MARTIN STEFKE

24. Dezember 2010

MEHR ALS SCHÖNER SCHEIN

Abgelegt unter: ALLGEMEIN — Martin Stefke @ 19:41

Schnitzaltar mit Mondsichelmadonna, um 1470 Foto: Martin Stefke

Schnitzaltar mit Mondsichelmadonna, um 1470 Foto: Martin Stefke

In Pechüle und anderswo

Glockenläuten, ein verschneiter Kirchhof, Lichterglanz von Sternen und Kerzen. Christen können die Vorstellung als Fest der Harmonie und Liebe auch skeptisch sehen.

„Es gibt viele Missverständnisse“, hat Pfarrer Bernhard Hoppe schon am Telefon gesagt. Jetzt sucht der 40-Jährige, der vor zwei Jahren die Pfarrstelle in Pechüle, einem Bauerndorf bei Treuenbrietzen im Landkreis Potsdam-Mittelmark, angetreten hat, sein Unbehagen zu erklären. „Wir wollen nicht, dass die Weihnachtsbotschaft vergessen wird.“ Die Erfahrung der letzten Jahre, so Hoppe, zeige ja, dass immer weniger Menschen noch wüssten, was der Kern von Weihnachten eigentlich sei. Das führe zu diesen Missverständnissen. Heute stünden Kinder auf dem Weihnachtsmarkt vor der Darstellung des Stalls von Bethlehem und fragten: „Du Papa, was soll denn die Puppe in der Kiste da?“

Sicher, man muss solch – zumal noch kindliches – Fragen nicht verallgemeinern. Doch mal ehrlich. Wer kennt sich wirklich aus mit den Symbolen in und an einem Kirchengebäude? Wer kennt die Attribute der Heiligen oder gar ihre Legenden? Wer weiß, dass die Fischform der Klinken am Friedhofstor in Pechüle auf Geheimzeichen der Christen im antiken Rom zurückgeht? Es gibt viele Beispiele für das schwindende Bewusstsein um christliche Traditionen. Vor ein paar Tagen hat der Pfarrer in einem Kindergarten die Weihnachtsgeschichte erzählt. Und selbst wenn die Kinder dort, wie Bernhard Hoppe sagt, gut Bescheid wussten, er habe da ein Buch aufgeschlagen, in dem „das Christkind und der Weihnachtsmann im Stil einer wissenschaftlichen Abhandlung neutral nebeneinander behandelt“ worden seien. „Nach dem Motto: Der Weihnachtsmann ist eine Figur, die zum Fest Geschenke bringt. Und dann gibt es auch noch das Christkind.“

Als Christ und Pfarrer finde er das befremdlich, sagt Hoppe. „Das Christkind ist doch der zentrale Inhalt des Weihnachtsfestes.“ Dieses Grundwissen fehle heute meist. „Die Leute suchen überall Liebe, Liebe im Sinne von Harmonie. Sie wünschen sich Weihnachten als den einen Tag im Jahr, an dem eine festliche, schöne Stimmung herrscht.“

Diesen Wunsch will der Pfarrer niemandem nehmen. Das Glockenläuten, das weiß er selbst genau, dazu Schneefall und der Gang zum Gotteshaus – das sind auch Kindheitserinnerungen, und die Sehnsucht nach Harmonie ist etwas zutiefst Menschliches. „Aber es birgt eben die Gefahr“, meint er, „nicht zum Eigentlichen zu gelangen.“

Hoppe ist keiner dieser Kirchenmänner, die den allein am Heiligen Abend in die Kirche Kommenden, den sogenannten Weihnachtschristen, eine Standpaukenpredigt halten. Aber das macht das Problem nicht gerade leichter. Denn, wie geht ein Christ damit um? Wie spricht er von Gott und Gottes Sohn, dem ärmlichen Stall, in dem Jesus in eine geradezu disharmonische Welt hineingeboren wird? Wie von der Krippe und den Hirten, von Hoffnung, Demut und seinem Glauben, ohne Menschen, die allein das Romantische suchen, zu verprellen? Wie kommt man miteinander ins Gespräch?

Folklore wollen die Christen in Pechüle jedenfalls nicht betreiben. Ihr spätromanisches Gotteshaus in der Ortsmitte – ein wahres Kleinod, das ob der Ursprünglichkeit seines wuchtig-wehrhaften Baukörpers, den Gewölben, Mauern und der außerordentlich kunstfertigen Ausstattung ein Gefühl für das Mittelalter heraufbeschwört – soll nicht Kulisse sein. Hier soll ausgesprochen werden, worum es zu Weihnachten geht: „Um das Eigentliche – die frohe Botschaft von Christi Geburt und deren Verkündigung.“

Dass dies nicht einfach ist, weiß auch Andreas Bruns. Der 50-Jährige aus dem Nachbardorf Bardenitz ist Prädikant, ein ausgebildeter Laienprediger im Ehrenamt. Er wird in diesem Jahr in Pechüle die abendliche Christvesper halten. Seit Jahrzehnten engagiert sich der gelernte Tischler, der in Heiligendamm Design studiert hat und heute in Treuenbrietzen ein Küchenstudio betreibt, in der Kirche. Zu DDR-Zeiten auch aus Opposition zum Staat. Die Junge Gemeinde, später Besuche im nahen Wittenberg – „als Schorlemmer dort Schwerter zu Pflugscharen machte“, wie Andreas Bruns sagt – haben ihn geprägt. Auch das Ende des Staates, jene Zeit, als „die Kirchen voll waren. Aber das“, erinnert er sich, „war ja dann mit einem Schlag vorbei.“

Vielleicht habe die Kirche, so Bruns, ja selbst Fehler gemacht, indem sie sich zu sehr um Wirtschaftsstrukturen und Denkmalpflege gekümmert habe und zu wenig um die Seelsorge. Doch man könne sie auch nicht immer nur im Bedarfsfall anrufen. „Wie eine Versicherungsgesellschaft, die man braucht, wenn es einen großen Schaden gibt. Oder bei Anlässen der Freude: zu Trauungen und Taufen. Oder eben zu Weihnachten.“

Weg vom schönen Schein zum Kern – das wird wohl auch das Thema seiner Predigt sein. Von der vermeintlichen Romantik der verschneiten, stillen Weihnachtsnacht oder der Hochzeit, wie man sie aus Hollywood-Filmen kennt, zur Symbolik von Jesu Geburt. Notiert hat Bruns die Predigt noch nicht. Womit der Laienprediger übrigens nicht allein dasteht. Viele schreiben sie erst kurz vorher. Pfarrer Hoppe weiß das aus eigener Erfahrung. Gerade in der Vorweihnachtszeit gäbe es in den Gemeinden jede Menge zu tun. Vorbereitungen für das große Fest, Adventsfeiern, Proben für Krippenspiele, Jahresabschluss, Mittelabruf bei Amtskirche und Land für Gutachten und geplante Baumaßnahmen – da werde die Zeit stets knapp. In Pechüle sei das, sagt der Pfarrer, der zwölf Dörfer betreut, nicht anders und so komme man auch in diesem Sinne oft nicht mehr zu Grundlegendem – zu Besuchen und Gesprächen.

Vermutlich ist das ja überhaupt das Problem unserer Zeit: Nicht mehr das Eigentliche tun, stets gehetzt und getrieben sein. Auch Pfarrer, sagt Bernhard Hoppe, „sind heute oft im Stress. Durch den dramatischen Umbau der Kirchenstrukturen sind sie inzwischen mehr und mehr zu Managern geworden und laufen oft hinter Terminen und Fristen her“. Das Wort Manager hält er dann aber doch für einen zu geschäftsmäßigen Begriff. Der assoziiere, dass er Leute anstelle, bezahlte Arbeit verteile. Doch ohne Prädikanten und verlässliche Ehrenämtler wie Andreas Bruns oder die Gemeindekirchenratsvorsitzende Roswitha Briese aus Bardenitz wäre die Arbeit gar nicht zu bewältigen. Vermutlich bliebe ohne sie die Dorfkirche Pechüle, eine der schönsten Kirchen des Landkreises, ja der Mark, zu Weihnachten zwar nicht zu. Regelmäßige Gottesdienste mit Lichterglanz, Glockenläuten und der Verkündigung des Wortes wären hier jedoch kaum noch zu erleben.

Zu den weiteren unermüdlichen Helfern zählt auch Reinhard Walter. Seit nun schon bald 40 Jahren sorgen er und seine Frau sich nicht nur in der Weihnachtszeit um das Pechüler Gotteshaus. „Wir schließen auf, halten die Kirche sauber und kümmern uns um den täglichen Verkehr“, sagt der Rentner beim Kirchenrundgang mit märkischer Zurückhaltung. Bloß keine großen Worte. Pfarrer Hoppe verweist derweil auf ein ungewöhnliches Jesus-Bild an der Kanzel: „Jesus wird hier als Kind dargestellt, als Sieger über den Tod und die Sünde.“ Hoppe zeigt auf das Christkind, auf den am Boden liegenden Sensenmann, auf Schlange, den Apfel des Sündenfalls und die weiße Fahne mit dem roten Kreuz als Zeichen des Sieges. „Man könnte das auch auf Weihnachten beziehen“, sagt er dann, „obwohl Jesus hier ein Kind und kein Baby mehr ist.“

Vielleicht nimmt Bernhard Hoppe den Gedanken an diese Christusdarstellung ja einmal in seine Predigt auf – zu Weihnachten oder an einem anderen Hohen Tag im Kirchenjahr.

Pfarrer Reinhard Hoppe (l.) und der Hüter des Pechüler Kirchenschlüssels, Reinhard Walter

Pfarrer Reinhard Hoppe (l.) und der Hüter des Pechüler Kirchenschlüssels, Reinhard Walter

zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 24. Dezember 2010

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