MARTIN STEFKE

20. Juli 2005

UNTERM DACH DER WELTANSCHAUUNG

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR — Martin Stefke @ 00:08

Vor 75 Jahren baute sich Luckenwalde eine Doppelvolksschule mit Theater

LUCKENWALDE | Flachdach oder Steildach? “Flachdach natürlich”, sagt Thomas Drachenberg und schmunzelt. Drachenberg, Dezernatsleiter im Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege in Wünsdorf, weiß nur allzu gut, weshalb. Schließlich handelt es sich bei der Frage nach der Gestalt von Dächern um mehr als eine Formsache. Die “Dachfrage” geht an die Substanz. Sie ist ein Problem der Weltanschauung.

Zumindest in den 20er Jahren ist sie dies gewesen. In jener Zeit tobt deutschlandweit eine wahre Dächer-Schlacht. Doch bei dem Gebäudeensemble, um das es hier gehen soll - der 1929/30 errichteten Doppelvolksschule inklusive Stadttheater in Luckenwalde -, ist die Auseinandersetzung beispielhaft dokumentiert. Während nämlich die damals in der Industriestadt regierenden Sozialdemokraten im Flachdach das Symbol der Neuzeit, einen Ausdruck der Moderne, von Demokratie und einer gerechteren Gesellschaft zu erkennen glauben, verweigern sich die Konservativen derartiger Weltsicht beharrlich. Sie setzen aufs Altbewährte. Was beim Bauen in ihren Augen hierzulande nun mal ein Dach mit schrägen Flächen ist. Und so tönt es während der Stadtverordnetenversammlung am 2. September 1927 von der Bank der bürgerlichen Opposition: “Ein flaches Dach passt nicht für den Baustil unserer Gegend, auch nicht für unseren nordischen Himmel.”

Ganz anders als der konservative Abgeordnete Moritz Richter sieht dies der Luckenwalder Architekt Paul Backes. In seinem, mit Hans Graf, dem Kollegen aus dem städtischen Bauamt, und ihrem gemeinsamen Chef Rudolf Brennecke erarbeiteten Entwurf zeichnet er neben den geplanten Dachkonstruktionen kurzerhand weitere ebene Dächer in der Umgebung des Neubaus ein - obwohl es diese gar nicht gibt. Einerlei: Neue Dächer braucht die neue Zeit! Mit ihrer Mehrheit stimmt die SPD für den Plan des Architekten-Trios aus der heimischen Verwaltung. Nicht nur die Genossen setzen sich damit gegen ihre politischen Widersacher durch. Der damals bereits renommierte Baumeister Bruno Taut zieht gegen die lokale Konkurrenz den kürzeren.
Gleichwohl zeigt der ausgeführte Bau auffällige Parallelen zu dem von Taut geplanten Projekt. Schon der Grundriss scheint entlehnt - ein lang gestreckter Mittelbau nimmt die sämtlich nach Süden ausgerichteten Klassenzimmer auf, östlich schließt sich im rechten Winkel das Theater an, während die Turnhalle im Westen Platz findet. Ganz wie bei Taut. In dessen Konzept allerdings dominiert das Theater ein wesentlich schmaleres und auch niedrigeres Schulgebäude. Masse gegen Leichtigkeit. Aus der Ungleichheit gewinnt der Entwurf Spannung. Backes, Graf und Brennecke setzen dagegen auf Ausgewogenheit. Theater und Schule erhalten die gleiche Höhe. Allein der Astronomieturm überragt das Ensemble ein Stück. Inwieweit das Dreigespann wirklich bei Taut abgekupfert hat, muss offen bleiben. Auch Thomas Drachenberg hat dafür keinen eindeutigen Beleg. Fest steht jedoch: Die Luckenwalder änderten frühere Pläne. In diesen hatten sowohl die Schule als auch das Theater - steile Dächer.

Dennoch überzeugt der Bau durch Klarheit und Harmonie. Besonders nach der in den vergangenen Jahren unter der Leitung des Potsdamer Architekturbüros Kühn-von Kaehne ausgeführten Restaurierung ist er wieder, was Stadtrat Hugo Rössiger bereits vor der Fertigstellung im November 1929 verkündet hatte: “so vorbildlich, dass wir uns damit in jeder Stadt Deutschlands sehen lassen können”. Was bei weitem nicht nur auf so liebenswerten Details wie der Zeichenterrasse, den breiten Fensterfronten und horizontalen Werksteingesimsen, der expressiven Farbgestaltung im imposanten Theatersaal mit breitem Rang und 732 Plätzen beruht. Es liegt wohl auch an den - flachen Dächern.

Dass allerdings kein Schmuck den Saal als Theater ausweist und über dem straßenseitigen Eingang einst in großen Lettern nur “Friedrich-Ebert-Schule” zu lesen war, soll hier nicht verschwiegen werden. Der Plan der Stadtväter, sich und den Bewohnern der ein Theater zu bauen, traf seinerzeit - wie übrigens auch das Flachdach - bei den übergeordneten Aufsichtsbehörde auf wenig Gegenliebe. Zu viele Schulden, hieß es aus Potsdamer Regierungskreisen lapidar.

Doch davon ließen sich die Luckenwalder nicht beirren. In einer Aula kann man schließlich auch Theater spielen. Prompt wurde vermieden, was allzu sehr an ein Schauspielhaus erinnern könnte. Und über die Türen kam der Name der Schule. An der Balustrade des Ranges brachte man Sinnbilder für die sechs Unterrichtsfächer Rechnen, Lesen, Schreiben, Chemie, Zeichnen und Naturkunde an. Und über das Bühnenportal setzten die Erbauer das Wappen der Stadt: Ein Pelikan, der seine Jungen füttert.

Manchmal geht es eben nur mit Tricks.

Zuerst erschienen in: Märkische Allgemeine vom 27. Juli 2005

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