MARTIN STEFKE

19. Februar 2007

SPÄTE WÜRDIGUNG

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR, KUNST — Martin Stefke @ 23:36

Horst Zickelbein im Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder)

FRANKFURT/ODER | Lange hat es gedauert. Zu lange. Jetzt aber, kurz nach seinem 80. Geburtstag, erweist das Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder) Horst Zickelbein, dem kurz vor Weihnachten 1926 in der Oder-Stadt geborenen Maler, jene Würdigung, die seinem Werk schon längere Zeit zustand. Drei schmucke Räume des Viadrina-Museums und die auch sonst als Präsentationsort für Gegenwartskunst genutzte obere Etage des Packhofes hat die Direktorin des Hauses, Brigitte Rieger-Jähner, dafür frei gehalten und die Auswahl gleich selbst besorgt. Die gezeigten Arbeiten, 85 Bilder auf Papier aus vier Jahrzehnten, stammen allesamt aus dem Besitz des Künstlers.

Anderes war ohnehin kaum denkbar. Ein Zusammenborgen von unterschiedlichen Leihgebern kam schon aus Kostengründen nicht in Frage. Und auch auf das eigene Depot war diesmal kein Verlass. Im Fall Zickelbein nämlich kann das Haus befremdlicherweise weder auf gezielte Erwerbungen zu DDR-Zeiten noch auf solche aus jüngerer Vergangenheit verweisen. Insofern konnte man durchaus neugierig darauf sein, wie Brigitte Rieger-Jähner den Künstler, der spätestens Anfang der 70er Jahre mit farbigen, den starren Kulturbetrieb der DDR provozierenden Filzstiftzeichnungen bekannt wurde, jetzt der Öffentlichkeit vorstellen würde. Kennern erschien allerdings das, was Rieger-Jähner zur der Eröffnung sagte, einigermaßen eigentümlich. “Zickelbeins Werk”, so die Kunsthistorikerin, “sei einzigartig wie der Monolog eines selbstgewissen Menschen”.

Durchaus mögen selbstgewisse Menschen mitunter einzigartige Monologe halten. Darum jedoch geht es im Werk des seit 1995 auf der dänischen Ostseeinsel Bornholm lebenden Malers nun wahrlich nicht. Selbstgewissheit ist Zickelbein fremd, sein Schaffen das ganze Gegenteil: ein methodisches Zweifeln, ein melancholisch zu nennendes, aber beharrliches Suchen. Gerade dies hat Zickelbein die Arbeit wie auch das Leben nie leicht gemacht. Infragestellen und Bedenken – von den DDR-Oberen wurde dies ebenso argwöhnisch beäugt wie es vom marktschreierischen Kunstgeschäft der Gegenwart nicht eben goutiert wird. Schon deshalb ist Zickelbein stets Außenseiter geblieben. Einer, der den Umzug von Berlin, wo er seit 1948 gelebt und gearbeitet hatte, auf die Insel im baltischen Meer mit Konsequenz verfolgte, der dort, zwischen Himmel und Granit, neue Inspiration fand und leise aber mit Kraft gegen derzeitige Trends anmalt. Abkehr nicht Rückzug, so beschreibt Zickelbein im zur Frankfurter Ausstellung erschienenen Faltblatt sein künstlerisches Credo. Nicht um Themen, Inhalte und Repräsentation gehe es ihm in einer Welt, in der “alles schon da” sei, eher schon um “Struktur, Ordnung und Zeichen”. Und so nennt er die Architektur seiner Bildwelten folgerichtig ein “Abseits, aber ein selbstgewähltes”.

Selbstgewissheit? Nicht die Spur. Doch gerade deshalb ist dieses Werk voller stiller Intensität und Schönheit. Auch wenn sich diese “Landschaften” – die torsihaften Felsen, die Räume und Körper, die flirrenden Farben des Südens und immer wieder das Licht vermutlich nicht jedem Betrachter sogleich entschlüsseln. Hier aber liegt ja ein Reiz dieser Malerei. Man sollte sich einlassen. Dann freilich öffnen sich Oasen konzentrierter Ruhe in unserer getriebenen Zeit.

“Divertimenti. Horst Zickelbein – Malerei”: Di-So 11-17 Uhr. Bis 1. April 2007. Museum Junge Kunst und Viadrina, Packhof und Junkerhaus. Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Str.11, Frankfurt (Oder).

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 19. Februar 2007

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