MARTIN STEFKE

3. August 2011

Netzeband ertrinkt

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 15:57

Premiere der Grabbe-Komödie beim Theatersommer fällt ins Wasser

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NETZEBAND | Nach fünf Minuten denkt der Kritiker noch: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung. Sucht die Schuld noch eine Weile bei sich selbst. Fragt sich, ob die übrigen Premierenbesucher von Christian Dietrich Grabbes Komödie „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ beim Theatersommer Netzeband (Ostprignitz-Ruppin) vielleicht doch besser auf das Wetter eingestellt sind.
In langen Plastikcapes sitzt ein knappes Hundert Aufrichtige artig unter Schirmen im Netzebander Gutspark. Der trieft vor Nässe. Und der Regen prasselt auf die ganze Welt. Frank Matthus aber, der künstlerische Leiter des Theatersommers, hat soeben – es ist halb neun – die Parole für den Abend ausgegeben. Sie heißt: „Wir ziehen das durch.“ Keine Regenvariante in der Kirche also, sondern Freilufttheater. Zuvor sagt er unter dem Beifall der Gäste: „Wir haben von Ihnen gelernt. Sie wollen das so.“
Nun gut, das Publikum ist König. Und der Kritiker hat ja auch einen Schirm dabei. Seine Jacke ist absolut wasserdicht und die Decke auf den Knien hält das Nass ja auch noch eine Weile ab.
Tatsächlich fühlen sich die Beine nach zehn Minuten noch immer trocken an. Die Gedanken aber sind schon lange nicht mehr beim Stück und den Figuren – beim versoffenen Schulmeister, dem frierenden Teufel und Gottliebchen, einem drögen Bauernjungen, der, weil er „die Würmer hat“, ein Gelehrter werden soll. Das Hirn schlägt sich mit anderen Fragen herum. Die erste: Muss man bei Dauerregen wirklich draußen spielen? Die zweite: Werden die rund zwanzig Darsteller diese Regenschlacht gesund überstehen?
Senkrecht fällt das Wasser aus dem tief hängenden Himmel auf die märkische Erde, weicht sie auf und lässt den Rasen zu einer gefährlich-glitschigen Spielfläche werden. Auf der Tribüne stürzen leere Kunststoffstühle wie Dominosteine um. In der ersten Reihe ruft jemand: „Hebt doch die Frau mal auf!“ Die Darstellerin Ines Lammer (als Teufel) liegt schon seit einigen Minuten im Schlamm.
Doch das Spiel geht weiter. Die Naturhistoriker laufen herbei, um den „verwickelten Kasus“ zu bestaunen. „Wie man deutlich sieht, erfroren!“ raunen sie und beugen sich über die Gestalt. Es folgt im Text der krasse Gegensatz zur Sintflut-Szenerie: „Die Sonne steht flammend am Himmel“. Netzeband ertrinkt.
Man kann Frank Matthus ja verstehen. Wochenlang haben er, seine Akteure und Sprecher – die Dialoge kommen, das ist Netzebander Park-Prinzip, als Stimmen vom Band – auf den Premierenabend hingearbeitet. Theater in Netzeband lebt von der Atmosphäre im Park, vom satten Grün und dem sanft zur Temnitzkirche hin ansteigenden Hang. Diese Kulisse passt wunderbar zu Grabbes szenischer Selbstverulkung aus dem Jahr 1822. Und selbst im strömenden Regen geht von den Figuren, die in den expressiven Masken der Schweizerin Johanna Maria Burkhart dem Wetter trotzen, ein eigentümlicher Zauber aus.
Doch der Regen spült an diesem Abend jegliche Faszination hinweg. Ein Kurzschluss lässt die Beleuchtungsanlage kapitulieren. Als das Licht wieder angeht, platzt krachend ein Scheinwerfer, steigt eine Dampfwolke auf.
Nach einer halben Stunde ist Schluss. Ensemble und Publikum suchen in der Kirche Schutz. Die Darsteller sind durchgefroren, ihre Kostüme so nass, dass sie nicht weiterspielen können. Doch als Frank Matthus aufs Podest vor der Kanzel steigt, begrüßt das Publikum ihn mit Applaus. Der Regisseur bittet um Entschuldigung und versichert, die Karten behielten für kommende Vorstellungen ihre Gültigkeit. Dann spendiert er für jeden ein Getränk. Am Tag darauf lässt er in der Kirche spielen. Selbst wenn man es gut meint, man kann das Wetter nicht bezwingen.

„Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“. Bis 27. August, jeweils Fr und Sa 20.30 Uhr, Gutspark Netzeband. Karten unter 03 39 24/799 36. www.theatersommer-netzeband.de

Zuerst erschienen in: Märkische Allgemeine vom 1. August 2011

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