MARTIN STEFKE

22. September 2010

GEFÄLLIGER WAHNSINN

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 00:51

Bernd Mottl inszeniert Goethes „Egmont“ am Cottbuser Staatstheater als flotten Historienstreifen

COTTBUS | „Egmont“ als Schnelldurchlauf, als Feuerwerk – die Premiere des Stückes von Johann Wolfgang von Goethe ging rasant, effektvoll, manchmal lärmig und grell-plakativ über die Bühne des Staatstheaters Cottbus.

„Gefälliger Wahnsinn“, kommentiert Graf Egmont (Amadeus Gollner) das Geschehen kurz vor Ende des Stückes. Er meint das, was Egmonts Widersacher Herzog von Alba (Kai Börner) mit ihm veranstaltet hat. Denn Egmont sitzt zu diesem Zeitpunkt in Albas Gefängnis – fast nackt. Nur eine knappe Unterhose hat sein Häscher ihm, dem Liebling der niederländischen Bürgerschaft, der so viel Wert auf schöne Kleider legt, noch gelassen. Alles andere als ein Spaß. Und auch kein Schachzug, um die rebellische Bevölkerung der von den Spaniern okkupierten Provinz niederzuhalten. Es zielt direkt auf seine Person. Ihn will Alba aus dem Weg räumen. Endlich! Schon als Kind hat Egmont Alba deklassiert. Beim Spielen.

Regisseur Bernd Mottl zeigt das den Zuschauern schon vor Beginn der Inszenierung. Zwei Knaben sitzen auf der Bühne. Sie würfeln. Stets gewinnt der kleine Egmont. Schon immer war er obenauf. Doch jetzt wird er nicht mehr höher steigen. „Gefälliger Wahnsinn“, sagt Egmont, als er das begreift.

Der Kommentar könnte auch die Inszenierung meinen. Denn obwohl an ihr vieles schlüssig ist, presst Bernd Mottl Goethe stellenweise doch sehr ins Regiekonzept.

Die Figuren lässt er in starren Haltungen ausstellen. Johanna Emil Fülles Margarete von Parma zieht als genervte First Lady einen Rollkoffer hinter sich her. Christian Meiers Ferdinand ist ein verklemmtes Jüngelchen, das seine homosexuelle Neigung wohl selbst noch nicht erkannt hat. Entwicklung findet in diesen Figuren kaum statt. Einfühlung auch nicht. Und so wackelt die Geschichte manchmal.

Mit dem Kinderspiel verkleinert Mottl zudem den Hauptkonflikt, auch wenn er den Bezug zur Gegenwart durch Bombengürtel, Kampfanzug, und Benzinkanister (Kostüme: Nicole von Graevenitz) zu bebildern sucht. Auch der Tag der Premiere, der 11. September, der Jahrestag des Attentats auf das World Trade Center in New York, dürfte kein Zufall sein. Mottl scheint wohl zu meinen: Wer ein

Volk unterdrückt, muss sich nicht wundern, dass es zu einem Volk von Terroristen wird.

Dennoch ist dieser „Egmont“ eine konzentrierte, ja kunstvolle Aufführung, verdichtet und geschnitten wie ein Film. Thomas Gabriel gelingt mit seiner Bühne aus Tischen und Stühlen, die im tiefen Schwarz des Theaterrunds zu Symbolen der Ordnung und der Macht aufsteigen, ein Meisterstück.

Und Egmont? Der ist ein Popstar, trägt Pumphosen und goldene Leggins, lässt sich vom Publikum und den Bürgern feiern und macht, wenn sein Schreiber (genervt von der Oberflächlichkeit des Chefs: Oliver Seidel) mit ihm arbeiten will, auf dem Schreibtisch Beugestütze. Er fühlt sich verdammt sicher. Kein Wunder, dass er vor Alba und dessen anrückenden Truppen nicht flieht.

Nächste Vorstellungen am 14., 24. September, 16. Oktober, 19.30 Uhr. Karten unter 0355/78 24 24 24.

zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 14. September 2010

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