MARTIN STEFKE

9. September 2006

GESTANK UND GEMÜSE

Abgelegt unter: ALLGEMEIN — Martin Stefke @ 23:46

Weltweit einzigartig: Großbeeren hat eine Kläranlage unter Denkmalschutz gestellt

GROSSBEEREN | Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es geht hier nicht um jene landwirtschaftlichen Nutzflächen bei Großbeeren, auf denen Generalleutnant Friedrich Wilhelm von Bülow und seine Mannen am verregneten 23. August des Jahres 1813 auf Napoleons Truppen einschlugen. Nein, das Schlachtfeld - Theodor Fontane nannte es “die berühmten Felder” - spielt hier bestenfalls eine Nebenrolle.

Kaum weniger bemerkenswert nämlich als der Sieg, der - wie wir heute wieder in goldenen Lettern am Gedenkturm inmitten des damals erbittert umkämpften Dorfes lesen können - “Berlin vor drohender französischen Besatzung bewahrte”, sind jene Äcker, auf denen sieben Jahrzehnte nach Bülow zwei Zivilisten einen anderen, nicht minder großen Erfolg einfuhren. Ohne Säbelrasseln und Kanonendonner vollzog sich, was ein Siegeszug um die Welt werden sollte. Im Norden und Süden der Stadt ließ der Magistrat seit 1874 großflächige Gebiete kaufen und dort Felder anlegen, auf denen sich vom November 1875 an durch natürliche Filterung im Erdreich reinigte, was zuvor aus hauptstädtischen Spülsteinen, Latrinen, aber auch aus mancher Fabrik und Hinterhofmanufaktur in die neu erbaute Kanalisation der boomenden Großstadt rauschte. In gewaltigen Rohren gesammelt, von Pumpwerken über eiserne Druckleitungen über die Stadtgrenzen hinaus ins Brandenburgische befördert und mittels eines ausgeklügelten Systems von Becken und Gräben auf die so genannten Rieseltafeln “aufgeschlagen”, versickerten die Berliner Abwässer mehr als 100 Jahre lang im märkischen Sand.

Heute sind Standrohre und Rieselwärterhütten größtenteils verschwunden, ist die Funktionsweise der Felder den meisten Zeitgenossen unbekannt. In Großbeeren aber blieb ein Rieselfeld samt seiner Anlagen erhalten. Seit September 1999 steht es unter Denkmalschutz. “Eine Fläche von 20 Hektar südwestlich der Ortslage von Großbeeren”, weiß Stephan Parsiegla, örtlicher Revierförster und Vorsitzender des Vereins für Landschaftspflege und Umweltschutz Teltow-Fläming. Der Mann, Jahrgang 1966, ist in Großbeeren zu Haus und von Anfang an dabei, die “Sache Denkmal Rieselfeld voranzutreiben”. Der Tag des offenen Denkmals kam da stets zupass. Mit Wanderungen durch den einstigen “Gemüsegarten Rieselfeld”, Führungen und einer Ausstellung präsentierte man das Areal der Öffentlichkeit. Ob der Denkmaltag in diesem Jahr allerdings ähnlich ablaufen wird, weiß Parsiegla nicht. Und der einzige Mann, der ihm das sagen könnte, Markus Mohn, Landschaftsplaner im Verein, hat gerade Urlaub. “Er wird pünktlich einfliegen.” Parsiegla ist Optimist.

Ingenieurtechnisches Meisterstück

Tatsächlich findet sich im Programm des Denkmaltags am morgigen Sonntag, der diesmal unter dem Motto “Rasen, Rosen und Rabatten” steht, ein Hinweis auf Führungen. Vielleicht aber, so schlägt der Förster vor, sei es besser, das Rieselfeld nur am Rande zu erwähnen. Andere Denkmale - Bülowpyramide, Gedenkturm und Schinkelkirche - stünden ja für die Großbeerener Vergangenheit. Um die Schlacht jedoch geht es hier bekanntlich nicht. Und so muss der Förster davon berichten, wie und wann “die Sache” begann und wem Großbeeren die Anfang der 1890er Jahre endgültig fertig gestellten Anlagen zu verdanken hat. Natürlich weiß er auch, dass die Rieselfelder nicht nur für Geruchsbelästigung standen. “Es hat gestunken”, gibt er zu, “aber sie brachten auch Arbeit und das angebaute Gemüse auf den Berliner Wochenmärkten gutes Geld.” Eine ingenieurtechnische Meisterleistung, nennt Parsiegla die Anlagen dann auch: “Ein Stück Kulturgeschichte der Region.” Auch von Grünräumen spricht er und Belüftungszonen für die Stadt, die es zum Nutzen kommender Generationen zu erhalten gilt. Überhaupt kann und will der Waidmann seine Bewunderung für “unsere Altvorderen” nicht verhehlen. Mit welchem Weitblick Leute wie der Berliner Stadtbaurat James Hobrecht und der berühmte Arzt und Professor Rudolf Virchow damals planten, davon könnten wir heute noch lernen.
Das von Hobrecht und Virchow vorangetriebene Prinzip scheint verblüffend einfach. Das Erdreich, in dem das in Absatzbecken von Schweb- und Schwimmstoffen vorgereinigte Abwasser versickert, wirkt wie ein Filter. Der Boden fängt die gelösten Inhaltsstoffe auf. Stickstoff, Kali und Phosphorsäure werden von den auf den Feldern angebauten Pflanzen aufgenommen, sodass sauberes Wasser durch in der Erde liegende Drainagerohre und Vorfluter in natürliche Abflüsse wie Bäche und Flüsse läuft. Die Filterwirkung war derart perfekt, dass Rudolf Virchow nicht nur, wie es in einer Schrift aus dem Jahr 1928 heißt, “bei Besichtigungen mit Fremden das abfließende Wasser mit einem mitgebrachten Trinkglase auffing und vor aller Augen trank”, sondern “die Anwesenden zur Trinkprobe nötigte”. Ohne gesundheitliche Folgen für den Professor und die Gäste.

Mit der Zeit belasteten die intensive Berieselung und die zunehmend mit Schwermetallen versetzten Industrieabwässer den Boden freilich so, dass spätestens in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts selbst der Herr Professor auf seinen Trunk verzichtet hätte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der bisher wegen des Nährstoffangebotes außerordentlich ertragreiche Gemüseanbau eingestellt und durch Getreide- und Futteranbau ersetzt. Mitte der 80er Jahre gab man sowohl die landwirtschaftliche Nutzung als auch die Berieselung schrittweise auf. Moderne Klärwerke übernahmen die Abwasserreinigung.

Im Verein für Landschaftspflege und Umweltschutz aber wurde nach der auf Betreiben der Unteren Denkmalschutzbehörde erfolgten Eintragung des Rieselfeldes in die Denkmalliste ein Fachbeirat gegründet. Wie der Landschaftspflegeverband, in dem, so Parsiegla, “Landnutzer, Kommunalpolitiker und Naturschützer konstruktiv zusammenarbeiten”, versteht sich dieser als eine Art Runder Tisch. “Es geht darum, Probleme gemeinsam zu lösen und das Gelände sinnvoll zu nutzen.” So entwickelte man die Idee eines Naherholungsgebietes mit Denkmalpfad. Und wenn es nach den Vorstellungen der Arbeitsgruppe geht, soll künftig sogar eine Teilfläche der Anlage wieder berieselt werden. Mit unbelastetem Regenwasser.

Idylle mit Obstbäumen

Davon jedoch ist vor Ort noch nichts zu sehen. Verwunschen wirkt die Gegend auf den ersten Blick. Eine Landschaft mit Obstbäumen, Eichen und Holunderbüschen, mit Wiesen und seltenen Wildpflanzen, ein Lebensraum für bedrohte Vogelarten wie den Neuntöter, aber auch für Rehwild und Hasen.

Wo die befestigte Decke des Trebbiner Weges in eine Wiese übergeht, mäht ein alter Mann Gras. Wie immer, möchte man meinen. Denn, so verrät er, seit er im November 1959 auf dem volkseigenen Gut Beschäftigung fand, habe er auf den Feldern gearbeitet. Und dann erzählt er von den Rieselwärtern, jenen Männern, die das Abwasser auf die Rieseltafeln lenkten und selbst bei Wind und Wetter nur ab und an in ihrer Hütte Zuflucht suchen durften. Das neun Meter hohe eiserne Druckrohr nämlich, das heute als einziges seiner Art erhalten ist, gab ihnen Zeichen. “Wenn da das Wasser rausgeschossen kam, dann hatte der Rieselwärter was falsch gemacht - und musste rennen.”

Heute aber, sagt der Mann und senkt die Stimme, seien diese Männer fast alle tot. Doch “die Sache mit dem Rieselfeld”, die werde noch was. “Das kommt, das kommt.” Gut möglich.

Technisches Denkmal Rieselfeld Großbeeren. Trebbiner Weg, Großbeeren. Führungen am 10. September, 13-18 Uhr. Auch sonst zugänglich. Informationen über Verein für Landschaftspflege und Umweltschutz Teltow Fläming e.V., Erlenweg 1, Rangsdorf, 033708/2 08 21.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 9. September 2006

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