MARTIN STEFKE

2. August 2011

THEATER: Hop heisa, bei Regen und bei Wind

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 22:01

„Was ihr wollt“ – das Potsdamer Poetenpack trotzt mit pointiertem Shakespeare dem Wetter

Poetenpack Potsdam Szene aus "Was ihr wollt"

POTSDAM | Kaum zu glauben, dass aus der Aufführung der Shakespeare-Komödie „Was ihr wollt“ am Donnerstagabend auf dem Klausberg doch noch eine gefeierte Potsdam-Premiere werden konnte. Zwar war es in der Landeshauptstadt lange trocken geblieben, am Nachmittag aber ertrank die Welt im Regen. Doch Andreas Hueck, Chef des Poetenpacks, hielt entschieden Kurs: „Wir werden wahrscheinlich unterbrechen müssen, aber: Wir spielen!“
Eine gute Entscheidung. Denn schließlich spielte selbst das Wetter mit. Als Anja Reßmer in der Doppelrolle der Zwillinge Sebastian und Viola nach knapp drei Stunden die Verwechslungsgeschichte mit einer Drehung ihres Körpers auflöst, sind Regen und Kälte zwar noch nicht vergessen, doch längst Nebensache. Das Publikum, mit Sitzkissen und Capes, Mützen und Decken bestens ausgestattet, lässt sich das Theater nicht vermiesen, und sie werden durch das Spiel entschädigt. Regisseur Carl-Hermann Risse und das Ensemble erzählen das Stück ideen- und meist auch temporeich. Dabei setzen sie auf das Wesentliche – das genaue Spiel, den Wortwitz sowie die Komik, die aus dem Ineinandergreifen von Verwechslungen und der Ernsthaftigkeit der Figuren entsteht.
Die Nordfront des Belvedere gibt eine treffliche Kulisse ab. Die geschwungenen Treppen fassen die Bühne ein und bieten selbst Spielfläche. Wegen der Nässe ist allerdings Vorsicht angebracht. Lars Wild gibt den Herzog Orsino als weltgewandten Melancholiker. Blitzschnell wechselt er in die Rolle des schrillen Junkers Bleichenwang – rasend komisch, vorwitzig, albern. Der Schauspieler kreist in „Hüpf-Pirouetten“ um die Szene und parliert arglos-naiv im schönsten Schwyzerdütsch. Selten war Dialekt so passend wie hier. Tim Knappers Tobias Rülp ist ein derber und doch herzensguter Haudegen und Saufbold. Er treibt die grandiose Intrige gegen Malvolio, den Haushofmeister der Gräfin Olivia, wunderbar an. Thea Schnering steht als Schiffshauptmann Antonio treu Sebastian zur Seite, als Dienstmädchen Maria begleitet sie Gräfin Olivia. Wenn Malvolio auf den gefälschten Liebesbrief hereingefallen ist – Peer Göring bringt das Publikum zum Kreischen –, legt auch Schnering danach eine fulminante Lachnummer hin.
Gislén Engelmann spielt die trauernde Olivia. Schön ist, wie sie dieser Frau zwischen Sehnsucht nach Jugend und Liebesentsagung eine Geschichte gibt. Bevor die Leidenschaft siegt, spricht lange Zeit Zweifel aus ihrer Haltung gegenüber der Welt. Eine Position, die auch Wolfgang Heiderichs Narr bekannt ist. Heiderich spielt einen ungemein weisen Alten. Aus Gelassenheit und Wissen findet er seinen Witz. Die Welt ist für ihn ein Irrenhaus.
Bis schließlich eine Drehung das Verwirrspiel beendet. Anja Reßmer schraubt sich als Sebastian einmal um die eigene Achse. Die Mütze fliegt vom Kopf. Die Haare öffnen sich, fallen ihr wehend auf den Rücken. Aus Sebastian wird das Mädchen Olivia. Der Weg ist offen zum Finale im Theaterglück. Und der Narr singt sein „Hop heisa, bei Regen und bei Wind“.

Nächste Aufführungen: heute und am 28., 29. und 30. Juli, jeweils 20 Uhr, Belvedere auf dem Klausberg, Maulbeerallee, Potsdam-Sanssouci. Karten unter . 0331/979 12 91 oder www.poetenpack.net

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