MARTIN STEFKE

10. März 2011

DERB-KOMISCHES VOLKSTHEATER

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 23:19

In Senftenberg inszeniert Sewan Latchinian in alpiner Mundart

SENFTENBERG | Ja, Sakkradi, Kreizkruzefix, pfüat Gott! – Nein, auf diesen Dialekt verzichten wir hier doch besser. Erstens ist der Autor dieser Zeilen dessen kaum mächtig. Zweitens kann man ihn jetzt gekonnt an einem hiesigen Theater erleben: In Senftenberg, wo Neue-Bühne-Intendant Sewan Latchinian Anton Hamiks bäuerlichen Schwank „Der verkaufte Großvater“ aus dem Jahr 1941 inszeniert hat – „in alpiner Mundart“.

Gewiss ist diese Kunstsprache des 1887 in Wien geborenen Schauspielers und Regisseurs unseren Ohren nicht unbedingt geläufig. Deshalb scheint die Idee, das Ensemble in dieser Mischung aus Österreichischem, Bayrischem, und was da auch sonst noch immer mitklingen mag, reden zu lassen, doch einigermaßen verwegen. Doch das Wagnis geht erstaunlich gut auf. Augenzwinkernd nähern sich die Senftenberger dem Dialekt, ja dem ganzen Stück, und stellen dabei manches Klischee vom Volkstheater auf den Kopf.

Man versteht nicht nur, was da geschieht. Man hat trotz kleiner Längen im ersten Teil ein Mordsgaudi an der Geschichte und an der hölzern-kasperlepuppenhaften Darstellung. Ja, angesichts der oft ironisch überspitzten Spielweise, der Zitate und Anspielungen – selbst die Entstehungszeit mitten im Zweiten Weltkrieg setzt Latchinian in Szene, indem er hier einen Stahlhelm aus dem Schrank poltern und da Panzer dröhnen lässt – dem Jodeln und den Schuhplattlern, den Schnulzen aus dem Volksempfänger und einer Fülle von originellen Ideen prustet man immer wieder laut los oder kichert hinter vorgehaltener Hand. Fakt ist: Man strapaziert gute zweieinhalb Stunden sein Zwerchfell.

Ein Großvater wird also verkauft. Heinz Klevenow spielt den 80-Jährigen als tapsig-schusseligen Mann. Er schlägt mit dem Spaten Fensterscheiben ein und Teller vom Wandregal. Erst am Schluss wissen wir: Opa hat es trotz des Altes faustdick hinter den Ohren und tut nur so. Die meisten Verwicklungen der Geschichte zettelt er an. Ganz bewusst. Nur bei der Magd hat er es mit seinen Lausbubereien wohl übertrieben. Sie (Juschka Spitzer, als habe sie nie anderes als derlei deftiges Theater gespielt) kündigt resolut wegen der dauernden Beleidigungen – eine Katastrophe für Sohn und Enkel des Alten (köstlich: Wolfgang Schmitz als Bauer Kreithofer und Benjamin Schaup als dessen schlaksiger Sohn Lois). Der eine sitzt depressiv in der Stube. Der andere wird es auch nicht reißen. Brummbär und Bohnenstange – die Wirtschaft wird wohl vollends veröden.

Da kommt der Haslinger ins Spiel – im edlen Lodenmantel (Kostüme: Maria Frenzel) und mit praller Börse. Dem Kreithofer soll’s recht sein. Das Geld ist schon lange mehr als knapp. Dreimal hat er die Rate für die Hypothek schon nicht bezahlen können. „Ich lass mich nicht verschleudern“, mault der Großvater zwar, treibt so aber nur den Preis nach oben. Der Haslinger (der gebürtige Bayer Bernd Färber schwelgt im Heimatdialekt) freut sich trotzdem. Welch ein Kabinettstück!

Kurz und gut: Man ist sich einig. Opa zieht um. Und weil der Haslinger und seine Frau (Catharina Struwe) mutmaßen, der Alte besäße zwei Häuser, die er einst ihnen vererben werde, gehen sie ihm um den Bart, betuddeln und bemuttern sie ihn. Opa kostet das weidlich aus.

Für das turbulente Spiel hat Tobias Wartenberg eine außergewöhnliche Bühne gebaut, einen einzigen niedrigen, ja windschiefen Raum, der zu schweben scheint. Erst ist er Kreithofers ärmliche Behausung, dann gute Stube im Haslinger-Hof. Holztäfelung, Kachelofen, Bauernschrank und Wanduhr – wir sehen viel zopfig-heimelnde Gemütlichkeit. Dabei brodelt es vor Selbstsucht und Gier. Am Ende bekommt natürlich der Haslinger sein Fett, der Lois seine Ev (herrlich, wie Inga Wolff den Burschen anschwärmt) und das Team jede Menge Beifall.

Nächste Vorstellungen am 12. März, 1. und 23. April, jeweils 19.30 Uhr. Neue Bühne Senftenberg, Theaterpassage 1, Senftenberg. Karten unter 03573/801286.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 10. März 2011

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