MARTIN STEFKE

3. Juni 2006

SCHÖNER ZAPFEN

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR — Martin Stefke @ 00:51

Friedrich Tamms’ Autobahn-Tankstelle bei Fürstenwalde

Fürstenwalde | Wenn schon teuer, dann wenigstens mal etwas schöner Tanken. Das wäre doch was! Aber für Schönheit scheinen die Zeiten kaum gemacht. Die Spritpreise treiben uns Tränen in die Augen. Und die Gebäude, an denen wir den kostspieligen Treibstoff zapfen, beruhigen unsere Seelen nicht ein Stück. Kein Wunder, sind diese trotz des bunten Farbenspiels der Mineralölmarkennamen schlichtweg Konfektion. In Guben wie in Wittenberge, auf Rügen wie am Alpenrand - überall der gleiche Stil: zweckmäßig bestenfalls, stets aber langweilig, austauschbar. Architektur mag man das gar nicht nennen.

Früher war dies anders, auch wenn der technische Fortschritt mittlerweile davon wenig übrig ließ. In Brandenburg allerdings steht noch eine jener Tankstationen aus der Zeit, in der die Fortbewegung im motorisierten Wagen Autowandern hieß und ein auf die Berufsbezeichnung Tankwart hörender Mensch ungefragt den Ölstand kontrollierte: Friedrich Tamms”” Autobahntankstelle bei Fürstenwalde. Eine wahrlich ansehnliche Station, ein kleiner, aber feiner Meilenstein der Moderne.

Doch darf man ein Bauwerk der ehemaligen Reichsautobahn überhaupt so nennen? Sicher! Schließlich wäre die neue Zeit ohne die Schnellstraßen kaum denkbar gewesen. Das Problem hierzulande ist nur: Das Autobahnnetz wurde unter den Nationalsozialisten gebaut. Erfunden haben die braunen Mannen diesen Straßentyp zwar keineswegs, doch sie verkauften die “Straßen des Führers”. Dabei kam gerade in der Anfangszeit des Unternehmens nicht alles so gigantisch und germanisch daher, wie das die Herren Todt und Speer großtönend glauben machen wollten. An der Fürstenwalder Tankstelle lässt sich das erkennen.

Hier sieht man auch, woher die Architekten kamen: aus der jungen Tradition des Neuen Bauens. Wie Friedrich Tamms, der 1904 in Schwerin geboren, bereits an der Technischen Hochschule München studiert hat, als er 1926 - mit seinem Kommilitonen Albert Speer - nach Berlin wechselt, wo er fortan an der Technischen Hochschule bei Heinrich Tessenow und Hans Poelzig lernt und danach Arbeit im Brückenbauamt Berlin findet. Nach 1935 entwirft er für die Reichsautobahn AG neben Brücken und Werkhöfen auch die Tankstelle bei Fürstenwalde. Und obwohl die Station - wie die heutigen Tankstellen - kein Einzelstück bleibt, sondern neben den Projekttypen “Frankfurt/Main” und “Hannover” nach 1937 mehrfach zwischen Berlin, Stettin und Breslau gebaut wird, besitzt sie alles, was ein modernes Gebäude ausmacht. Die ungewöhnliche Betonkonstruktion des auf grazilen Säulen ruhenden Flachdaches ragt weit über ein sachliches, auf dreieckigem Grundriss mit abgerundeten Ecken errichtetes Tankwarthaus hinaus und bietet somit nicht nur Schutz vor Sonne und Regen, es assoziiert auch Leichtigkeit, Geschwindigkeit und Offenheit. Nachts wird die flügelige, ja beinahe nierenförmige Kontur des Daches durch Leuchtstoffröhren nachgezeichnet, was den filigranen Eindruck noch verstärkt.

Für derart viel Moderne gibt’’s bald Kritik der Ideologen. Was Tamms allerdings nicht hindert, sich zu einem der wichtigsten Baumeister des Reiches aufzuschwingen. Er nimmt die Kritik an und baut bald im so genannten Heimat-Schutz-Stil mit Spitzdach (so die Tankstelle Michendorf). Auch wenn er selbst kein Parteimitglied ist, macht er sich einen zweifelhaften Namen als Mitarbeiter an Speers “Germania”-Planungen und errichtet an Trutzburgen erinnernde Hochbunker in Wien, Hamburg und Berlin (Reinhardtstraße). Der “Führer” persönlich ernennt ihn 1942 zum Professor. Auch wenn Tamm diesen Posten nach dem Krieg verliert, wird er den Titel bis zu seinem Tod führen. Bis dahin allerdings fällt der Leiter des Stadtplanungsamtes Düsseldorf nicht nur durch seine modernen Entwürfe für drei Rheinbrücken, die Kongresshalle und das für die Fußball-WM 1974 fertig gestellte Rheinstadion, sondern auch dadurch auf, dass er Kollegen aus der Nazizeit unbeirrt protegiert.

Die Tankstelle Fürstenwalde wurde nach einem Jahrzehnt des Verfalls 2005 restauriert. Schöner Tanken kann man am denkmalgeschützten, aber weiter ungenutzten Gebäude leider nicht. Man kommt nicht mal hin. Leitplanken versperren den Weg.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine 3. Juni 2006

Keine Kommentare »

Noch keine Kommentare.

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack-URL

Einen Kommentar hinterlassen

Powered by WordPress ( WordPress Deutschland )