MARTIN STEFKE

14. März 2011

KUNST FÜR DIE STRASSE

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG — Martin Stefke @ 23:14

Plakate aus über 100 Jahren

BERLIN | Was für eine Idee! Da sitzt ein weiblicher Engel vor dramatisch aufgetürmten Wolken. In seinen Händen hält er einen Pinsel und – sehr behutsam – ein rotes Herz. Im Himmel lesen wir den Schriftzug: „Otto Ring’s Syndetikon“ und unten, vor einer Marmorbrüstung, auf der ein Fläschchen und eine Tube eben jenes Klebstoffs aus dem Hause Ring sowie zwei weitere – zerbrochene – Herzen liegen, geht der Slogan weiter: „klebt, leimt, kittet alles“.

Wo war Reklame je augenzwinkernder und appellierte doch zugleich derart an das ganz große Gefühl? Man darf dieser Frage jetzt nachspüren: in der Ausstellung „Kunst für die Straße“, die das Kunstforum der Berliner Volksbank am Zoo in Kooperation mit dem Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden veranstaltet. Dabei will man heute, da sich gewiss so mancher unter uns gern den Engel des Malers Ferdinand Schultz-Wettel aus dem Jahr 1899 oder andere der gezeigten 96 Werke an die Wand hängen würde, kaum glauben, was die Kuratorin Karin Kolb sagt. Die Plakatkunst habe es am Anfang schwer gehabt. Männer wie Schultz-Wettel hätten um den Stellenwert ihrer Arbeit ringen müssen: „Wegen der Standesdünkel der akademischen Maler“.

Ein Junge schaut in die Suppenterrine

Gewiss hielt auch der eine oder andere Museumsmann Ende des 19. Jahrhunderts nicht allzu große Stücke auf die oft zwar kunstvoll gefertigten Lithografien. Doch diese waren eben für die Masse bestimmt, klebten „nur“ an Litfaßsäulen und Plakatwänden und sollten zum Kaufen oder Schauen animieren. In Dresden, zuvor bereits in Hamburg und Berlin, erkannte man jedoch schnell den künstlerischen Wert des neuen Massenmediums. 1896 legte Max Lehrs, Direktor des Kupferstich-Kabinetts, den ersten Katalog der Plakat-Sammlung seines Hauses vor. Im gleichen Jahr richtete er die erste Ausstellung mit Plakaten aus, adelte so die „Kunst für die Straße“ gewissermaßen durch die Ehrung im Museum. Zu Recht, wie wir heute sehen können.

Wahrlich die Aura großer Kunst weht uns beim Rundgang durch die Schau mit den Kostbarkeiten der überwiegend europäischen Plakatproduktion aus über 100 Jahren an. Von der Kaiserzeit, als Otto Fischer und Martin Rade detailreiche Drucke für die Ausstellung des Sächsischen Handwerks und Kunstgewerbes in Dresden schufen, geht es über Werke der Franzosen Jules Chèret und Henri de Toulouse-Lautrec, der Wiener Sezessionisten Franz Stuck und Josef Maria Olbrich, dem üppig-ornamentalen Jugendstil des Tschechen Alfons Mucha bis zum Künstlerplakat gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Wie der Syndetikon-Engel lässt uns ein weiteres Werk Ferdinand Schultz-Wettels schmunzeln: Da streckt eine Schöne dem Tod neben ihren nackten Brüsten ein Flakon des Desinfektionsmittels Lysoform entgegen. Gegenüber lässt Brynolf Wennerberg in „Nimm Maggi“ einen Jungen in die Suppenterrine gucken. Nebenan fordert der kleine Muck zum Verzehr von „Pfunds Yoghurt“ auf, wirbt ein Druck für Dresdens „Erste Höhenluft-Radfahr-Bahn mit Lehrmeisterin für Damen“ auf dem Weißen Hirsch.

Schätze von Picasso und Chagall

Spätestens hier versteht man, weshalb Ko-Kurator Hans-Ulrich Lehmann im Zusammenhang mit der Auswahl von einer „Riesenüberraschung“ spricht. Aus 2500 Plakaten hat der langjährige Dresdner Oberkustos mit Karin Kolb eine hochkarätige und doch – wie Lehmann sagt, „minimale Auswahl“ ausgesucht. Zu sehen sind neben den genannten manch weitere Schätze aus den Händen namhafter Künstler wie Emil Orlik, Otto Dix, Käthe Kollwitz, Ernst Ludwig Kirchner und vielen anderen. Angenehm fällt auf, dass nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in Ost und West unterschieden wird, sondern Hermann Glöckner, Karl Hartung, Manfred Butzmann, Klaus Staeck, A. R. Penck, Werner Klemke und HAP Grieshaber in einer Reihe hängen. In der Rotundenmitte trifft man auf Werke aus der weiten Welt: Plakate von Picasso, Calder, Chagall, Robert Indiana und Jasper Johns.

Schade, dass es sie nicht als Reproduktion zu kaufen gibt. Der Syndetikon-Engel immerhin lässt sich auf dem Faltblatt mit nach Hause nehmen. Und das „leimt, klebt und kittet“ auch diesen Einwand.

„Kunst für die Straße“, Kunstforum der Berliner Volksbank, Budapester Straße (gegenüber vom Zoo), Berlin. Täglich 10-18 Uhr. Bis 8. Mai.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 14. März 2011

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