MARTIN STEFKE

8. Februar 2006

DIE ZEIT UND DIE KUNST

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG, KUNST — Martin Stefke @ 00:38

Poesie und viele Fragen: Hanne Darbovens “Hommage à Picasso” ist jetzt in der Deutschen Guggenheim Berlin zu sehen

BERLIN | Der Termin ist gut gewählt. Gerade erst hat das Pariser Picasso Museum in der Berliner Nationalgalerie die Präsentation des Privatmannes Picasso beendet, da widmet Hanne Darboven dem Meister in der Deutschen Guggenheim eine Hommage.

Am Werk des Spaniers kommt offensichtlich kaum jemand vorbei. Der französische Dichter René Char trug am Todestag des ideenreichen wie arbeitswütigen Alleskönners, am 8. April 1973, gleich das ganze 20. Jahrhundert zu Grabe. Hanne Darboven verriet ihrem Publikum in der zur Jahrtausendwende bereits in Hamburg gezeigten Installation, was Picasso für sie ist: der Jahrhundert-Künstler schlechthin. “Der Schlüsselkünstler”, weiß auch Valerie Hillings, Kuratorin am Guggenheim Museum New York. Sie hat Hanne Darboven und ihre “Hommage à Picasso” in überarbeiteter Form nach Berlin geholt. Mehrfach ist sie dazu über den großen Teich geflogen. Und sie würde es am liebsten gleich wieder tun: Wegen des Rahmenprogramms mit Vorträgen über die “größte lebende deutsche Künstlerin” und wegen des Konzerts, das es am 17. März geben wird. Da spielt das Ensemble Modern in der Ausstellung Werke der Darboven und von John Cage. Man darf gespannt sein.

Und schon mal streiten: Denn was ist dieses stete Notieren, dieses akribische Festhalten der Zeit, das die 1941 in Hamburg geborene Künstlerin seit nunmehr vier Jahrzehnten auf ihre unverwechselbare Art betreibt? Etwas Manisches? Oder gleicht sie - wie der Gang in ein Kloster - einem Rückzug aus unserer immer chaotischer werdenden Welt? Manch einer unter den Besuchern kratzt sich ratlos am Kopf. Anderen mag der Versuch, der verrinnenden Gegenwart mit Hilfe von Ziffernfolgen oder wellenförmig-schwingenden Zahlwörtern eine Struktur zu verleihen, nicht sonderlich normal erscheinen. Andere wiederum bejubeln die Zahlen- und damit Bildwelt, wie auch die in Töne gewandelten Notationen der “Grand Dame der internationalen Konzeptkunst” als Ausdruck vollkommener Klarheit. Einerlei: Darbovens “Hommage à Picasso” ist ein konsequentes Werk voller Poesie - und voller Fragen. Weil sie eben weit mehr zeigt als Kalenderblätter.
Wer aus der tristen Strenge der Hauptstadt in den klaren, rundweg edler Sachlichkeit verpflichteten Ausstellungsraum tritt, begibt sich in eine Art Tempel, in dem der Meister den Anfang macht. Besser gesagt: eine Reproduktion des 1955 entstandenen Gemäldes “Sitzende Frau in türkischer Tracht”. Das Original hängt in der Hamburger Kunsthalle. Nach dem Rahmen dieses Druckes, dessen Bemalung Motive aus dem Werk aufgreift, ließ Darboven 270 Rahmen fertigen, in die sie jeweils 36 mit Filzstift beschriebene Bogen aus Pergamentpapier einfassen ließ. Diese 9720 Blätter entsprechen dem letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts. In drei ohne Abstand übereinander hängenden Reihen füllen sie die fast sechs Meter hohen Wände nahezu lückenlos und schaffen so einen “Zeit-Raum”, der in seiner lichten Farbigkeit an japanische Architektur erinnert. In diesen hat die Künstlerin Skulpturen wenig oder unbekannter Künstler gesetzt: eine Picassobüste im Stil eines römischen Kaisers, die Bronzeplastik einer Ziege (wie seinerzeit der Spanier lebt auch Hanne Darboven mit diesen Tieren), drei von polnischen Volkskünstlern aus Birkenzweigen gefertigte Esel sowie zwei Vitrinen mit zwölf ziemlich kitschigen Sternzeichenfiguren, gefertigt mit der von Picasso benutzten Assamblagetechnik. Damit fragt Darboven nach dem Wert von Kunst und Originalität in unserer Zeit. Das geht weit über die Kühle üblicher Konzeptkunst hinaus. Es ist ein Erlebnis.

“Hanne Darboven - Hommage à Picasso”: Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13/15, Berlin-Mitte. Mo-So 11-20 Uhr, Do bis 22 Uhr. Bis 23. April.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 8. Februar 2006

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