MARTIN STEFKE

13. September 2006

DIE VERLORENEN WELTEN DER GLÜCKSELIGKEIT

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG, KUNST — Martin Stefke @ 23:12

“Es gibt keine Wahrheiten vor den Toren Edens”: Der Fotograf Ludwig Rauch zeigt in Berlin seine neuen Arbeiten

BERLIN | Seit die schöne Eva wissend-lächelnd ihrem Adam einen Apfel unter die Nase hielt, ist das Paradies verloren. Gott hat uns vertrieben. Die Schlange und das Weib, so steht”’’s jedenfalls geschrieben, sind schuld daran, dass wir uns ein Leben lang zu quälen haben.

Ja, wenn die Welt so einfach wäre! Vielleicht könnten wir dann glauben, dass der Garten Eden existiert und wir darin eines Tages Einlass finden. Doch einfach ist die Welt nun wahrlich nicht. Gewissheiten gibt es wenige. Fragen viele. Dies zu wissen, muss man nicht unbedingt Bob Dylan kennen. Seinen Vers - “Es gibt keine Wahrheiten vor den Toren Edens” - jedoch stellt der Fotograf Ludwig Rauch seiner Ausstellung “Paradise” voran. Glücksversprechen (und -versprecher) nämlich kennt die Welt zuhauf. Fromme Eiferer und abgekochte Händler, Scharlatane und Geschäftemacher bewerben den Gang in himmlisch anmutende Gefilde. Wir folgen gern. Schließlich verschiebt man, was zu Lebzeiten zu haben ist, besser nicht in ein ungewisses Jenseits.

Im vergangenen Winter, Anfang Dezember, als die Art Basel in Miami Beach zum fünften Mal ihre Überseedependance als globales Kunstversprechen steigen ließ, (meist) Amerikaner binnen weniger Stunden ganze Kojen leer kauften und nächtens einmal mehr echte wie mit ausladendem Silikon gespickte Schönheiten ihrer potenten Kundschaft etwas Glück versprachen, hat Ludwig Rauch im “Paradies” Florida fotografiert.

In der Alten Schule Adlershof im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick, die seit einigen Jahren ein Kulturzentrum mit Bibliothek und einer engagiert der Gegenwartskunst verpflichteten Galerie beherbergt, setzt er die Bilder der Sehnsuchtswelten nun nebeneinander. Neun 120 mal 180 cm große Farbfotos auf Leinwand in der ehemaligen Aula zeigen Kunst und Sex als gleiche Seiten einer käuflichen Welt. Neongrelle Clubs, Stretchlimousine und der Kunstbetrieb: blendend und schrill, voll von - mitunter gar nicht - schönem Schein und jeder Menge Künstlichkeit. Rauch, 1960 in Leipzig geboren, der Ende der 80er Jahre an der Hochschule für Grafik und Buchkunst beim Altmeister Arno Fischer in die Lehre ging und später die 1991 gemeinsam mit Matthias Flügge und Michael Freitag gegründete Kunstzeitschrift “neue bildende kunst” mit seinen Bildern prägte, besinnt sich hier ganz auf die Kraft der Fotografie. Eindrucksvoll und mit genauem Blick auf die Realität zeigt er weitere Sehnsuchtsorte: Venedig, New York und L.A., Moskau und Havanna, Berlin, Paris. Allesamt keine Schönheiten. Hier wie dort: rauchende Schlote, Dampf ausspeiende Maschinen, rußende Schornsteine. Es scheint, als stiegen dunkle Seelen in den Himmel auf. Dann aber die Menschen: keine Marktschreier und Glücksversprecher, sondern Denker und Zweifler - und Narren. Ihre Gesichter zeigen Narben und Falten. Man sieht ihnen das Kopfzerbrechen, das Sich Besinnen förmlich an: Rio Reiser den rebellisch-melancholischen Geist, Sigmar Polke das gewitzte Lächeln, Kaspar König, Catherine David, Jan Hoet und Ernst Beyeler eine seltsame Strenge. Die Blicke der Künstler (von Hrdlicka und Baselitz bis zu Gröszer und Lewandowsky) scheinen zu fragen. Die Antwort liegt vielleicht in Ludwig Rauchs Bildern vom Tod seiner Großmutter. Selten war so Beunruhigendes und doch Berührendes zu sehen. Dies zumindest ist gewiss.

Galerie Alte Schule, Kulturzentrum Adlershof. Dörpfeldstraße 54-56, Berlin. Di-Do 12-19 Uhr, Fr 12-17 Uhr, Sa 15-19 Uhr. . 030/67 77 68 11. Bis 19. September.

Zuerst veröffnetlicht in: Märkische Allgemeine vom 13. September 2006

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