Sülsdorf zu zweifelhafter Berühmtheit gebracht. Im Juni 1947 wird dort ein Massengrab entdeckt. Von den 53 Toten will damals jedoch niemand gewusst haben. 1948 schreibt der Schriftsteller und Kommunist Willi Bredel, der ehemalige Spanienkämpfer und Frontpropagandist im Nationalkomitee Freies Deutschland, die Novelle “Das schweigende Dorf”. Für Bredel ist der Fall Sülsdorf klar. Die Bewohner des Dorfes, das in seiner Novelle Dollhagen heißt, haben sich an einem Verbrechen mitschuldig gemacht. Nachdem seinerzeit nämlich 14 Frauen die Flucht aus dem Zug gelungen war, fingen einige Bauern auf Befehl der SS-Wachmannschaft die Flüchtigen wieder ein. Nur ein Zufall bringt das Verbrechen an den Tag. Der ehemalige Ortsgruppenleiter wird als Anführer zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die anderen kommen ohne Strafe davon. Bredel lässt seinen Protagonisten resümieren: “Unsere Demokratie ist wieder viel zu nachsichtig, viel zu großzügig.”
Heise kennt die Novelle, als er sich 1984 an die Arbeit macht. Es ist nicht lange her, da hat der 29-Jährige die Babelsberger Filmhochschule verlassen. Nicht eben aus freien Stücken. Drei Filme hat man ihm in den vorangegangenen drei Jahren verboten. “Alles, was ich gemacht hatte”, erinnert er sich, “haben sie in den Keller geschickt. Da dachte ich: Nimmst Du Bredel. Da können Sie das nicht.”

Doch Heise wird bald klar, dass es auch den Film über Sülsdorf nicht geben wird. Weil das Leben eben nicht wie in Bredels Geschichte ist: “So geglättet, dass die Absicht aus jeder Zeile springt.” Er sucht in Kirchenbüchern, in Archiven. Im Salzschacht bei Morsleben, einem Außenlager des KZ Neuengamme, das bald darauf als Atommüllendlager genutzt werden wird, findet er salzverkrustete Papiere - Transportlisten der Häftlingszüge. Heise sucht Zeitzeugen. Er findet auch sie. Einen Lokführer, der erst leugnet, etwas gewusst zu haben, dann aber von mitfahrenden “schwarzen Husaren” (der SS) und vom Lager Wöbbelin erzählt, das er “bedient” hat. Heise findet Sülsdorfer, die als Kinder die Gefangenen aus nächster Nähe sahen, die ihre Schreie hörten und ihre Lieder. Alle reden sie. Alle erinnern sich. Schließlich spricht eine Frau von ihrer Angst, dass auf einmal der Krieg zu Ende ist und der Zug noch immer im Bahnhof steht. Am Morgen des 15. April 1945 aber fuhr er plötzlich ab.

Auch bei Langennaundorf wird sich der Zug, der hier am 20. April vor der zerstörten Brücke über die Schwarze Elster stehen blieb, wieder in Bewegung setzen. Seit dem 10. April sind in seinen 46 Güter- und Personenwaggons 2500 Häftlinge, so genannte “Austauschjuden” aus dem KZ Bergen-Belsen, mit Bestimmungsort Theresienstadt unterwegs. Der Tod fährt immer mit. Eine Zeitlang gilt der Zug als verschwunden. Deshalb wird man ihn später den “verlorenen” nennen. Am 22. April rollt er in das fünf Kilometer östlich von Langennaundorf gelegene Tröbitz ein. Weshalb, ist nicht sicher. Während heute die einen die These vertreten, man habe ihn aus der Hauptkampflinie bei Langennaundorf in Sicherheit gebracht, hält sich das Gerücht, die “Verantwortlichen” hätten ihn aus dem gleichen Grund wie in Sülsdorf “weiter geschoben”: Dass er am Ende des Krieges bloß nicht bei ihnen stehe.
Die Tröbitzer nämlich werden die Befreiung der Häftlinge als eine Katastrophe erleben. Am Morgen des 23. April stehen mehr als 2000 Fremde im 700-Seelen-Dorf. Sie werden in den Häusern der Einheimischen einquartiert. Nach einigen Tagen bricht unter den Befreiten Typhus aus. Das Dorf wird zum Krankenlager. Mehrere Wochen wird es unter Quarantäne gestellt. Mindestens 320 der Befrei-

ten - Männer, Frauen und Kinder - überstehen die Krankheit nicht. Die Überlebenden können Tröbitz zwischen Juni und August 1945 wieder verlassen. Nur einer bleibt in der sowjetischen Besatzungszone. Wenige kommen - meist erst nach dem Ende der DDR - an den Ort ihrer Leiden zurück, suchen Erinnerung, besuchen die Gräber auf dem kleinen jüdischen Friedhof der Gemeinde oder die 1953 eingeweihte Mahn- und Gedenkstätte. An großen Jahrestagen reisen prominente Gäste an. Sonst bleiben die Tröbitzer unter sich.

Auf einer Informationstafel in Langennaundorf steht heute der Satz: “Am Bahnkilometer 101,6 ist ein Judendenkmal, an dem jedes Jahr am 23. April eine Gedenkfeier stattfindet.” Wegweiser zu dieser Grabstelle gibt es nicht.

Am 23. April 1945 verlässt auch die 13-Jährige Ursula Levi den Zug. Wenige Tage später wird sie unter einem blühenden Birnbaum liegen und einschlafen. Als sie aufwacht, sieht sie die Blütenpracht. Sie denkt: “Das kann nur der ewige Himmel sein.” Er war es nicht. Ursula Levi hat das Grauen überlebt.

1987 wird im Potsdamer Hans Otto Theater Thomas Heises Manuskript “Schweigendes Dorf” als Theaterstück uraufgeführt. Zwölf Jahre später dreht der Regisseur Hans-Jürgen Hermel einen Film über den “Verlorenen Zug”. Selten ist er im Fernsehen zu sehen. Heute nicht.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 23. April 2005

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