MARTIN STEFKE

23. Mai 2011

“SCHRECKLICH KLUGE SACHEN”

Abgelegt unter: ARCHITEKTUR, AUSSTELLUNG — Martin Stefke @ 19:15

Der Karikaturist und Zeichner Harald Kretzschmar feiert seinen 80. Geburtstag

POTSDAM | Heute feiert Harald Kretzschmar in Kleinmachnow seinen 80. Geburtstag. „Meine Frau stöhnt schon“, verriet uns der vitale Altmeister der ostdeutschen Karikatur bereits vor einer Woche. - Den Grund dafür ließ er auch wissen: Zu ihrem Leidwesen werde sein Geburtstag seit der Eröffnung seiner Jubiläumsausstellung „In bester Wegwerfgesellschaft“ am 1. Mai in Luckau (Dahme-Spreewald) „in die Länge gezogen“.

„Schuld“ an der verlängerten Feier ist der ausrichtende Verein mit dem programmatischen Namen Cartoonlobby. Seit Anfang des Jahres betreiben die Mannen um Geschäftsführer Andreas Nicolai im zum Kreisarchiv umgebauten Gefängnisgebäude aus Preußens Pickelhaubenzeit einen stattlichen Ausstellungsraum, in dem man noch bis Ende Juni rund 60 Kretzschmar-Originale betrachten kann - auf einem kurzen, strammen Marsch durch ein reiches Karikaturisten-Leben. Von frühen Blättern für Kretzschmars Stammblatt, die Satirezeitschrift „Eulenspiegel“, geht es über Prominentenporträts von Katharina Thalbach als Debütantin, Erwin Geschonneck, Gérard Depardieu und Horst Köhler zu Büchern wie „Wem die Nase passt“ und „Berühmte Weintrinker“. Auch Reiseskizzen und sogar wechselnde tagesaktuelle, zeitkritische Zeichnungen sind zu sehen.

„Satire im Gefängnis“, lacht der Karikaturist und Zeichner, das sei ja schon ein „Gag für sich, ein Kontrastprogramm, das man sich nicht besser ausdenken kann“. Dann erinnert er an den Kollegen Karl Holtz. Der hatte 1949 in der Schweiz eine Stalin-Karikatur veröffentlicht und musste dafür, so Kretzschmar, „solche Mauern von innen sehen. Wir anderen hatten ja Glück.“

Am vergangenen Sonntag war der Jubilar - wie auch zur Eröffnung - selbst vor Ort. Um zu porträtieren. Denn das ist sein ureigenes Metier. „Deshalb“, sagt Kretzschmar, „bin ich auf der Welt.“ Seit 1931. Damals, am 23. Mai, wird er in Berlin geboren - „in einer stinkbürgerlichen Familie“. Kretzschmar lässt den Schalk in seinen Augen blitzen und nennt sich prompt „ein Wunderkind“. Selbstironie hat der Mann ja. Die passende Anekdote auch: 1944 angelt seine Mutter ein Blatt des Sohnes aus dem Papierkorb: Ein Strichmännchen ist darauf zu sehen – mit prägnantem Hitler-Bart. Es ist Kretzschmars erste politische Karikatur. Wenige Striche bringen die Sache auf den Punkt. Werner Bergmann, der Babelsberger Filmemacher und Kameramann, wird später den bezeichnenden Satz sagen: „Von Kretzschmar gezeichnet zu werden, ist wichtiger als der Nationalpreis.“ Ein Kretzschmar-Porträt – in der DDR war das ein Ritterschlag.

Unzählige – auch politische – Zeichnungen folgen. Selbst als Parteichef Honecker die Politik, wie auch die Denkmalpflege und den Umweltschutz, zu Tabuthemen für die „Eule“ erhebt. Der Künstler sucht die Nische. Als Vorsitzender der Sektionsleitung „Karikatur im Verband Bildender Künstler der DDR“ engagiert er sich für ein Karikaturenmuseum in Greiz. In den Achtzigern wendet er sich neben der „offiziösen Satire“ auch der Druckgrafik zu. Blätter wie „Nananana“ – eine Altherren-Riege mit mahnend-erhobenen Zeigefingern – oder „Der Weisungsgebundene“ – das Bild eines Gefesselten mit verbundenen Augen – entstehen.

Seit 1956 lebt und arbeitet Kretzschmar in Kleinmachnow. Zuvor hatte er von 1950 bis 1955 nach dem Abitur an der Dresdner Kreuzschule an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert. Eine Ausbildung, die prägt. Den Menschen und seinen künstlerischen Stil. Ja, Harald Kretzschmar spricht von seiner „künstlerischen Heimat“ - der klassischen Moderne - von den „Brücke-Malern“, dem „Blauen Reiter“, Max Beckmann und Otto Dix. Und zeigt gleich, was er meint: die Komposition und den oft porösen Strich, der wie von Lithografiekreide gezogen wirkt. Für ihn müsse, sagt Kretzschmar, jede Zeichnung immer auch abstrakte Qualitäten haben. Die Kollegen hätten das oft nicht verstanden. Sie schüttelten hausbacken die Köpfe und spöttelten, er habe „wohl wieder mit dem Teerbesen gezeichnet“.

Der Ruhestand ist kaum in Sicht. Die Veränderungen vor 20 Jahren, sagt Harald Kretzschmar, hätten ihm neuen Schwung gegeben. Er habe viel nachgedacht, ausgestellt, Bücher wie „Paradies der Begegnungen“, sein Buch über Kleinmachnow, herausgegeben und „viele schrecklich kluge Sachen geschrieben“. Er müsse das aufschreiben, sagt er. Nach seinem Tod sollen andere sehen, was sie daraus machen.

Bis dahin scheint es noch lange hin. Der Jubilar sprüht nur so von Lebenslust. Listig kommentiert er den heutigen Tag: „Ich muss damit rechnen, dass jemand gratulieren kommt.“ Das könnte stimmen.

„In bester Wegwerfgesellschaft“. Sammlung Museum für Humor und Satire. Nonnengasse 3, Luckau.
Bis 30. Juni.

Zuerst veröffentlicht in Märkische Allgemeine vom 23. Mai 2011

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