MARTIN STEFKE

27. April 2011

ZEIT ZUM STERBEN

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG, KUNST — Martin Stefke @ 23:22

In Frankfurt (Oder) sind Totentänze aus fünf Jahrhunderten zu sehen

FRANKFURT (ODER) | Vorn, gleich hinter der schweren Tür der Rathaushalle, am Anfang der vom Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder) organisierten „Totentanz“-Ausstellung, hängen zwei kluge Gedanken. Der eine, aus dem Jahr 1914, stammt von Max Scheler. In seiner Schrift „Die Zukunft des Kapitalismus“ nennt der Philosoph und Soziologe „den Sturz in den Strudel der Geschäfte“ eine „fragwürdige Medizin“. Sie bewirke, so Scheler, beim modernen Menschen „die Illusion eines endlosen Fortganges des Lebens“. Das andere Zitat ist poetischer – und doch auch sachlicher Natur. „Früher wusste man“, schrieb Rainer Maria Rilke vor gut 100 Jahren in den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, „dass man den Tod in sich hatte, wie eine Frucht den Kern“.

Wohl wahr. Unseren Vorfahren ist das Zum-Leben-Gehören des Todes gegenwärtiger gewesen als uns. Und das gewiss nicht nur in Zeiten von Krieg oder Pest. Kein Wunder, dass die Überlebenden bereit waren, an göttliche Mächte zu glauben. Oder auch an den personifizierten Tod, einen knochenklappernden Sensenmann, der den Menschen, wenn seine Zeit gekommen war, abholen würde.

Hans Holbein der Jüngere zeigte, dass dieses Schicksal vor niemandem halt macht. Wenn es ans Sterben geht, so malte es der Künstler zwischen 1538 und 1541 an die Friedhofsmauer in Basel, gibt es kein Zurück, dann sind alle gleich. Nichts hilft mehr: kein Amt, keine Stellung, kein Geld. In Frankfurt ist das auf Radierungen zu sehen, die Johann Jakob und Johann Conrad von Mechel 1796 nach den Holzschnitten des Meisters stachen: 33 Blätter zeigen kirchliche und weltliche Herrscher, Männer und Frauen, aber auch Bettler, Adam und Eva, ganze Berufsgruppen. Dem Kaufmann nützte sein Reichtum nichts, als der Tod ihn mit den Worten „Herr Kauffmann, lasset euer Werben,/ die Zeit ist hie ihr müssen sterben“ aus seinem schaffenden Leben riss.

Das Blatt ist nur eines von 264 Werken einer Schau, die man nicht versäumen sollte. Denn wieder einmal zeigt Museumsdirektorin Brigitte Rieger-Jähner, welch anspruchsvolle Ausstellungen sie trotz widriger Bedingungen auszurichten vermag. Kaum für möglich halten möchte man da die Gedankenspiele von der Abwicklung des Museums, die Ende 2010 in der Stadt aufgekommen waren, um etwas Geld zu sparen. Das Gegenteil wäre nötig: Mehr Mittel und Personal, damit das Haus – mit dem stellvertretenden Direktor Armin Hauer ist es gerade einmal ein Zwei-Stellen-Unternehmen – auch überregional auf sich aufmerksam machen kann.

Doch zurück in die Rathaushalle, wo man von Dürer bis Droste, von Hogarth bis Dix, von Dalí, Grieshaber oder Christo sehen kann, was in den Ateliers und Druckwerkstätten über Jahrhunderte hinweg zum Thema gefertigt wurde. Gesammelt hat das alles der Bamberger Händler Richard H. Mayer. Am Beginn stehen drei meisterlich hingeworfene Lithografien Pablo Picassos vom 6. März 1961: „Der Stierkampf“. Es folgen „Tauromachie surréaliste“, sieben Radierungen Salvatore Dalís von 1972. In der für ihn typischen Bildsprache lässt Dalí brennende Giraffen, fließende Uhren und Körper mit Schubladen in die Stierkampfarena ein. In der Nähe finden wir die Bronze „Gänsehals“ des gelernten Bildhauers und Literaturnobelpreisträgers Günter Grass. Neben Horst Jansens „Tote Maus“ hängt „Tote Hirsche“ von Joseph Beuys, ein ebenfalls berührendes Blatt.

Ernst Barlach ist mit drei Lithografien vertreten. So „Erst Sieg, dann Friede“ oder „Aus einem neuzeitlichen Totentanz“, ein Blatt, auf dem ein Mann den Tod mit einem riesigem Hammer erschlägt. In Carl Olof Petersens „Das Expeditionsheer“ sehen wir wahre Todesfahrten: Zwei Geistergestalten staken große Boote über ein Meer. Ernst Fuchs”””” expressionistische Holzschnitte, Paul Wunderlichs sechsfarbige Heliogravüren, zehn Radierungen aus Goyas Zyklus „Desastre de la guerre“, William Hogarth, Alfred Rethel, Marc Chagall, Lovis Corinth, Alfred Kubin, Max Klinger – die Liste berühmter Künstler ist lang. Atemberaubend das kleine Ölbild „Aus der Anatomie“, 1885 von Albert von Keller gemalt, die Ansicht einer liegenden Frauenleiche. Am Ende – imposant, allein schon seiner Größe wegen – HAP Grieshabers „Totentanz zu Basel“. Wie gesagt: Man sollte das sehen.

„Totentanz. Bilder und Objekte aus der Sammlung Richard H. Mayer, Bamberg“: Museum Junge Kunst, Rathaushalle, Marktplatz 1, Frankfurt (Oder). Di-So 11-17 Uhr. Bis 15. Mai.

Zuerst veröffentlicht in Märkische Allgemeine vom 27. April 2011.

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