MARTIN STEFKE

3. Februar 2011

VOM ZAUBERGLÜCK DER LIEBE

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 22:06

In Cottbus inszeniert Martin Schüler Tschaikowskys „Eugen Onegin“

COTTBUS | Der romantischen Liebe gehört dieser Cottbuser Abend. Und – ohne Frage – den Sängerinnen und Sängern des Staatstheaters. Was sich der regieführende Intendant Martin Schüler und Ausstatterin Gundula Martin nämlich für die Inszenierung von Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“ ausgedacht haben, tritt angesichts der Sangeskunst des Ensembles schnell in den Hintergrund. Da fährt eine Glaswand, die zu Beginn der Oper den Blick aus dem Gutshaussalon auf ein Birkenwäldchen im Bühnenhintergrund freigibt, auf einmal in die Höhe, so dass sich Drinnen und Draußen unmotiviert vermischen. Da tanzt die Festgesellschaft an Tatjanas Namenstag kurzerhand in das Haus hinein, ballert der Dichter Lenski enthemmt in der guten Stube herum, bevor er im Duell von der Hand seines Freundes Onegin – gewissermaßen auf der Gutshausterrasse – sein Leben aushaucht, ohne dass es jemand merkt. Nein, ein solches Spiel ist dann doch zu ungenau.

Dafür überzeugt das Ensemble singend. Zwar muss Andreas Jäpel seinen Onegin von Anfang als durchweg unsympathischen Menschen präsentieren. Stimmlich indes darf der Sänger zeigen, was er kann. Matthias Bleidorn führt Lenski trefflich als ungestüm Liebenden vor. Marlene Lichtenberg (neu im Ensemble und ein Gewinn) ist eine lebenslustige Olga. Vor allem aber begeistert Anna Sommerfeld. Sie gibt Tatjana ganz als Träumerin.

Wo immer die Sommerfeld ist, schwingt tiefes, mädchenhaftes Wünschen und heftiges Sehnen mit. Wenn sie vom „Zauberglück der Liebe“ singt, spricht aus ihrem lichten Sopran all das Unglück, das der Komponist in die Partitur hinein geschrieben hat. Wundersam vereint sich diese Stimme da mit der von Generalmusikdirektor Evan Christ aus dem Graben geradezu hervorgepressten Leidenschaft der schwelgenden Streicher und klagenden Bläser. Schade nur, dass Tatjana nach der Briefszene durch die Birken rennen muss. Das hätte es – trotz all der ungestümen Liebe, die sie fühlen mag – doch nicht gebraucht.

Um neue Schmerzen kommt das Mädchen nicht herum: Wenn die Menge, von Schüler aufgesetzt heiter und in seinen Gesten und Scherzen stets allzu spannungsarm und mitunter gar platt arrangiert, um das Mädchen herumsteht und es begierig angafft, spricht Sommerfelds Gesicht Bände: „Verschwindet! Haut ab! Lasst mich mit meinem Leid allein!“ Ja, nichts kann dieses gute Kind jetzt aufmuntern. Auch die Kunststücke, mit denen der vagabundierende Franzose Triquet die Menge zu erheitern sucht, ringen ihr kein Lächeln ab. Dirk Kleinke entwickelt seine Partie aus dem famosen Widerspruch von samtweichem Tenor und der Wucht seiner imposanten Statur. Kleinke bezaubert wahrlich, ob er nun mit leiser Resignation das „Brillez, brillez toujours, belle Tatjana“ anstimmt oder einer verdutzen Anwesenden eine schier endlose Papierschlange aus dem staunenden Munde hervor zaubert.

Tatjana ist und bleibt ganz die an ihren unerfüllten Gefühlen Leidende. Denn Onegin erwidert ihre Leidenschaft nicht. Mehr noch: Er erklärt lässig, jede Liebe verfliege sowieso mit der Zeit.

Bereits nach zweieinhalb Stunden allerdings wird er es besser wissen. Da wandelt sich Jäpels Figur vom unsympathischen Spieler zum selbst wegen verschmähter Liebe Rasenden. Warum Tatjana ausgerechnet diesen Mann noch immer liebt, behält die Regie allerdings für sich. Am Ende dieses Abend nämlich scheint Onegin, als sie ihn nach Jahren wiedertrifft, ein Schatten seiner selbst. Die Hose wirft Falten. Das Jackett beult. Die Haare wirken strähnig. Vielleicht soll Sommerfeld ja gerade deshalb Leidenschaft für den letztlich am eigenen Hochmut Zerbrechenden zeigen.

Tatjana wehrt und windet sich, gesteht unter wahrlich körperlicher Qual noch einmal ihre Liebe – und bekennt sich doch zu ihrem Mann, dem Fürsten Gremin. Für ihn (Ingo Witzke) ist sie das wahre Glück. Das Publikum weiß, warum. Gerade wenn Anna Sommerfelds Tatjana singt.

Nächste Vorstellung am 12. Februar, 19.30 Uhr. Staatstheater/Großes Haus, Schillerplatz, Cottbus. Karten unter 0355/78242424.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 3. Februar 2011

17. Januar 2011

WENN SPANIENS BLÜTEN BLÜHEN

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 23:17

„My Fair Lady“ am Potsdamer Hans-Otto-Theater

POTSDAM | Es gibt Lieder, die kann man mitsingen, obwohl man ihren Text nie gelernt hat. Sie sind einfach so gut, dass sie sich in unser Ohr geschlichen haben. „Es grünt so grün“, „Bringt mich pünktlich zum Altar“, „Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht“ – das Musical „My Fair Lady“, das Alan Jay Lerner Mitte der 50er Jahre nach George Bernhard Shaws Theaterstück „Pygmalion“ zur eingängigen, aber nie langweiligen Musik von Frederick Loewe schrieb, enthält zahlreiche Schlager. Schon deshalb hätte die Aufführung, die jetzt im Potsdamer Hans-Otto-Theater zu erleben ist, eine ganz große werden können.

Auch wenn das Premierenpublikum am Sonnabend letztendlich eifrig Beifall spendete, wirklich Überraschendes fehlte der Inszenierung von Nico Rabenald dann doch. Besonders am Anfang des dreistündigen Abends scheint es, als habe der Regisseur das Bestreben nach Originalität und Spielwitz in jener Tonne versteckt, die da ganz vorn auf der von Katja Schröder entworfenen Bühne steht. Auf diesem Ungetüm aus Weißblech und mit Deckel lässt sich ganz wunderbar Lärm schlagen. Und genau das tut Alfred P. Doolittle, Vater der Blumenverkäuferin Eliza, deren wundersame Verwandlung von einem ungebildeten Mädchen in eine echte Dame uns das Stück vorführt, auch ausgiebig. Das heißt, Krach machen Alfred (Peter Pagel: ganz gebeugter, aber wortgewandter Vertreter des Prekariats) und seine Saufkumpane schon. Wunderbar ist der jedoch nicht. Nein, er wirkt fast ein wenig peinlich, ganz wie der Umstand, dass die drei in dem Behälter weitere Utensilien finden, mit denen sie rumoren können. Die Schauspieler vergessen dabei nämlich schlicht zu zeigen, ob der Fund überraschend kommt oder sie schon vorher wussten, was in der Tonne steckt.

Das mag nebensächlich scheinen, ist aber bezeichnend. Denn ausspielen können die Darsteller ihre Rollen selten. Wenn Franziska Melzer zum Beispiel als Eliza erstmals in einem eleganten Kostüm in die Öffentlichkeit tritt, bereitet ihr die ungewohnte Bekleidung seltsamerweise keinerlei Unbehagen. Melzer spielt, als trage sie schon immer enge Röcke (Kostüme: Sibylle Gädeke). Das Befremden über das neue Outfit kann die Schauspielerin dann zwar nachholen – kurz bevor sie zum festlichen Ball aufbricht, den Marita Erxleben nach der Pause als Walzer hinter einem transparenten Vorhang wie lichte Träumerei choreografiert, nestelt sie etwas an ihrem wahrlich bemerkenswerten Prinzessinnenkleid –, doch was wäre bei diesem Wandel vom Aschenputtel zur Prinzessin nicht alles an Schauspielkunst herauszuholen! Die Regie aber lässt das Ensemble das Stück oft geradewegs vom Blatt spielen. So gibt Bernd Geiling seinen Professor Henry Higgins konsequent als unsympathischen Menschen-, ja Frauenfeind. Am Ende scheint er wirklich noch immer zu glauben, das Mädchen werde zu ihm zurückkehren. Jon-Kaare Koppe wirkt als Oberst Pickering – mit ihm wettet Higgins, er werde Eliza, diese „fleischgewordene Beleidigung ihrer Muttersprache“, binnen sechs Monaten durch Sprechunterricht zu einer Lady machen –, trotz seiner Steifheit nicht immer komisch.

Wirklich schade aber ist, dass Franziska Melzer bei ihrem Lied „Wart’s nur ab, Mister Higgins“ unterbrochen wird. Während sie sich singend ausmalt – was doch genügen würde –, am Grobian Higgins werde ein von ihr verhängtes Todesurteil vollstreckt, sehen wir die Erschießung als Pantomime: Pickering streckt Higgins mit einem lautlosen Schuss nieder.

Dass dieses Musical nicht totzukriegen ist, bleibt dem sprühenden Witz der Geschichte zu danken – sowie so manchem großen Lied. Und dann ist da ja noch das Orchester. Aus dem Graben schmettert es unter Leitung von Ludger Nowak frisch und jazzig heraus. Man möchte fast mitsingen.

Nächste Vorstellungen: 21. und 22. Januar, 7., 19. und 25. Februar, jeweils 19.30 Uhr; 23. Januar, 15 Uhr sowie am 6. Februar, 15 Uhr. Hans-Otto-Theater, Schiffbauergasse, Potsdam. Karten unter 0331/98 118.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 17. Januar 2011

31. Dezember 2010

BROADWAY-FLAIR MIT LEICHTEM GRUSELEFFEKT

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 19:29

„Jeckyll & Hyde“ in Cottbus

COTTBUS | Der Beifall gibt dem Intendanten recht. Kein Wunder. Schließlich ist das Musical „Jekyll & Hyde“ des Komponisten Frank Wildhorn (aus dessen Feder der Whitney-Houston-Hit „Where Do Broken Hearts Go“ stammt), ein wahrer Broadway-Dauerbrenner gewesen. Sage und schreibe 1500-mal wurde es nach seiner Premiere 1997 in der wohl berühmtesten Theatermeile der Welt gespielt. Zuvor war die Show bereits sieben Jahre lang durch die USA getourt.

Selbstredend wurde die Adaption von Robert Louis Stevensons Novelle „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ (Buch und Liedtexte: Leslie Bricusse) auch hierzulande ein Riesenerfolg. Erst eroberte das Werk die privaten Musicalbühnen. Dann ließ es in manch seriösem Opernhaus die Kasse klingeln.

Nun hat Martin Schüler „Jekyll & Hyde“ in Cottbus inszeniert und eigens dafür mit Hilfe der Freunde und Förderer des Staatstheaters einen Synthesizer gekauft. Den braucht es auch, denn Wildhorns Musik ist satter Pop. Wuchtig bis weich fährt er aus dem Graben direkt in die Seele des Publikums, appelliert mit Eindringlichkeit und reichlich Süße ans Gemüt. Marc Niemann lässt das Philharmonische Orchester die Klänge süffig ausmalen. Breit schwelgen die Streicher. Üppig setzen Bläser und Pauken ein.

Mit Gundula Martins Bühnenbild aber – und den Kostümen von Nicole Lorenz – geht es zurück in die Stevenson-Zeit, die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts: Die Gesellschaft ist streng geteilt. Hier adrette Herren mit Zylinder, feine Damen mit Täschchen und farbenfrohen Roben, da viel mausgraues Volk.

Jekylls Labor ist ein trüber, geräumiger Arbeitsplatz mit Kolben, Kesseln und Reagenzgläsern, eine vom Experimentieren vernebelte Forschungsstätte. In sie tritt Rechtsanwalt Utterson, der Freund des ehrgeizigen Forschers, anfangs mit einiger Scheu. Andreas Jäpel kennt das Schicksal des Doktors zu diesem Zeitpunkt schon. Und so arbeitet sich sein Utterson langsam und schweigend voran, durch die im Licht wabernden Schwaden hin zum Bühnenvordergrund, wo er einen Revolver findet. Es ist jene Waffe, mit der er gegen Ende des Stückes den Freund von seinen Qualen und die Welt von einem Ungeheuer befreien wird. Nach dem bedeutungsschwangeren Start wird der „Fall Jekyll“ im Rückblick erzählt, als eine Geschichte von der Wahl zwischen dem rechten und dem falschen Weg. Zwei Varianten eröffnen sich dem Doktor nämlich: Soll er sich in die bürgerliche Gesellschaft einfügen, indem er den Job als angestellter Arzt ausübt und die Tochter seines Chefs, des Krankenhausdirektors Carew (Jörg Simon), heiratet? Oder kann er ein wahrer Entdecker und Forscher werden?

Heiko Walter spielt und singt Jekyll und Hyde und verwandelt sich vom netten Schwiegersohn über den faustischen Wissenschaftler in ein mordendes Monster. Als er die Kontrolle über sich selbst und seine Experimente verliert, kennt sein Alter Ego Mr. Hyde kein Halten mehr. Er rächt sich an der blasierten Mitwelt, weil diese seine Forschungen verlacht. Leider wirkt das auf der Bühne ein wenig – und wohl unfreiwillig – komisch. Strähnige Haare und verdrehte Augen genügen als Attribute des „Bösen“ kaum, um wirklich schauerlich zu sein. Und doch gelingt Heiko Walter ein Meisterstück – vor allem gesanglich schlägt er sich bravourös.

Nächste Vorstellung: 15. Januar, 19.30 Uhr. Staatstheater Cottbus, Großes Haus, Schillerplatz. Karten unter 0355/78242424.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 31. Dezember 2010

30. Dezember 2010

KLABAUTERMANN UND VAGABUND

Abgelegt unter: AUSSTELLUNG — Martin Stefke @ 19:00

Die Akademie der Künste erinnert an den märkischen Dichter Klabund

BERLIN | Sicher, er ist viel zu jung gestorben. Am frühen Tod aber liegt es wohl nicht, dass ihn kaum noch jemand kennt: Alfred Henschke alias Klabund, geboren am 4. November 1890 in Crossen, einem kleinen, märkischen Städtchen an der Oder, heute Krosno in Polen.

Er war einer der bekanntesten und wohl auch meistgelesenen Autoren seiner Zeit. Die Nationalsozialisten haben seine Bücher, seine Lyrik, die Chansons, Romane und Theaterstücke verboten. Sie löschten die Erinnerung an ihn und sein überbordendes Œuvre gründlich aus.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Klabunds Heimatstadt, „nebelhaft in Tau gebettet / An der Grenze Schlesiens und der Mark“, wie er in der „Ode an Crossen“ gedichtet hatte, dem Erdboden nahezu gleich gemacht. Mit ihr sein Grab auf dem Friedhof auf der Anhöhe über dem Fluss. Am 9. September 1928 hatte Gottfried Benn hier die Totenrede gehalten, erinnert an den jungen Freund, der am 14. August, im schweizerischen Davos an den Folgen einer Tuberkulose gestorben war.

Seit der Jugend hatte Alfred Henschke die Krankheit in sich getragen. Vielleicht schrieb er deshalb wie ein Besessener. Mit seinem ersten von sage und schreibe 76 Büchern, dem Lyrikband „Morgenrot! Klabund! Die Tage dämmern!“, und einigen erotischen wie „gotteslästerlichen“ Gedichten in Alfred Kerrs Zeitschrift „Pan“ war er 1913 auf einen Schlag bekannt geworden.

„Ich würde sterben, hätt ich nicht das Wort“, heißt es in einem seiner Gedichte. Mit diesem Vers hat die Akademie der Künste jetzt anlässlich seines 120. Geburtstages eine kleine, aber sehenswerte Ausstellung überschrieben und unter gleichem Titel einen Band der hauseigenen Publikationsreihe Archiv-Blätter veröffentlicht. Er enthält 273 Briefe aus den Jahren 1911 bis 1928 und dokumentiert so eindrucksvoll Klabunds Leben und Schaffen.

Dass diese Briefe noch existieren, kann man getrost ein Wunder nennen. Denn Klabunds Nachlass ist weitestgehend verschollen. „Oft hat mir der Wind die Blätter verweht, auf denen ich schrieb“, notierte der Dichter, der sein Pseudonym als Zusammensetzung von Klabautermann und Vagabund erklärte, bereits 1919 – schon damals während eines Kuraufenthalts in der Schweiz. Crossen und Frankfurt (Oder), München, Berlin, Breslau, Italien und immer wieder die Schweiz hießen die Stationen seines Lebens. Die seiner Liebe: vor allem Irene Heberle und Carola Neher.

Heberle und Henschke heiraten im Sommer 1918. Im gleichen Jahr stirbt das „liebe Mädchen“ nur wenige Tage nach der Geburt des gemeinsamen Kindes. Drei Monate später muss Klabund auch das Töchterlein begraben. Die Briefe an seine Schwiegereltern aus dieser Zeit sind bewegende Zeugnisse einer hingebungsvollen Liebe, tiefen Schmerzes und größter Offenheit. Der Familie Heberle ist es zu danken, dass sie erhalten blieben und den Weg in die Akademie der Künste gefunden haben.

Leider zeigt die Ausstellung keine Originaldokumente. Dennoch zieht auf den Dutzend Tafeln mit Reproduktionen von Texten und Fotos, Illustrationen, Buchtiteln, Theaterzetteln, Zeitungsartikeln und Briefen, die Martina Hanf und ihre Mitarbeiter aus den Archivalien herausgesucht haben, ein turbulentes Leben an uns vorüber. Es ist das Leben eines ungeheuer produktiven Literaten, dem die Freiheit alles, der gesellschaftliche Konsens dagegen wenig galt und der lange vor Brecht chinesische Lyrik und Theaterstücke bearbeitete. Zwei Jahrzehnte vor dessen Stück „Der Kaukasische Kreidekreis“ feierte Klabunds „Kreidekreis“ auf deutschen Bühnen Triumphe. Auch das sollte man so wenig vergessen, wie das Schicksal Carola Nehers. 1937 wird die Schauspielerin im Moskauer Exil verhaftet und nach Sibirien deportiert. Sie kehrt nie zurück.

Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Berlin-Mitte. Bis 9. Januar, täglich 10-22 Uhr.

Zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 30. Dezember 2010

24. Dezember 2010

MEHR ALS SCHÖNER SCHEIN

Abgelegt unter: ALLGEMEIN — Martin Stefke @ 19:41

Schnitzaltar mit Mondsichelmadonna, um 1470 Foto: Martin Stefke

Schnitzaltar mit Mondsichelmadonna, um 1470 Foto: Martin Stefke

In Pechüle und anderswo

Glockenläuten, ein verschneiter Kirchhof, Lichterglanz von Sternen und Kerzen. Christen können die Vorstellung als Fest der Harmonie und Liebe auch skeptisch sehen.

„Es gibt viele Missverständnisse“, hat Pfarrer Bernhard Hoppe schon am Telefon gesagt. Jetzt sucht der 40-Jährige, der vor zwei Jahren die Pfarrstelle in Pechüle, einem Bauerndorf bei Treuenbrietzen im Landkreis Potsdam-Mittelmark, angetreten hat, sein Unbehagen zu erklären. „Wir wollen nicht, dass die Weihnachtsbotschaft vergessen wird.“ Die Erfahrung der letzten Jahre, so Hoppe, zeige ja, dass immer weniger Menschen noch wüssten, was der Kern von Weihnachten eigentlich sei. Das führe zu diesen Missverständnissen. Heute stünden Kinder auf dem Weihnachtsmarkt vor der Darstellung des Stalls von Bethlehem und fragten: „Du Papa, was soll denn die Puppe in der Kiste da?“

Sicher, man muss solch – zumal noch kindliches – Fragen nicht verallgemeinern. Doch mal ehrlich. Wer kennt sich wirklich aus mit den Symbolen in und an einem Kirchengebäude? Wer kennt die Attribute der Heiligen oder gar ihre Legenden? Wer weiß, dass die Fischform der Klinken am Friedhofstor in Pechüle auf Geheimzeichen der Christen im antiken Rom zurückgeht? Es gibt viele Beispiele für das schwindende Bewusstsein um christliche Traditionen. Vor ein paar Tagen hat der Pfarrer in einem Kindergarten die Weihnachtsgeschichte erzählt. Und selbst wenn die Kinder dort, wie Bernhard Hoppe sagt, gut Bescheid wussten, er habe da ein Buch aufgeschlagen, in dem „das Christkind und der Weihnachtsmann im Stil einer wissenschaftlichen Abhandlung neutral nebeneinander behandelt“ worden seien. „Nach dem Motto: Der Weihnachtsmann ist eine Figur, die zum Fest Geschenke bringt. Und dann gibt es auch noch das Christkind.“

Als Christ und Pfarrer finde er das befremdlich, sagt Hoppe. „Das Christkind ist doch der zentrale Inhalt des Weihnachtsfestes.“ Dieses Grundwissen fehle heute meist. „Die Leute suchen überall Liebe, Liebe im Sinne von Harmonie. Sie wünschen sich Weihnachten als den einen Tag im Jahr, an dem eine festliche, schöne Stimmung herrscht.“

Diesen Wunsch will der Pfarrer niemandem nehmen. Das Glockenläuten, das weiß er selbst genau, dazu Schneefall und der Gang zum Gotteshaus – das sind auch Kindheitserinnerungen, und die Sehnsucht nach Harmonie ist etwas zutiefst Menschliches. „Aber es birgt eben die Gefahr“, meint er, „nicht zum Eigentlichen zu gelangen.“

Hoppe ist keiner dieser Kirchenmänner, die den allein am Heiligen Abend in die Kirche Kommenden, den sogenannten Weihnachtschristen, eine Standpaukenpredigt halten. Aber das macht das Problem nicht gerade leichter. Denn, wie geht ein Christ damit um? Wie spricht er von Gott und Gottes Sohn, dem ärmlichen Stall, in dem Jesus in eine geradezu disharmonische Welt hineingeboren wird? Wie von der Krippe und den Hirten, von Hoffnung, Demut und seinem Glauben, ohne Menschen, die allein das Romantische suchen, zu verprellen? Wie kommt man miteinander ins Gespräch?

Folklore wollen die Christen in Pechüle jedenfalls nicht betreiben. Ihr spätromanisches Gotteshaus in der Ortsmitte – ein wahres Kleinod, das ob der Ursprünglichkeit seines wuchtig-wehrhaften Baukörpers, den Gewölben, Mauern und der außerordentlich kunstfertigen Ausstattung ein Gefühl für das Mittelalter heraufbeschwört – soll nicht Kulisse sein. Hier soll ausgesprochen werden, worum es zu Weihnachten geht: „Um das Eigentliche – die frohe Botschaft von Christi Geburt und deren Verkündigung.“

Dass dies nicht einfach ist, weiß auch Andreas Bruns. Der 50-Jährige aus dem Nachbardorf Bardenitz ist Prädikant, ein ausgebildeter Laienprediger im Ehrenamt. Er wird in diesem Jahr in Pechüle die abendliche Christvesper halten. Seit Jahrzehnten engagiert sich der gelernte Tischler, der in Heiligendamm Design studiert hat und heute in Treuenbrietzen ein Küchenstudio betreibt, in der Kirche. Zu DDR-Zeiten auch aus Opposition zum Staat. Die Junge Gemeinde, später Besuche im nahen Wittenberg – „als Schorlemmer dort Schwerter zu Pflugscharen machte“, wie Andreas Bruns sagt – haben ihn geprägt. Auch das Ende des Staates, jene Zeit, als „die Kirchen voll waren. Aber das“, erinnert er sich, „war ja dann mit einem Schlag vorbei.“

Vielleicht habe die Kirche, so Bruns, ja selbst Fehler gemacht, indem sie sich zu sehr um Wirtschaftsstrukturen und Denkmalpflege gekümmert habe und zu wenig um die Seelsorge. Doch man könne sie auch nicht immer nur im Bedarfsfall anrufen. „Wie eine Versicherungsgesellschaft, die man braucht, wenn es einen großen Schaden gibt. Oder bei Anlässen der Freude: zu Trauungen und Taufen. Oder eben zu Weihnachten.“

Weg vom schönen Schein zum Kern – das wird wohl auch das Thema seiner Predigt sein. Von der vermeintlichen Romantik der verschneiten, stillen Weihnachtsnacht oder der Hochzeit, wie man sie aus Hollywood-Filmen kennt, zur Symbolik von Jesu Geburt. Notiert hat Bruns die Predigt noch nicht. Womit der Laienprediger übrigens nicht allein dasteht. Viele schreiben sie erst kurz vorher. Pfarrer Hoppe weiß das aus eigener Erfahrung. Gerade in der Vorweihnachtszeit gäbe es in den Gemeinden jede Menge zu tun. Vorbereitungen für das große Fest, Adventsfeiern, Proben für Krippenspiele, Jahresabschluss, Mittelabruf bei Amtskirche und Land für Gutachten und geplante Baumaßnahmen – da werde die Zeit stets knapp. In Pechüle sei das, sagt der Pfarrer, der zwölf Dörfer betreut, nicht anders und so komme man auch in diesem Sinne oft nicht mehr zu Grundlegendem – zu Besuchen und Gesprächen.

Vermutlich ist das ja überhaupt das Problem unserer Zeit: Nicht mehr das Eigentliche tun, stets gehetzt und getrieben sein. Auch Pfarrer, sagt Bernhard Hoppe, „sind heute oft im Stress. Durch den dramatischen Umbau der Kirchenstrukturen sind sie inzwischen mehr und mehr zu Managern geworden und laufen oft hinter Terminen und Fristen her“. Das Wort Manager hält er dann aber doch für einen zu geschäftsmäßigen Begriff. Der assoziiere, dass er Leute anstelle, bezahlte Arbeit verteile. Doch ohne Prädikanten und verlässliche Ehrenämtler wie Andreas Bruns oder die Gemeindekirchenratsvorsitzende Roswitha Briese aus Bardenitz wäre die Arbeit gar nicht zu bewältigen. Vermutlich bliebe ohne sie die Dorfkirche Pechüle, eine der schönsten Kirchen des Landkreises, ja der Mark, zu Weihnachten zwar nicht zu. Regelmäßige Gottesdienste mit Lichterglanz, Glockenläuten und der Verkündigung des Wortes wären hier jedoch kaum noch zu erleben.

Zu den weiteren unermüdlichen Helfern zählt auch Reinhard Walter. Seit nun schon bald 40 Jahren sorgen er und seine Frau sich nicht nur in der Weihnachtszeit um das Pechüler Gotteshaus. „Wir schließen auf, halten die Kirche sauber und kümmern uns um den täglichen Verkehr“, sagt der Rentner beim Kirchenrundgang mit märkischer Zurückhaltung. Bloß keine großen Worte. Pfarrer Hoppe verweist derweil auf ein ungewöhnliches Jesus-Bild an der Kanzel: „Jesus wird hier als Kind dargestellt, als Sieger über den Tod und die Sünde.“ Hoppe zeigt auf das Christkind, auf den am Boden liegenden Sensenmann, auf Schlange, den Apfel des Sündenfalls und die weiße Fahne mit dem roten Kreuz als Zeichen des Sieges. „Man könnte das auch auf Weihnachten beziehen“, sagt er dann, „obwohl Jesus hier ein Kind und kein Baby mehr ist.“

Vielleicht nimmt Bernhard Hoppe den Gedanken an diese Christusdarstellung ja einmal in seine Predigt auf – zu Weihnachten oder an einem anderen Hohen Tag im Kirchenjahr.

Pfarrer Reinhard Hoppe (l.) und der Hüter des Pechüler Kirchenschlüssels, Reinhard Walter

Pfarrer Reinhard Hoppe (l.) und der Hüter des Pechüler Kirchenschlüssels, Reinhard Walter

zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 24. Dezember 2010

13. November 2010

DAS LEBEN DER ANDEREN

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 21:17

„Der Lebkuchenmann“ in Senftenberg

SENFTENBERG | Lachende Gesichter, strahlende Kinderaugen – auch die Darsteller in der Senftenberger Version von David Woods Erfolgsstück „Der Lebkuchenmann“ sind sichtlich erfreut über die jüngste Premiere an der Neuen Bühne. Ja, die Begeisterung der kleinen Zuschauer treibt ihr turbulentes Spiel noch weiter an. Manchmal scheinen sie die lautstarken Zwischenrufe, das anteilnehmende Kreischen, das Mitsingen und Klatschen zu verblüffen. Die Geschichte vom Lebkuchenmann, der zum Retter des kranken Herrn von Kuckuck wird, kommt an.

Wie die geht? Immer hat der Kuckuck in seiner Uhr gewissenhaft und pünktlich die Zeit ausgerufen. Nun aber hat es ihn erwischt: Seine Stimme kratzt wie ein Reibeisen. Die zwölf Rufe zur Mitternacht bringt Roland Kurzweg nur mit Mühe heraus, weil er einen Frosch im Halse hat. Sein Kuckuck quakt deshalb ja auch – und bekommt es mit der Angst. Denn wie die anderen Küchenbewohner fürchtet er, dass es ihm an den Kragen gehen könnte. „Ruhen Sie sich mal aus“, rät der Herr Salz: Benjamin Schaup spielt ihn als liebenswerten Seebären im Matrosenrock, der in einem bunten Pappkarton steckt, aus dem es leise rieselt. Doch nicht einmal sein plattdeutscher Akzent kann den Vogel noch beruhigen. Auch, weil ihm das rassige Fräulein Pfeffer (Hanka Mark) eine düstere Zukunft vorhersagt. „Was machen denn die Großen, wenn etwas nicht mehr funktioniert“, fragt sie süffisant und wedelt sich mit einem Fächer Kühle zu: „Sie werfen es in den Mülleimer.“ Und was da einmal drin ist, wurde auf dem Küchenregal nie mehr gesehen.

Auf einem Regal spielt die von Johannes Zametzer turbulent und ideenreich inszenierte Geschichte nämlich. Und das ist – neben der Tatsache, dass das Fräulein Pfeffer und der Herr Salz ihren Freund, den Kuckuck, retten wollen und dabei auf allerlei Hindernisse stoßen – eine schöne Idee. Diese kostet Ausstatterin Maria Frenzel lustvoll aus. Zwei Etagen hat sie auf die Rampe gebaut. Unten stehen Teller, Radio, Tasse und Espressokanne, oben ein bauchiger Teepott, Honig, eine Dose mit Kräutern. Hinter den Tellern gibt’s außerdem ein Mauseloch. Denn wie in jeder richtig guten Geschichte muss die Spannung steigen. Das passiert, weil die Maus Flitch alias „Gamasche“ einen weiteren Helfer – den frisch gebackenen und zum Leben erweckten Lebkuchenmann – fressen will. Friedrich Rößiger steppt im Nadelstreifenanzug mit rosa Mauseohren zur durch die Stile tanzenden Musik von Sebastian Undisz. Lutz Schneider grantelt als alter Teebeutel trefflich herum – und hilft dem Kuckuck am Ende zu alter Stimmkraft zurück. Wie, wird nicht verraten.

Inga Wolff lässt sich als Lebkuchenmann von allen Hindernissen nicht beirren. Wie ein Stehaufmännchen wirbelt sie herzensgut durch die Regalwelt. So wird die Aufführung zum Fest für die Kinder. An der Garderobe rief ein Junge laut: „Den Tag vergess ich nie.“ Recht hat er.

Nächste Vorstellungen am 14. November, 16 Uhr; 12. Dezember, 17 Uhr; 13.-16. Dezember, 11 Uhr, 19. Dezember, 16 Uhr. Neue Bühne, Theaterpassage 1, Senftenberg. Karten unter 03573/801286.

Zuerst veröffentlicht in der Märkischen Allgemeinen am 13. November 2010

10. November 2010

PROTESTKULTUR

Abgelegt unter: ROCK — Martin Stefke @ 21:00

Wulff ließ Lindenberg den Vortritt

Udo Lindenberg und Bundespräsident Christian Wulff in Neuhardenberg Foto: Martin Stefke

Udo Lindenberg und Bundespräsident Christian Wulff in Neuhardenberg Foto: Martin Stefke

NEUHARDENBERG | Was war denn das? Ausgerechnet dem Deutschrocker Udo Lindenberg räumte am Montagabend – am Vorabend des 20. Jahrestages des Mauerfalls also – der erste Mann im Staate, Bundespräsident Christian Wulff, die Bühne. „Keine Panik“, hatte der CDU-Politiker die rund 350 geladenen Gäste und Journalisten in der Schinkel-Kirche Neuhardenberg (Märkisch-Oderland) beruhigt: Er werde hier nicht singen.

Und stimmte doch ein kurzes Hohelied auf den 64-jährigen Panik-Rocker an, würdigte schnell Lindenbergs Verdienste um die deutsche Einheit, um dann neben dem Präsidenten des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes Herbert Hassis amüsiert dem anderthalbstündigen Konzert zu lauschen. Lindenberg freute sich derweil erst einmal über die neue Protestkultur im Lande. Er lobte sie als „hohe Qualität unserer Demokratie“ und stellte fest, dass es viel besser sei, wenn sich „die Bürger – vom Kleinkind bis zu den heißen Greisen – einmischen“ und nicht nur alle vier Jahre ein Kreuzchen machen“. In Anspielung auf die ausstehende Unterschrift unter den Vertrag für die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke gab er „dem Panikexperten Christian“ den Tipp, „doch vielleicht einen kleinen Gichtanfall zu bekommen“ und so das Gesetz noch zu verhindern.

Nach „Cello“ sang die „Nachtigall“ dann so manchen Hit für die „bunte Republik“ – mit Celina Bostic und Nathalie Dorra bewegende Duette wie „Summertime“, „Was hat die Zeit mit uns gemacht“ und „Mädchen aus Ostberlin“. Leider fehlten für die wirklich ganz große Stimmung diesmal die Drums des Panikorchesters. Dafür aber hatte Lindenberg Anna Loos und Silly mitgebracht. Vielleicht ja als ein Vorgeschmack auf die „Panik Akademie“. Sie wird im kommenden Jahr in Neuhardenberg ihre Arbeit aufnehmen. Workshops für Musiker und Konzerte mit Bands aus Osteuropa stehen da auf dem Programm. „Wir müssen uns noch besser kennenlernen“, sagte Lindenberg. „Und“, fügte er schmunzelnd hinzu, „die Gegend hier beleben.“

Zuerst veröffentlicht in der Märkischen Allgemeinen am 10. November 2010

22. September 2010

GEFÄLLIGER WAHNSINN

Abgelegt unter: THEATER — Martin Stefke @ 00:51

Bernd Mottl inszeniert Goethes „Egmont“ am Cottbuser Staatstheater als flotten Historienstreifen

COTTBUS | „Egmont“ als Schnelldurchlauf, als Feuerwerk – die Premiere des Stückes von Johann Wolfgang von Goethe ging rasant, effektvoll, manchmal lärmig und grell-plakativ über die Bühne des Staatstheaters Cottbus.

„Gefälliger Wahnsinn“, kommentiert Graf Egmont (Amadeus Gollner) das Geschehen kurz vor Ende des Stückes. Er meint das, was Egmonts Widersacher Herzog von Alba (Kai Börner) mit ihm veranstaltet hat. Denn Egmont sitzt zu diesem Zeitpunkt in Albas Gefängnis – fast nackt. Nur eine knappe Unterhose hat sein Häscher ihm, dem Liebling der niederländischen Bürgerschaft, der so viel Wert auf schöne Kleider legt, noch gelassen. Alles andere als ein Spaß. Und auch kein Schachzug, um die rebellische Bevölkerung der von den Spaniern okkupierten Provinz niederzuhalten. Es zielt direkt auf seine Person. Ihn will Alba aus dem Weg räumen. Endlich! Schon als Kind hat Egmont Alba deklassiert. Beim Spielen.

Regisseur Bernd Mottl zeigt das den Zuschauern schon vor Beginn der Inszenierung. Zwei Knaben sitzen auf der Bühne. Sie würfeln. Stets gewinnt der kleine Egmont. Schon immer war er obenauf. Doch jetzt wird er nicht mehr höher steigen. „Gefälliger Wahnsinn“, sagt Egmont, als er das begreift.

Der Kommentar könnte auch die Inszenierung meinen. Denn obwohl an ihr vieles schlüssig ist, presst Bernd Mottl Goethe stellenweise doch sehr ins Regiekonzept.

Die Figuren lässt er in starren Haltungen ausstellen. Johanna Emil Fülles Margarete von Parma zieht als genervte First Lady einen Rollkoffer hinter sich her. Christian Meiers Ferdinand ist ein verklemmtes Jüngelchen, das seine homosexuelle Neigung wohl selbst noch nicht erkannt hat. Entwicklung findet in diesen Figuren kaum statt. Einfühlung auch nicht. Und so wackelt die Geschichte manchmal.

Mit dem Kinderspiel verkleinert Mottl zudem den Hauptkonflikt, auch wenn er den Bezug zur Gegenwart durch Bombengürtel, Kampfanzug, und Benzinkanister (Kostüme: Nicole von Graevenitz) zu bebildern sucht. Auch der Tag der Premiere, der 11. September, der Jahrestag des Attentats auf das World Trade Center in New York, dürfte kein Zufall sein. Mottl scheint wohl zu meinen: Wer ein

Volk unterdrückt, muss sich nicht wundern, dass es zu einem Volk von Terroristen wird.

Dennoch ist dieser „Egmont“ eine konzentrierte, ja kunstvolle Aufführung, verdichtet und geschnitten wie ein Film. Thomas Gabriel gelingt mit seiner Bühne aus Tischen und Stühlen, die im tiefen Schwarz des Theaterrunds zu Symbolen der Ordnung und der Macht aufsteigen, ein Meisterstück.

Und Egmont? Der ist ein Popstar, trägt Pumphosen und goldene Leggins, lässt sich vom Publikum und den Bürgern feiern und macht, wenn sein Schreiber (genervt von der Oberflächlichkeit des Chefs: Oliver Seidel) mit ihm arbeiten will, auf dem Schreibtisch Beugestütze. Er fühlt sich verdammt sicher. Kein Wunder, dass er vor Alba und dessen anrückenden Truppen nicht flieht.

Nächste Vorstellungen am 14., 24. September, 16. Oktober, 19.30 Uhr. Karten unter 0355/78 24 24 24.

zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 14. September 2010

LÜGENMUSEUM GANTIKOW

Abgelegt unter: KUNST — Martin Stefke @ 00:24

Reinhard Zabka vor dem Lügenmuseum Gantikow Foto: M. Stefke

Reinhard Zabka vor dem Lügenmuseum Gantikow Foto: M. Stefke

Zabkas Lügenmuseum ausgeräumt

KYRITZ | Das Kunstwerk Lügenmuseum Gantikow (Ostprignitz-Ruppin) ist zerstört. In den vergangenen Tagen wurden sämtliche Exponate verpackt und in ein provisorisches Quartier im Ort gebracht.

Künstler und Museumsgründer Reinhard Zabka kam damit einer neuerlich drohenden Zwangsräumung zuvor. Denn obwohl erst Mitte Juli die Schließung des Museums verhindert werden konnte, wurde das Gutshaus Anfang September wieder unter Zwangsverwaltung gestellt. Gegen den Besitzer der Immobilie, den Verein Offene Häuser, waren neue Forderungen bekannt geworden.

Mit dem Auszug zahlt Reinhard Zabka einen ungeheuren Preis: Er selbst musste sein eigenes Kunst- und Lebenswerk demontieren, das er in 13 Jahren in Gantikow geschaffen hat. Kein Wunder, dass Zabka diesen Vorgang gestern mit dem Tod verglich. „Aber das ist ja das Dilemma der Kunst“, sagte er dann kämpferisch: „Künstler sind schonungslos. Sie produzieren drauflos, egal ob es jemand braucht oder nicht.“

In der Region gibt es augenscheinlich allzu viele, die den umstrittenen Künstler und das inzwischen weit über Brandenburgs Grenzen hinaus bekannte Museum nicht zu brauchen glauben. Denn obwohl sich zuletzt sogar Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) für den Erhalt des Museums aussprach, in der Prignitz ist die Ablehnung groß. So sprach sich der Ortsbeirat ungewöhnlich scharf gegen den Erhalt des Lügenmuseums aus. Dass viele in dem Museum ein Meisterwerk eines genialen Künstlers und Vordenkers sehen, wollen dessen Gegner nicht gelten lassen. Sie halten Zabkas Kunst für Scharlatanerie. „Das Ende“, sagt Zabka derweil, „ist das nicht. Ich gebe nicht auf.“ Bis Ende September wird im nun leeren Museum weiterhin Lügentee serviert und die Geschichte des Hauses erzählt.

Lügenmuseum. Am Anger 1, Kyritz/ OT Gantikow. Telefon 033971/54782. www.luegenmuseum.de

zuerst veröffentlicht in: Märkische Allgemeine vom 11. September 2010

20. September 2010

WILLKOMMEN

Abgelegt unter: ALLGEMEIN — Martin Stefke @ 22:49

Auf dem Bild geht die Sonne unter. Doch sie geht - ja, selbst in Brandenburg - auch wieder auf.
Hier ist mehr los, als manch einer meint. Auch davon erzählen diese Seiten.
Selbst wenn ihr Autor sehr über Rainald Grebes Brandenburg-Lied lachen kann.

sonne_klein1

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