MARTIN STEFKE

7. Mai 2005

DER MUSENSOHN

Abgelegt unter: ALLGEMEIN — Martin Stefke @ 23:11

In Brandenburg hat Berol Kaiser-Reka seinem Vater ein Denkmal gesetzt

BRANDENBURG | Aufhören. Vielleicht ist es nicht die beste Idee, mit diesem Wort zu beginnen. “Aufhören” klingt wirklich negativ. Einfach zu endgültig. “Schreiben Sie nicht zu viel davon”, gibt Berol Kaiser-Reka zu bedenken. “Sie wissen: Abschied nehmen ist schwer. Besonders, wenn man es nicht lassen kann.”

Sicher hat er Recht. Vielleicht sollte man die Welt also positiv betrachten und die Sorgen des gebürtigen Brandenburgers wie die der anderen Museumsleute im Land heute mal beiseite lassen. Nicht daran denken, dass mancher von ihnen vor gut einem Jahr dem bayrischen Landeskonservator York Langenstein zustimmen musste, als dieser bemerkte, einige märkische Depots glichen mehr Deponien als gepflegten Sammelorten. Vergessen könnte man dann auch die misslichen Werbe- und sonstigen Etats, die sinkenden Mitarbeiterzahlen, das ganze museale Hangeln von Jahr zu Jahr.

Statt dessen könnte man feststellen: Am Sonntag ist Internationaler Museumstag. Und dass Matthias Platzeck diesen in seiner Eigenschaft als derzeitiger Bundesratspräsident auf der bundesweiten Auftaktveranstaltung gerade in Brandenburg an der Havel eröffnen wird (ab 10 Uhr bei freiem Eintritt für jedermann im Industriemuseum), das ist doch wirklich was.

Doch Berol Kaiser-Reka denkt nun mal immer öfter ans Aufhören. Wahrscheinlich noch in dieser Saison, verrät der 75-Jährige, sei Schluss. Im November, so um den Tag herum, an dem sein Vater, der Instrumental-Virtuose und Musikartist Paul Kaiser, vor 100 Jahren seinen ersten Auftritt über eine heimische Bühne schaukelte. Mehr schlecht als recht. Bevor der Newcomer damals im “Apollotheater” in der Werderstraße nämlich an die Reihe kommt, verletzt sich ein Artist beim Sturz vom Trapez. Kaiser ist daraufhin derart verstört, dass er zur Musik ein falsches Couplet schmettert.

Nichtsdestotrotz: Mit dem verpatzten Einstand beginnt eine Ausnahme-Karriere. Köln, Brüssel, Amsterdam, Metz, Görlitz, Meißen, Hamburg, Den Haag und Rotterdam sind nur einige Stationen seines Weges. Im Berliner “Wintergarten” und im Londoner “Coliseum”, sogar in Pretoria und Kapstadt wird der “King of Instrumentalists” sein Publikum beglücken. In Südafrika übrigens mit Wiener Walzern und Polkas.
Dem ungewöhnlichen Künstler, der sich seit der Revolution von 1918, “als man von Kaisern nichts mehr wissen wollte”, Reka nannte, hat sein Sohn Berol vor drei Jahren in Brandenburg an der Havel einen Musentempel “geweiht”. Paul Kaiser-Reka Archiv & Kollektion steht an der von April bis September nur einmal in der Woche von 10 bis 12 Uhr geöffneten Tür in der Kurstraße 63. Um 10.30 Uhr startet hier an jedem Sonn- und Feiertag eine wahrlich unvergessliche Matinee. Dann juchzen Kinder über musikalische Parodien, stimmen ältere Damen gerührt in wohl bekannte Weisen ein. Im launigen Lichtbildervortrag versetzt uns der Musikersohn in die Vergangenheit, lässt in humorigen Szenen und Nummern seinen Vater aufleben. Der “Junior” bläst auf der größten Posaune der Welt. Er trommelt und hupt des “alten Herren” wahrlich urkomische Jazzparodie. Mal mit dickrahmiger Brille, mal mit neckischem Bart. 90 Minuten Riesenspaß. Nach der Hälfte geht”’’s in die “Belletage”. “Da wird es ernst”, warnt der Musensohn. Natürlich ist auch dies ein Scherz. Denn den “Spuk in der Musikermansarde” hat schon der heitere Senior erfunden. Verstopfte Trompeten, berstende Geigen, gebärende Celli, schellende Sonnenblumen, ein gefährliches Grammophon - auf den seltsamsten Instrumenten schenkt Kaiser-Reka seinen Gästen einen anrührend-unterhaltsamen Vormittag. Man sollte hingehen, solange diese Attraktion in der Havelstadt noch live zu erleben ist.

Paul Kaiser-Reka-Archiv & Kollektion, Kurstraße 63, Brandenburg an der Havel. Diesen Sonntag von 10-17 Uhr, 03 38 34/5 07 98. Weitere Informationen zum Museumstag im Internet unter www.museumstag.de.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 7. Mai 2005

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