MARTIN STEFKE

10. September 2005

KALTE KRIEGSSPIELE

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR — Martin Stefke @ 00:14

Offenes Denkmal unter der Erde - in Harnekop feiert die versunkene Diktatur fröhliche Urständ

Harnekop | Harnekop ist ein idyllischer Flecken Erde. Von Norden erreicht man den 200-Seelen-Ort im Landkreis Märkisch-Oderland über die Bundesstraße 158. Von Süden führt der Weg aus Strausberg und Prötzel über alte Alleen. Das ist das Brandenburg der Postkarten und Reiseführer. Sollte man hier ein gewichtiges Bauwerk des Kalten Krieges vermuten? Wohl kaum.

Wäre da nicht eine jener für die DDR so typischen Betonplattenstraßen, an deren Ende tief im Wald in der Regel eine Kaserne stand. Die Straße erweist sich als Zeitmaschine: Das Schlagen der Reifen versetzt den Reisenden zurück in die Honecker-Republik. Hinter dem Tor des einstigen Armeegeländes glaubt er sich außerhalb der Realität: Plattenbauten und Funkmasten, NVA-Fahrzeuge und Flaggen, Lastwagen aus russischer Produktion, dazu ein Kasernenbau - drei Quader aus Beton mit Tarnanstrich. Ein Schild weist zur “Raumschießanlage mit Erlebnismuseum”. Zwei junge Männer in Nato-Tarnanzügen schlurfen über steinernes Terrain. Ein ziemlich bizarres Gemenge aus Volksarmee und Bundeswehr, Kriegerspiel und Männlichkeit - und wohl auch der Jagd nach einem guten Geschäft.

“Ausbildungszentrum für Spezialeinheiten und Sicherheitskräfte” steht an einem Briefkasten. Ein Blatt Papier wirbt für Panzerfahrten und “Schießen für jedermann”. Weiter geht’’s zu Fuß. Zäune. Ein Tor. Dann irgendwo ein Zweigeschosser. Daneben ein Imbisswagen mit Biertischgarnituren. Unter einem hölzernen Verschlag warten mehrere Besucher. Wer zur Kamera greift, muss sich als Erstes die Belehrung gefallen lassen, dass das Fotografieren verboten sei. Man kennt den Ton, die militante Ruppigkeit, lässt sogleich die Hände sinken. Und fragt sich, ob nicht ein Stück Rest-DDR in dieser Ödnis das eigene Ende verpasst hat. “Der Verantwortliche”, so heißt es, komme gleich.

Und da eilt er auch schon herbei, ein Mittfünfziger, der die Hand ausstreckt und “Begrüßungsgeld” verteilt: Banknoten mit Marx- und Engels-Porträt, deren Rückseitenaufdruck erkennen lässt, dass die Scheine ein Werbegag sind: “Atombunker Harnekop, Führungen finden statt: samstags, sonntags, feiertags”. Es ist jener Hartmut Mehland, Vereinsvorsitzender und Betriebsleiter, der im Vorgespräch am Telefon gesagt hatte: “Wenn Sie das Objekt noch nicht kennen, ist es gut, erst einmal eine Führung mitzumachen.” Unwillkürlich kam einem dabei ein Satz des Philologen Victor Klemperer in den Sinn: “Die Sprache bringt es an den Tag”. “Objekt” - allein das Wort verrät: Mehland kommt aus dem alten System, dem untergegangenen. Mit dem sich hier noch einmal Kasse machen lässt. An Wochenenden strömt neugieriges Volk aus allen Teilen der Bundesrepublik heran, um einen wahrlich wuchtigen Rest der DDR zu bestaunen, der sich im Wald 30 Kilometer nordöstlich der deutschen Hauptstadt erhalten hat. Der Erwachsene muss zehn Euro Eintritt hinblättern, Auszubildende und Erst-Studenten zahlen 7,50, Schüler fünf Euro.

Dann startet der Ausflug in die staatstragende Vergangenheit. Und der kann einen schon das Frösteln lehren - was nicht nur an den zwölf Grad Celsius liegt, die das ganze Jahr über in dieser wohl konservierten Ostzone herrschen. Wie einst das große sozialistische, findet sich auch Mehlands kleines Vaterland hinter hohen Zäunen und Stacheldraht. Nur wenige selbst der stramm ihrer frohen Zukunft entgegen schreitenden Genossen unter den DDR-Bürgern kannten das “Objekt 16/102″, als noch satte 4000 volkseigene Volt durch seine “Hochspannungssicherungsanlage” jagten. Weil die DDR-Oberen hier eines ihrer best gehüteten Geheimnisse verbargen: die “Hauptführungsstelle des Ministeriums für Nationale Verteidigung”. Im “Ernstfall” wären in diesen 30 Meter tief in den märkischen Sand gesetzten Koloss aus Stahlbeton Honeckers höchste Generäle eingerückt, um auf drei Etagen und in fast 200 Räumen die Mobilmachung der Truppe, deren Einsatz und die “Besetzung des Territoriums des Kriegsgegners” zu organisieren. Sogar eine Kernwaffenexplosion bis zur Stärke einer Megatonne hofften die Auserwählten - der Verteidigungsminister, 200 Offiziere und 255 Mann technisches Personal - unter der 4,60 Meter dicken Decke aus Beton zu überstehen.

Bereits während der Bauarbeiten, Anfang der 70er Jahre, galt oberste Geheimhaltungsstufe. “In der Bauzeit des Schutzbauwerkes”, so klingt es im gut bewahrten Originalton aus der aktuellen Broschüre über den “Atombunker”, “wurde eine perfekte Tarnung und Desinformation, sowohl des Gegners als auch der eigenen Bevölkerung durchgeführt”. Selbst die an den Arbeiten beteiligten oder in der Nachbarschaft stationierten Soldaten wussten nicht, was tatsächlich auf dem Gelände geschah. “Es gab mal einen, der geredet hat”, plaudert Bunkerführer Peter Briesemeister - Mehland nennt ihn witzelnd den “Führungsoffizier”- “der wurde sofort nach Schwedt verlegt und kam erst nach Monaten, dafür aber ziemlich geläutert, zurück”.

Der Kalte Krieg als amüsanter Freizeitpark mit launigen Geschichten? Harnekop scheint auf dem Weg dorthin. Schließlich plant Hartmut Mehland - seine Grundstücksgesellschaft hat das Gelände vom Bundesvermögensamt gepachtet -, eine Sport- und Freizeitanlage. Von Sommerrodelbahn, Biomasseanlage und Windrad auf dem höchsten Stahlgittermast der Bundesrepublik ist allerdings noch nichts zu sehen. Und so bleibt der Bunker erst einmal die einzige Attraktion.

Seit 2002 steht das erstaunlich gut erhaltene Bauwerk unter Denkmalschutz. Im alten Stabsgebäude, selbstredend ein Plattenbau, waltet DDR-Atmosphäre pur. Selbst die Tapeten haben die Zeit beinahe unbeschadet überdauert: groß gemustert und bunt. Auch unter der Erde - das reine Heimatland, voll gepfropft mit modernster Technik der Bauzeit, die Rechentechnik ein RGW-Gemeinschaftswerk. Die Fußböden der unterirdischen Räume lagern auf Federn, damit Druckwellen Mensch und Gerät im Fall der Fälle nicht allzu arg durchschütteln. “Ein ingenieurtechnisches Meisterwerk”, beteuern Mitglieder und Förderer des Vereins Denkmal Bunker Harnekop e. V. unisono und lassen wissen: Fachleute aus dem Westen hätten ihrem “Heldenkeller” bescheinigt, er sei vergleichbaren Anlagen der Nato um zehn Jahre voraus gewesen. Man könnte beinahe meinen, die DDR habe im Kalten Krieg gesiegt. Heroische Geschichten und dümmliches Gewitzel der Mitarbeiter tun ein Übriges, die Brisanz der Anlage zu überdecken. Man verweist auf die “guten Kontakte” des Vereins zu Bundeswehr und Landeskriminalamt, auf Projekttage mit Schülern aus Berlin und Sachsen-Anhalt. “Kalter Krieg zu Anfassen” heißen derlei Veranstaltungen.

Sichtlich erleichtert kehrt der Reporter in die Gegenwart zurück. Um am Dorfeingang mit einer freundlichen Harnekoperin in eine andere ferne Zeit einzutauchen. Hier stand bis 1945 das Herrenhaus, jenes barocke “Monchoix”, in dem 1919 Gottlieb Graf von Haeseler starb. Haeseler, ein Preuße, wie er in alten Büchern steht: das Leben lang Militär und - in dienstfreier Zeit - für seine Obst- und Pferdezucht bekannt. Jung war er gegen die Dänen in die Düppeler Schlacht gezogen. Als Generalfeldmarschall kehrte er aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Im Frühj ahr 45 bezog das Kommando von Stalins 9. Armee im Schloss Quartier. Später schleiften die Dorfbewohner die Ruine.

Harnekop - eine Idylle? Auf alle Fälle ein Ort, der am Tag des offenen Denkmals am 11. September besonders eindrücklich das Hauptthema “Krieg und Frieden” illustriert.

Denkmal Bunker Harnekop, Lindenallee 1, 16269 Harnekop. Einlass nur mit Führungen am Wochenende und an Feiertagen jeweils 10, 12, 14 und 16 Uhr. November bis Februar nur 12 und 14 Uhr. 033436 / 35 727.

Zuerst erschienen in: Märkische Allgemeine vom 10. September 2005

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