MARTIN STEFKE

31. Dezember 2010

BROADWAY-FLAIR MIT LEICHTEM GRUSELEFFEKT

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 19:29

„Jeckyll & Hyde“ in Cottbus

COTTBUS | Der Beifall gibt dem Intendanten recht. Kein Wunder. Schließlich ist das Musical „Jekyll & Hyde“ des Komponisten Frank Wildhorn (aus dessen Feder der Whitney-Houston-Hit „Where Do Broken Hearts Go“ stammt), ein wahrer Broadway-Dauerbrenner gewesen. Sage und schreibe 1500-mal wurde es nach seiner Premiere 1997 in der wohl berühmtesten Theatermeile der Welt gespielt. Zuvor war die Show bereits sieben Jahre lang durch die USA getourt.

Selbstredend wurde die Adaption von Robert Louis Stevensons Novelle „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ (Buch und Liedtexte: Leslie Bricusse) auch hierzulande ein Riesenerfolg. Erst eroberte das Werk die privaten Musicalbühnen. Dann ließ es in manch seriösem Opernhaus die Kasse klingeln.

Nun hat Martin Schüler „Jekyll & Hyde“ in Cottbus inszeniert und eigens dafür mit Hilfe der Freunde und Förderer des Staatstheaters einen Synthesizer gekauft. Den braucht es auch, denn Wildhorns Musik ist satter Pop. Wuchtig bis weich fährt er aus dem Graben direkt in die Seele des Publikums, appelliert mit Eindringlichkeit und reichlich Süße ans Gemüt. Marc Niemann lässt das Philharmonische Orchester die Klänge süffig ausmalen. Breit schwelgen die Streicher. Üppig setzen Bläser und Pauken ein.

Mit Gundula Martins Bühnenbild aber – und den Kostümen von Nicole Lorenz – geht es zurück in die Stevenson-Zeit, die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts: Die Gesellschaft ist streng geteilt. Hier adrette Herren mit Zylinder, feine Damen mit Täschchen und farbenfrohen Roben, da viel mausgraues Volk.

Jekylls Labor ist ein trüber, geräumiger Arbeitsplatz mit Kolben, Kesseln und Reagenzgläsern, eine vom Experimentieren vernebelte Forschungsstätte. In sie tritt Rechtsanwalt Utterson, der Freund des ehrgeizigen Forschers, anfangs mit einiger Scheu. Andreas Jäpel kennt das Schicksal des Doktors zu diesem Zeitpunkt schon. Und so arbeitet sich sein Utterson langsam und schweigend voran, durch die im Licht wabernden Schwaden hin zum Bühnenvordergrund, wo er einen Revolver findet. Es ist jene Waffe, mit der er gegen Ende des Stückes den Freund von seinen Qualen und die Welt von einem Ungeheuer befreien wird. Nach dem bedeutungsschwangeren Start wird der „Fall Jekyll“ im Rückblick erzählt, als eine Geschichte von der Wahl zwischen dem rechten und dem falschen Weg. Zwei Varianten eröffnen sich dem Doktor nämlich: Soll er sich in die bürgerliche Gesellschaft einfügen, indem er den Job als angestellter Arzt ausübt und die Tochter seines Chefs, des Krankenhausdirektors Carew (Jörg Simon), heiratet? Oder kann er ein wahrer Entdecker und Forscher werden?

Heiko Walter spielt und singt Jekyll und Hyde und verwandelt sich vom netten Schwiegersohn über den faustischen Wissenschaftler in ein mordendes Monster. Als er die Kontrolle über sich selbst und seine Experimente verliert, kennt sein Alter Ego Mr. Hyde kein Halten mehr. Er rächt sich an der blasierten Mitwelt, weil diese seine Forschungen verlacht. Leider wirkt das auf der Bühne ein wenig – und wohl unfreiwillig – komisch. Strähnige Haare und verdrehte Augen genügen als Attribute des „Bösen“ kaum, um wirklich schauerlich zu sein. Und doch gelingt Heiko Walter ein Meisterstück – vor allem gesanglich schlägt er sich bravourös.

Nächste Vorstellung: 15. Januar, 19.30 Uhr. Staatstheater Cottbus, Großes Haus, Schillerplatz. Karten unter 0355/78242424.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 31. Dezember 2010

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