MARTIN STEFKE

14. November 2003

WO MAN SICH ZUM HÖKERN TRAF

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR — Martin Stefke @ 22:16

DAS GILDENHAUS TREUENBRIETZEN IST DAS 50. DENKMAL DES MONATS

Treuenbrietzen | Vor gut vier Jahren fing alles an. Im Oktober 1999 verlieh die Arbeitsgemeinschaft “Städte mit historischen Stadtkernen”, der gegenwärtig 29 Städte zwischen Bad Freienwalde und Ziesar, zwischen Lenzen und Mühlberg angehören, zum ersten Mal den Titel “Denkmal des Monats”. Seitdem ging es quer durchs Land. Dem ersten prämierten Kleinod, dem historischen Amtshof in Wittstock, folgten weitere gerettete Baudenkmale, Belzigs Burg Eisenhardt, das Peitzer Eisenhüttenwerk, das Luisendenkmal in Gransee.

Eine stattliche Liste, die sich wie das Inhaltsverzeichnis eines märkischen Reiseführers liest, ist so zusammen gekommen. Heute steht das halbe Hundert an: das “Gildenhaus” in Treuenbrietzen. Der Bauamtsleiter der Sabinchenstadt, Christoph Höhne, ist sichtlich stolz auf das Geschaffene, auch, wenn er einräumt, dass der Name nicht unbedingt historisch korrekt ist. Das Haus gehöre eigentlich zu den “Hakenbuden”. Höhne muss beim Erklären weiter ausholen. Als sich im Mittelalter fahrende Händler beschwerten, dass die Stadt ihnen wenig freundlich gesonnen sei, bot man ihnen ein Gelände hinter dem heutigen Rathaus an, wo sie ihre Waren verhökern konnten. Zwar wurden aus den Buden bald feste Häuser, aber der Name blieb erhalten, auch wenn er sich mit der Zeit in Hakenbuden wandelte.

In jüngster Zeit hätten nicht wenige Bewohner der Stadt das 1540 errichtete Gebäude allerdings schon abgeschrieben. Verfaulte Balken, marode Fenster, bröckelnder Mörtel, überputztes Fachwerk. Und so wird es manch einer für ein Wunder halten, dass aus der Ruine ein Prachtstück auferstand. Wäre es allerdings nach dem damaligen Eigentümer gegangen, der keine rentable Nutzung sah, hätte man das Gebäude 1999 abgerissen.

Derlei Begehren schob die Stadt einen Riegel vor und nahm den Fall selbst in die Hand. “Man hat mich ein paar mal für wahnsinnig erklärt”, lacht Höhne, “aber auch die Stadtväter haben erkannt, dass wir mit dem historischen Fundus umgehen müssen.” Der Bauamtsleiter kann ein Lied von den Problemen singen. Denn obwohl in Treuenbrietzen Beachtliches erreicht wurde, besteht noch an 569 Häusern des 42,7 Hektar großen und als Sanierungsgebiet ausgewiesenen historischen Stadtkerns Handlungsbedarf. Deshalb fand man den engagierten Verwaltungsmann Höhne auch unter jenen, die im September entschieden gegen die geplanten Einsparungen von Bund- und Landesseite protestierten. Mit Erfolg, wie man weiß.

Das Jubiläumsdenkmal ist ein wunderbares Beispiel einer gelungenen Restaurierung. 191 000 Euro hat die Sanierung gekostet. Dank des Förderprogramms “Städtebaulicher Denkmalschutz” wurden die Kosten von Land und Bund sowie der Deutschen Stiftung Denkmalschutz übernommen. Dabei sprang die Stiftung gleich zweimal in die Bresche, sie kam auch für den Eigenanteil der Stadt auf. Mit 400 Millionen Euro förderte das Land die Sanierung historischer Stadtkerne seit 1991.

In Zukunft wird das älteste Haus Treubrietzens ein offenes Denkmal sein. “Wer eine denkmalgerechte Sanierung sehen möchte, erhält hier Gelegenheit”, erklärt der Bauamtsleiter das Nutzungskonzept. Alte Handwerkskunst lässt sich hier bewundern, Naturfarben, Ausfachungen aus Staken und Reisig, Lehmmörtel mit Strohhäckseln, die historische Biberschwanzdeckung des Daches mit Holzsplissen, mächtige Balken aus Erlenholz und vieles mehr. Handwerkskunst aus mehreren Jahrhunderten. “Deshalb heißt das 1540 errichtete Gebäude jetzt auch ,Gildenhaus”””, sagt Christoph Höhne und fügt hinzu: “Falls die Tür mal verschlossen sein sollte, im Rathaus gibt es den Schlüssel.”

Großstraße 112, Treuenbrietzen. Verleihung des Titels “Denkmal des Monats”: heute, 14 Uhr.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 14. November 2003

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