MARTIN STEFKE

23. August 2004

SCHWARZ WIE OFENRUSS

Abgelegt unter: ALLGEMEIN — Martin Stefke @ 22:58

In Wünsdorf wurde die erste Moschee Deutschlands gebaut

WÜNSDORF | Der heilige Krieg fand nicht statt. Dabei hatten sich die Militärs Seiner Majestät Wilhelm II. alle Mühe gegeben. Ausgehend von der mit dem Deutschen Reich verbündeten Türkei sollte sich die islamische Welt im französisch besetzten Nordafrika und in Britisch-Indien gegen die Kolonialmächte erheben und an der Seite “der Retter des großen mohammedanischen Reiches”, Deutschland und Österreich-Ungarn, den Sieg erringen.

Doch der Plan hatte keinen Erfolg. Zwar rief das Oberhaupt des Osmanischen Reiches, Sultan-Kalif Mehmed Reschad, die Muslime in seiner Fatwa vom 14. November 1914 auf, den “Feinden den Glaubenskrieg zu erklären”, nur antworteten die Gläubigen zwischen Marrakesch und Kalkutta mit Tatenlosigkeit.

Auch die von den Deutschen gefangen genommen Kolonialsoldaten, die das Berliner Kriegsministerium in zwei “Sonderlagern” in der Nähe der Hauptstadt, dem “Weinberglager” Zossen und dem “Halbmondlager” Wünsdorf, hatte “konzentrieren” lassen, wollten nicht recht glauben, dass sie keine Gefangene, sondern “wahrhaftige Gäste des Deutschen Kaisers” seien. Die 12 000 “Russen”, vor allem Kasan-Tataren, aber auch christliche Georgier und Armenier, und die 4000 Afrikaner, Afghanen, muslimische Inder sowie Hindus und Sikhs, die das Militär vom “Freundschaftsverhältnis des Deutschen Reichs zu den islamistischen Völkern” überzeugen und zum Seitenwechsel bewegen wollte, zeigten wenig Interesse am Stoff, den man ihnen in Schulungen, militärischen Übungen und organisierten “Spaziergängen in die Umgebung” einzutrichtern suchte. Im Vergleich zur Aussicht jedoch, im Krieg als “Kanonenfutter” verheizt zu werden, bedeutete die Gefangenschaft vermutlich für die meisten das eher kleinere Übel. Die deutschen Propagandaoffiziere indes verkauften der Öffentlichkeit die Haftbedingungen als “Vorzugsbehandlung”. 1915 ließ das Kriegministerium, “da besonders auf die Befriedigung der starken religiösen Bedürfnisse der Leute” Rücksicht genommen werden müsse, im “Halbmondlager” sogar eine Moschee erbauen.

Mit erstaunlicher Geschwindigkeit durchlief die Angelegenheit die Amtsstuben. Nachdem der deutsche Botschafter in Konstantinopel, Hans Freiherr von Wangenheim, das Auswärtige Amt in Berlin am 10. Dezember 1914 hatte wissen lassen, dass die türkische Seite einen solchen Bau sehr begrüßen würde, konnte der für den Fall zuständige Leiter der Politischen Abteilung des Generalstabes Hauptmann Rudolf Nadolny dem Amt schon im Februar 1915 empfehlen, “fachmännischen Rat” einzuholen, “damit nicht eine Phantasie-Moschee zustande kommt, die zwar nach unseren Begriffen stilvoll ist, das Gefühl der Eingeborenen aber beleidigt”. Gesagt getan. Ende März bezifferte Nadolny, weil der Bau “mit Rücksicht” auf den “provisorischen Charakter in möglichst einfacher Form aus Holz ausgeführt werde”, die Kosten auf nur 45 000 Reichsmark. Gleichwohl entstanden im Frühsommer 1915 innerhalb von gerade einmal fünf Wochen nicht nur ein ansehnlicher Kuppelbau mit nach Mekka ausgerichteter Gebetsnische und 26 Meter hohem Minarett, sondern auch ein modernes, durch einen offenen Vorhof mit Wasserbecken vom Betsaal getrenntes “Brause-Badehaus”. Hier konnten die Gläubigen rituelle Waschungen vornehmen.

Die Berliner Firma Stiebitz und Köpchen führte den Entwurf des ebenfalls aus der Hauptstadt stammenden Architekten A. Schultze aus. Der Potsdamer Hofmaler André übernahm die Malerarbeiten. Die Einweihung wurde zu Beginn des Fastenmonats Ramadan am 13. Juli 1915 im Beisein des türkischen Botschafter feierlich begangen. In patriotischer Haltung berichtete die Presse aus den Lagern und vom neuen Bauwerk, “das sich auf dem Boden der Mark höchst sonderbar ausnehme”. Die Reporter schilderten das “Lagerleben” als eine Art “Völkerschau”, ein buntes Treiben fremder “Rassen”. Sie mutmaßten, “mancher der Russen wird hier in Deutschland zum erstenmal ein gründliches Bad kennen gelernt haben”, beschrieben die “schwerfälligen Gemüter dieser Naturkinder”, die “guten und trockenen Unterkünfte”, das “anständige Essen” und die Hautfarbe der “Senegal-Neger” als “schwarz wie Ofenruß”.

Ohne Frage entfalteten nicht nur die Moschee, sondern auch die Lager eine ausgesprochene Magnetwirkung bei der Bevölkerung. So ist im Teltower Kreisblatt vom 10. November 1914 nachzulesen, dass der Wünsdorfer “Fremdenverkehr sonntags geradezu Massencharakter annehme”. Die Bahn setzte Sonderzüge ein. Familien unternahmen Ausflüge zum Gefangenlager und manch Schulkind kritzelte schon mal ins Aufsatzheft: “An dem Zaun stehen Posten mit scharf geladenem Gewehr und halten Wache Tag und Nacht. Wenn einer versucht zu fliehen, wird er erschossen.”

Besonders in den letzten Kriegsjahren konnte von einer “Vorzugsbehandlung” keine Rede mehr sein. Die Gefangenen wurden nicht nur in Gewerbe- und Landwirtschaftsbetrieben als Arbeitskräfte eingesetzt. Unreichende Ernährung und medizinische Versorgung führten zum Ausbruch von Fleckfieber, Tuberkulose und anderen Krankheiten, an denen insgesamt mehr als 950 Lagerinsassen starben. Die Toten wurden auf dem Friedhof des 1911 geräumten Ortes Zehrensdorf bestattet.

Heute lässt die Stadt Zossen die über Jahrzehnte hinweg vernachlässigte Begräbnisstätte - der Friedhof gehörte zwischen 1936 und 1994 zum Gelände des Truppenübungsplatzes Zossen - rekonstruieren. Einige Grabsteine wurden geborgen und restauriert. Sie sind im Garnisonmuseum von Wünsdorf zu sehen. Das hölzerne Bethaus aber verfiel bald nach Auflösung der Lager. 1930 wurde die erste Moschee in Deutschland abgerissen. Wenige Jahre später ließ die Wehrmacht das Gelände des “Halbmondlagers” mit Kasernen überbauen. In den Häusern übten gerade einmal zwanzig Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges Soldaten schon für den nächsten Krieg.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 23. August 2004

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